Einwendung zu Tilman Spreckelsens Der ewige Ritter im Tigerfell: Ein georgisches Volksepos als Maß aller Dinge

Ritterspiele, Foto: Stefan Groß

Tilman Spreckelsen ist für den ewigen Ritter im Tigerfell (Tilman Spreckelsen: Der ewige Ritter im Tigerfell, FAZ, 27. Mai 2017, S. 18) zu danken. Eines ist anzumerken. Die übliche Rezeption des Recken bei den georgischen Kirchenvätern bis in die Gegenwart und im georgischen Klerus bestand darin, daß man – nicht anders als die Tradition lange davor das Hohelied und auch die Odyssee rezipiert hatte – den Recken geistlich oder mystisch interpretierte, d.h. als Sehnsucht der Seele nach dem, der sie hervorbrachte. Der Recke im Tigerfell ist ein vollkommen selbstverständlicher Teil georgischer Theologie, von Predigten und herausragend für die Prophetie. In Anbetracht der Nähe und des starken Einflusses der persischen Dichtung und Kultur auf den Recken, die hier ähnlich verfährt, ist dies auch naheliegend. So verzehrt sich der Besessene, der dewani oder arabisch madschnun (von dew oder dschin, dem Geist). Davon georgisch midschnuri, der Besessene oder Minnende, im Artikel als der Liebende übersetzt. Das Verbum thmoba in dem zitierten Schairivers läßt beiderlei Interpretation zu. Kargi midschnuri igia, win ikhms sophlisa thmobasa ließe sich im Sinne der Ritterlichkeit übertragen als: Wahrhaftig minnet jener Mann, der diese Welt ertragen kann. Üblicher aber ist die der mystischen Tradition näherliegende Interpretation: Wahrhaftig minnet jener Mann, der dieser Welt entsagen kann. Im heutigen Georgisch hat sich allein die Bedeutung des Verzichts erhalten, während die von Spreckelsen angeführte Bedeutung verlorengegangen ist. Die enge Verbindung von Epos und Glaube kommt auch darin zum Ausdruck, daß – spätestens nachdem König Wachtang VI. die erste Druckerei in Georgien gegründet hatte und 1712 als eines der ersten Bücher das Heldenlied drucken ließ – Recke und Bibel neben einem Schachspiel die obligate Aussteuer einer georgischen Braut bildeten. Allerdings gab es eine gewisse übergescheite Tendenz nach dem westlichen Byzanz und nach dessen Fall nach den Franken, i.e. Europa, blickender Kleriker, sich der nicht als byzantisch bzw. lateinisch korrekt empfundenen Nationaldichtung zu schämen. Den ersten ausdrücklichen Akt gegen das Nationalepos beging der philokatholisch gesinnte Neffe Wachtangs VI. Katholikos Antonios I., welcher einige Exemplare des Recken dem autodafé übergab. Er wurde wegen mutmaßlicher Unionsbestrebungen unter der Beschuldigung der Häresie 1755 vom konservativen Klerus abgesetzt.

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