Eine neue Studie beziffert Millionen deutsche Arbeitsplätze, die an EU-Exporten hängen. Der Binnenmarkt ist damit weniger Idealprojekt als wirtschaftliche Lebensversicherung.
Sieben Millionen Arbeitsplätze sind kein Brüsseler Detail
Europapolitik wird in Deutschland gern an Symbolen verhandelt: an Verordnungen, Gipfeln, Streit über Zuständigkeiten. Eine neue Studie rückt die Debatte auf eine sehr handfeste Ebene. Nach Berechnungen von Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hängen rund 7,2 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland an Exporten in andere EU-Staaten. Die Tagesschau führt an eine damit verbundene Bruttowertschöpfung von rund 550 Milliarden Euro.
Man sollte solche Modellrechnungen nicht wie exakte Beschäftigtenlisten lesen. Sie zeigen Abhängigkeiten in Lieferketten und Nachfragebeziehungen. Ihre Größenordnung ist trotzdem aufschlussreich. Der europäische Binnenmarkt ist für Deutschland kein politisches Zusatzprojekt neben der eigentlichen Wirtschaft. Er ist ein Kernbestandteil dieser Wirtschaft.
Das wird besonders sichtbar, weil andere Märkte unsicherer werden. Die deutschen Ausfuhren in die USA gingen im ersten Halbjahr zurück, während Frankreich und die Niederlande zulegten. Gleichzeitig haben die deutschen Exporte insgesamt zuletzt wieder an Fahrt gewonnen. Die Tagesschau meldete im August einen Rekordwert für Juni. In einer Welt wachsender Zölle ist Nähe plötzlich wieder ein Wettbewerbsvorteil.
Der Binnenmarkt ist noch immer unfertig
Die paradoxe Lage Europas besteht darin, dass Unternehmen zwischen München und Mailand oder Hamburg und Rotterdam theoretisch in einem gemeinsamen Markt arbeiten, praktisch aber weiterhin auf nationale Regeln, unterschiedliche Standards und bürokratische Hürden treffen. Gerade Dienstleistungen, digitale Produkte und Kapitalmärkte sind weit weniger integriert als der Warenhandel.
Für eine exportstarke Volkswirtschaft wie Deutschland ist das teuer. Jeder zusätzliche Nachweis, jede nationale Sonderregel und jede unterschiedliche Genehmigung erhöht Kosten, die ein großer Konzern vielleicht verkraftet, ein Mittelständler aber nicht. Der Binnenmarkt wird dadurch unmerklich kleiner, obwohl die Grenzen offen bleiben.
Hinzu kommt ein politischer Punkt. Europa spricht gern von strategischer Autonomie. Diese beginnt nicht mit einem neuen Fördertopf, sondern mit einem Markt, der groß genug ist, damit Unternehmen skalieren können. Amerikanische und chinesische Firmen wachsen häufig in riesigen Heimatmärkten, bevor sie international expandieren. Europäische Unternehmen stoßen dagegen schon innerhalb der EU auf regulatorische Brüche.
Die jüngsten PMI-Daten zeigen, dass die Eurozone im August schneller wächst als in den Vormonaten. Reuters meldet die stärkste Zunahme neuer Aufträge seit mehr als drei Jahren. Solche Phasen wären der richtige Zeitpunkt, um die Integration zu vertiefen, statt erst in der nächsten Krise hektisch Programme zu entwerfen.
Der größte ungenutzte Markt liegt vor der Haustür
Der Binnenmarkt ist beim Warenhandel weit fortgeschritten, bei Dienstleistungen, Kapital und digitalen Angeboten aber erstaunlich löchrig. Gerade dort entstehen viele neue Geschäftsmodelle. Ein Softwareunternehmen, eine Versicherung oder ein Ingenieurbüro stößt in 27 Staaten weiterhin auf unterschiedliche Zulassungen, Steuerregeln und nationale Sonderwege. Für große Konzerne ist das lästig. Für kleinere Firmen kann es der Grund sein, gar nicht erst über die Grenze zu gehen.
Die aktuelle Konjunktur liefert dafür einen günstigen Moment. In der Eurozone erreichte das Wachstum der Geschäftstätigkeit im August den höchsten Stand seit Monaten; Reuters meldete zugleich die stärkste Zunahme neuer Aufträge seit mehr als drei Jahren. Deutschland profitiert davon unmittelbar. Die Tagesschau errechnete jüngst, wie viele deutsche Arbeitsplätze an EU-Exporten hängen, und ihr Konjunkturüberblick zeigt, dass Europas Nachfrage für deutsche Firmen wichtiger wird, wenn andere Absatzmärkte unsicherer werden.
Wer strategische Autonomie ernst meint, muss deshalb nicht nur über Chips, Batterien und Rüstung reden. Ein tieferer Kapitalmarkt würde europäischen Firmen erlauben, Wachstum stärker in Europa zu finanzieren. Einheitlichere digitale Regeln könnten verhindern, dass ein Unternehmen zuerst in die USA geht, weil der Heimatmarkt regulatorisch zersplittert ist. Europas Stärke ist seine Größe. Sie nützt nur, wenn Unternehmen diese Größe praktisch nutzen können. Der Binnenmarkt ist damit vielleicht das unspektakulärste große Reformprojekt der EU – und eines der wichtigsten.
Europa muss wirtschaftlich weniger romantisch werden
Der Binnenmarkt braucht keine neue Erzählung, sondern praktische Arbeit. Anerkennung von Berufsqualifikationen, digitale Unternehmensgründungen, grenzüberschreitende Finanzierung, einheitlichere Regeln bei Dienstleistungen und weniger nationale Zusatzauflagen wären keine spektakulären Gipfelbeschlüsse. Sie könnten aber mehr bewirken als manche Milliardeninitiative.
Deutschland hat dabei ein eigenes Interesse. Wer sieben Millionen Arbeitsplätze mit europäischer Nachfrage verbindet, sollte europäische Handelspolitik nicht als Brüsseler Außenpolitik behandeln. Wenn ein Nachbarstaat schwächer wächst, betrifft das deutsche Auftragsbücher. Wenn Grenzen durch Kontrollen langsamer werden, betrifft das Lieferzeiten. Wenn nationale Subventionen Unternehmen gegeneinander ausspielen, zerfällt der gemeinsame Markt von innen.
Natürlich darf Europa nicht jede Regulierung im Namen der Wettbewerbsfähigkeit abschaffen. Ein Binnenmarkt braucht gemeinsame Regeln auch deshalb, weil sonst 27 nationale Systeme entstehen. Der Maßstab sollte aber sein, ob Regeln ein gemeinsames Spielfeld schaffen oder zusätzliche Bürokratie stapeln.
Die politische Debatte über Europa wird schnell pathetisch. Frieden, Werte, Souveränität, Weltmachtfähigkeit. Alles berechtigte Themen. Manchmal hilft eine nüchterne Zahl mehr. 7,2 Millionen Arbeitsplätze erinnern daran, dass europäische Integration in Deutschland jeden Morgen in Fabriken, Logistikzentren und Büros beginnt. Wer den Binnenmarkt stärkt, betreibt keine Fernpolitik. Er sichert den eigenen Standort.
