Die Renaissance des Tattoos hat begonnen! Warum eigentlich und was steckt dahinter?

Tattoo, Foto: Stefan Groß

Jeder neunte ist in Deutschland tätowiert. Die Tätowierkultur erlebt eine Renaissance wie nie zuvor. Doch was steckt eigentlich dahinter – außer Selbstinszenierung? Reines Rebellentum oder doch die Suche nach einem Stück Heimat?

Ganzkörper- und Gesichtstattoos sind „in“. Das rituell zelebrierte „Arschgeweih“ „out“. Ob die Beckhams, Johnny Depp, Sarah Connor, Tommy Lee oder Fußballer wie Mesut Özil, Lukas Podolski oder Jérôme Boateng – sie alle sind tätowiert. Nie erlebte das Tattoo eine derartige flächendeckende Renaissance wie derzeit – quer durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Statt monolithischer Blässe gleichen viele Körper Litfaßsäulen. Tattoos haben mittlerweile Starqualität, setzen Trends und finden Millionen von Nachahmern.

Die Zeiten als die Tattoos verpönt, Brandzeichen und Signum des Inhumanen von Sklaven und KZ-Häftlingen waren, sind vorbei. Aber auch 08/15 Tätowierungen gehören der Vergangenheit an wie die Stigmatisierung ihrer Träger. Das Tattoo ist längst aus den Abgründen in die Kunst und Lifestyle-Szene abgewandert, ist keineswegs mehr Zeichen subalterner Kultur von Underdogs, Räubern, kriminellen Bandenmitgliedern, Matrosen oder Prostituierten, die ihnen als ätzendes Mahnmal anlastete.

Ein globaler Trend

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Seit 7000 Jahren gibt es sie, die Tätowierungen: Bevor die Globalisierung eigentlich erfunden wurde, war das Tätowieren schon ein allverbreitetes Phänomen über alle Zeiten, Orte und Kulturen hinweg. Ob die Gletscher-Mumie Ötzi mit ihren 47 Tattoos, ob bei den Skythen, Ägyptern, Polynesiern, im alten Australien, China und Chile, bei der ägyptischen Priesterin Amunet aus der XI. Dynastie vor 4000 Jahren – in allen Kulturen kamen den Symbolen objektive Geltung zu, waren Tattoos entweder symbolisch aufgeladen und verwiesen auf einen spirituellen Kern, waren Abbilder des Göttlichen und tugendhafter Stärke oder Rangabzeichen kampferprobter Siege, Totem und Abschreckbild gegen böse Geister, die man auf nackter Haut präsentierte und die eine todernste Angelegenheit bedeuteten. Sie waren signifikante Zeichen kultischer Wert- und Normvorstellungen und identischer Repräsentanz.

Das religiöse Bild-Verbot

Erst mit dem Judentum und dem Christentum, aus der Aufklärung des Hellenismus geboren, änderte sich der Tattookult, trat an die Stelle bunter Symbolwelten das Symbolverbot. Schon im Buch „Mose“ heißt es: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,28). Einzige Ausnahme waren bis 1890 katholische Mädchen in Bosnien, die tätowiert wurden, um einen Übertritt zum Islam zu verhindern.

Rigide in Sachen Tattoo waren und sind auch noch die Japaner: 1872 Tattoo-Verbot, Aufhebung erst 1948. Im fernen Osten assoziiert man mit den Tattoos immer noch die Zugehörigkeit zur Mafia, zu Yakuza. Viele öffentliche Orte bleiben für die Träger ein Tabu. Aber genau in diesem Japan existiert auch eine feine Tätowier-Kultur, die sich nicht der amerikanischen und europäischen Schmuck- und Modeindustrie anbiedert, sondern den Regeln des Zen-Buddhismus unterwirft. Uralte Mythologien samt Bildergeschichten werden rituell weitergegeben und erleben derzeit bei Tattoo-Meister Horiyoshi III. ihren kultischen Höhepunkt.

Der neue mediale Hype und die Instagram-Inszenierung

Heutzutage zeichnet sich in der Parteikultur des Westens ein anderes Bild als im fernen Japan. Ob auf dem Fußballplatz oder dem Roten Teppich, die in die Haut gestochenen Symbole verleihen ihren Trägern eine sehr subjektive Deutungshoheit, sind quasi Pseudo-Identitätsmerkmale, die für eine zweifelbare Unverwechselbarkeit und einen noch zweifelhafteren Autonomieanspruch stehen. Halbsternchens posieren und flunkern auf Fernseh-Partys und unterstreichen so mit aller Dramatik die Einmaligkeit ihrer Existenz. Auf Instagram und Facebook läuft die ganze Inszenierung von Gesichts- und Ganzköpertätowierungen auf Hochtouren – garniert mit absolut weiblicher Kurvenfülle. Follower garantiert. Dabei rangieren im Ranking der ausgefallenen Symbole die Frauen sogar über den Männern. Und im biederen Deutschland folgt fast die Hälfte aller 19- bis 24-Jährigen dem derzeit wohl kultigsten und angesagtesten Trend. Jeder neunte ist hier mittlerweile tätowiert. Je mehr Tattoos, so das Credo der Stunde, umso besser – getreu der Maxime „Ich habe ein Tattoo und bin jetzt kein Spießer mehr!“

Bei soviel Selbstinszenierung fühlt sich der, der nicht tätowiert ist im Freibad und an Europas Stränden mittlerweile als Ausgegrenzter, als bedeutungslos, nackt und botschaftsleer, als ein konservativer Spießbürger, der mit seiner weißen Haut einem vergangenem Schönheitsideal hinterherläuft, beziehungsweise, dieses kultiviert, der sich dem Lauf der Moden brüsk entgegenstellt.

Die veränderte Bildsprache

Doch wie sich die Moden verändern, lässt sich schließlich auch an der Geschichte des Tattoo selbst ablesen. War es in der archaischen Welt und in den frühen Kulturen einst ein symbolisches Zeichen im Sinne des Philosophen Ernst Cassirers, Zeichen der symbolischen Prägnanz, die für die Unmittelbarkeit des Erlebten stand, hat es seinen Sinn im Zeitalter der Moderne und Post-Post-Moderne verändert. Symbole sind heute – vielmals religiös entkleidet – Zeichen von Narzissmus und hybrider Selbstinszenierung. Der neue Mythos ist das Individuum selbst, das gegen seine Austauschbarkeit rebelliert. Die Bildsprache und Symbolik haben sich ihre Räume zurückerobert. Doch das Magische ist verlorengegangen. Exklusivität, Selbstdarstellung, Geltungssucht und Abgrenzung sind in die Stelle der Ernsthaftigkeit und Totemkultur getreten. Man tätowiert sich wie es nach Belieben gefällt und verleiht seinem Habitus so eine vorreflexiv soziale Zugehörigkeit wie Pierre Bourdieu in seinem „Habitus Konzept“ bemerkt.

Selbst beim derzeitigen Tätowierungsboom moderner Spaßgesellschaften bleibt die Sache mit den eingeritzten Symbolen sicherlich nur eine Modeerscheinung, die wie die Meeresbrandung mal aufbraust und wieder verebbt, die so inflationär, sporadisch und kurzfristig ist wie die einzelnen Modewellen es selbst sind. Denn als L’art pour l’art ist sie allzu vergänglich, um wahre Kunst zu sein. Was sie aber deutlich in allen ihren Facetten zum Ausdruck bringt, ist eine Rebellion gegen die bestehende Ordnung. Und damit zeigt sie sich auch als eine Ästhetik des Widerstandes.

Auf der Suche nach der neuen Heimat?

Gerade in Zeiten, wo der Rückzug ins Individuelle Ausdruck der Egogesellschaft und der sozialen Verarmung ist, zeigt sich die „künstlerische Selbststilisierung“ zumindest als stummer Protest von Selbstbehauptung, als körperlicher Ausdruck fehlender sozialer Anerkennung, um aus der Vermassung „herauszustechen“.

Aber auch mit Blick auf eine Gesellschaft, die permanent diffundiert, die porös und offen ist, gleichwie sie sich politisch und gesellschaftlich immer mehr polarisiert, wird deutlich: Man vertraut als sinngebender Kraft weniger der Vernunft als Flamme der Selbstbestimmung und Erkenntnis im Sinne Immanuel Kants, sondern man bekennt sich zu einer Sprache der neuen Körperlichkeit, verbunden mit einer romantisch-verklärten Sehnsucht nach Heimat, nach einer Welt, die sich nicht permanent verändert, sondern die man für sich wie einen Schatz verwaltet, für die man mit seinem Tattoo selbst steht.

Rebellion, Individualisierung und Selbstbehauptung einerseits sowie die neu entdeckte Körperlichkeit als Ausdruck der eigenen heilen Welt, als Schutzraum, andererseits, stehen letztendlich für die ganze Ambivalenz des Tattookults. Das Schönheitsideal bleibt dabei aber anfällig, es birgt zumindest die Gefahr in sich, immer wieder und unbedingt zu gefallen und aufzufallen. Letztendlich bleibt es so ein ewiger Kreislauf von Selbstbeschäftigung, der unsozial ist. Was wir dagegen brauchen, ist mehr soziales Engagement! Die bloße Selbstbezogenheit bleibt ein Krebsgeschwür und eine Geißel der modernen Menschheit. Und diese hat auch Papst Franziskus in diesem Jahr wiederum in seiner Weihnachtsbotschaft scharf kritisiert.

Stefan Groß
Über Stefan Groß 1988 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur

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