Locarno Filmfest geht zu Ende: Warum das Leoparden-Festival gerade wichtiger ist als der rote Teppich

Locarno-Filmfestival

Das 79. Filmfestival läuft seit dem 5. August. Monica Bellucci und Olivia Wilde sorgen für Schlagzeilen, doch der eigentliche Reiz Locarnos liegt in seiner alten Gegenidee zum bloßen Eventkino.

Der eigentliche Reiz Locarnos lautet deshalb: Ein Festival muss nicht zwischen Öffentlichkeit und Anspruch wählen. Die Piazza Grande ist spektakulär, aber sie ist kein Gegenargument gegen schwierige Filme. Sie zeigt vielmehr, dass Filmkultur dann funktioniert, wenn man dem Publikum zutraut, sich auf sehr unterschiedliche Formen einzulassen. Der Leopard ist ein Preis, die Piazza ein Bild, doch das eigentliche Kapital des Festivals ist Vertrauen – in Regisseure, in Filmgeschichte und in Zuschauer, die mehr wollen als den nächsten algorithmisch empfohlenen Titel. Von dieser Seitenbewegung führt eine direkte Linie zurück zum Ereignis, das dadurch erst seine kulturelle Tiefe gewinnt.

Die Piazza Grande und ein anderes Verständnis von Größe

Seit dem 5. August hat Locarno wieder jene eigentümliche Doppelgestalt angenommen, die das Festival seit Jahrzehnten prägt. Tagsüber wird in Sälen, Branchenforen und kleinen Gesprächsrunden über neue Filme verhandelt; abends verwandelt sich die Piazza Grande in eines der bekanntesten Freiluftkinos Europas. Dass ein Festival zugleich intime Autorenfilme und eine riesige öffentliche Leinwand zusammenbringt, ist kein Widerspruch, sondern sein Markenkern. Die offizielle Festivalankündigung für die 79. Ausgabe nennt mit Isabella Rossellini, James Gray und weiteren Gästen bewusst Persönlichkeiten, die zwischen Filmgeschichte, internationalem Autorenkino und populärer Sichtbarkeit stehen. Locarno will groß sein, ohne seine Größe mit bloßem Glamour zu verwechseln.

Gerade Monica Bellucci liefert dafür derzeit ein gutes Beispiel. Sie spielt in Giovanni Tortoricis „Ketticè“, einem von Luca Guadagnino mitproduzierten Film, eine Mutter, deren unterdrückte Wut und soziale Rolle zum Zentrum der Geschichte werden. In einem aktuellen Gespräch mit The Hollywood Reporter sprach Bellucci über diese Figur nicht als Starvehikel, sondern über Enge, Rollenerwartung und das allmähliche Zerreißen einer gesellschaftlichen Maske. Die Aufmerksamkeit entsteht durch ihren Namen, doch der Stoff führt sofort weg vom Prominentenbild und hinein in eine soziale Erzählung. Genau darin liegt die Locarno-Mechanik: bekannte Gesichter öffnen Türen für Filme, die sich einer einfachen Marktlogik entziehen.

Filmgeschichte ist in Locarno kein Museumsbetrieb

Zur Identität des Festivals gehört außerdem die Arbeit mit Filmgeschichte. Retrospektiven und restaurierte Kopien stehen nicht wie ehrwürdige Fremdkörper neben dem Wettbewerb, sondern kommentieren die Gegenwart. Wer ältere Hollywoodfilme, politische Konflikte der Filmindustrie oder vergessene Regiehandschriften auf die Leinwand zurückholt, erinnert daran, dass Filmgeschichte stets aus Entscheidungen besteht: Was wurde gezeigt, wer durfte arbeiten, welche Formen galten als vermittelbar, welche Stimmen verschwanden? In einer Zeit, in der digitale Plattformen ihre Kataloge nach ökonomischen Kriterien permanent umsortieren, bekommt diese kuratorische Arbeit eine neue Bedeutung.

Das Festival läuft, Interviews und Premieren produzieren täglich neue Nachrichten, und die großen Namen sind bereits da. Trotzdem lässt sich der Text über die übliche Star-Berichterstattung hinausführen. Bellucci liefert die soziale Figur, Wilde die Branchenfrage, die Piazza das ikonische Bild, die Retrospektiven den historischen Horizont. Wer Locarno nur als schweizerisches Sommerereignis behandelt, unterschätzt den Stoff. Hier wird gerade im Kleinen verhandelt, wie das internationale Kino in den kommenden Jahren aussehen könnte.

Der Kampf um das Kino findet nicht nur auf der Leinwand statt

Noch deutlicher wurde das am 8. August durch Olivia Wilde. Sie erklärte in Locarno, sie habe dafür kämpfen müssen, dass „The Invite“ einen regulären Kinostart erhält. Unternehmen hätten, so ihre pointierte Darstellung im Hollywood Reporter, finanzielle Anreize geboten, auf eine klassische Kinoauswertung zu verzichten. Hinter der zugespitzten Formulierung steckt eine reale Strukturveränderung. Streamingplattformen haben die Verwertungskette verändert, Studios kalkulieren anders, und für Filme mittlerer Größenordnung ist der Weg ins Kino nicht mehr selbstverständlich. Ein Festival wie Locarno wird dadurch vom Schaufenster zum Verhandlungsort darüber, was Kino überhaupt noch heißen soll.

Interessant wird es dort, wo Locarno historisch nie nur der Ort des bereits abgesicherten Erfolgs war. Das Festival machte früh Regisseure sichtbar, die später zum Kanon gehörten, und hielt an Formen fest, die nicht für den schnellen Konsum gebaut sind. Diese Tradition schützt es nicht vor den Veränderungen der Branche; sie macht die Veränderungen vielmehr sichtbarer. Wo ein Festival nicht nur Franchise-Titel und globale Marketingkampagnen präsentiert, fällt stärker auf, was verloren geht, wenn Filme ohne Kinophase direkt in digitale Kataloge rutschen und dort nach wenigen Tagen von der nächsten Neuheit überlagert werden.

Locarno und die Ökonomie der Entdeckung

Festivals wie Locarno erfüllen außerdem eine Funktion, die in der Debatte über Streaming leicht übersehen wird: Sie verteilen Aufmerksamkeit, bevor der Markt entschieden hat. Ein Film ohne bekannten Star kann durch einen starken Festivalstart Kritiker, Verleiher und internationale Käufer erreichen. Diese Entdeckungsfunktion ist ökonomisch nicht romantisch, sondern sehr konkret. Sichtbarkeit entscheidet darüber, ob ein Werk weitere Festivals, Kinostarts und Vertriebswege findet. Locarno kann einen kleinen Film nicht automatisch zum Erfolg machen, aber es kann ihm jene erste gemeinsame Öffentlichkeit geben, die in digitalen Katalogen oft fehlt.

Eben deshalb darf man den Gegensatz zwischen Kunst und Markt nicht zu bequem zeichnen. Auch ein Autorenfestival arbeitet mit Preisen, Verkäufen, Presse und Namen. Der Unterschied liegt eher darin, welche Art von Risiko eine Institution zulässt. Locarno versucht, Aufmerksamkeit nicht ausschließlich dort zu investieren, wo sie bereits garantiert ist. Das Festival lebt davon, dass der nächste wichtige Regisseur noch keinen internationalen Namen besitzt. Diese Haltung macht seine tägliche Nachrichtenlage interessanter als reine Prominenzberichterstattung: Hinter jedem roten Teppich steht die Frage, welcher unbekannte Film nach elf Tagen mit einem größeren Publikum abreist.  Der kulturelle Gewinn liegt deshalb nicht im Termin, sondern in seinem Nachleben.