Was sich derzeit im Iran ereignet, ist kein Protest, keine soziale Unruhe und keine vorübergehende Krise. Es ist ein offener, existenzieller Konflikt zwischen einer Gesellschaft und einem politischen System, das seit 47 Jahren ausschließlich durch Gewalt, Angst und systematische Tötung seine Macht aufrechterhält. Wer diese Realität weiterhin mit Begriffen wie „Spannungen“, „Unruhen“ oder „Reformforderungen“ beschreibt, verschleiert bewusst eine Tatsache: Im Iran befindet sich eine Gesellschaft in einem revolutionären Prozess, der täglich Menschenleben kostet.
Seit der Gründung der Islamischen Republik im Jahr 1979 kämpfen Iranerinnen und Iraner gegen ein Regime, dessen Herrschaft auf Folter, öffentlichen Hinrichtungen, politischen Morden, systematischer Entrechtung und permanenter Militarisierung des Alltags beruht. Dieser Widerstand ist kein episodisches Phänomen, sondern eine historische Kontinuität. Neu ist jedoch die Radikalität, mit der eine junge Generation die Legitimität dieses Systems vollständig negiert. Diese Generation ist nicht reformorientiert, nicht ideologisch gebunden und nicht bereit, weitere Jahrzehnte der Unterdrückung zu akzeptieren.
Seit Fünfzehn Tagen gehen in Städten im gesamten Land – von Nord nach Süd, von West nach Ost – junge Menschen stündlich auf die Straße. Viele von ihnen kehren nicht zurück. Sie werden erschossen, verhaftet oder verschwinden. Der Staat reagiert nicht defensiv, sondern mit kalkulierter Gewalt. Der Einsatz scharfer Munition, nächtliche Hausdurchsuchungen, Massenverhaftungen und flächendeckende Internetsperren sind keine Ausnahmen, sondern etablierte Instrumente der Machtausübung. Der Tod ist einkalkuliert.
Besonders auffällig ist die zentrale Rolle von Frauen in dieser Bewegung. Sie sind nicht nur sichtbar, sondern stehen an vorderster Front des Widerstands. Ihr Auftreten widerspricht direkt der ideologischen Grundlage der Islamischen Republik, die auf der Kontrolle weiblicher Körper und sozialer Rollen basiert. Dass Frauen heute offen Parolen gegen das gesamte politische System rufen, markiert einen irreversiblen Bruch mit der bestehenden Ordnung.
Die iranische Gesellschaft ist dabei weder homogen noch konfliktfrei. Ethnische, soziale und regionale Spannungen bestehen fort, ebenso ungelöste Fragen im Umgang mit Minderheiten. Dennoch zeigt die aktuelle Bewegung eine seltene Form gesellschaftlicher Konvergenz: Frauen und Männer, Arbeiter, Studierende, Angehörige der Mittelschicht und der verarmten Bevölkerungsschichten handeln gemeinsam. Diese Revolution ist kein identitätspolitisches Projekt, sondern eine kollektive Absage an ein System struktureller Gewalt.
Währenddessen beschränkt sich die Reaktion Europas und der Vereinigten Staaten erneut auf ritualisierte Verurteilungen. Diese wohlformulierten Stellungnahmen sind im Iran längst als politisch folgenlos erkannt. Über Jahrzehnte hinweg haben westliche Staaten von einem instabilen Iran profitiert – wirtschaftlich, militärisch und geopolitisch. Ein Regime, das regionale Spannungen aufrechterhält, Waffenmärkte stabilisiert und als permanenter Krisenfaktor fungiert, war nie ein echtes Hindernis, sondern Teil einer kalkulierten Ordnung.
Gleichzeitig versuchen politische Gruppen außerhalb des Iran, die Bewegung für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Monarchistische Kreise ebenso wie die Volksmudschahedin verfügen im Land über kaum gesellschaftliche Legitimität. Ihre Versuche, sich medial oder politisch in Stellung zu bringen, stehen im Widerspruch zu den Forderungen der Protestierenden, die weder eine Rückkehr zu alten autoritären Strukturen noch die Machtübernahme neuer ideologischer Organisationen anstreben.
Diese Revolution richtet sich daher nicht nur gegen die Islamische Republik, sondern auch gegen die internationale Normalisierung von Unterdrückung. Die iranische Gesellschaft fordert keinen symbolischen Beistand, sondern das Ende einer global akzeptierten Doppelmoral. Sie zahlt den Preis selbst – mit Blut.
Mit einer über 6000 Jahre alten Geschichte hat der Iran wiederholt Phasen von Fremdherrschaft, innerer Tyrannei und gesellschaftlichem Umbruch erlebt. Widerstand gegen Willkür ist kein importiertes Konzept, sondern Teil des kollektiven Gedächtnisses. Die Annahme, diese Gesellschaft lasse sich dauerhaft durch Angst kontrollieren, hat sich historisch immer wieder als Illusion erwiesen.
Ob dieser revolutionäre Prozess kurzfristig zum Sturz des Systems führt, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass jede getötete Demonstrantin und jeder ermordete Demonstrant die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft weiter vertieft. Dieser Bruch ist nicht mehr reparabel. Die Frage ist nicht, ob sich der Iran verändert, sondern zu welchem Preis und unter welchen internationalen Bedingungen.
Was sich heute im Iran unter der Herrschaft des verbrecherischen Regimes der Islamischen Republik ereignet, ist die Wiederholung eines verbrecherischen und unmenschlichen Musters zum Überleben der herrschenden Tyrannei. Durch die vollständige und flächendeckende Abschaltung des Internets hat das Regime einmal mehr bewiesen, dass der einzige Weg zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft darin besteht, ein Nachrichtenvakuum zu schaffen und das ganze Land in ein riesiges, stilles Gefängnis und eine Folterkammer zu verwandeln. In der aktuellen Situation, in der die Proteste der Bevölkerung täglich anwachsen, ermöglicht die Internetabschaltung dem Repressionsapparat, Verbrechen gegen die Menschlichkeit ohne internationale Aufsicht und fernab jeglicher Berichterstattung zu begehen.
Auch dieses Mal hat die westliche Welt, die sich als humanitär und menschenrechtsorientiert bezeichnet, erneut versagt und sich wie bei früheren Aufständen im Iran mit Parolen oder oberflächlicher, scheinbarer Unterstützung begnügt. Deshalb steht das iranische Volk allein da und erhält keine ernsthafte Unterstützung. Deshalb hat das verbrecherische Regime der Islamischen Republik Hunderte junger Menschen in den Tod getrieben.
Die Menschenrechtsorganisation Hengaw hat entsetzliche Bilder veröffentlicht, die das Ausmaß des Verbrechens in Kahrizak, Teheran, verdeutlichen. Die Bilder zeigen Dutzende blutüberströmte Leichen innerhalb und außerhalb der Leichenhalle von Kahrizak. Die Welt schaut zu, und das widerstandsfähige und mutige iranische Volk wird von religiösen Fanatikern brutal ermordet. Ich, der weit entfernt ist, höre diese Gräueltaten nicht nur, sondern spüre sie am eigenen Leib. Die Welt muss davon erfahren. Selbst wenn die Menschen in westlichen und östlichen Ländern diese unmenschlichen Taten vergessen, wird ihre Geschichte sie und den Mangel an Solidarität nicht vergessen.
Die Abschaltung des Internets ist kein technischer Akt und kein temporäres Sicherheitsinstrument, sondern ein politisches Kriegswerkzeug. Sie ist der Versuch, Realität auszulöschen, Zeugenschaft zu verhindern und Mord in Verwaltungshandeln zu überführen. In dem Moment, in dem ein Staat systematisch Kommunikationswege kappt, erklärt er seiner eigenen Gesellschaft den totalen Krieg. Die Islamische Republik handelt nicht aus Panik, sondern aus Erfahrung. Sie weiß, dass Sichtbarkeit tödlich für sie ist. Deshalb tötet sie im Dunkeln.
Dass diese Verbrechen erneut ohne ernsthafte Konsequenzen bleiben, ist kein Versagen aus Unfähigkeit, sondern aus politischem Willen. Die westlichen Staaten wissen, was geschieht. Sie wissen es seit Jahrzehnten. Ihr Schweigen ist kein Mangel an Information, sondern eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung, Stabilität über Menschenleben zu stellen und Verbrechen zu tolerieren, solange sie geopolitisch verwertbar bleiben.
Jede Erklärung ohne Konsequenzen, jede diplomatische Formel ohne Sanktionen, jede Mahnung ohne Handlung verlängert die Lebensdauer dieses Regimes. Neutralität existiert hier nicht. Wer weiterhin von Zurückhaltung spricht, akzeptiert die Erschießung von Kindern. Geschichte wird diese Positionen nicht als Ausgleich, sondern als Mittäterschaft lesen.
Die iranische Revolution braucht keine Vormünder, keine Exil-Eliten und keine geopolitischen Strategen. Sie braucht Sichtbarkeit, Druck und das Ende der politischen Normalisierung eines Systems, das nur durch Gewalt existiert. Die Forderung der Straße ist eindeutig: Freiheit, Würde und das Ende eines Regimes, das sich selbst außerhalb jeder menschlichen Ordnung gestellt hat.
Sollte diese Revolution niedergeschlagen werden, wird das nicht das Ende des Widerstands bedeuten, sondern seine nächste, brutalere Phase einleiten. Denn Gesellschaften, die gelernt haben, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, lassen sich nicht dauerhaft beherrschen. Jeder Mord vergrößert den historischen Schuldensaldo dieses Systems.
Der Iran steht nicht am Anfang einer Reform, sondern an einem Punkt ohne Rückkehr. Die Gewalt des Staates hat die letzte Illusion zerstört. Was bleibt, ist eine offene Konfrontation zwischen einer Gesellschaft, die leben will, und einem Regime, das nur durch Töten existieren kann. Dieses Ungleichgewicht ist nicht stabil. Es wird sich auflösen – durch Wandel oder durch Zusammenbruch.
Quellen
– Amnesty International, Jahresberichte zu Iran
– Human Rights Watch, Iran Country Reports
– Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran, Cambridge University Press
– Misagh Parsa: Democracy in Iran, Harvard University Press
– International Crisis Group, Berichte zur politischen Gewalt im Iran
