Erst ausgeladen, dann gefeiert – Michel Friedmans Rede erschüttert Bayreuth

Michel Friedmann, Quelle SGL

Nach einem öffentlichen Hin und Her sprach Michel Friedman bei der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“. Aus einer organisatorischen Blamage wurde ein Moment, in dem Bayreuth seiner eigenen Geschichte nicht ausweichen konnte.

Die Vorgeschichte war selbst ein Skandal

Michel Friedman war eingeladen, dann wurde sein Auftritt abgesagt, schließlich luden ihn die Festspiele erneut ein. Als Begründung für die zwischenzeitliche Absage wurden Sicherheitsfragen genannt. Die Entscheidung löste scharfe Kritik aus. Katharina Wagner entschuldigte sich, Friedman nahm die Entschuldigung an und kam nach Bayreuth.

Diese Vorgeschichte verlieh der Rede eine zusätzliche Spannung. Der Bayerische Rundfunk berichtete von klaren Worten zur Verteidigung der Demokratie. Die Irritation um seine Person erklärte Friedman für erledigt. Das historische Thema erklärte er ausdrücklich nicht für erledigt.

Wagner hören heißt nicht, Wagner freisprechen

Friedman bestritt nicht die musikalische Bedeutung Richard Wagners. Er bestand jedoch darauf, dass Kunstgenuss Wissen nicht ersetzen darf. Wagners Antisemitismus gehört zu seinem öffentlichen Wirken, Bayreuths Nähe zum Nationalsozialismus zur Geschichte des Festspielhauses. Wer die Musik hört, muss deshalb nicht jedes Werk ablehnen. Er darf aber die belastete Geschichte nicht in der Garderobe abgeben.

Gerade Bayreuth hat lange gebraucht, um diese Verantwortung sichtbar zu machen. Die Selbstinszenierung als reiner Kunstort schützte über Jahrzehnte eine Tradition, in der jüdische Künstler ausgegrenzt und später verfolgt wurden.

Die „Verstummten Stimmen“ bekommen ihre Namen zurück

Die Gedenkveranstaltung erinnerte an jüdische Musiker, Sänger und andere Künstler, deren Laufbahnen zerstört wurden. Das offizielle Programm der Festspiele verband Friedmans Rede mit Werken von Wagner, Pavel Haas und Gustav Mahler; Semyon Bychkov dirigierte.

Gedenken wird glaubwürdig, wenn es nicht bei einer allgemeinen Formel bleibt. Namen, Biografien und verlorene Karrieren müssen wieder sichtbar werden. Der Titel „Verstummte Stimmen“ bezeichnet keine natürliche Stille. Diese Menschen wurden zum Schweigen gebracht.

Eine Rede verändert keine Institution – aber sie setzt einen Maßstab

Friedman nutzte das Festspielhaus nicht für eine persönliche Abrechnung. Er sprach über Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und die Verantwortung demokratischer Bürger. Dass die Rede nach dem vorherigen Streit stattfand, machte ihre Botschaft stärker und die Fehler der Organisation sichtbarer.

Bayreuth ist durch einen Nachmittag nicht gereinigt. Erinnerungskultur darf nicht vom Mut eines einzelnen Redners abhängen. Sie muss in Programm, Forschung, Personalentscheidungen und öffentlicher Sprache verankert sein. Friedmans Auftritt hat dafür einen Maßstab gesetzt: Die Musik darf groß sein. Das Schweigen darf es nicht mehr.