Zur Vergabe des Freiheitspreises 2026, zur historischen Verantwortung der Monarchie und zum Recht des iranischen Volkes auf demokratische Selbstbestimmung
Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit will ihren Freiheitspreis am 7. November 2026 in der Frankfurter Paulskirche dem iranischen Volk verleihen. Reza Pahlavi soll die Auszeichnung stellvertretend entgegennehmen, bis frei gewählte Vertreter eines demokratischen Iran sie übernehmen können. Als Begründung verweist die Stiftung auf seine Bekanntheit als Persönlichkeit der iranischen Opposition. Doch diese Entscheidung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wenn der Preis dem iranischen Volk gilt, mit welchem Recht bestimmt eine deutsche Stiftung im Voraus, wer dieses Volk symbolisch vertreten soll? Eine Auszeichnung für demokratische Selbstbestimmung darf nicht gleichzeitig den Eindruck erwecken, die politische Repräsentation eines Volkes könne bereits vor seiner freien Entscheidung festgelegt werden.
Die politische Zukunft Irans ist keine dynastische Erbschaft und kein Projekt, über das prominente Exilpolitiker, ausländische Stiftungen oder westliche Regierungen stellvertretend entscheiden dürfen. Die Pahlavi-Dynastie gehört zur politischen Vergangenheit des Iran. Ihre frühere Herrschaft war von autoritärer Machtkonzentration, der Verfolgung politischer Gegner und der Repression durch den SAVAK geprägt. Dass die Islamische Republik diese Unterdrückung durch eigene Verbrechen fortgesetzt und verschärft hat, macht die Monarchie nicht nachträglich zu einer demokratischen Alternative. Das iranische Volk hat nicht gegen eine Diktatur gekämpft, um sich einem neuen Führungsanspruch zu unterwerfen. Es hat das Recht, über seine Zukunft selbst zu entscheiden – ohne dynastische Ansprüche, ohne politische Bevormundung und ohne die Vorentscheidung ausländischer Institutionen.
Die Geschichte des Iran lässt sich nicht auf einen Konflikt zwischen der Islamischen Republik und ihren monarchistischen Gegnern reduzieren. Die iranische Gesellschaft ist politisch vielfältig. Republikaner, Linke, Sozialisten, Liberale, Gewerkschafter, Frauenrechtsbewegungen, säkulare Kräfte und unterschiedliche ethnische Gemeinschaften haben eigene Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und gesellschaftlicher Entwicklung. Viele Menschen lehnen die Islamische Republik ab, ohne eine Rückkehr zur Monarchie zu wünschen. Andere verbinden ihren Kampf gegen politische Unterdrückung mit Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, Arbeitnehmerrechten, Gleichberechtigung und kultureller Selbstbestimmung. Diese Menschen sind keine Statisten in einem politischen Projekt, dessen Führung bereits im Ausland ausgehandelt wird. Ihre Forderungen und ihre politischen Entscheidungen dürfen nicht hinter dem Namen einer einzelnen Person verschwinden.
Die Stiftung erklärt selbst, der Freiheitspreis solle eines Tages an frei gewählte Vertreter eines demokratischen Iran übergeben werden. Damit erkennt sie an, dass demokratische Legitimität erst durch freie politische Willensbildung entstehen kann. Weshalb wird dann schon heute eine nicht gewählte Person mit der stellvertretenden Entgegennahme des Preises betraut? Bekanntheit ersetzt keine demokratische Legitimität. Internationale Medienpräsenz ist kein Beweis dafür, dass jemand die Mehrheit der iranischen Bevölkerung hinter sich hat. Und die Abstammung von einem früheren Herrscher begründet keinen politischen Anspruch auf die Zukunft eines Landes. Wer die Selbstbestimmung des iranischen Volkes ernst nimmt, muss auch akzeptieren, dass dieses Volk sich gegen eine Monarchie entscheiden kann. Alles andere läuft darauf hinaus, demokratische Entscheidungen nur so lange zu respektieren, wie sie den eigenen politischen Erwartungen entsprechen.
Die autoritäre Vergangenheit der Pahlavi-Monarchie ist dabei kein nebensächliches Kapitel, das sich aus der Geschichte streichen ließe. Unter Mohammad Reza Schah wurden politische Gegner verfolgt, oppositionelle Organisationen unterdrückt und kritische Stimmen durch staatliche Repression zum Schweigen gebracht. Der SAVAK war ein zentrales Instrument dieses Systems. Seine Geschichte ist mit Überwachung, Folter und der Verfolgung politischer Opposition verbunden. Wer heute die Monarchie als vermeintlich unproblematische Alternative zur Islamischen Republik darstellt, verschweigt die Erfahrungen jener Menschen, die bereits unter dem Schah für Freiheit und politische Rechte kämpften. Die Verbrechen der Islamischen Republik machen die Verbrechen der Monarchie nicht ungeschehen. Das Leid unter einer Diktatur rechtfertigt keine Verklärung einer anderen.
Besonders bezeichnend ist deshalb die Verherrlichung von SAVAK-Symbolen durch Teile des monarchistischen Spektrums. Der Guardian berichtete am 3. Juni 2026 über positive Bezugnahmen auf den Geheimdienst des früheren Schah-Regimes in monarchistischen und rechtsextremen Kreisen und über die daraus entstandene Kontroverse um Reza Pahlavi. [3] Die Verherrlichung eines Repressionsapparats, der für die Verfolgung politischer Gegner und Folter steht, ist keine harmlose Nostalgie. Sie verharmlost staatliche Gewalt und verhöhnt die Opfer. Eine demokratische Gesellschaft kann nicht auf der politischen Romantisierung jener Institutionen aufbauen, die Menschen ihrer Freiheit beraubt haben. Wer sich auf die Monarchie als Zukunftsmodell beruft, muss sich deshalb auch mit ihrer autoritären Vergangenheit auseinandersetzen, statt diese hinter nationalistischen Symbolen und nostalgischen Bildern verschwinden zu lassen.
Zur politischen Auseinandersetzung gehören ebenso die Berichte über Einschüchterungen und gewaltsame Übergriffe durch Personen, die sich als Anhänger der monarchistischen Bewegung verstehen. Reuters berichtete 2026 über Vorwürfe, darunter den Angriff auf einen kurdischen Journalisten in London, mutmaßlichen Druck auf Geschäftsinhaber wegen monarchistischer Symbole und Drohungen gegen politische Aktivisten. [2] Diese Vorgänge betreffen nicht bloß persönliche Konflikte innerhalb der iranischen Opposition. Sie berühren eine grundlegende Frage: Welche politische Kultur soll in einem zukünftigen Iran gelten? Niemand darf bedroht werden, weil er die Monarchie ablehnt, den Ruf „Javid Shah“ verweigert, für eine Republik eintritt oder die politische Vergangenheit der Pahlavi-Dynastie kritisiert. Wer Andersdenkende einschüchtert, verteidigt keine Freiheit, sondern reproduziert eine autoritäre Haltung, die politische Loyalität über das Recht auf Widerspruch stellt.
Eine Gesellschaft wird nicht dadurch demokratisch, dass ihre politischen Führungsfiguren Demokratie versprechen. Demokratie zeigt sich im Umgang mit Kritik, im Schutz politischer Gegner und in der Bereitschaft, Macht zu begrenzen. Eine Bewegung, die Freiheit für sich beansprucht, anderen aber das Recht auf abweichende Meinungen abspricht, widerspricht ihrem eigenen Anspruch. Die Verantwortung für konkrete Übergriffe liegt bei denjenigen, die sie begehen. Zugleich müssen politische Bewegungen und ihre Führungspersonen deutlich machen, ob sie Einschüchterung tatsächlich zurückweisen und eine politische Kultur fördern, in der auch ihre Gegner frei sprechen und handeln können. Die iranische Bevölkerung braucht keine neue politische Unantastbarkeit, sondern eine Ordnung, in der niemand über Kritik erhaben ist.
Auch die Unterstützung militärischer Angriffe von außen wirft grundlegende Fragen auf. Reuters berichtete im Juli 2026 über Reza Pahlavis Äußerungen zur Zukunft des Iran und seine Haltung zum militärischen Vorgehen gegen die Islamische Republik. [2] Doch die Verbrechen eines autoritären Regimes machen Krieg nicht automatisch zu einem Instrument der Befreiung. Militärische Gewalt trifft nicht nur die Verantwortlichen in politischen Machtzentren, sondern auch Menschen, die weder über Kriegsstrategien entscheiden noch Einfluss auf die Entscheidungen der Angreifer haben. Zerstörte Wohnhäuser, getötete Zivilisten und traumatisierte Familien sind keine nebensächlichen Begleiterscheinungen einer vermeintlich höheren politischen Mission. Die getöteten Kinder der Schule in Minab stehen für die menschlichen Kosten militärischer Gewalt und für die bittere Tatsache, dass gerade jene Menschen den höchsten Preis zahlen, in deren Namen Freiheit versprochen wird.
Wer militärische Intervention als Weg zur Befreiung unterstützt, muss sich mit ihren menschlichen und politischen Folgen auseinandersetzen. Die entscheidende Frage lautet nicht allein, welches Regime gestürzt werden soll, sondern auch, wer nach dem Krieg die Macht ausübt, welche Institutionen entstehen und ob die Bevölkerung tatsächlich selbst über ihre Zukunft entscheiden kann. Bomben schaffen keine demokratischen Mandate. Militärische Überlegenheit garantiert weder Rechtsstaatlichkeit noch soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung oder politische Freiheit. Die iranische Bevölkerung darf nicht erneut zum Objekt konkurrierender Machtinteressen werden – weder durch die eigene Staatsführung noch durch ausländische Regierungen, die ihre strategischen Ziele verfolgen. Freiheit kann nicht glaubwürdig verteidigt werden, wenn das Leben der Menschen den politischen und militärischen Interessen anderer untergeordnet wird.
Die Friedrich-Naumann-Stiftung kann den Mut der iranischen Frauen, Studierenden, Arbeiter, Journalisten und Familien würdigen, die trotz Unterdrückung für ihre Rechte kämpfen. Doch internationale Solidarität verliert ihren demokratischen Sinn, wenn sie die politische Vielfalt einer Gesellschaft zugunsten einer prominenten Persönlichkeit in den Hintergrund drängt. Eine Stiftung, die sich der Freiheit verpflichtet fühlt, sollte die Menschen sichtbar machen, deren Stimmen durch staatliche Repression zum Schweigen gebracht werden, und nicht den Eindruck vermitteln, die Frage der politischen Führung sei bereits geklärt. Solidarität bedeutet, den Kampf um gleiche Rechte und Selbstbestimmung zu unterstützen. Sie bedeutet nicht, einem bestimmten politischen Lager vorab eine besondere Legitimität zu verleihen.
Der Iran gehört weder der Islamischen Republik noch der Pahlavi-Dynastie. Er gehört keiner Partei, keiner Exilorganisation und keiner ausländischen Stiftung. Er gehört den Menschen, die dort leben, und allen iranischen Bürgerinnen und Bürgern, die das Recht haben müssen, unabhängig von ihrem Wohnort an der Gestaltung der Zukunft ihres Landes mitzuwirken. Ob Iran künftig eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie sein wird, muss in einem freien demokratischen Prozess entschieden werden. Eine solche Entscheidung setzt freie Wahlen, unabhängige Medien, rechtsstaatliche Institutionen, gleiche politische Rechte und den Schutz gesellschaftlicher Minderheiten voraus. Sie verlangt, dass keine politische Kraft ihre Macht aus Abstammung, religiöser Autorität, ausländischer Unterstützung oder militärischer Gewalt ableiten kann. Politische Macht muss vom Volk ausgehen, demokratisch kontrollierbar und friedlich abwählbar sein.
Die Kritik an der Preisvergabe ist deshalb keine Absage an die internationale Solidarität mit dem iranischen Freiheitskampf. Sie ist eine Konsequenz aus dem Anspruch, Freiheit nicht nur als feierliches Wort zu verwenden, sondern als Recht der Menschen ernst zu nehmen. Wenn die Stiftung ihre Auszeichnung dem iranischen Volk widmen will, darf sie dessen politische Repräsentation nicht vorwegnehmen. Ein Freiheitspreis sollte die Selbstbestimmung eines Volkes würdigen, nicht den symbolischen Vorrang eines politischen Führungsanspruchs festigen. Die Menschen im Iran brauchen keine Stellvertreter, die ihnen von außen zugewiesen werden. Sie brauchen die Möglichkeit, ihre Vertreter selbst zu wählen, ihre Regierung selbst zu bestimmen und jede politische Macht ohne Angst vor Verfolgung wieder abzuwählen.
Keine deutsche Stiftung, keine Partei, kein ausländischer Staat und kein Prinz kann dem iranischen Volk einen Repräsentanten verleihen, den es nicht selbst frei gewählt hat. Niemand kann demokratische Legitimität erben, verschenken oder durch militärische Macht erzwingen. Die Freiheit des Iran beginnt dort, wo die Menschen ohne religiöse Bevormundung, dynastische Ansprüche, politische Einschüchterung und äußeren Zwang über ihre eigene Zukunft bestimmen können. Niemand besitzt die Freiheit des iranischen Volkes. Sie gehört den Menschen selbst.
Quellen
- Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, 14. September 2026: „Das iranische Volk erhält den Freiheitspreis 2026“. Offizielle Pressemitteilung.
- Reuters, 28. Juli 2026: „Reza Pahlavi speaks to Reuters about Iran’s future“. Interview und Bericht.
- The Guardian, 3. Juni 2026: „Far-right praise for shah’s secret police puts Reza Pahlavi on the spot“. Originalartikel.
