Sind wir nur Gehirne im Tank? Putnams Jahrhundertfrage ist zurück

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Hundert Jahre nach der Geburt des amerikanischen Philosophen Hilary Putnam ist ein altes Gedankenexperiment wieder gegenwärtig. Ein Gehirn, das von einem Computer mit sämtlichen Eindrücken eines gewöhnlichen Lebens versorgt wird, könnte seine Lage womöglich niemals bemerken. Putnams Einwand gegen diese Vorstellung setzte jedoch an einer Stelle an, die leicht übersehen wird. Was bedeuten die Worte, mit denen ein vollständig getäuschtes Bewusstsein von seiner vermeintlichen Gefangenschaft spricht? Ein Kommentar von Stefan Groß-Lobkowicz.

Man kann sich an vieles gewöhnen, auch an den Irrtum. Wir bemerken, dass wir einen Menschen verwechselt haben, dass ein Geräusch aus einer anderen Richtung kam oder dass unsere Erinnerung an einen zurückliegenden Vorgang unzuverlässig geworden ist. Gewöhnlich gibt es eine Möglichkeit, die Sache aufzuklären, indem wir noch einmal hinsehen, jemanden befragen oder uns auf andere Zeugnisse verlassen. Die Philosophie hat aus dieser alltäglichen Erfahrung eine weit unangenehmere Frage gemacht. Wenn auch das zweite Hinsehen, die Aussage des Zeugen und sämtliche Belege Teil einer umfassenden Täuschung wären, gäbe es innerhalb unserer Erfahrung offenbar keinen Ort mehr, von dem aus sie sich entlarven ließe. Mit diesem Gedanken lässt sich spielen, bis er unheimlich wird; als erkenntnistheoretisches Problem ist er weit älter als die Maschine, die uns heute Bilder und Stimmen nach Belieben erzeugt.

Hilary Putnam, am 31. Juli 1926 in Chicago geboren und 2016 gestorben, hat dem Problem in seinem 1981 veröffentlichten Buch „Reason, Truth and History“ eine einprägsame Gestalt gegeben. Das Gehirn eines Menschen liegt in einer lebenserhaltenden Flüssigkeit, seine Nervenenden sind an einen Computer angeschlossen. Die Signale bewirken, dass es eine Welt mit Häusern und Bäumen erlebt, seinen vermeintlichen Körper bewegt und sich an Ereignisse erinnert, die in dieser Welt stattgefunden haben sollen. Für das Gehirn fühlt sich alles gewöhnlich an. Putnam behandelte auch die zugespitzte Variante, in der die Gehirne seit jeher unter solchen Bedingungen existieren; nicht einmal ein böser Wissenschaftler ist für die Konstruktion nötig. Man darf die anschauliche Geschichte allerdings nicht mit dem Anliegen des Autors verwechseln. Putnam wollte wissen, wie es einem Wesen, das nur diese künstlich erzeugten Erfahrungen kennt, überhaupt möglich wäre, seine Lage in unseren Begriffen zu beschreiben.

Der Gedanke an eine vollkommen täuschende Macht war bereits René Descartes vertraut, der ihn 1641 in seinen „Meditationen“ zum Werkzeug eines radikalen Zweifels machte. Putnam wählte einen anderen Zugang. Ihn beschäftigte die Behauptung „Ich bin ein Gehirn im Tank“ selbst. Der Satz scheint klar zu sein, solange wir ihn aus unserer vertrauten Welt heraus sprechen. Wir wissen ungefähr, was ein Gehirn ist und was wir unter einem Behälter verstehen. Wie verhält es sich mit dem Wesen, das nach der skeptischen Hypothese niemals zu wirklichen Gehirnen oder Behältern in einer geeigneten Beziehung gestanden hat? Es kann dieselben Laute hervorbringen, die wir verwenden, und doch ist damit noch längst nicht entschieden, ob seine Wörter auch dasselbe bezeichnen. Die ganze Frage verschiebt sich, sobald man nicht mehr allein nach dem Inhalt der Vorstellung fragt, sondern nach der Herkunft ihrer Bedeutung.

Der Zweifel und die Wörter, die er braucht

Für diese Verschiebung hatte Putnam in einem Aufsatz von 1975, „The Meaning of ‘Meaning’“, eine eigentümliche Versuchsanordnung entwickelt. Auf einer sogenannten Zwillingserde gibt es eine Flüssigkeit, die aussieht wie Wasser, zum Trinken und Waschen verwendet wird und von den Bewohnern ebenfalls „Wasser“ genannt wird. Ihre chemische Zusammensetzung ist jedoch eine andere: Während Wasser auf der Erde H₂O ist, trägt die Flüssigkeit des Gedankenexperiments die erfundene Formel XYZ. Zwei Menschen könnten dieselben Empfindungen beim Anblick der Flüssigkeit haben und in gleicher Weise darüber sprechen; ihre Wörter würden dennoch auf unterschiedliche Stoffe Bezug nehmen. Wer darin eine überflüssige Spitzfindigkeit sieht, übersieht den Anlass des Experiments. Putnam wandte sich gegen die Auffassung, die Bedeutung eines Ausdrucks ließe sich vollständig aus dem ermitteln, was ein einzelner Sprecher gerade in seinem Bewusstsein vorfindet. Die Beschaffenheit der Umwelt und der überlieferte Gebrauch einer Sprache gehören zu der Geschichte, durch die ein Wort seinen Gegenstand erhält.

Von hier aus lässt sich auch die Tank-Geschichte genauer lesen. Ein Gehirn, das ausschließlich mit computergenerierten Bäumen zu tun hatte, mag „Baum“ sagen und sich einen Stamm mit Blättern vorstellen. Damit ist noch keine Beziehung zu einem wirklichen Baum hergestellt. Entsprechendes gilt für den Tank, den das Gehirn nie auf die Weise kennengelernt hat, in der wir über einen solchen Gegenstand sprechen. Womöglich bezeichnet sein Wort etwas innerhalb der Simulation oder Vorgänge, durch die diese Erscheinungen erzeugt werden. Der Satz „Ich bin ein Gehirn im Tank“ könnte dann gar nicht jene wahre Aussage über die äußere Lage des Sprechers sein, die der Skeptiker in ihm zu entdecken glaubt. Die Täuschungshypothese beansprucht eine Sprache, deren Bezug auf eine äußere Welt sie unter ihren eigenen Voraussetzungen erst erklären müsste. Das ist der sprachphilosophische Kern von Putnams Argument, und er ist erheblich anspruchsvoller als die Behauptung, der Mensch könne eines Tages in einem technischen Labor feststellen, sein bisheriges Leben habe niemals stattgefunden.

Ein endgültiger Abschied vom Zweifel ist damit nicht gewonnen. Ein Mensch, dessen Gehirn erst gestern aus seinem Körper entfernt worden wäre, hat zuvor gelebt, gesprochen und eine Welt kennengelernt. Die einmal erworbenen Beziehungen seiner Wörter könnten zunächst bestehen bleiben, obwohl der Computer ihm inzwischen falsche Erfahrungen liefert. Dieser Fall unterscheidet sich von der besonders radikalen Voraussetzung, unter der die Gehirne seit Beginn ihrer Existenz in der künstlichen Umgebung gefangen sind. In der philosophischen Fachliteratur wird überdies bestritten, dass Putnams Überlegungen zum sprachlichen Bezug ohne weitere Voraussetzungen schon beweisen, wir wüssten, keine Gehirne im Tank zu sein. Wer den Einwand ernst nimmt, wird gerade hier sorgfältig bleiben müssen. Eine Schwierigkeit für den skeptischen Satz ist noch keine Untersuchung unseres wirklichen Aufenthaltsortes; aus einer sprachlichen Widerlegung erwächst nicht im Handumdrehen ein naturwissenschaftlicher Befund.

Putnam hatte sein Kapitel mit einem Bild begonnen, das ohne Tanks und Computer auskommt. Eine Ameise kriecht über Sand und hinterlässt zufällig eine Spur, die einer Karikatur Winston Churchills ähnelt. Für einen Betrachter mag die Übereinstimmung verblüffend sein. Trotzdem hat die Ameise Churchill nicht gezeichnet: Sie kennt ihn nicht, und ihre Bewegung ist keine Handlung des Abbildens. Ein geschriebener Name kann dagegen Churchill bezeichnen, ohne irgendeine bildliche Ähnlichkeit mit ihm zu besitzen. Die Beziehung zwischen einem Zeichen und dem, wofür es steht, ist offenbar erklärungsbedürftig. Dass eine Form aussieht wie ein Gegenstand, sagt über ihre Entstehung und ihren Bezug auf diesen Gegenstand noch nicht genug. Dieser Einstieg wirkt beinahe beiläufig, trägt aber bereits das Gewicht der späteren Überlegung. Aus der Erscheinung allein lässt sich der Weg zur Wirklichkeit nicht ablesen.

Die täuschend echte Gegenwart

Wer heute auf ein synthetisch erzeugtes Bild blickt, erkennt unschwer, weshalb die alte Frage wieder ihre Leser findet. Man kann Stimmen nachbilden und einen Vorgang in bewegten Bildern zeigen, für den es kein entsprechendes aufgenommenes Ereignis gibt. Das amerikanische National Institute of Standards and Technology hat in einem Bericht vom November 2024 Verfahren untersucht, mit denen sich Herkunft und Authentizität solcher Inhalte prüfen oder kennzeichnen lassen, darunter Wasserzeichen und technische Herkunftsnachweise. Darin liegt eine nüchterne Antwort auf ein reales Problem digitaler Medien. Eine Darstellung wird nicht dadurch zur Fotografie eines Ereignisses, dass sie für ein Auge wie eine solche aussieht. Wer wissen möchte, was geschehen ist, muss nach ihrer Herkunft fragen und gegebenenfalls andere Belege heranziehen. Der Unterschied war schon vor den heutigen Bildgeneratoren notwendig; die technischen Möglichkeiten haben die Arbeit an ihm lediglich dringlicher gemacht.

Man wird Putnam schwerlich gerecht, wenn man ihm nun rückwirkend eine Prophezeiung über künstliche Intelligenz unterschiebt. Er schrieb über Bedeutung, sprachliche Bezugnahme und die Voraussetzungen skeptischer Behauptungen. Daraus folgt kein abschließendes Urteil darüber, ob Maschinen Bewusstsein besitzen können oder ob menschliches Denken irgendwann technisch nachzubilden wäre. Wohl aber lässt sich die Unterscheidung, um die er rang, auf die Art beziehen, in der wir künstlich erzeugte Darstellungen beurteilen. Ein Satz kann sprachlich vollständig und zugleich sachlich falsch sein; die überzeugende Gestalt eines Bildes verbürgt dessen Entstehung nicht. Wer sich allein mit dem Eindruck zufriedengibt, übersieht die Geschichte, die ein Zeichen mit seinem Gegenstand verbindet. Es bleibt die mühselige Arbeit, den Zusammenhang zwischen einer Darstellung und ihren Belegen herzustellen; wo das nicht gelingt, muss die Ungewissheit auch als solche benannt werden.

Auch Putnams eigener philosophischer Weg eignet sich kaum für die bequeme Vorstellung eines Denkers, der mit einem einzigen Argument die Sache erledigt hatte. Seine Auffassungen über Realismus, Wahrheit und Rechtfertigung veränderten sich im Laufe der Jahrzehnte; frühere Positionen wurden später von ihm ausdrücklich überprüft. Wer mehrere seiner Bücher nebeneinanderlegt, wird Spannungen finden, die sich durch ein griffiges Zitat nicht beseitigen lassen. Darin liegt keine Lizenz, beliebige Behauptungen für gleichwertig zu halten. Putnam wollte der Fehlbarkeit unseres Wissens Rechnung tragen, ohne die Rede von Wahrheit aufzugeben. Der Wunsch nach einer letzten Gewissheit kann ebenso irreführen wie die schnelle Zuflucht in die Behauptung, alles sei bloß eine Frage der Perspektive. Gerade ein Philosoph, der seine eigenen Begriffe immer wieder auf den Prüfstand stellte, verdient es, dass man die Reichweite seiner Argumente nicht zu einer weltanschaulichen Parole vergrößert.

In der Geschichte vom Gehirn im Tank berührt sich die alte philosophische Skepsis mit einer Gegenwart, in der die Herkunft von Wahrnehmungen, Bildern und Worten stärker als früher eigens geprüft werden muss. Die Verbindung sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beiden Probleme verschieden sind. Der Mensch, der ein künstliches Video prüft, fragt nach einem bestimmten Beleg; Putnams Gehirn muss zunächst begreifen können, wovon sein Satz über den Tank überhaupt handelt. Beide Fragen verlangen eine Aufmerksamkeit, die sich an der Erscheinung allein nicht erschöpft. Wir können uns über die Welt irren und dennoch sinnvoll nach ihr fragen, solange wir uns der Bedingungen unserer Begriffe bewusst bleiben. Das vermeintlich allmächtige Gedankenexperiment endet so bei einer unscheinbaren, aber hartnäckigen Schwierigkeit: Wer von einer vollständig verlorenen Wirklichkeit spricht, hat noch zu erklären, woher die Wörter stammen, mit denen er von ihr erzählt.

Hundert Jahre nach Putnams Geburt wäre es allzu einfach, aus dem Tank eine Metapher für jeden Bildschirm und aus seiner Philosophie eine Warnung vor jeder neuen Maschine zu machen. Die technischen Entwicklungen werden sich verändern, und das Gedankenexperiment wird ihnen nicht wie eine Bedienungsanleitung hinterherlaufen. Was bleibt, ist eine Forderung an das Denken selbst. Unsere Gewissheiten können trügen; darum müssen wir untersuchen, welchen Gegenstand eine Behauptung hat, was ihre Begriffe bedeuten und woran sie sich bewähren soll. Der Skeptiker gewinnt nichts, wenn er die Welt erst restlos verschwinden lässt und anschließend unbemerkt dieselbe Sprache gebraucht, als sei ihre Beziehung zu den Dingen davon unberührt geblieben. Mag er die Welt für verloren erklären, die Frage bleibt, wie seine Wörter unter dieser Voraussetzung noch auf Gehirne, Tanks und die Welt außerhalb der Täuschung verweisen sollen.

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Über Stefan Groß-Lobkowicz 2328 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".