Neue Adenauer-Münze – Abgeordnete setzen andere Akzente bei politischer Erinnerungskultur

https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Briefmarken/2025/2025-08-27-gedenkmuenze-konrad-adenauer.html

In dieser Woche hat die Deutsche Bundesbank eine neue 2-Euro-Gedenkmünze zu Ehren von Konrad Adenauer herausgegeben. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wird damit erneut prominent im öffentlichen Raum gewürdigt. Eine Umfrage unter Bundestags- und Landtagsabgeordneten zeigt jedoch: Wenn es nach den Parlamentarierinnen und Parlamentariern geht, würden bei Münzen oder Briefmarken vielfach andere politische Persönlichkeiten in den Vordergrund rücken.

Der Journalist Aljoscha Kertesz befragte Abgeordnete des Bundestags und der Landesparlamente, welche Politikerinnen und Politiker sie für eine dauerhafte symbolische Präsenz auf staatlichen Zahlungsmitteln oder Postwertzeichen geeignet halten. Ergänzend erhob er im Rahmen eines Buchprojekts eine Rangliste der historisch bedeutendsten Politiker Deutschlands seit 1945. Der Vergleich beider Erhebungen macht deutlich: Historische Bedeutung und symbolische Würdigung fallen keineswegs automatisch zusammen.

Merkel als integrative Erinnerungsfigur

Über Parteigrenzen hinweg gilt Altbundeskanzlerin Angela Merkel vielen Abgeordneten als besonders geeignet für eine solche Form der öffentlichen Würdigung. Sie wird parteiübergreifend als integrative Figur wahrgenommen, die für Stabilität, Kontinuität und internationale Verankerung der Bundesrepublik steht.

Brandt geschätzt, aber politisch stärker konturiert

Auch Willy Brandt genießt weiterhin hohes Ansehen. Zugleich zeigt sich jedoch, dass seine symbolische Strahlkraft stärker parteipolitisch gebunden bleibt. Während er in der historischen Bedeutungsbewertung regelmäßig an der Spitze rangiert, fällt seine Zustimmung bei der Frage nach einer dauerhaften staatlichen Symbolik differenzierter aus.

Adenauer historisch zentral – symbolisch umstritten

Konrad Adenauer nimmt in der Rangliste der historisch bedeutendsten Politiker weiterhin einen Spitzenplatz ein. Bei der Frage nach einer zeitgemäßen symbolischen Würdigung zeigt sich jedoch Zurückhaltung – insbesondere außerhalb des bürgerlichen Lagers. Die aktuelle Ausgabe der 2-Euro-Münze steht damit in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den Präferenzen vieler Abgeordneter.

Neue Namen, neue Erinnerungsschwerpunkte

Auffällig ist zudem, dass Persönlichkeiten wie Regine Hildebrandt oder Elisabeth Selbert in der Frage der symbolischen Würdigung deutlich stärker in den Fokus rücken, obwohl sie in klassischen Bedeutungsrankings weniger präsent sind. Ihre Biografien stehen für soziale Gerechtigkeit, demokratische Teilhabe und die institutionelle Verankerung zentraler Grundrechte – Aspekte, die von vielen Abgeordneten als besonders erinnerungswürdig eingeschätzt werden.Auch Staatsmänner wie Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher oder Richard von Weizsäcker werden parteiübergreifend als geeignete Repräsentanten einer staatlichen Erinnerungskultur gesehen, die auf Ausgleich, Verantwortung und internationale Einbindung setzt. Bei Altkanzler Schmidt fällt die ungewöhnliche Zusammensetzung auf: Neben vielen Stimmen aus der SPD erhielt er auch deutliche Unterstützung von AfD und FDP Abgeordneten.

Symbolik folgt eigenen Regeln

„Die Frage nach Münzen und Briefmarken zwingt zu einer bewussten Auswahl“, sagt Kertesz. „Hier geht es nicht allein um historische Leistung, sondern um die Frage, welche Persönlichkeiten dauerhaft für das Selbstverständnis der Bundesrepublik stehen sollen. Genau deshalb weichen diese Präferenzen von klassischen Ranglisten historischer Bedeutung ab.“

Die Ergebnisse sind Teil eines kürzlich erschienenen Buches, das zwei Rankings gegenüberstellt und damit einen neuen Blick auf die politische Geschichte Deutschlands eröffnet. Es zeigt, dass gesellschaftliche Erinnerung nicht statisch ist, sondern sich mit politischen Erfahrungen, Generationenwechseln und veränderten Wertmaßstäben weiterentwickelt.

Die aktuelle Adenauer-Münze unterstreicht somit nicht nur die Bedeutung des ersten Bundeskanzlers, sondern wirft zugleich die Frage auf, wie politische Erinnerung heute gestaltet wird – und wer sie künftig prägen soll.

Bildquelle: Adenauer-Münze

Über Aljoscha Kertesz 4 Artikel
Der 1975 geborene Kommunikationsberater Aljoscha Kertesz studierte Betriebswirtschaft und International Relations in Brighton, New York, Wellington und Wuppertal. Seit 1997 schreibt er regelmäßig für Fachzeitschriften und Tageszeitungen, insbesondere über politische Themen in Großbritannien und Irland.