„Fuck Nature“ gewinnt – Warum Alexander Schnickmann das Naturschreiben aufmischt

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Alexander Schnickmann erhält den Deutschen Preis für Nature Writing 2026. Schon der Titel seines Prosaexperiments verweigert jede romantische Flucht ins Grüne.

Der Deutsche Preis für Nature Writing 2026 geht an Alexander Schnickmann. Ausgezeichnet wird sein Prosaexperiment „Fuck Nature Start Writing“. Die Preisverleihung findet am 8. September beim Internationalen Literaturfestival Berlin statt. Das Umweltbundesamt veröffentlichte die Entscheidung; der Verlag Matthes & Seitz informiert über Preis und Stipendiaten.

Schon der Titel widerspricht dem idyllischen Bild, das viele mit Naturbüchern verbinden. Keine stille Wanderung, kein beruhigender Wald, kein Rückzug aus der Zivilisation. „Fuck Nature Start Writing“ stellt die Frage, ob „Natur“ überhaupt noch als unschuldiger Gegenpol zur menschlichen Welt gedacht werden kann. In einer Zeit von Klimawandel, Artensterben, Landwirtschaft, Infrastruktur und globalen Stoffkreisläufen gibt es kaum einen Ort, der von menschlicher Wirkung unberührt wäre.

Was ist Nature Writing?

Nature Writing hat im englischsprachigen Raum eine lange Tradition. Es verbindet genaue Beobachtung, persönliche Erfahrung, naturkundliches Wissen und literarische Form. Henry David Thoreau, Annie Dillard oder Robert Macfarlane stehen für sehr unterschiedliche Varianten. Im Deutschen gewann das Genre erst in den vergangenen Jahren größere Aufmerksamkeit. Der seit 2017 vergebene Preis trug dazu bei, Autoren sichtbar zu machen, die Landschaft nicht nur beschreiben, sondern unsere Beziehung zur nichtmenschlichen Welt untersuchen.

Das Genre steht dabei vor einem Problem. Wer „Natur“ als heilende, reine Sphäre darstellt, kann die politischen und ökonomischen Bedingungen ausblenden, unter denen Landschaften entstehen. Ein Wald ist möglicherweise Forst, ein Fluss reguliert, eine Wiese Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung. Selbst die Sehnsucht nach Wildnis ist kulturell geprägt. Gutes Nature Writing muss deshalb genau hinsehen, ohne die eigene Perspektive zu vergessen.

Schreiben gegen die schöne Distanz

Schnickmanns provokanter Titel deutet an, dass er die bequeme Distanz zwischen Betrachter und Natur aufbrechen will. Das Schreiben beginnt nicht nach der Naturerfahrung, als würde ein Mensch von außen über eine fremde Welt berichten. Es ist selbst Teil der Verhältnisse. Wörter ordnen, benennen und schaffen Erwartungen. Wer einen Ort „unberührt“ nennt, erzählt bereits eine Geschichte, in der menschliche Spuren verschwinden sollen.

Die Jury würdigte ein Prosaexperiment, das solche Gewissheiten nicht bestätigt. Das passt zur Entwicklung des Genres. Nature Writing wird zunehmend politischer, ohne zur bloßen Umweltpublizistik zu werden. Literatur kann Daten und Forderungen nicht ersetzen. Sie kann jedoch Wahrnehmung verändern. Ein ausgetrockneter Boden, ein verstummter Vogel oder ein überwucherter Industriebau werden im Text nicht nur Beispiele, sondern konkrete Erfahrungen.

Natur ist kein Wellnessbegriff

Die ökologische Krise hat das Sprechen über Natur zugleich dringlicher und schwieriger gemacht. Begriffe wie Nachhaltigkeit und Biodiversität sind unverzichtbar, drohen aber in institutioneller Sprache abstrakt zu werden. Literatur kann diesen Abstraktionen Körper, Geruch, Zeit und Ort zurückgeben. Sie zeigt, dass Verlust nicht nur eine Zahl ist. Er verändert Erinnerungen, Lebensweisen und die Vorstellung davon, was eine Landschaft sein kann.

Der Preis wird vom Verlag Matthes & Seitz gemeinsam mit dem Umweltbundesamt und der Stiftung Kunst und Natur vergeben. Zusätzlich erhalten Kameliya Taneva und Lena Schnabl Stipendien für ein Nature-Writing-Seminar. Diese Verbindung von Literaturbetrieb und Umweltinstitution ist ungewöhnlich, aber folgerichtig. Ökologische Fragen sind nicht nur naturwissenschaftliche Fragen. Sie betreffen Bilder, Werte und Erzählungen.

„Fuck Nature Start Writing“ klingt zunächst wie eine Absage. Wahrscheinlich ist es das Gegenteil: eine Absage an den bequemen Naturbegriff, damit genauer über die wirkliche Welt geschrieben werden kann. Gerade darin liegt die Stärke eines Genres, das sich nicht mit schönen Landschaftssätzen begnügen darf.