Deutschland spricht wieder über Verteidigungsfähigkeit, als sei das Wort selbst schon ein Stück Sicherheit. Milliarden für die Bundeswehr, neue Beschaffungsprogramme, mehr Personal, eine andere strategische Sprache. Gleichzeitig liegt unter vielen Städten eine Infrastruktur, die aus einer vergangenen Epoche stammt, deren Zustand niemand beschönigen kann. Die Süddeutsche Zeitung hat im Mai darauf hingewiesen, dass die wenigen noch erfassten öffentlichen Schutzräume vielfach nicht einsatzbereit sind. Ein Land kann modernste Waffensysteme kaufen und dennoch erstaunlich unvorbereitet sein, wenn es um den Schutz der eigenen Bevölkerung geht.
Das ist mehr als eine technische Lücke. Im Zivilschutz zeigt sich, ob ein Staat seine Bürger nur als Steuerzahler und Wähler begreift oder als Menschen, für deren elementare Sicherheit er Verantwortung trägt. Im Frieden fällt das kaum auf. Im Ernstfall wäre es die erste Frage. Wo kann eine Familie hin, wenn Warn-Apps ausfallen, Strom und Mobilfunk unterbrochen sind und die nächste sichere Unterbringung nicht einmal bekannt ist?
Die vergessene zweite Hälfte der Verteidigung
In Deutschland existieren nach Angaben, die in der aktuellen Berichterstattung immer wieder genannt werden, noch 579 öffentliche Schutzräume mit Platz für knapp eine halbe Million Menschen. WELT beschrieb diese Lage im Frühjahr als „Bunkerproblem“ und verwies auf den jahrelangen Rückbau der Zivilschutzstrukturen. Für ein Land mit mehr als 80 Millionen Einwohnern ist die Größenordnung selbst dann ernüchternd, wenn niemand ernsthaft behauptet, für jeden Bürger müsse dauerhaft ein klassischer Bunkerplatz bereitstehen. Das Problem ist weniger die nackte Zahl als die fehlende belastbare Alternative.
Die Bundesrepublik hatte sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, dass größere Angriffe auf ihr Territorium politisch kaum vorstellbar waren. Diese Annahme beeinflusste Haushalte, Bauvorschriften und Katastrophenschutz. Schutzräume wurden entwidmet, Vorräte abgebaut, Zuständigkeiten zersplittert. Jetzt soll in wenigen Jahren nachgeholt werden, was über lange Zeit als Anachronismus galt. Der Tagesspiegel berichtete über Pläne für neue Technik, mehr Ausstattung und zusätzliche Schutzmöglichkeiten im Rahmen eines milliardenschweren Pakts. Das ist richtig, aber es ist der Beginn einer Arbeit, nicht ihr Abschluss.
Verteidigung ist eine politische Kategorie, Zivilschutz eine praktische. Er fragt nicht nach Sonntagsreden, sondern nach Sirenen, Notstrom, Wasser, Funk, medizinischer Versorgung und belastbaren Räumen. Gerade hier ist das deutsche Staatsverständnis häufig eigentümlich abstrakt. Man erlässt Strategiepapiere, während die konkrete Infrastruktur in Kommunen, Krankenhäusern und Wohngebieten auf Entscheidungen wartet. Sicherheit entsteht aber nicht im Papier, sondern in der Fähigkeit, einen Schock auszuhalten.
Die Lücke zwischen militärischer und ziviler Vorsorge ist auch eine Frage politischer Sprache. Seit Jahren wird über Resilienz gesprochen, doch der Begriff bleibt oft so abstrakt, dass niemand weiß, welche konkrete Verpflichtung daraus folgt. Ein Schutzraum, eine Notstromversorgung oder ein funktionierendes Warnsystem haben dagegen etwas Unbequem-Konkretes. Sie kosten Geld, brauchen Zuständigkeiten und müssen gewartet werden. Genau darin liegt ihr Wert. Sicherheit entsteht nicht durch die Zahl der Strategiepapiere, sondern durch Einrichtungen, die in einer schlechten Stunde tatsächlich funktionieren. Wer der Bevölkerung Eigenvorsorge empfiehlt, muss deshalb auch sagen können, welchen Teil der Vorsorge der Staat selbst übernommen hat.
Vorsorge ist keine Panikmache
Die Wiederentdeckung des Zivilschutzes erzeugt schnell den Einwand, der Staat dürfe die Bevölkerung nicht verängstigen. Das Argument unterschätzt erwachsene Bürger. Wer Feuerlöscher in ein Gebäude hängt, rechnet nicht mit einem Brand. Wer Rücklagen bildet, erwartet nicht den Bankrott. Vorsorge ist gerade das Gegenteil von Hysterie, weil sie Ungewissheit in Handlungsmöglichkeiten übersetzt.
n-tv berichtete im Mai über das geplante Zehn-Milliarden-Euro-Paket und zugleich über das massive Defizit an Schutzräumen. Die Summe klingt groß, doch der entscheidende Maßstab ist nicht die Zahl im Bundeshaushalt. Wichtig ist, was vor Ort ankommt. Kommunen müssen wissen, welche Gebäude sich kurzfristig ertüchtigen lassen, welche Tiefgaragen oder U-Bahn-Bereiche geeignet wären, wie Notstrom gesichert wird und wer im Krisenfall tatsächlich Verantwortung übernimmt. Ohne solche Antworten bleibt der Begriff Resilienz ein Wort aus Konferenzen.
Berlin zeigt die Absurdität besonders deutlich. Der Tagesspiegel meldete, dass ein Verein zwei Schutzräume plant, während öffentliche Bunkerkapazitäten in der Hauptstadt praktisch nicht vorhanden sind. In einer Metropole mit Millionen Einwohnern darf staatliche Schutzvorsorge nicht von privaten Initiativen abhängen. Dass Bürger sich engagieren, ist erfreulich. Dass sie eine Leerstelle füllen müssen, ist es nicht.
Hinzu kommt der kommunale Blick. Im Ernstfall entscheidet nicht zuerst ein Ministerium in Berlin, sondern die Frage, ob vor Ort Krankenhäuser weiterarbeiten, Trinkwasser verteilt, Pflegebedürftige erreicht und Informationen auch ohne Mobilfunk verbreitet werden können. Dafür braucht es keine Rückkehr in die Bunkermentalität des Kalten Krieges. Es braucht eine nüchterne Bestandsaufnahme der Infrastruktur. Gerade weil die Bedrohungslagen heute vielfältiger sind – Sabotage, Cyberangriffe, Stromausfälle, Extremwetter oder militärische Gewalt –, ist ein Zivilschutz sinnvoll, der nicht auf ein einziges Szenario zugeschnitten ist.
Der Staat muss im Ernstfall sichtbar sein
Ein moderner Staat rechtfertigt Eingriffe, Steuern und Pflichten mit dem Versprechen, öffentliche Güter bereitzustellen, die der Einzelne nicht allein organisieren kann. Innere und äußere Sicherheit gehören zu diesen Gütern. Deshalb ist Zivilschutz kein Nebenthema für Spezialisten, sondern ein Prüfstein politischer Glaubwürdigkeit. Wer in Krisen Loyalität und Besonnenheit der Bevölkerung erwartet, muss vorher gezeigt haben, dass er selbst vorgesorgt hat.
Der Stern berichtete über die Forderung, Schutzräume in den Ländern erneut systematisch zu prüfen. Das ist ein vernünftiger Anfang. Nötig wäre darüber hinaus ein transparenter, kommunal heruntergebrochener Plan: verfügbare Räume, erreichbare Kapazitäten, Mindeststandards, Finanzierung, Übungen. Die Bevölkerung sollte wissen, was existiert und was nicht. Geheimhaltung schützt vor einem Gegner; Unklarheit schützt niemanden.
Der alte Zivilschutz ließ sich nicht einfach konservieren, weil Städte, Bedrohungen und Technik sich verändert haben. Aber aus dem Fehler des Abbaus darf kein zweiter Fehler werden, nämlich die Illusion, ein paar renovierte Bunker würden genügen. Das Ziel muss eine belastbare zivile Infrastruktur sein, die auch bei Stromausfällen, Sabotage, Naturkatastrophen oder militärischen Bedrohungen funktioniert. Verteidigungsfähigkeit beginnt nicht an der Kasernentür. Sie beginnt dort, wo der Staat im entscheidenden Augenblick für seine Bürger noch erreichbar ist.
Eine Demokratie darf zudem nicht erst in der Krise damit beginnen, Vertrauen einzufordern. Vertrauen wächst vorher, in der Erfahrung, dass Behörden Risiken benennen, Mängel nicht beschönigen und Verbesserungen sichtbar umsetzen. Die genannten wenigen hundert Schutzräume sind deshalb mehr als eine Zahl. Sie erinnern daran, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen. Niemand erwartet Vollschutz für jeden denkbaren Angriff. Wohl aber darf der Bürger erwarten, dass der Staat Prioritäten setzt, statt Verwundbarkeit mit beruhigenden Formeln zu verwalten. Zivilschutz ist die unspektakuläre Seite der Landesverteidigung – und gerade deshalb eine der glaubwürdigsten.
