Locarno eröffnet unter freiem Himmel: Isabella Rossellini, Buster Keaton und ein Flüchtlingsdrama auf der Piazza Grande

Locarno-Filmfestival

Das 79. Locarno Film Festival hat am 5. August 2026 begonnen. Der Eröffnungstag verband einen hundert Jahre alten Buster-Keaton-Film mit Live-Orchester, die Ehrung Isabella Rossellinis und die Weltpremiere von „Les Yeux verts“. Hinter der festlichen Kulisse steht ein Programm mit 233 Filmen, 103 Weltpremieren und einem Wettbewerb, der bewusst zwischen bekannten Namen und neuen Stimmen vermittelt.

Locarno, 5. August 2026. Am Nachmittag gehörte die erste große Vorstellung einem Film, der älter ist als das Festival selbst. Am Abend füllte sich die Piazza Grande mit den Gästen der Eröffnung, Isabella Rossellini nahm den Excellence Award entgegen, danach lief mit „Les Yeux verts“ die Weltpremiere des neuen Films von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh. So begann die 79. Ausgabe des Locarno Film Festival nicht mit einem einzigen repräsentativen Termin, sondern mit drei sehr verschiedenen Blicken auf das Kino: auf seine Geschichte, auf eine große Schauspielkarriere und auf einen neuen Film, der die drohende Abschiebung einer Familie aus der Perspektive eines Kindes erzählt.

Das Festival dauert bis zum 15. August. Für Locarno ist die Piazza Grande dabei weit mehr als eine Kulisse für Premieren. Die Stadt bezeichnet die abendlichen Vorführungen selbst als Herzstück der Festspiele; der historische Platz wird für elf Tage zum großen Freiluftkino. Gerade diese Verbindung von öffentlichem Stadtraum und internationalem Festivalbetrieb hat Locarno eine Stellung gegeben, die sich von den abgeschirmteren Premierenwelten anderer großer Filmfeste unterscheidet. Die Stars sind sichtbar, aber die Zuschauer auf dem Platz bleiben Teil des Ereignisses.

Buster Keaton zum Auftakt

Der offizielle Eröffnungstag begann um 15.30 Uhr im Palexpo FEVI mit „The General“ von Buster Keaton und Clyde Bruckman aus dem Jahr 1926. Das Orchestra della Svizzera italiana spielte Carl Davis’ 1987 entstandene Filmmusik live, dirigiert von Philippe Béran. Der Termin war zugleich eine Hundertjahrfeier für einen der berühmtesten Filme Keatons. Das Orchester und das Festival hatten den Cine-Concert ausdrücklich als Eröffnungskonzert angekündigt.

„The General“ erzählt die Geschichte des Lokomotivführers Johnnie Gray, der während des amerikanischen Bürgerkriegs seiner entführten Lokomotive und der von Marion Mack gespielten Annabelle Lee folgt. Der Film gilt heute vor allem wegen seiner präzisen Inszenierung von Bewegung, Tempo und Stunts als Schlüsselwerk der Stummfilmkomödie. Locarnos künstlerischer Leiter Giona A. Nazzaro hob im Vorfeld hervor, wie stark Keatons Arbeit nicht nur die Filmkomödie, sondern auch das spätere Actionkino geprägt habe. Für die Eröffnung war diese Wahl ungewöhnlich unaufdringlich: Kein neuer Prestige-Titel stand am Anfang, sondern ein Film von 1926, der in einer Live-Aufführung wieder zum gegenwärtigen Kinoereignis wurde.

Isabella Rossellini auf der Piazza Grande

Am Abend rückte Isabella Rossellini ins Zentrum. Das Festival zeichnete die italienisch-amerikanische Schauspielerin, Regisseurin und frühere Modelikone mit dem Excellence Award aus. Die Ehrung war bereits im Mai angekündigt worden und ausdrücklich für den Eröffnungsabend auf der Piazza Grande vorgesehen. Rossellini gehört zu jenen Filmfiguren, bei denen sich europäische und amerikanische Kinogeschichte kaum trennen lassen. Ihre Eltern waren Ingrid Bergman und Roberto Rossellini; sie selbst wurde zunächst als Model international bekannt und prägte später mit ihrer Darstellung der Dorothy Vallens in David Lynchs „Blue Velvet“ von 1986 eines der verstörendsten Frauenporträts des amerikanischen Kinos der achtziger Jahre.

Zu ihren jüngeren Arbeiten gehören Alice Rohrwachers „La Chimera“ und Edward Bergers „Conclave“. Für „Conclave“ erhielt Rossellini eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin. Locarno würdigte allerdings nicht nur die Schauspielerin. Zum Programm der Ehrung gehören auch eigene Arbeiten Rossellinis, darunter Folgen ihrer Webserie „Green Porno“, in der sie mit bewusst komischen Mitteln tierisches Paarungsverhalten darstellt. Das Festival verband die Preisverleihung damit mit einem weniger bekannten Teil ihrer Arbeit, der Film, Naturbeobachtung und Selbstironie zusammenführt.

Der Ort besitzt für den Namen Rossellini eine zusätzliche historische Bedeutung. Roberto Rossellinis „Deutschland im Jahre Null“ wurde 1948 in Locarno uraufgeführt und gewann dort den damaligen Grand Prix. Dabei handelt es sich nicht um denselben Preis, den Isabella Rossellini 2026 erhielt. Die Verbindung liegt vielmehr in der Festivalgeschichte selbst. Fast acht Jahrzehnte nach dem Erfolg des Vaters stand die Tochter auf derselben Piazza im Mittelpunkt des Eröffnungsabends.

„Les Yeux verts“ und die Angst vor der Abschiebung

Nach der Preisverleihung folgte die Weltpremiere von „Les Yeux verts“, international unter dem Titel „The Green Eyes“ geführt. Fanny Liatard und Jérémy Trouilh, die zuvor gemeinsam „Gagarine“ inszeniert hatten, erzählen von der elfjährigen Chaya, die mit ihrer Familie in den Landes nahe dem Atlantik lebt. Als die Familie von ihrer bevorstehenden Ausweisung erfährt, fällt Chayas älterer Bruder Nour in einen tiefen, rätselhaften Schlaf. Chaya versucht, ihn zurückzuholen, und dringt im Verlauf der Geschichte immer weiter in seine Traumwelt ein.

Der französische Produzent und Verleiher Haut et Court gibt eine Laufzeit von 83 Minuten an. In den Hauptrollen sind Douae Butarbuch M’Zaouki, Sayyid El Alami und Anamaria Vartolomei zu sehen. Die Produktion entstand in Frankreich, Belgien und Schweden. France Télévisions beschrieb den Zustand Nours bereits während der Dreharbeiten ausdrücklich als Resignationssyndrom. Der Begriff bezeichnet ein schweres Rückzugs- und Starresyndrom, das insbesondere im Zusammenhang mit traumatisierten geflüchteten Kindern bekannt wurde. Der Film übersetzt diesen realen Hintergrund nicht in ein sozialrealistisches Protokoll, sondern verbindet ihn mit der subjektiven Wahrnehmung des Kindes und mit Traumbildern.

Dass Locarno diesen Film auf die Piazza Grande setzte, war eine deutliche programmatische Entscheidung. Der Eröffnungsfilm besitzt zwar eine fantastische Ebene, sein Ausgangspunkt ist jedoch konkret: eine Familie lebt mit der Nachricht, dass sie gehen muss. Die politische Situation wird nicht über Politiker, Behörden oder Debatten erklärt, sondern über die Folgen, die sie im Leben zweier Kinder auslöst. Gerade darin unterscheidet sich „Les Yeux verts“ von vielen Filmen, die Migration zuerst als gesellschaftliches Thema markieren und ihre Figuren erst danach entwickeln.

233 Filme, 103 Weltpremieren

Hinter dem Eröffnungsabend steht ein ungewöhnlich großes Programm. Nach Angaben des Festivals und von German Films wurden für die Ausgabe 2026 insgesamt 7.759 Filme eingereicht. 233 Arbeiten schafften es in die Auswahl, 103 davon sind Weltpremieren. Die Produktionen und Koproduktionen stammen aus 69 Ländern. Im Concorso Internazionale konkurrieren 17 Langfilme um den Goldenen Leoparden. Die Zahl der Einreichungen lag nach Festivalangaben rund 22 Prozent über der des Vorjahres.

Die Statistik erklärt nicht, wie ein Festival aussieht, sie zeigt aber, welche Auswahlleistung dahintersteht. Locarno setzt seit Jahren darauf, etablierte Regisseure nicht von Entdeckungen zu trennen. 2026 findet sich im Wettbewerb unter anderem ein neuer Film von Hong Sang-soo; zugleich laufen Arbeiten von Regisseuren, die außerhalb der internationalen Festivalszene noch wenig bekannt sind. Le Monde beschrieb diese Mischung zum Auftakt als einen der Unterschiede zu Cannes oder Venedig: Prominenz ist in Locarno vorhanden, aber sie besetzt nicht automatisch den Wettbewerb.

Auch die Piazza Grande folgt diesem Prinzip. Neben „Les Yeux verts“ stehen dort in diesem Jahr unter anderem James Grays „Paper Tiger“ mit Adam Driver und Scarlett Johansson, Olivia Wildes „The Invite“ mit Penélope Cruz und Edward Norton sowie die Abschlusskomödie „Ni vue, ni connue“ von Marc Fitoussi mit Isabelle Huppert und Sandrine Kiberlain. Hinzu kommen Restaurierungen und Wiederaufführungen. Das Freiluftprogramm ist damit nicht einfach die publikumsfreundliche Nebenbühne des Festivals, sondern ein eigener Querschnitt durch unterschiedliche Vorstellungen von Kino.

Die Blacklist als historische Gegenwart

Zum Profil der 79. Ausgabe gehört außerdem die Retrospektive „Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist“. Kuratiert wird sie von Ehsan Khoshbakht, in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und mit Unterstützung des UCLA Film & Television Archive. Die Reihe beschäftigt sich mit der antikommunistischen Verfolgung in der amerikanischen Filmindustrie, mit schwarzen Listen, Berufsverboten, Pseudonymen und Exil. Gezeigt werden Spiel- und Dokumentarfilme, Wochenschauen und Kurzfilme aus mehreren Ländern.

Das Thema ist historisch klar umrissen, die Festivalmacher stellen zugleich einen Gegenwartsbezug her. In der offiziellen Ankündigung wird die Blacklist als Epoche beschrieben, deren Angriffe auf freie Rede und künstlerische Freiheit heute erneut eine beunruhigende Aktualität besitzen. Die Retrospektive führt deshalb nicht von der Gegenwart weg, sondern stellt neben das neue Kino des Jahres 2026 eine Erinnerung daran, unter welchen politischen Bedingungen Filme entstehen, verhindert oder erst verspätet sichtbar werden können.

Ein Eröffnungsabend ohne ein einziges Zentrum

Der erste Festivaltag hatte dadurch keine einfache Dramaturgie. Am Nachmittag ein Stummfilm mit Orchester, am Abend die Ehrung einer Schauspielerin, deren Biografie von Roberto Rossellini und Ingrid Bergman über David Lynch bis zu Edward Berger reicht, anschließend ein neuer Film über Kinder, Abschiebung und einen rätselhaften Schlaf. Man musste daraus keine künstliche Klammer bauen. Gerade die Unterschiede zeigten, was Locarno in seiner besten Form ausmacht.

Das Festival versteht Filmgeschichte nicht als Vorspiel zum eigentlichen Programm und neue Filme nicht automatisch als Fortschritt gegenüber dem Alten. „The General“ stand am 5. August neben „Les Yeux verts“, ohne dass das eine das andere erklären musste. Isabella Rossellinis Ehrung lag dazwischen und erinnerte daran, dass eine Filmkarriere ebenfalls aus Brüchen, Umwegen und sehr verschiedenen Arbeitsformen bestehen kann.

Bis zum 15. August wird sich zeigen, welche der 233 Arbeiten über das Festival hinaus Bestand haben. Am Eröffnungsabend ging es zunächst um eine einfachere Erfahrung, die Locarno seit Jahrzehnten prägt: Kino wird hier nicht nur vorgeführt, es wird öffentlich. Auf der Piazza Grande sitzen Tausende Menschen vor derselben Leinwand, während wenige Straßen weiter Wettbewerbsfilme laufen, die oft erst am Anfang ihrer internationalen Geschichte stehen. Zwischen diesen beiden Polen liegt der eigentliche Reiz des Festivals.