Garth Greenwell – Was zu dir gehört: Poetische Gefühle der unentrinnbaren Wurzellosigkeit

Alter Baum, Foto: Stefan Groß

Mit einem Text, der eine eigenartig verstörende Atmosphäre verströmt, wartet der 1978 in Louisville, Kentucky, geborene Garth Greenwell in seinem Debütwerk zu Beginn auf. Man ist als Leser fast geneigt, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Keine schöngeistigen, literarisch anspruchsvollen Zeilen erwarten einen auf den ersten Seiten. Zu triebhaft obsessiv und verbissen erscheint der Inhalt. Doch man sollte, nein, man muss diesem Roman unbedingt eine zweite Chance geben. Denn nach reichlich 40 dicht bedruckten Blättern, fast nahezu ohne Absatz und Gliederung, nimmt er eine ungeahnte Wendung. Obwohl dieser Terminus vielleicht nicht den richtigen Ausdruck für das Lesegefühl beschreibt. Treffender erklärt es vielleicht ein Gedankengang des Ich-Erzählers in einem anderen Zusammenhang: Ich „fühlte (…) mich meiner selbst enthoben, beschwingt, und für einen Moment war ich vollkommen erfüllt von einem naiven Glück über die verschwenderische Schönheit der Welt. (…) Es war schlicht so, dass die Tonhöhe meines Lebens unter jener der Lyrik lag, und mochte es auch ein Leben voller Befangenheit und verpasster Chancen sein, so war es doch auch erträglich, ein Leben, das ich mir teilweise selbst ausgesucht hatte und für das ich mich jeden Tag aufs Neue entschied.“

Der stark autobiografisch geprägte Roman Greenwells darf durchaus als eigener, innerer Erfahrungsbericht gelesen werden. Ergründet er doch auf intensive und empathische Art und Weise seine eigenen homosexuellen Neigungen. Dies tut er allerdings nicht in seiner eher liberal eingestellten Heimat, den USA, sondern er siedelt seine Handlung in Bulgarien an, einem Land, das dem Schwulsein ganz und gar nicht kulant gegenübersteht. Hier verdient er als Lehrer an einer englischsprachigen Privatoberschule sein Geld. Und hier in der Fremde versucht er gewissermaßen, seine Vergangenheit auszulöschen. Auf einer öffentlichen Toilette trifft er den zwielichtigen Stricher Mitko, zu dem er eine obsessive, aber durchaus von seiner Seite durch Liebe geprägte, mit Unterbrechungen zweijährige „Beziehung“ mit wenigen Höhen, mehr Turbulenzen und vielen Selbstzweifeln unterhält.

Das hört sich reißerisch und vielleicht auch literarisch gewöhnlich an. Doch damit würde man dem Buch definitiv nicht gerecht werden. Wie Greenwell die beinahe zerstörerische Abhängigkeit seines Ich-Erzählers zu Mitko beschreibt, verdient allerhöchsten Respekt. Denn sein von Rückblicken und Analysen bis in die eigene Kindheit geprägter Text kann zuweilen als fast poetisch bezeichnet werden. Vor allem in Beschreibungen der Landschaft und fast schwerelos eingefügter Nebenschauplatz-Sequenzen, fährt der bis dato ausschließlich lyrisch geprägte Autor zur Höchstform auf. Gerade diese Passagen verleihen dem Buch eine absolut lesenswerte Opposition, einen literarisch wertvollen „Widersacher“. Große Anerkennung darf daher auch Daniel Schreiber ausgesprochen werden, der den Text ohne Brüche großartig ins Deutsche übertragen hat.

„Was zu dir gehört“ ist ein Buch, das von Entwurzelung erzählt, von Sehnsucht, Begehren und Ausgeschlossensein, von Abschied nehmen und Verlust erfahren, „den wir für den Rest unseres Lebens auszugleichen versuchen“ und die seine Protagonisten erst in die eine und dann wieder in die andere Richtung treiben. „Ich weiß, dass sie alles sind, was ich habe, diese aufgesplitterten Identitäten, dass sie Wahrheit und Lüge zugleich sind, dass jedes Ideal von Ganzheit, nach dem ich mich sehne, nichts als eine Farce ist; aber dennoch bleibt die Sehnsucht danach bestehen, und manchmal ist es, als könne ich einen flüchtigen Blick darauf erhaschen oder sie sogar erleben.“

Greenwell lotet mit seinem namenslosen Ich-Erzähler die Ambivalenz zwischen Begierde und Distanz meisterlich aus. Dabei setzt er seine Personen geradezu virtuos in wechselnde Orte, die zwischen Trostlosigkeit und einem Sinn für Schönheit changieren. Damit erzeugt er „Geräusche“, die in ihrer Dichte und Nähe den Leser sofort gefangen nehmen und ihn wie in einem Sog durch die Seiten treiben. Ein Buch, dem viele Leser zu wünschen sind.

Garth Greenwell

Was zu dir gehört

Originaltitel: What belong to you
Aus dem Englischen von Daniel Schreiber

Hanser Verlag, Berlin (29. Januar 2018)
239 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3446258523
ISBN-13: 978-3446258525
Preis: 22,00 EURO

 

 

Heike Geilen
Über Heike Geilen 594 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.