Mit Buster Keaton, Isabella Rossellini und der Weltpremiere von „Les Yeux verts“ hat am 5. August das 79. Locarno Film Festival begonnen. Bis zum 15. August werden 233 Filme gezeigt, darunter 103 Weltpremieren. Die Eröffnung machte bereits deutlich, was Locarno von vielen anderen großen Festivals unterscheidet: Hier begegnen sich Filmgeschichte, Autorenkino und ein erstaunlich großes Publikum, ohne dass das eine zur Dekoration des anderen wird.
Wenn es dunkel wird über Locarno und sich die Häuserfronten der Piazza Grande allmählich gegen den Nachthimmel abzeichnen, besitzt das Kino für einige Stunden wieder etwas von jener Öffentlichkeit, die ihm andernorts verloren gegangen ist. Keine Vorführung hinter verschlossenen Türen, kein ausschließliches Branchentreffen, sondern Tausende Menschen auf einem Platz mitten in der Stadt, vor ihnen eine Leinwand von gewaltigen Ausmaßen. Das 79. Locarno Film Festival, das am Mittwoch, 5. August 2026, eröffnet wurde und bis zum 15. August dauert, hält an diesem eigentümlichen Versprechen des Kinos fest: Film soll Kunst sein dürfen, aber er soll deshalb nicht aufhören, sich an ein Publikum zu wenden. Die Piazza Grande fasst bei den großen Abendvorstellungen bis zu rund 8.000 Zuschauer.
Schon die Zahlen der diesjährigen Ausgabe zeigen, welchen Rang Locarno inzwischen im internationalen Festivalbetrieb besitzt. Aus einer Rekordzahl von 7.759 Einreichungen wurden 233 Filme für elf Sektionen ausgewählt, 103 davon sind Weltpremieren. 17 Produktionen konkurrieren im Concorso Internazionale um den Goldenen Leoparden. Der künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro sprach bei der Programmvorstellung von einer Auswahl, die bewusst Überraschungen suche und sich den Problemen der Gegenwart stelle, ohne deshalb auf Erzählung und Unterhaltung verzichten zu wollen. Dieser Satz beschreibt Locarno tatsächlich genauer als die üblichen Formeln vom „Autorenkino“. Denn zwischen Experiment und großer Piazza-Vorstellung liegt hier kein eiserner Vorhang.
Hundert Jahre Buster Keaton zum Auftakt
Die Eröffnung begann nicht erst am Abend. Bereits um 15.30 Uhr wurde im Palexpo, dem FEVI, eine Tradition fortgesetzt, die viel über das Selbstverständnis dieses Festivals erzählt. Das Orchestra della Svizzera italiana begleitete Buster Keatons und Clyde Bruckmans Stummfilmklassiker „The General“ aus dem Jahr 1926. Philippe Béran dirigierte Carl Davis’ Filmmusik. Genau einhundert Jahre nach seiner Entstehung stand damit ein Werk am Anfang des Festivals, dessen Komik noch immer von einer geradezu mathematischen Präzision lebt.
Es war eine kluge Setzung. Bevor Locarno die neuen Filme des Jahres 2026 zeigte, erinnerte es daran, dass das Neue im Kino nie ohne das Alte auskommt. Keaton benötigt keine Aktualisierung, keinen Kommentar und keine nachträglich erfundene Bedeutung. Sein Film funktioniert, weil Bewegung, Raum, Rhythmus und Bildkomposition stimmen. Dass ein großes Sinfonieorchester dazu live spielt, verwandelt einen hundert Jahre alten Film nicht in ein Museumsstück. Das Gegenteil geschieht: Man sieht plötzlich wieder, wie modern diese alte Kunst sein kann.
Darauf gründet ein Teil der besonderen Stellung Locarnos. Das Festival wurde 1946 ins Leben gerufen. Acht Jahrzehnte später besteht sein Programm nicht nur aus möglichst vielen Premieren, sondern ebenso aus Restaurierungen, Retrospektiven und der Wiederbegegnung mit Werken, die längst Filmgeschichte geworden sind. In diesem Jahr tauchen deshalb auf der Piazza Grande neben neuen Produktionen auch David Lynchs „Wild at Heart“, Kevin Costners „Dances with Wolves“ und Martin Scorseses „Taxi Driver“ auf.
Isabella Rossellini und die Eröffnung auf der Piazza Grande
Am Abend gehörte die Piazza zunächst Isabella Rossellini. Die Schauspielerin, Regisseurin und frühere Modelikone erhielt den Excellence Award des Festivals. Locarno hatte die Ehrung bewusst auf den Eröffnungsabend gelegt. Rossellini steht wie kaum eine andere Schauspielerin für die Verbindung zwischen amerikanischem und europäischem Kino: Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini, international bekannt geworden als Model, schließlich Schauspielerin in Filmen von David Lynch und zahlreichen anderen Regisseuren, später selbst Filmemacherin.
Vor allem ihre Dorothy Vallens in David Lynchs „Blue Velvet“ von 1986 gehört längst zum Bildergedächtnis des modernen Kinos. Zuletzt war Rossellini in Alice Rohrwachers „La Chimera“ und in Edward Bergers „Conclave“ zu sehen; für „Conclave“ wurde sie für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Das Festival beschränkt seine Würdigung allerdings nicht auf die bekannte Schauspielerin. Auch Rossellinis eigene, vielfach spielerischen Arbeiten über Tierverhalten gehören zum Programm, darunter Teile der Reihe „Green Porno“.
Das passt zu Rossellini, deren Karriere sich nie sauber in eine einzige Kategorie fügen ließ. Das glamouröse Gesicht der Modeindustrie, Lynchs geheimnisvolle Nachtclubsängerin, Charakterdarstellerin, Regisseurin skurriler Kurzfilme und Beschäftigung mit Tierverhalten – all dies gehört zu derselben Biografie. Gerade deshalb ist sie eine plausible Figur für ein Festival, das seine Identität weniger aus großen roten Teppichen als aus dem Nebeneinander sehr unterschiedlicher Vorstellungen von Kino gewinnt.
„Les Yeux verts“: Ein Kind zwischen Wirklichkeit und Traum
Nach der Ehrung Rossellinis folgte um 21.30 Uhr auf der Piazza Grande die Weltpremiere des eigentlichen Eröffnungsfilms: „Les Yeux verts“ – „The Green Eyes“ – von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh. Es ist nach „Gagarine“ der zweite Langfilm des französischen Regieduos. Die französisch-belgisch-schwedische Produktion dauert 83 Minuten. Zu den Darstellern gehören Douae Butarbuch M’Zaouki, Sayyid El Alami und Anamaria Vartolomei.
Die Geschichte beginnt in den Landes im Südwesten Frankreichs. Die elfjährige Chaya lebt dort mit ihrer Familie in der Nähe des Atlantiks. Als die Familie von ihrer bevorstehenden Abschiebung erfährt, fällt Chayas älterer Bruder Nour in einen rätselhaften tiefen Schlaf. Chaya versucht, ihn zurückzuholen und dringt dabei immer weiter in seine Traumwelt ein. Der Film verbindet also ein sehr konkretes gesellschaftliches Thema – die existentielle Unsicherheit einer von Abschiebung bedrohten Familie – mit Elementen des Fantastischen.
Schon die Wahl dieses Films für die Piazza Grande ist bemerkenswert. Locarno hätte seine 79. Ausgabe ohne Weiteres mit einem prominenter besetzten, leichter vermarktbaren Titel eröffnen können. Stattdessen fiel die Entscheidung auf einen Film zweier noch vergleichsweise junger Regisseure, dessen Ausgangspunkt Migration, drohender Verlust des Zuhauses und die Reaktion eines Kindes auf eine kaum erträgliche Situation sind. Cineuropa beschrieb den Film bereits bei der Programmvorstellung entsprechend als Geschichte über eine Familie, deren Leben durch die drohende Ausweisung erschüttert wird.
Darin steckt durchaus eine programmatische Entscheidung. Nicht weil Locarno aus jedem Film eine politische Erklärung machen müsste. Gerade das wäre dem Kino selten zuträglich. Interessanter ist, dass „Les Yeux verts“ offenbar nicht bei der sozialpolitischen Situation stehen bleibt, sondern sie über die Wahrnehmung der Kinder und über den Traum in Bilder übersetzt. Das Kino beginnt dort, wo eine Nachricht, eine Statistik oder eine politische Parole nicht mehr ausreichen.
Locarno sucht nicht nur die großen Namen
Wer allein auf die prominenten Gäste schaut, könnte 2026 tatsächlich genügend Namen finden. Neben Rossellini werden unter anderem Darren Aronofsky, Virginie Efira, James Gray, Olivia Wilde und Rick Baker geehrt oder mit eigenen Filmen und Veranstaltungen vertreten sein. James Gray erhält am 9. August den Pardo alla Carriera und stellt „Paper Tiger“ mit Adam Driver, Miles Teller und Scarlett Johansson auf der Piazza Grande vor. Olivia Wilde bringt „The Invite“ mit Penélope Cruz, Edward Norton und Seth Rogen nach Locarno.
Aber das Programm besteht eben nicht aus einer Kette solcher Namen. Im Internationalen Wettbewerb stehen 17 Filme, darunter Arbeiten von Hong Sang-soo, Basil Da Cunha, Denis Côté und Ann Oren. Insgesamt stammen die 233 ausgewählten Filme aus bis zu 69 Produktions- und Koproduktionsländern. Der ungewöhnlich hohe Anteil an Weltpremieren zeigt zugleich, wie wichtig Locarno für Filme ist, deren internationale Laufbahn erst beginnt.
Auch das deutsche Kino ist auffällig stark vertreten. Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur beziehungsweise der „Welt“ laufen fünf deutsche Produktionen oder Koproduktionen im Internationalen Wettbewerb; insgesamt sind 20 Filme deutscher Herkunft oder Beteiligung im Festivalprogramm vertreten. Auf der Piazza Grande hatte am 7. August Felix Randaus „Ich ist ein Anderer“ Weltpremiere, ein deutsch-österreichisches Drama, das in den 1950er-Jahren spielt.
Diese Mischung erklärt, weshalb Locarno trotz des wachsenden internationalen Wettbewerbs zwischen Cannes, Venedig, Berlin und Toronto seine Bedeutung behalten hat. Es muss nicht bei jedem Film beweisen, dass gerade der nächste Oscar-Kandidat entdeckt wurde. Seine Stärke liegt vielmehr darin, große Namen und noch unbekannte Regisseure im selben Programm auftreten zu lassen, ohne vorab festzulegen, wer wichtiger ist.
Die politische Erinnerung gehört zum Programm
Dass Locarno dabei keineswegs unpolitisch sein will, zeigt besonders die diesjährige Retrospektive „Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist“, kuratiert von Ehsan Khoshbakht. Rund 50 Filme, Kurzfilme, Dokumentationen und historische Materialien beschäftigen sich mit Hollywood während der antikommunistischen Verfolgungen der späten 1940er- und 1950er-Jahre. Es geht um Filmschaffende, die auf schwarzen Listen landeten, unter Pseudonymen arbeiteten, ins Ausland gingen oder ihre Kollegen vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe belasteten.
Die Reihe greift unter anderem Arbeiten auf, die mit Dalton Trumbo, Joseph Losey und anderen Betroffenen dieser Zeit verbunden sind. Zugleich spart sie problematische Figuren wie Elia Kazan und Edward Dmytryk, die mit den Behörden kooperierten, nicht aus. Gerade dadurch wird aus der Retrospektive keine einfache Heldengeschichte. Sie erinnert vielmehr daran, welchen Preis politische Einschüchterung für eine Kultur haben kann und wie schnell aus ideologischer Verdächtigung berufliche Vernichtung wird.
Dass dieses Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte 2026 wieder gezeigt wird, ist keine antiquarische Übung. Filmgeschichte besteht eben nicht nur aus Meisterwerken und Stars, sondern auch aus den Bedingungen, unter denen Kunst entstehen konnte oder verhindert wurde. Locarno behandelt das Archiv deshalb nicht als Friedhof großer Namen. Es benutzt die Vergangenheit, um Fragen an die Gegenwart zu stellen.
Ein Festival gegen die Verkleinerung des Kinos
So fügte sich am Eröffnungstag vieles zusammen, was zunächst wenig miteinander zu tun zu haben scheint: ein Stummfilm aus dem Jahr 1926, live begleitet von einem Schweizer Orchester; eine Schauspielerin, die von David Lynch bis „Conclave“ sehr unterschiedliche Kapitel der Filmgeschichte miteinander verbindet; schließlich ein neuer französischer Film über zwei Kinder, Abschiebungsangst und einen rätselhaften Schlaf.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Eröffnung. Während längst darüber gestritten wird, ob das Kino angesichts von Streamingplattformen, kurzen digitalen Formaten und einer immer weiter zersplitternden Öffentlichkeit seine gesellschaftliche Bedeutung verliert, baut Locarno Abend für Abend mitten in einer Stadt einen riesigen Kinosaal auf. Man kann das nostalgisch finden. Tatsächlich ist es das Gegenteil. Hier wird nicht der Vergangenheit nachgetrauert, sondern ausprobiert, ob das gemeinsame Sehen noch funktioniert.
Die Antwort gibt zunächst die Piazza selbst. Tausende Menschen sitzen in einer Augustnacht nebeneinander und sehen für einige Stunden auf dasselbe Bild. Nicht jeder wird denselben Film mögen, nicht jeder wird dasselbe darin erkennen. Darauf kommt es auch nicht an. Öffentlichkeit beginnt gerade dort, wo unterschiedliche Menschen denselben Gegenstand betrachten und anschließend über ihn streiten können.
Locarno hat seine 79. Ausgabe deshalb auf eine Weise eröffnet, die zu diesem Festival passt. Nicht mit der Behauptung, das Kino müsse die Welt retten. Auch nicht mit dem Versuch, das Autorenkino durch möglichst viel Prominenz wichtiger erscheinen zu lassen, als es ohnehin ist. Sondern mit drei sehr verschiedenen Erinnerungen daran, was Film sein kann: Komik und handwerkliche Vollkommenheit bei Keaton, die Unberechenbarkeit einer großen Schauspielerin in Isabella Rossellini und schließlich ein neuer Film, der eine politische Realität durch die Augen von Kindern betrachtet.
Bis zum 15. August folgen 232 weitere Filme. Ob unter ihnen ein Werk ist, über das man in zehn oder zwanzig Jahren noch sprechen wird, weiß bei einer Festivaleröffnung niemand. Gerade deshalb fährt man nach Locarno. Nicht um das bereits Kanonisierte noch einmal bestätigt zu bekommen, sondern weil hier die Möglichkeit besteht, etwas zu sehen, dessen Geschichte noch gar nicht geschrieben ist.
