Hundert Jahre nach der Geburt des amerikanischen Philosophen Hilary Putnam stellt sich eine Frage, die seit Descartes zum Bestand des philosophischen Denkens gehört, unter veränderten technischen Bedingungen von Neuem. Können wir wissen, ob die Welt, die wir wahrnehmen, tatsächlich existiert, oder bewegen wir uns in einer Wirklichkeit, deren Erscheinungen uns über ihre Herkunft täuschen? Putnams Gedankenexperiment vom Gehirn im Tank führt zu den Schwierigkeiten unseres Erkennens und zum Verhältnis zwischen Sprache und Welt. Ein Essay von Stefan Groß-Lobkowicz.
Man kann sich an vieles gewöhnen, selbst an den Irrtum, solange er uns nur gelegentlich begegnet und wir noch Gelegenheit finden, ihn durch eine neue Erfahrung zu berichtigen. Wir haben einen Menschen verwechselt, eine Begebenheit falsch in Erinnerung behalten oder ein Geräusch einem Ort zugeschrieben, von dem es gar nicht gekommen war. Solche Täuschungen gehören zum gewöhnlichen Verlauf unseres Lebens, und wir würden ihnen kaum größere Aufmerksamkeit schenken, wenn nicht die Erfahrung zugleich lehrte, dass unsere Wahrnehmungen gelegentlich einer Berichtigung bedürfen. Wir sehen genauer hin, befragen jemanden, der zugegen war, vergleichen unsere Erinnerung mit einem Brief, einer Fotografie oder einem anderen Zeugnis. Bei allen Irrtümern, denen wir unterliegen, bleibt uns doch die Überzeugung, dass es eine Welt gibt, an der wir unsere Urteile prüfen können. Selbst unsere Enttäuschungen setzen dieses Vertrauen voraus, denn wir könnten von einer Täuschung kaum sprechen, wenn wir nicht wenigstens die Möglichkeit ihrer Aufklärung anerkennen würden.
Was aber geschähe mit dieser Gewissheit, wenn die Täuschung nicht einzelne Erfahrungen beträfe, sondern alles, was wir jemals wahrgenommen, gedacht und für wirklich gehalten haben? Wenn die Erinnerung an unsere Kindheit, die Menschen, die uns begegnet sind, die Landschaften, durch die wir gegangen sind, und selbst die Gedanken, mit denen wir unsere Lage zu begreifen versuchen, einer fremden Macht entstammten, die uns niemals einen Blick auf die wirklichen Verhältnisse erlaubte? Wir würden unser Leben fortsetzen, Entscheidungen treffen, Hoffnungen hegen und Enttäuschungen erfahren, ohne auch nur zu ahnen, dass sich hinter allem eine andere Welt verbirgt. Die gewohnte Möglichkeit, einen Irrtum durch eine weitere Beobachtung zu erkennen, wäre uns genommen, weil jede neue Beobachtung denselben Bedingungen unterläge wie die vorhergehende. Das Vertrauen auf unsere Sinne hätte seinen letzten Halt verloren, während unser Bewusstsein von dieser Veränderung nichts erfahren müsste.
Hilary Putnam, am 31. Juli 1926 in Chicago geboren und 2016 gestorben, gab dieser alten Schwierigkeit in seinem 1981 erschienenen Buch „Reason, Truth and History“ eine Gestalt, die weit über die philosophischen Seminare hinaus bekannt geworden ist. Man stelle sich das Gehirn eines Menschen vor, das aus seinem Körper entfernt wurde und in einer lebenserhaltenden Flüssigkeit liegt. Seine Nervenenden sind mit einem Computer verbunden, der ihm sämtliche Reize vermittelt, die gewöhnlich durch die Wahrnehmung einer äußeren Welt entstehen. Das Gehirn glaubt, auf einer Straße zu gehen, einen Baum zu betrachten, mit anderen Menschen zu sprechen oder die Wärme der Sonne auf seiner Haut zu spüren. Es besitzt Erinnerungen, empfindet Freude und Schmerz, und was immer sich in seinem Bewusstsein ereignet, erscheint ihm ebenso wirklich wie uns die Welt, in der wir uns bewegen. Der Computer könnte ihm sogar die Vorstellung vermitteln, es sitze an einem Schreibtisch und denke über die Möglichkeit nach, nichts anderes als ein Gehirn in einem Behälter zu sein.
Die Schwierigkeit verschärft sich, sobald man diesem Gehirn eine Vergangenheit zuschreibt, die niemals außerhalb der künstlichen Umgebung stattgefunden hat. Putnam erwog auch die radikalere Möglichkeit, dass die Gehirne seit jeher unter solchen Bedingungen existierten und sämtliche Erfahrungen ausschließlich durch die technische Vorrichtung zustande kämen. Ein Wissenschaftler, der das Gehirn eines Menschen irgendwann aus dessen Körper entfernt hätte, war für diese Vorstellung nicht mehr erforderlich. Das Experiment konnte vielmehr so angelegt werden, dass niemand, der sich in jener künstlichen Welt befand, jemals etwas anderes kennengelernt hatte.
Mit der Frage, ob wir uns tatsächlich in einer solchen Lage befinden könnten, war allerdings erst ein Teil des Problems berührt. Putnam beschäftigte die Bedeutung der Wörter, in denen wir die Geschichte erzählen. Was behaupten wir eigentlich, wenn wir sagen, ein Gehirn befinde sich in einem Tank? Und könnte ein Wesen, das niemals einer wirklichen Außenwelt begegnet wäre, mit denselben Wörtern überhaupt das meinen, was wir darunter verstehen?
René Descartes hatte bereits 1641 in seinen „Meditationen“ die Vorstellung eines mächtigen Täuschers entwickelt, der uns selbst dort irreführen könnte, wo unsere Gewissheit unerschütterlich erscheint. Die Welt der Sinne, unsere Vorstellungen und sogar die vermeintliche Sicherheit mathematischer Erkenntnisse wurden dem methodischen Zweifel unterworfen, bis Descartes in der Gewissheit des eigenen Denkens einen Ausgangspunkt fand, der sich auch durch die vollkommenste Täuschung nicht beseitigen ließ. Putnam kannte diese Überlieferung, doch führte ihn die Beschäftigung mit dem Zweifel zur Frage nach der Bedeutung. Ein Bewusstsein mag von einer Welt sprechen, die es niemals gesehen hat. Ob seine Begriffe dennoch auf die Gegenstände dieser Welt verweisen, lässt sich nicht allein dadurch entscheiden, dass es sich entsprechende Vorstellungen macht.
Wir wissen, was wir gewöhnlich unter einem Gehirn verstehen, und können uns einen Behälter vorstellen, in dem ein solches Organ künstlich am Leben erhalten wird. Unser Wissen stammt aus einer Welt, deren Gegenstände wir kennengelernt haben und in der unsere Sprache während vieler Generationen entstanden ist. Das Gehirn dagegen, das ausschließlich von einem Computer erzeugte Erfahrungen besitzt, wäre unter anderen Bedingungen mit diesen Wörtern vertraut geworden. Es könnte dieselben Laute hervorbringen, dieselben Sätze bilden und Vorstellungen besitzen, die den unseren täuschend ähnlich sind. Doch diese Ähnlichkeit würde noch nicht erklären, welche Gegenstände seine Wörter bezeichnen. Hinter der scheinbar einfachen Frage nach dem Aufenthaltsort des Gehirns steht eine Untersuchung der Sprache, ohne die sich Putnams Argument kaum verstehen lässt.
Der Zweifel und die Wörter, die er braucht
Einige Jahre zuvor hatte Putnam in seinem 1975 veröffentlichten Aufsatz „The Meaning of ‘Meaning’“ ein Gedankenexperiment entwickelt, das ihm erlaubte, die Abhängigkeit sprachlicher Bedeutung von der äußeren Welt zu untersuchen. Er stellte sich eine Zwillingserde vor, die unserer Erde in vieler Hinsicht gleicht und auf der die Bewohner eine Flüssigkeit kennen, deren Aussehen und Eigenschaften mit denen unseres Wassers übereinstimmen. Sie trinken diese Flüssigkeit, waschen sich mit ihr und verwenden dafür dasselbe Wort, mit dem wir Wasser bezeichnen. Niemand müsste beim ersten Besuch dieser fremden Welt auf die Vermutung kommen, dass sich hinter der vertrauten Erscheinung etwas anderes verbirgt. Die chemische Untersuchung würde allerdings ergeben, dass die Flüssigkeit nicht aus H₂O besteht, sondern eine andere Zusammensetzung besitzt, die Putnam mit der erfundenen Formel XYZ bezeichnete.
Zwei Menschen, von denen einer auf der Erde und der andere auf der Zwillingserde aufgewachsen wäre, könnten unter diesen Voraussetzungen beim Anblick der jeweiligen Flüssigkeit dasselbe empfinden. Ihre Vorstellungen würden sich möglicherweise bis in die Einzelheiten gleichen. Beide hätten gelernt, von Wasser zu sprechen, ohne etwas über dessen chemische Zusammensetzung zu wissen. Trotzdem bezögen sich ihre Wörter auf unterschiedliche Stoffe, denn die Flüssigkeit, die der eine seit seiner Kindheit kennt, wäre nicht jene, mit der der andere vertraut geworden ist.
Putnam griff damit eine Vorstellung an, die das Verhältnis zwischen Sprache und Welt lange Zeit bestimmt hatte. Wenn die Bedeutung eines Wortes ausschließlich in den Gedanken oder Vorstellungen bestünde, die ein Mensch mit ihm verbindet, müsste man den beiden Bewohnern der verschiedenen Welten dieselbe Bedeutung zuschreiben. Die unterschiedlichen Gegenstände ihres Sprachgebrauchs ließen sich aus dieser Voraussetzung nicht erklären. Was ein Wort bezeichnet, erschließt sich auch aus den Verhältnissen, unter denen es verwendet wird, aus der Umgebung, in der der Sprecher lebt, und aus dem Wissen einer Gemeinschaft, an deren Sprache er teilhat. Ein einzelner Mensch muss nicht die chemische Zusammensetzung des Wassers kennen, um mit seinem Wort auf jenen Stoff Bezug zu nehmen, den andere genauer untersuchen können. Die Sprache reicht in dieser Hinsicht über das persönliche Wissen des Einzelnen hinaus.
Für das Gehirn im Tank ergeben sich daraus Schwierigkeiten, die sich durch die noch so vollkommene technische Nachbildung einer Welt nicht beseitigen lassen. Wenn dieses Gehirn von einem Baum spricht, denkt es vielleicht an einen Stamm mit Zweigen und Blättern, erinnert sich an dessen Schatten oder an das Rauschen seiner Krone. Doch alle Erfahrungen, durch die es das Wort kennengelernt hat, stammen aus einer künstlich erzeugten Umgebung. Ob sein Wort auf einen wirklichen Baum außerhalb dieser Umgebung verweist, wäre erst zu begründen. Vielleicht bezeichnet es etwas innerhalb der Simulation oder steht in einer Beziehung zu jenen Vorgängen des Computers, die seine Wahrnehmungen hervorrufen. Die Vorstellungen des Gehirns können den unseren gleichen, während die Geschichte ihrer Entstehung eine andere ist.
Noch schwieriger verhält es sich mit jenem Behälter, in dem das Gehirn nach der Voraussetzung des Experiments existieren soll. Es hat den Tank niemals gesehen und konnte ihn auch nicht auf die gewöhnliche Weise kennenlernen, in der unsere Wörter ihre Beziehung zu den Dingen erwerben. Sobald das Gehirn behauptet, es sei ein Gehirn im Tank, entsteht deshalb die Frage, ob sich seine Wörter auf wirkliche Gehirne und wirkliche Behälter beziehen oder lediglich auf Gegenstände und Vorgänge seiner künstlichen Erfahrungswelt. Selbst wenn der Satz für uns eine verständliche Beschreibung jener Lage enthält, die das Gedankenexperiment voraussetzt, muss das Gehirn ihn keineswegs in derselben Bedeutung verwenden können.
Der Skeptiker, der seine gesamte Erfahrung für eine Täuschung erklärt, will von einer Außenwelt sprechen, zu der ihm nach seiner Hypothese jeder geeignete Zugang fehlt. Dabei setzt er voraus, dass seine Begriffe dennoch auf die Gegenstände dieser unbekannten Welt verweisen. Ob sie das leisten können, ist gerade die Frage, die Putnam an ihn richtet. Sein Argument untersucht somit eine sprachliche Voraussetzung des radikalen Zweifels; es verlangt weder, eine Maschine zu öffnen, noch, die vermeintliche Täuschung durch eine neue Sinneserfahrung aufzudecken.
Man kann sich freilich einen Menschen vorstellen, dessen Gehirn erst vor kurzer Zeit aus dem Körper entfernt wurde und der bis dahin unter gewöhnlichen Bedingungen gelebt hatte. Er wäre wirklichen Bäumen begegnet, hätte Gegenstände berührt und mit anderen Menschen gesprochen. Seine Wörter besäßen eine Geschichte, die durch den späteren Anschluss an einen Computer nicht sogleich ausgelöscht würde. Wenn dieser Mensch behauptete, ein Gehirn im Tank zu sein, könnte seine Aussage durchaus auf jene Gegenstände bezogen sein, die er aus seinem früheren Leben kannte. Der Unterschied zu einem Wesen, dessen gesamte Existenz sich unter den Bedingungen der künstlichen Welt vollzogen hat, lässt sich daher nicht übergehen.
In der philosophischen Literatur ist ausführlich darüber gestritten worden, welche Folgerungen Putnams Überlegungen tatsächlich erlauben. Aus der Schwierigkeit, unter bestimmten Voraussetzungen eine skeptische Behauptung sinnvoll zu formulieren, ergibt sich noch keine vollständige Widerlegung sämtlicher denkbaren Täuschungsszenarien. Die Bedingungen sprachlicher Bezugnahme und die Frage, was wir über unseren tatsächlichen Zustand wissen können, müssen auseinandergehalten werden. Putnams Argument besitzt seine philosophische Kraft innerhalb jener Voraussetzungen, für die es entwickelt wurde; sobald man diese verändert, entstehen weitere Probleme, die sich nicht durch die Wiederholung seiner ursprünglichen Überlegung erledigen lassen.
Putnam hatte seine Untersuchung mit einer Geschichte eröffnet, in der weder Computer noch Gehirne vorkommen. Eine Ameise kriecht über den Sand und hinterlässt zufällig eine Spur, deren Linien den Gesichtszügen Winston Churchills ähneln. Ein menschlicher Betrachter könnte in der zufälligen Zeichnung eine Karikatur des britischen Staatsmannes erkennen, vielleicht sogar eine verblüffend gelungene. Die Ameise aber hatte Churchill niemals gesehen und wusste nichts von seiner Existenz. Sie wollte niemanden darstellen, verfügte über keine entsprechende Vorstellung und hatte bei ihrer Bewegung über den Sand kein Bild hervorgebracht, das aus einer absichtlichen Bezugnahme auf seinen Gegenstand entstanden wäre.
Was der Betrachter als Karikatur erkennt, bleibt für die Ameise eine zufällige Spur. Die Ähnlichkeit zwischen einem Zeichen und einem Gegenstand erklärt noch nicht, wodurch das Zeichen auf diesen Gegenstand verweist. Ein geschriebener Name kann einen Menschen bezeichnen, obwohl die Buchstaben seines Namens keinerlei Ähnlichkeit mit seiner körperlichen Gestalt besitzen. Umgekehrt vermag eine zufällig entstandene Figur einem Gesicht täuschend ähnlich zu sehen, ohne dass ihre Entstehung etwas mit dem betreffenden Menschen zu tun gehabt hätte. Putnam führte seine Leser mit diesem Bild zu einer Schwierigkeit, die auch dort fortbesteht, wo wir gewöhnlich glauben, die Bedeutung unserer Wörter bereits verstanden zu haben.
Die täuschend echte Gegenwart
Seit sich mit technischen Mitteln Bilder und Stimmen erzeugen lassen, deren künstliche Herkunft kaum noch zu erkennen ist, haben die alten Fragen nach Wahrnehmung und Täuschung eine neue Anschaulichkeit gewonnen. Wir können heute das vermeintliche Bild eines Ereignisses betrachten, das niemals stattgefunden hat, und die Stimme eines Menschen hören, der die ihm zugeschriebenen Worte nicht gesprochen hat. Die Darstellung kann bis in ihre Einzelheiten glaubwürdig erscheinen, während ihr in der äußeren Welt kein entsprechender Vorgang vorausgegangen ist. Je vollkommener solche Nachbildungen werden, desto weniger lässt sich aus dem bloßen Eindruck auf ihre Entstehung schließen.
Das amerikanische National Institute of Standards and Technology untersuchte in einem Bericht vom November 2024 technische Verfahren, mit denen sich die Herkunft und Authentizität künstlich erzeugter Inhalte überprüfen oder kenntlich machen lassen. Zu den Möglichkeiten gehörten Wasserzeichen und technische Herkunftsnachweise, deren Bedeutung mit der zunehmenden Verbreitung generativer Systeme gewachsen ist. Die Bemühungen zeigen, dass die Beurteilung digitaler Bilder längst nicht mehr allein eine Angelegenheit des menschlichen Auges sein kann. Eine Aufnahme, die wir für ein fotografisches Dokument halten, besitzt ihren Beweiswert erst durch jene Umstände, die sie mit einem wirklichen Ereignis verbinden. Fehlt diese Verbindung, kann selbst die vollkommenste Darstellung keinen zuverlässigen Aufschluss darüber geben, was tatsächlich geschehen ist.
Ein Mensch, der die Echtheit eines Bildes untersucht, kann dessen Herkunft überprüfen, Zeugen befragen oder andere Aufzeichnungen heranziehen. Er setzt dabei bereits eine Welt voraus, in der solche Nachforschungen möglich sind und ihre Ergebnisse mit den tatsächlichen Verhältnissen verglichen werden können. Das Gehirn, dessen gesamtes Dasein sich innerhalb einer künstlichen Erfahrungswelt vollzieht, verfügt über diese Möglichkeit nicht. Seine Schwierigkeit betrifft bereits die Worte, mit denen es von Dingen außerhalb seines Erfahrungsbereichs sprechen möchte. Die heutige Bilderzeugung und Putnams radikale Hypothese handeln beide von Täuschung; die philosophischen Fragen, die sie aufwerfen, sind deshalb noch lange nicht dieselben.
Putnam selbst entwarf mit dem Gedankenexperiment keine Vorhersage über die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Seine Untersuchungen galten der Bedeutung unserer Begriffe und den Bedingungen, unter denen sprachliche Ausdrücke auf Gegenstände verweisen. Ob Maschinen jemals Bewusstsein besitzen werden oder ob sich menschliches Denken technisch vollständig nachbilden lässt, gehört zu Fragen, die durch seine Überlegungen nicht entschieden werden. Die heutigen Möglichkeiten der Bilderzeugung erinnern uns immerhin daran, wie leicht wir die Anschaulichkeit einer Vorstellung mit einer Kenntnis ihres Gegenstandes verwechseln. Dass uns etwas in höchster Deutlichkeit erscheint, sagt über dessen Herkunft zunächst wenig aus.
Wer sich mit Putnams Werk über das berühmte Gedankenexperiment hinaus beschäftigt, begegnet einem Philosophen, dessen Denken sich während mehrerer Jahrzehnte wiederholt verändert hat. Seine Auffassungen über Realismus, Wahrheit und Rechtfertigung wurden von ihm überprüft, berichtigt und teilweise aufgegeben. Positionen, die er in früheren Schriften mit großer Entschiedenheit vertreten hatte, erschienen ihm später unter einem anderen Licht. Er kannte die Versuchung, eine einmal gefundene Erklärung für endgültig zu halten, und erfuhr zugleich, wie sehr die philosophische Arbeit von der Bereitschaft abhängt, die eigenen Voraussetzungen erneut zu untersuchen.
Diese Beweglichkeit seines Denkens hatte nichts mit einer Geringschätzung der Wahrheit zu tun. Putnam hielt an der Möglichkeit fest, zwischen begründeten und unbegründeten Behauptungen zu unterscheiden, auch wenn er die philosophischen Voraussetzungen dieser Unterscheidung im Laufe seines Lebens unterschiedlich beurteilte. Die Geschichte seiner eigenen Überzeugungen zeigt, dass die Anerkennung menschlicher Fehlbarkeit keineswegs dazu nötigt, jede Auffassung für gleichwertig zu erklären. Die Möglichkeit des Irrtums verlangt, dass wir nach besseren Gründen suchen und unsere Begriffe dort berichtigen, wo sie der Untersuchung nicht standhalten. Die wechselnden Gestalten seines Realismus lassen erkennen, wie schwer es ist, das Verhältnis zwischen menschlichem Erkennen und einer Welt zu bestimmen, die durch unser Erkennen nicht erst hervorgebracht wird.
Zwar können Maschinen heute Bilder hervorbringen und sprachliche Äußerungen erzeugen, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar erschienen. Doch die Fähigkeit, eine Darstellung zu erzeugen, deren Einzelheiten uns überzeugen, erklärt für sich genommen weder das Verhältnis zwischen Sprache und Welt noch die Bedingungen, unter denen eine Behauptung wahr oder falsch sein kann. Ein Video kann uns täuschen, ohne dass die Wörter, mit denen wir es beschreiben, deshalb ihren gewöhnlichen Bezug verlieren. Die Herkunft einer Aufnahme zu prüfen ist etwas anderes, als unter der Voraussetzung einer lückenlosen Täuschung die Reichweite der eigenen Sprache erklären zu müssen.
Das Gedankenexperiment führt schließlich an den Anfang von Putnams Untersuchung zurück. Ein Wesen, dem niemals etwas anderes begegnet wäre als künstlich erzeugte Wahrnehmungen, könnte eine reiche Erfahrungswelt besitzen, Erinnerungen bewahren und über sich selbst nachdenken. Es könnte sogar die Vermutung äußern, dass seine gesamte Welt auf einer Täuschung beruht. Sobald es aber von dem unbekannten Bereich außerhalb dieser Täuschung spricht, stellt sich die Frage nach dem Ursprung seiner Begriffe. Wovon redet es, wenn es ein Gehirn erwähnt, das es niemals auf die Weise kennengelernt hat, in der wir von Gehirnen wissen? Welchen Tank bezeichnet es, wenn ihm sämtliche Erfahrungen fehlen, durch die wir diesem Wort einen Bezug auf einen wirklichen Behälter geben?
Hundert Jahre nach der Geburt Hilary Putnams ist die Versuchung groß, in seiner Geschichte eine Vorwegnahme der digitalen Welt zu erkennen und das Gehirn im Tank zum Sinnbild eines Menschen zu machen, dessen Leben sich zunehmend aus künstlich erzeugten Bildern zusammensetzt. Seine Überlegung reicht weiter. Der Skeptiker mag erklären, dass alles, was er jemals wahrgenommen hat, nur eine künstlich hervorgerufene Erscheinung gewesen sei. Sobald er jedoch von seinem Gehirn und dessen Behälter spricht, gebraucht er Wörter, deren Beziehung zu den Dingen durch die angenommene vollständige Täuschung gerade fraglich geworden ist. So bleibt ihm eine eigentümliche Aufgabe: Er muss erklären, wie seine Sprache die äußere Welt noch treffen kann, nachdem er jede Erfahrung, aus der sie ihren Bezug zu dieser Welt gewinnen könnte, für Täuschung erklärt hat.
