Asylanträge in Europa sinken um 24 Prozent – Deutschland nur noch auf Platz drei

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In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 gingen in Europa deutlich weniger Asylanträge ein als im Vorjahreszeitraum. Nach Zahlen der EU-Asylagentur wurden 452.969 Anträge registriert. Frankreich und Italien verzeichneten mehr Anträge als Deutschland. Die europäischen Asylbehörden müssen dennoch weiterhin eine große Zahl anhängiger Verfahren bearbeiten.

452.969 Anträge von Januar bis September

In den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie in Norwegen und der Schweiz wurden zwischen Januar und September 2026 insgesamt 452.969 Schutzanträge gestellt. Ein Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum 598.575 gewesen. Der Rückgang betrug 24,3 Prozent. Die Daten gehen aus einem auf den 1. Oktober datierten Papier der Europäischen Kommission hervor, über das zunächst die WELT AM SONNTAG und anschließend die Tagesschau berichteten. Die Zahlen beziehen sich auf die ersten neun Monate, nicht auf das gesamte Jahr 2026.

Nach der von der Deutschen Welle veröffentlichten Länderaufstellung entfielen 98.822 Anträge auf Frankreich, 78.496 auf Italien und 70.257 auf Deutschland. Deutschland stand damit im betrachteten Zeitraum an dritter Stelle. Bei der Rangfolge handelt es sich um absolute Antragszahlen; sie berücksichtigt weder die Bevölkerungsgröße der Aufnahmeländer noch die Zahl der dort bereits lebenden Schutzberechtigten.

Ein Vergleich mit dem Vorjahr zeigt, wie stark sich die Verteilung innerhalb Europas verändert hat. Für das Gesamtjahr 2025 hatte die EU-Asylagentur (EUAA) noch Deutschland mit rund 163.000 Anträgen an erster Stelle geführt, gefolgt von Frankreich mit etwa 152.000, Spanien mit 143.000 und Italien mit 134.000. Die Rangfolge für Januar bis September 2026 lässt sich daher nicht als vollständige Jahresbilanz darstellen.

Bereits im ersten Halbjahr weniger Anträge

Der Rückgang war schon vor Veröffentlichung der neuen Neunmonatszahlen erkennbar. Die EUAA teilte am 10. September mit, dass im ersten Halbjahr 2026 rund 332.000 Asylanträge eingegangen waren, 17 Prozent weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Rückgang setzte damit eine Entwicklung fort, die Ende 2024 begonnen hatte. In dieser Halbjahresstatistik führte Frankreich mit rund 69.000 Anträgen vor Italien mit etwa 66.000. Spanien und Deutschland lagen jeweils bei ungefähr 55.000.

Die EUAA führte die Veränderungen unter anderem auf die politische Entwicklung in Syrien, eine veränderte Zusammensetzung der Herkunftsländer und die Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitstaaten zurück. Eine einzelne Maßnahme als alleinige Ursache für den Rückgang zu benennen, geben die veröffentlichten Zahlen nicht her. Die Zahl eingereichter Anträge wird auch von Konflikten in den Herkunftsländern, Reisewegen und bereits bestehenden Aufenthaltsmöglichkeiten beeinflusst.

Im ersten Halbjahr waren afghanische Staatsangehörige mit rund 39.000 Anträgen die größte Herkunftsgruppe, gefolgt von Menschen aus Venezuela mit rund 33.000 und Bangladesch mit rund 20.000 Anträgen. Dabei verteilten sich die Herkunftsgruppen sehr unterschiedlich auf die Aufnahmeländer. So wurden laut EUAA die meisten venezolanischen Anträge in Spanien gestellt. Für nationale Entwicklungen ist deshalb neben der Gesamtzahl auch die Zusammensetzung der Anträge relevant.

Hunderttausende Verfahren weiterhin offen

Weniger neue Anträge führen nicht unmittelbar zu einer entsprechend großen Verringerung der laufenden Verfahren. Nach Angaben der Europäischen Kommission vom 24. September warteten Ende Juni 2026 in den EU+-Staaten etwa 770.000 Anträge auf eine Entscheidung in erster Instanz. Das waren acht Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Dazu kommen Verfahren in Rechtsmittel- und Überprüfungsinstanzen, die in dieser Zahl nicht enthalten sind.

Bei den erstinstanzlichen Entscheidungen im ersten Halbjahr gewährten die zuständigen Behörden nach EUAA-Angaben in 31 Prozent der Fälle internationalen Schutz. Die Quote unterschied sich nach Herkunftsland erheblich. Eine sinkende Zahl von Neuanträgen lässt daher für sich genommen weder erkennen, wie viele Menschen tatsächlich Schutz erhalten, noch wie viele nach einem negativen Bescheid ausreisen. Die Antragsstatistik bildet einen bestimmten Teil des Asylsystems ab; Entscheidungen, Rechtsmittel und Rückführungen werden gesondert erfasst.

Für Deutschland ist die Entwicklung gleichwohl von Bedeutung. Ein geringerer Zugang kann den Druck auf Erstaufnahmeeinrichtungen und Asylbehörden vermindern. Wie stark Landkreise und Städte entlastet werden, hängt jedoch ebenso vom Bestand der untergebrachten Menschen, von der Dauer laufender Verfahren und von den jeweils verfügbaren Unterkünften ab. Die neuen europäischen Zahlen enthalten keine bundesweite Bilanz dieser kommunalen Belastungen.

Seit dem 12. Juni 2026 wird der europäische Migrations- und Asylpakt angewendet, der unter anderem Verfahren an den Außengrenzen und die Verteilung von Verantwortung zwischen den Mitgliedstaaten neu regelt. Wie sich diese Bestimmungen mittel- und langfristig auf die Zahl der Schutzanträge, die Verfahrensdauer und Rückkehrentscheidungen auswirken, lässt sich anhand der bisher vorliegenden Monatsdaten noch nicht abschließend bestimmen.