Beim Pressegespräch in der TechBase Regensburg zeigt das Beispiel des Start-ups brainjo, welches Potenzial in deutschen MedTech-Innovationen steckt – der GPA beschließt mit konkreten Anträgen
Regensburg, 15. Oktober 2026 – Bernhard Seidenath, MdL, Landesvorsitzender des Gesundheits- und Pflegepolitischen Arbeitskreises (GPA) der CSU, und sein Stellvertreter Prof. Dr. Joachim Grifka haben sich bei einem Pressegespräch in der TechBase Regensburg am Beispiel des Start-ups brainjo ein Bild davon gemacht, welches Potenzial in Deutschland in Gesundheitsinnovationen steckt – und warum dieses Potenzial durch regulatorische Hürden ausgebremst wird. Das Regensburger Unternehmen entwickelt eine digitale, verhaltenstherapeutisch fundierte VR-Anwendung für Kinder mit ADHS, die ärztlich verschrieben und von den Krankenkassen erstattet werden soll. Investor und Vertriebspartner ist MEDICE, nach Marktdaten der größte Hersteller von ADHS-Medikamenten in Deutschland – ein Beleg dafür, dass auch etablierte Pharmaunternehmen zunehmend auf digitale, ergänzende Therapieansätze setzen.
„Wir sind ethisch verpflichtet, den Menschen Innovationen im Gesundheitsbereich und innovative Therapien zukommen zu lassen“, erklärte Seidenath. „Was wir in Regensburg gesehen haben, zeigt beispielhaft, wie viel Innovationskraft in unserer Gesundheitswirtschaft steckt. Umso wichtiger ist es, dass solche Projekte nicht an überlangen Zulassungsverfahren scheitern oder zuerst in den USA auf den Markt kommen, statt bei uns.“
Jobmotor Gesundheitswirtschaft
In Bayern arbeiten rund 1,2 Millionen Menschen in der Gesundheits- und Pflegewirtschaft – jeder sechste Arbeitsplatz im Freistaat hängt an dieser Branche, die jeden neunten Euro der bayerischen Wirtschaftsleistung erwirtschaftet. 2025 wuchs sie um 2,3 Prozent, deutlich stärker als die bayerische Gesamtwirtschaft (+0,4 %). „Start-ups im Gesundheitsbereich sind ein wichtiger Jobmotor“, so Prof. Dr. Joachim Grifka, stellvertretender GPA-Landesvorsitzender und Leiter der Forschungsstelle Orthopädie und Ergonomie der OTH Regensburg. „Die Politik muss die Rahmenbedingungen so ausbauen, dass daraus auch tatsächlich Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Bayern entstehen.“
Beispiel brainjo
Das Start-up entwickelt eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für Kinder mit ADHS (8–13 Jahre): verhaltenstherapeutische Inhalte als Serious Game in VR, ergänzt durch eine Eltern-App. Entwickelt gemeinsam mit Prof. Dr. Manfred Döpfner und Prof. Dr. Anja Görtz-Dorten (Universität zu Köln); 85 Prozent der befragten Fachärzte könnten sich eine Verschreibung vorstellen. Das BfArM hat die DiGA-Eignung bereits bestätigt, Zulassung und Kassenerstattung sind für 2028 geplant.
„Wir bringen deutsche Pharmaexpertise mit junger Technologie zusammen und haben die Chance, digitale Therapien aus Deutschland weltweit zu etablieren“, erklärte Christian Gnerlich, Geschäftsführer von brainjo. „Was uns fehlt, sind Vertrieb und internationale Reichweite großer Pharmaunternehmen – deshalb suchen wir gezielt Partnerschaften.“
Regulatorik bremst Innovation aus
Ilja Hagen, Geschäftsführer des BioPark Regensburg, verwies auf die regulatorische Last durch MDR, EU AI Act, NIS-2 und Gesundheitsdatenraum: „Während in den USA viele Gesundheits-Apps über einen schlankeren Zulassungsweg auf den Markt kommen, verlangt die EU höhere Vorab-Nachweise. Medizinische Innovationen kommen deshalb oft erst verspätet beim deutschen Patienten an.“
Grifka ergänzte mit Zahlen: Nur noch 31 Prozent der Gründer halten Deutschland für attraktiver als die USA (Vorjahr: 40 %). Fast drei Viertel aller MDR-Zertifizierungen dauern länger als ein Jahr – in den USA liegt die Frist bei 90 Tagen. Über 40 Prozent der Medizintechnik-Unternehmen bringen Innovationen inzwischen zuerst in den USA auf den Markt.
GPA kümmert sich
Der GPA lässt es nicht bei der Analyse bewenden: Einen Tag nach dem Pressegespräch brachte Prof. Grifka bei der GPA-Landesversammlung am 10. Oktober 2026 zwei Anträge ein. Der erste fordert eine Kommission aus Gesundheitswirtschaft, Wissenschaft und Start-ups, um bayerische Förderinstrumente zu vereinfachen und Modelle wie regulatorische Sandboxes zu prüfen. Der zweite verlangt, Förderlücken zwischen Prototyp, Zulassung und Regelversorgung zu schließen – mit einer führenden Rolle des Gesundheitsministeriums bei Programmen wie der Förderrichtlinie BayDiGuP.
Wie Seidenath berichtete, hat die GPA-Landesversammlung am Folgetag beiden Anträgen jeweils mit überwältigender Mehrheit zugestimmt. „Beide Anträge zeigen: Wir reden nicht nur über die Probleme unserer Gründer, wir packen sie politisch an“, so Grifka.
Die Forderungen des GPA im Überblick
- Schnellere, verlässliche Zulassungsverfahren: Zertifizierungen nach der Medizinprodukteverordnung dürfen nicht länger als ein Jahr dauern.
- Stärkung des DiGA-Systems: Deutschland hat mit der DiGA einen international beachteten Standard geschaffen, der ausgebaut statt aufgeweicht werden muss.
- Förderlücken zwischen Prototyp, Evidenzaufbau und Regelversorgung schließen
- Mehr Partnerschaften zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen: Damit Innovationen wie die von brainjo nicht ins Ausland abwandern – und damit auch die Arbeitsplätze, die daran hängen, in Bayern bleiben.
