Das Postulat der „Freiheit“, das die USA der Welt im 18. Jahrhundert verkündeten, gehört bis heute zu ihrem soziopolitischen Amalgam, dessen Koordinaten weiter diskutiert werden – auch bei uns. Von Benedikt Vallendar.
Um es vorab zu sagen: Wer sich einen tiefgründigen Überblick zur US-amerikanischen Geschichte bis in die Gegenwart verschaffen möchte, ist mit diesem Buch bestens bedient. In anschaulich-prägnanter Weise nimmt uns der Autor und Historiker Hiram Kümper mit auf eine Reise an den Beginn des 17. Jahrhunderts, als englische Siedler, Glaubensflüchtlinge und ja auch Träumer, Halbwüchsige und Paradiesvögel die nordamerikanische Küste bevölkerten, um fernab der alten Heimat in der nunmehr „Neuen“ Welt ein neues Leben zu beginnen; will sagen: um dort vieles besser und v.a. anders zu machen, als sie es von daheim gewohnt waren. Rasch jedoch wurden die Träume der Siedler vom harten Leben in der oft unwirtlichen neuen Umgebung überschattet, mussten in jahrelanger Klein- und v.a. Feldarbeit erst einmal die Grundlagen für ein einigermaßen zuträgliches Leben in der Fremde geschaffen werden. Was – vor allem mit Hilfe afrikanischer Sklaven – tatsächlich gelang, die nordamerikanischen Kolonien Teil des British Empire wurden und eine Entwicklung in Gang kam, aus der die heutigen USA entstanden sind.
Weltkrieg um die Freiheit
Die Gedanken der Aufklärung, der bis ins Mittelalter zurückreichende englische Parlamentarismus und schließlich ein schnöder Streit um Abgaben auf importierten Tee führten schließlich zur Abspaltung der Kolonien vom Mutterland. Wo man sich im Sommer 1776 mit der „Declaration of Independence“ und dem Beginn einer kriegerischen Auseinandersetzung, einem ersten „kleinen“ Weltkrieg konfrontiert sah; weil darin auch andere Nationen und Nationalitäten als angeheuerte Söldner involviert waren.
Befreiung ohne Freiheit?
Wer das Buch Hiram Kümpers, habilitierter Neuzeitprofessor aus Bochum, gelesen hat, merkt schnell, dass Freiheit kein ideologischer Kampfbegriff ist, sondern zuvörderst ein Lebensgefühl verkörpert, das in den USA zunächst nur der weißen Mehrheitsbevölkerung zuteilwurde. So dass auch die Philosophin Hannah Arendt in ihrer bahnbrechenden Schrift „On Revolution“ (1963) schon feinsinnig unterschied zwischen „Befreiung“ und „Freiheit“, worin viele einen bis heute ungelösten Konflikt sehen. Und warum? Weil in den USA viele Menschen drei und mehr Jobs benötigen, um von dieser „Freiheit“ zu träumen; auch wenn es diese Jobs dort immerhin gibt, man sich also im Land der Freiheit durchaus mit Fleiß und Engagement aus der Armut herausarbeiten kann, was das Land bis heute für Einwanderer attraktiv macht. Und was auch erklärt, dass sich ein Teil der dunkelhäutigen Bevölkerung im vergangenen Jahrhundert mit Persönlichkeiten wie Martin Luther King, Jesse Jackson und schließlich US-Präsident Barack Obama zu emanzipieren vermochte.
Prognosen zweifelhaft
Ob jedoch die vom Autor in Gefahr gesehene und in den USA historisch gewachsene Balance zwischen lokalen und föderal-zentralistischen Kräften unter der gegenwärtigen Regierung tatsächlich auseinanderbrechen wird, dürfte mehr als zweifelhaft sein. Denn wahrscheinlich ist der Autor v.a. geblendet von den vergangenen Jahren der US-Handels- und Außenpolitik, bei der wir nie vergessen dürfen, dass es in den Vereinigten Staaten eben auch andere, in der medialen Wahrnehmung leider ins Hintertreffen geratene Stimmen und Gegenstimmen gibt, denen sich der gegenwärtige Präsident Donald Trump spätestens im Herbst 2026 wird stellen müssen; und wo sich dann zeigen wird, ob die USA tatsächlich zu einem autoritären System mutieren. Oder weiterhin jenes Ideal der Freiheit verkörpern, das jedem Einwanderer beim Anblick der weltberühmten Statue am New Yorker Hafen schlagartig verdeutlicht, wo sie und er gelandet sind.
Aktuelle Buchempfehlung:
Hiram Kümper: Mythos 1776. Traum und Erwachen der amerikanischen Nation, Ullstein, Berlin 2026, Hardcover 26,00 € / E-Book (ePub) 21,99 € – ISBN 978-3549110102
