Kunstsammlung Nordrhein: Franz Marc kehrt zurück – Seine Tiere suchen noch immer die bessere Welt

Franz Marc Museum

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt ab September eine große Franz-Marc-Retrospektive. Hinter den leuchtenden Pferden und Rehen steht die tragische Suche nach einer geistigen Erneuerung.

Franz Marcs Tiere gehören zu den bekanntesten Bildern der deutschen Moderne. Blaue Pferde, gelbe Kühe und Rehe im Wald sind längst in Schulbüchern, Kalendern und auf Postkarten angekommen. Gerade diese Vertrautheit kann den Blick verstellen. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen will das ändern und zeigt ab 12. September 2026 im K20 die Retrospektive „Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt“. Die offizielle Ausstellungsseite kündigt Werke aus allen Schaffensphasen an; eine aktuelle Übersicht zum Kunstherbst in NRW ordnet die Schau unter die großen Museumstermine des Jahres ein.

Der Titel trifft Marcs Kunst genauer als jede bloße Stilbezeichnung. Er war nicht nur ein Maler farbiger Tiere und auch nicht nur Mitglied des „Blauen Reiters“. Seine Bilder entstanden aus einem umfassenden Unbehagen an der modernen Zivilisation. Der Mensch erschien ihm verstrickt in Materialismus, Gewalt und Selbstüberschätzung. Im Tier suchte er eine unverdorbene Form des Daseins, eine Reinheit, die der menschlichen Welt abhandengekommen war.

Warum die Pferde blau wurden

Marcs Farben sind keine naturalistische Beschreibung. Blau verband er mit Geistigkeit und dem Männlichen, Gelb mit einer sanften, weiblichen Energie, Rot mit der schweren und oft gewaltsamen Materie. Solche Zuordnungen wirken heute schematisch, doch in den Bildern werden sie beweglich. Das „Blaue Pferd I“ ist keine Illustration einer Theorie. Das Tier besitzt eine innere Spannung, als lausche es in eine Welt hinein, die der Betrachter nicht hören kann.

Marc wollte die Dinge nicht von außen malen. Er fragte, wie ein Tier die Welt wahrnehmen könnte. Diese Vorstellung führte ihn weg von der akademischen Abbildung und hin zu rhythmischen Flächen, gebrochenen Formen und einer zunehmenden Abstraktion. Unter dem Einfluss von Kubismus und Futurismus zerlegte er Landschaften und Körper, ohne den emotionalen Gehalt aufzugeben. Seine späten Werke stehen an der Schwelle zur ungegenständlichen Malerei.

Der „Blaue Reiter“ und die Idee einer neuen Kunst

Gemeinsam mit Wassily Kandinsky gab Marc 1912 den Almanach „Der Blaue Reiter“ heraus. Darin standen Volkskunst, Kinderzeichnungen, außereuropäische Objekte, mittelalterliche Bilder und moderne Malerei nebeneinander. Diese Auswahl widersprach der hierarchischen Ordnung des etablierten Kunstbetriebs. Kunst sollte nicht nach akademischem Rang, Herkunft oder technischer Perfektion bewertet werden, sondern nach ihrer geistigen Kraft.

Die Offenheit hatte jedoch Grenzen. Wie viele Künstler seiner Zeit betrachtete Marc andere Kulturen aus einer europäischen Perspektive, die sich Material aneignete und ihm eigene Bedeutungen gab. Eine heutige Retrospektive muss deshalb nicht nur den revolutionären Impuls feiern, sondern auch fragen, unter welchen Voraussetzungen die Moderne ihre vermeintliche Freiheit gewann.

Krieg und zerstörte Hoffnung

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, meldete sich Franz Marc freiwillig. Zunächst deutete er den Krieg in problematischer Weise als reinigende Katastrophe, die eine erstarrte Welt verwandeln könne. Die Realität zerstörte diese Vorstellung. In Briefen wurde seine Ernüchterung sichtbar. Am 4. März 1916 fiel Marc bei Verdun, 36 Jahre alt. Kurz zuvor sollte er als bedeutender Künstler aus dem Fronteinsatz zurückgezogen werden. Der Befehl erreichte ihn nicht rechtzeitig.

Diese Biografie verändert den Blick auf die Bilder. Die Suche nach einer besseren Welt endete nicht in einer besseren Welt, sondern im industriellen Massensterben. Marcs Tiere wirken deshalb nicht nur harmonisch. In Werken wie „Tierschicksale“ zerbrechen Körper und Landschaften in einer dramatischen Bewegung. Das Gemälde entstand 1913 und erscheint im Rückblick wie eine Vorahnung der Katastrophe.

Die Düsseldorfer Ausstellung läuft bis 24. Januar 2027. Sie bietet die Chance, den populären Franz Marc aus der dekorativen Vertrautheit zu lösen. Seine Kunst ist schön, aber nicht beruhigend. Sie fragt, ob der Mensch fähig ist, seine Welt anders zu sehen. Diese Frage hat ihre Dringlichkeit nicht verloren.