Für die FDP steht in Baden-Württemberg eine Wahl an, die mehr ist als ein regionaler Urnengang. Es ist eine Bewährungsprobe mit bundespolitischer Signalwirkung – und möglicherweise eine Schicksalswahl. Denn wenn es den Liberalen ausgerechnet in ihrem Kernland nicht mehr gelingt, den Wiedereinzug in den Landtag zu schaffen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wenn nicht hier, wo dann?
Baden-Württemberg ist für die FDP mehr als ein Bundesland. Es ist identitätsstiftender Raum, politische Heimat, historischer Referenzpunkt. Hier wirkte Theodor Heuss, hier war Reinhold Maier Anfang der 1950er-Jahre Ministerpräsident, hier erzielten die Liberalen über Jahrzehnte hinweg regelmäßig Ergebnisse, von denen sie andernorts nur träumen konnten.
Der wirtschaftlich starke, mittelständisch geprägte Südwesten und der politische Liberalismus galten lange als natürliche Verbündete. Heute allerdings droht diese Verbindung zu reißen.
Ein Blick zurück – und nach vorn
Bei der Landtagswahl 2021 sah die Welt für die FDP noch deutlich freundlicher aus. Die Partei legte um 2,2 Prozentpunkte zu und erreichte 10,5 Prozent der Stimmen. Sie lag damit nur knapp hinter der SPD und zugleich vor der AfD auf Platz vier. Das Ergebnis war nicht zuletzt Ausdruck einer besonderen Konstellation: Die CDU befand sich in einer historischen Schwächephase, während die FDP von einer klaren Oppositionsrolle im Bund profitierte.
Christian Lindner, damals Vorsitzender der Bundestagsfraktion, inszenierte sich erfolgreich als liberaler Gegenpol zur dritten Großen Koalition. Seine finanzpolitische Kritik an der als alternativlos empfundenen Politik von Angela Merkel und Olaf Scholz verfing – auch im Südwesten. Diese Zeiten sind vorbei.
Flaute statt Rückenwind
Heute fehlt der FDP genau dieser Rückenwind. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag ringt die Partei um Sichtbarkeit und Relevanz. Medial präsent sind vor allem Einzelpersonen wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Wolfgang Kubicki. Das landes- und bundespolitische Spitzenpersonal hingegen bleibt über die Parteigrenzen hinaus weitgehend unbekannt.
Die Zahlen spiegeln diese Schwäche wider. In bundesweiten Umfragen liegt die FDP bei rund drei Prozent, bei Landtagswahlen meist noch darunter. Mitunter taucht sie nicht einmal mehr mit einem eigenen Balken auf, sondern wird unter „Sonstige“ geführt. Für eine Partei, die einst das Selbstverständnis hatte, unverzichtbares Korrektiv der politischen Mitte zu sein, ist das mehr als ein statistisches Problem – es ist eine Frage der politischen Existenz.
Wahlkampf gegen die Unsichtbarkeit
Organisatorisch wirkt der Wahlkampf in Baden Württemberg professionell aufgesetzt. Die politische Leitung liegt bei Generalsekretärin Judith Skudelny, für die Kampagne arbeitet die FDP erneut mit der Agentur HeimatTBWA zusammen. Rund 1,5 Millionen Euro investiert die Partei nach eigenen Angaben in den Wahlkampf.
Der Schwerpunkt liegt auf klassischer Sichtbarkeit: rund 750 Großplakate im ganzen Land, ergänzt durch A0- und A1-Formate, Social Media mit Fokus auf Instagram und TikTok, dazu Printanzeigen und lokale Veranstaltungen. Die Plakate sind bewusst laut, farblich kompromisslos in Gelb und Magenta gehalten.
Inhaltlich setzt die FDP auf ihr vertrautes Terrain. Der zentrale Slogan „Lassen wir die Wirtschaft wachsen. Nicht die Bürokratie.“ greift eine weit verbreitete Müdigkeit gegenüber Regulierung und Verwaltung auf. Adressiert werden Selbstständige, Unternehmerinnen und Unternehmer, wirtschaftsliberale Milieus – Menschen, die Leistung als Wert begreifen und den Staat zunehmend als Hindernis empfinden.
Reicht das noch?
Die Frage ist jedoch, ob dieses Angebot in der aktuellen politischen Lage ausreicht. Der Wahlkampf wird stark vom Duell zwischen CDU und Grünen geprägt. In dieser Polarisierung droht die FDP zwischen den Lagern aufgerieben zu werden. Was früher als profilierte Alternative wahrgenommen wurde, läuft Gefahr, heute als randständig zu gelten.
Gerade darin liegt die Tragweite dieser Wahl. Baden-Württemberg ist für die FDP nicht irgendein Schauplatz, sondern ihr politisches Referenzmodell. Scheitert sie hier, wäre das ein Einschnitt mit bundesweiter Bedeutung. Es würde die Debatte über Profil, Führung und strategische Ausrichtung der Liberalen weiter verschärfen.
Am 8. März richtet sich der Blick daher nicht nur nach Stuttgart, sondern auch nach Berlin. Für die FDP geht es um mehr als Mandate. Es geht um die Frage, ob der politische Liberalismus in Deutschland noch über stabile regionale Anker verfügt – oder ob selbst seine traditionellen Hochburgen erodiert sind.
