China ist Partner, Konkurrent und Problem zugleich

Chinafahne, Quelle: jorono, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Deutschlands Wirtschaftsbeziehung zu China kippt. Exporte sinken, das Handelsdefizit wächst, die Industrie verlangt Schutz vor Subventionen. Eine vernünftige Antwort liegt weder in alter Naivität noch in wirtschaftlicher Abschottung.

China war für die deutsche Wirtschaft lange zugleich Absatzmarkt, Produktionsstandort und Hoffnung auf stetig wachsenden Handel. Dieses Modell trägt nicht mehr. Der deutsche Handelsüberschuss ist einem großen Defizit gewichen; deutsche Exporte verlieren an Bedeutung, während chinesische Produkte in Europa immer stärker konkurrieren. Am 28. August berichtete Reuters, deutsche Industrieverbände drängten Kanzler Friedrich Merz zu einer härteren Linie gegen chinesische Subventionen und unfaire Wettbewerbsbedingungen. Die WELT spricht bereits von einer möglichen China-Wende der deutschen Industrie. Die Tagesschau zeigt, wie stark sich das Handelsverhältnis verschoben hat; das Handelsblatt dokumentierte Merz‘ Hinweis, die Industrie habe ihre Haltung zu China erkennbar verändert.

Eine Beziehung verändert ihre Richtung

Die Zahlen erklären den neuen Ton. Bereits Anfang August meldete Reuters, dass deutsche Ausfuhren nach China im ersten Halbjahr um mehr als zwölf Prozent sanken, während die Importe aus China deutlich zunahmen. Das Handelsdefizit lag demnach bei rund 55 Milliarden Euro. China ist weiterhin ein zentraler Handelspartner, aber die alte Vorstellung, deutsche Industrie könne dauerhaft hochwertige Maschinen und Autos in einen wachsenden chinesischen Markt liefern, wird durch chinesische Eigenproduktion verdrängt.

Das ist zunächst kein moralisches Problem. Ein Land darf seine Industrie entwickeln. Politisch wird es dort heikel, wo massive staatliche Förderung, Marktzugang und regulatorische Vorteile den Wettbewerb verzerren. Deutsche Unternehmen verlangen deshalb schnellere europäische Anti-Dumping- und Anti-Subventionsmaßnahmen. Manche fordern lokale Wertschöpfungsquoten.

Der Reflex, daraus einen Wirtschaftskrieg zu machen, wäre dennoch gefährlich. Deutschland ist in Lieferketten und Absatzmärkten tief mit China verbunden. Eine abrupte Entkopplung würde Unternehmen und Verbraucher treffen und könnte Gegenmaßnahmen provozieren. Eine Politik, die nur Härte demonstriert, wäre so naiv wie die frühere Politik, die wirtschaftliche Verflechtung mit politischer Verlässlichkeit verwechselte.

China selbst ist verletzlicher geworden

Die Lage ist komplizierter, weil auch China ökonomisch nicht aus einer Position ungebrochener Stärke agiert. Reuters erwartet für August erneut eine Kontraktion der offiziellen Industrieaktivität. Der Immobiliensektor bleibt eine Schwachstelle; eine weitere Reuters-Umfrage sieht die Investitionen in Immobilien 2026 deutlich sinken und die Hauspreise weiter unter Druck. Reuters beschreibt einen langwierigen Anpassungsprozess.

Das gibt Europa keinen Anlass zur Schadenfreude. Eine schwächere chinesische Nachfrage trifft deutsche Exporte. Gleichzeitig kann Überkapazität den Druck auf europäische Märkte erhöhen, wenn Hersteller stärker ins Ausland verkaufen. Gerade in dieser Lage braucht Deutschland eine Strategie, die weder auf Abhängigkeit noch auf Abschottung beruht.

Dazu gehört die unbequeme Frage, weshalb europäische Unternehmen in manchen Zukunftsbranchen so viel Boden verloren haben. Subventionen erklären einen Teil. Langsame Genehmigungen, hohe Energiekosten, komplizierte Regeln und zu geringe Skalierung in Europa erklären einen anderen. Wer jede chinesische Stärke als unfairen Wettbewerb beschreibt, erspart sich die Analyse eigener Schwächen.

De-Risking muss mehr sein als ein Wort

Die Formel „De-Risking“ hat den Charme, fast alles offen zu lassen. Sinnvoll wird sie erst, wenn konkrete Abhängigkeiten benannt werden. Seltene Erden, Batterien, Vorprodukte, Medikamente, digitale Infrastruktur – nicht jede Lieferkette ist strategisch gleich wichtig. Diversifizierung kostet Geld. Deshalb sollte sie dort beginnen, wo ein Ausfall tatsächlich sicherheits- oder industriepolitisch kritisch wäre.

Europa darf sich dabei nicht in 27 nationale China-Politiken zerlegen. Handelsabwehr funktioniert nur auf EU-Ebene. Ebenso wichtig ist, dass Maßnahmen transparent und regelgebunden bleiben. Wer chinesische Willkür kritisiert, sollte nicht mit europäischer Willkür antworten.

Die deutsche China-Politik muss erwachsener werden. Partner, Konkurrent und systemischer Rivale sind keine widersprüchlichen Rollen. Sie können gleichzeitig wahr sein. Schwieriger als eine harte oder weiche Linie ist eine präzise. Genau die wird jetzt gebraucht.

Wettbewerb verlangt Selbstkritik

Die europäische Debatte über chinesische Industriepolitik wird unglaubwürdig, wenn sie jede eigene Subvention ausblendet. Auch Europa fördert Batterien, Halbleiter, Energie, Stahl und strategische Technologien mit Milliarden. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Staat Industriepolitik betreibt, sondern wie transparent sie ist, ob Marktzugang wechselseitig funktioniert und ob Förderung auf Dauer Wettbewerb ersetzt.

Gerade deutsche Unternehmen sollten deshalb ein Interesse an klaren Regeln haben. Schutzmaßnahmen können Zeit kaufen, aber kein Geschäftsmodell erneuern. Wenn europäische Elektroautos dauerhaft teurer, digitale Dienste langsamer oder Genehmigungen komplizierter sind, wird ein Zoll die strukturelle Lücke nicht schließen. China zwingt Deutschland auf unangenehme Weise zur Selbstprüfung. Jahrzehntelang war die Exportstärke groß genug, um hohe interne Kosten zu überdecken. Wenn der chinesische Markt diese Rolle verliert, treten die eigenen Schwächen deutlicher hervor. Eine härtere Handelspolitik kann Teil der Antwort sein. Sie wird nur dann überzeugen, wenn sie von einer ebenso harten Standortpolitik gegenüber den eigenen Versäumnissen begleitet wird.

Für deutsche Politik heißt das auch, Branchen unterschiedlich zu behandeln. Ein Maschinenbauer mit starkem China-Geschäft hat andere Risiken als ein Hersteller sicherheitsrelevanter Elektronik. Pauschale Vorgaben würden beide über einen Kamm scheren. Eine kluge Strategie muss deshalb genauer werden: Wo ist Abhängigkeit nur wirtschaftliches Risiko, wo wird sie sicherheitspolitisch? Wo kann Diversifizierung privat erfolgen, wo braucht es europäische Koordination? Je präziser diese Fragen beantwortet werden, desto weniger anfällig wird die Debatte für das Pendeln zwischen Euphorie und Alarmismus.

De-Risking beginnt zu Hause

Der Begriff De-Risking klingt, als ließe sich Abhängigkeit vor allem durch Handelsstatistik erkennen. Tatsächlich beginnt das Risiko viel früher: bei Energiepreisen, Steuern, Kapitalzugang, Forschung und der Geschwindigkeit, mit der neue Fabriken genehmigt werden. Wenn Europa chinesische Lieferketten teilweise ersetzen will, braucht es Unternehmen, die diese Produktion wirtschaftlich übernehmen können. Eine Politik, die Importe kritisiert und gleichzeitig die heimische Herstellung verteuert, arbeitet gegen sich selbst.

Besonders sichtbar wird das in der Autoindustrie. Chinesische Hersteller sind längst nicht mehr nur billige Kopisten westlicher Technik. Sie produzieren in großen Stückzahlen, entwickeln Batterien, Software und Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit und profitieren von einem riesigen Heimatmarkt. Die europäische Antwort kann nicht darin bestehen, jeden Wettbewerb als Ergebnis unfairer Subventionen abzutun. Wo Dumping oder staatliche Verzerrung nachweisbar sind, braucht es handelspolitische Instrumente. Wo der Konkurrent schlicht schneller oder günstiger ist, braucht Europa bessere Unternehmen und bessere Rahmenbedingungen.

Das gilt auch für Rohstoffe und Vorprodukte. Seltene Erden, Batteriematerialien, Solarkomponenten oder bestimmte Chemikalien zeigen, wie lang die Liste strategischer Abhängigkeiten geworden ist. Vollständige Autarkie wäre weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Diversifizierung dagegen schon. Sie verlangt neue Lieferländer, Recycling, Lagerhaltung und in einigen Fällen wieder eigene Produktion. All das kostet Geld. Wer Versorgungssicherheit bestellt, sollte nicht so tun, als sei sie zum Weltmarktpreis der billigsten vergangenen Jahre erhältlich.

Eine belastbare China-Politik braucht deshalb zwei Tonlagen zugleich. Gegenüber Peking muss Europa seine Interessen klarer vertreten, bei Marktzugang, Subventionen und sicherheitsrelevanten Abhängigkeiten. Gegenüber der eigenen Wirtschaft muss Berlin erklären, was es selbst verändern will. Der Hinweis auf China darf nicht zum Ersatz für Standortpolitik werden. Deutschlands Unternehmen haben das Land nicht deshalb verlassen oder Investitionen verschoben, weil ihnen geopolitische Seminare fehlten. Sie reagieren auf Kosten, Planbarkeit und Märkte. Wer Abhängigkeit reduzieren will, muss zuerst dafür sorgen, dass die Alternative in Europa wieder attraktiv genug ist.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2323 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".