Vom Benediktinerkloster zum Kulturzentrum: Kloster Seeon erzählt 1000 Jahre Geschichte neu

Von Aribo & Adala bis Harald & Co. Neue Dauerausstellung zur Geschichte von Kloster Seeon

Freut sich „narrisch“ über die ultimative Dauerausstellung zu Seeons Geschichte: Kultur-“Frau“ Stefanie Thim am Eingang mit Figurinen des Gründerpaares, Foto: Hans Gärtner

„Man schrieb das Jahr 994, als Pfalzgraf Aribo I. und seine Ehefrau Adala auf der Insel im Klostersee das Benediktinerkloster Seeon gründeten.“ So beginnt der Essay „Über 1000 Jahre Geschichte“, gedruckt auf zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches der Station Bräuhausen am  „Seerosenweg Seeon“. Von wo aus der Seeon wandernd erkundende Mensch einen spektakulären Blick auf die doppeltürmige Klosterkirche nebst  Sankt Walburg hat. Auf Abbildungen im Buch: eine Innenansicht von St. Lambert, anno 1200 geweiht, dazu ein Renaissance-Fresko von 1579 mit dem Klostergründer-Paar.

Schon dieser Information ist zu entnehmen: Auf diesem Fleckchen Erde tat sich viel. Veränderte sich einiges. Seeon erfuhr im Lauf von zehn Jahrhunderten immer wieder Veränderung, Erneuerung, Ergänzung, Wandlung. Zu seiner wechselvollen Geschichte wurde nun, reichlich spät, aber nun nicht mehr zu leugnen, eine in vielen Farben – Zeitleisten, Fotografien, Dokumente, Gemälde, Statements – funkelnde, die zahlreichen  Umgestaltungen widerspiegelnde, fröhlich stimmende und zugleich höchst informative ultimative Dauerausstellung geschaffen: „Kloster Seeon – 994 bis heute“. Wer sich Zeit nimmt und historisches Interesse mitbringt, kann im Haupthaus die Geschichte einer sonderbar schönen Benediktiner-Wirkungsstätte der bayerisch-besonderen Art in Bildern und Lesetexten verfolgen. Seeon gehört, seit langem schon, als bedeutendes geistliches und kulturelles Zentrum des Chiemgaus, zu den „Musts“ einer Südostbayern-Reise.

Die Ausstellungs-Chronologie ist betörend und überraschend. Geistliches und Weltliches greift ineinander, bedingt sich und erträgt einander. Mit dem  Verweis auf initiatives mönchisches Leben unter dem Motto „ora et labora“, der Seeoner Besonderheit eine frühe benediktinische Schreibschule, die  exemplarische Verbindung von Klösterlichem zu Adligem im Fall der als Erben wirkenden Herzöge von Leuchtenberg, auf Orgelspiel und musikalische Barock-Kultur – immerhin hat „Wolferl“ Mozart hier Spuren hinterlassen – und nicht zuletzt (und doch zuletzt) auf musische und literarische Bildung; denn was früher Kloster war, ist heute, seit 1993, ein vielbeachtetes, gut besuchtes, durch zahlreiche kulturelle Veranstaltungen ausstrahlendes modernes Kultur- und Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern. Kaum zu glauben, aber wahr: Seeon war, als eines der Opfer der bayerischen Säkularisation 1803, Schauplatz mehrerer Lebens-Ebenen: Kurbad, Adels-Schloss, Flüchtlingslager, Lazarett, Bundesgrenzschutz-Schule, Heimatvertriebenen-Herberge, Bereitschaftspolizei-Kaserne, ja auch  Möbelfabrik und – wenigstens geplantes – Seehotel.

In dieser Dauerausstellung zur Klostergeschichte Seeon wird`s einem nicht langweilig. Star-Besucher Wolfgang Amadeus Mozart prangt als junger Mann auf einem Ölgemälde, Fotografien einer leibhaftigen Kaiserin-Witwe von Brasilien lassen staunen und machen den Gang durch die Haus-Geschichte zum Promi-Ereignis. Zu alldem hat wesentlich das lange gehütete, nun endlich Realität gewordene Konzept der einstigen überaus engagierten und tüchtigen Kulturabteilungsleiterin Susanne Schubert beigetragen, das der Unterstützung der Landesstelle der nichtstaatlichen Museen, vertreten durch Stefan Kley, sicher sein konnte.

Heute „regieren“ im Kultur- und Bildungszentrum Seeon unter Gerald Schölzels Leitung vor allem weitere Damen. Etwa der Haushistorikerinnen Johanna Binder und Hedwig Amann. So ändern sich die Zeiten. Nichts Klösterliches mehr, Adeliges allerdings noch immer – ab 21. März wird des 200. Todestags von Vizekönig Eugène de Beauharnais` in einer Schau bis 17. Mai gedacht. Alles, bei guter Beziehung zu Salzburg und zu heimischen Künstlern, stets im Einvernehmen mit der Erzdiözese München-Freising und dem Bezirk Oberbayern. Dessen Präsident Thomas Schwarzenberger ließ es sich nicht nehmen, die neue Dauerausstellung feierlich zu eröffnen. Für ihn ist Seeon einer der Orte, „bei denen man sofort spürt, dass hier über Jahrhunderte hinweg gelebt, gearbeitet, gebetet, gedacht  u n d  gestaltet wurde. Manche würden sagen: ein Kraftort“.

Die Ausstellung im Haupthaus ist täglich von 9 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Samstag-Termine zu kostenfreien Führungen: 11. 4., 9. 5., 13. 6., 11. 7., 15. 8., 19. 9. und 17. 10. 2026. Tel.: 08624 897454, www.kloster-seeon.de

Über Hans Gärtner 544 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.