Berlin, Berlin

Diese Stadt glaubt vor allem an sich selbst – in jedem Winkel immer an jenen Teil des Ortes, den sie von sich wahrnimmt. Zum Beispiel in meinem kleinen Hochhaus – die Erbauer dürften nicht abergläubisch gewesen sein, sonst hätten sie es nicht bei dreizehn Stockwerken belassen – glauben die meisten an die Kraft der Bilder, die sie verbreiten und herstellen. Die dritte oder vierte Film- oder Castingfirma residiert hier oder wandert gerade mit Kameras plus Stativen durch die Stadt auf der Suche nach unverbrauchten Aufnahmen. Zum Beispiel vom multikulturellen Leben in einer Stadt, die einfach zu groß für eine Religion ist. Ich brauche e nur von meinem Wohnpunkt aus in die vier Himmelrichtungen ca. 2 Kilometer zu gehen, da bin ich in vier verschiedenen Städten.
Richtung Spree und über sie hinweg komme ich sehr rasch nach Kreuzberg. Vielleicht vorher mit einem Abstecher über den Alexanderplatz, um sich von den Bibeltreuen Christen noch mit ein paar Flugblättern inspirieren, aber sicher nicht bekehren zu lassen. Schade, das die tanzenden Chrishnar-Jünger nur noch selten auftreten oder offenbar an anderen Punkten der Stadt ein dankbareres Publikum haben. Oder sind sie konvertiert? Dieser indisch angehauchte Ton fehlt ein wenig im transparenten Labyrinth der Sinndeutungsangebote. Und kann auch nicht wettgemacht werden durch abgespielte Arbeiterkampflieder einer vierten oder schon von ihr abgesprengten fünften Internationale. Erst aus einiger Entfernung bekommen sie den blechernen vernuschelten Klang, der sie ähnlich den Weckgesängen auf der Insel Bali vor den Staatsfeiertagen klingen lässt. Und eigentlich schon in Kreuzberg gibt dir noch ein Zeuge Jehovas seinen Wachturm in die Hand, dessen tröge moralisierender Inhalt dich beruhigt: jemand will etwas von Dir, ohne sich die Mühe zu geben, Dich wirklich kennen lernen zu wollen. Da in dieser Stadt die Mehrheit der Menschen an gar keinen Gott zu glauben vorgibtregen sie viele missionierungswillige Menschen zu Bekehrungsversuchen an. Es riecht end-lich nach türkischen Speisen und Süßigkeiten und eine Klangwolke orientalisch inspirierter Schlager umgibt dein Ohr – auf Dauer würde Dich das genauso nerven wie deutsche Schlager oder Marschmusik jeglicher Nationalität. Im Sommer kannst Du mit halbgeschlossenen Augen eine Verlängerung Deines letzten Istanbul-Aufenthaltes träumen. Aber auch die Stadt am Bosperus ist zu groß und kontrastreich, um in einem Begriff wirklich treffend gespiegelt zu sein. Und so prächtig sind Kreuzberg und seine Verlängerungen nach Neukölln hinein dann doch nicht wie Istanbul an seinen schönsten Stellen. An denen hörst du in der Türkei dann wieder eher mehr deutsche Touristen-Stimmen als hier in Berlin, wo sich kurdisch türkisch arabisch persisch englisch polnisch und russisch mischt, aber Russisch gab es in Istanbul punktuell auch sehr oft. Und du gehst einer russisch geprägten Gruppe hinterher und wärest fast in einem orthodoxen Gottesdienst gelandet. Nein, der dauert dir zu lange und Du triffst einen Bekannten, der als Lehrer an der Europa-Schule in Kreuzberg arbeitet, die nach dem türkischenSatiriker benannt ist, der sich gern mit dem türkischen Staat und Militär anlegte, was lange Zeit ja fast eins war. Aber auch das stimmt heute nicht mehr ganz und die deutsch-türkischen Schule, die Kinder bis zum Abitur zweisprachig unterrichtet, bietet ein Beispiel für funktionierendes Neben- und Miteinander. Wie in der ganzen Stadt bemühen sich eigentlich die besonders gläubigen unter den Muslimen besonders unauffällig zu sein und halten sich zurück. Kopftuchträgerinnen weichen im Zweifelsfall auf dem Fußweg aus und bestehen nie auf ihrem Platz in einer Bahn oder Anstehschlange. Anders die anderen, die sich und ihrer Umwelt und ihren Freunden und vielleicht sogar ihrer Gang zeigen wollen und müssen wie cool und unabhängig sie sind. Einmal in der U-Bahn auf einer der Kreuzberg-Linien die junge, sehr reizvolle Türkin, die sehr laut vom Bruch erzählte, den sie heute noch machen wolle.Und ihrem gleichaltrigen siebzehn- oder achtzehnjährigen Begleiter aufforderte gleich mit ihr auszusteigen und am Hermannplatz das Kaufhaus Karstadt ein wenig zu entleeren. Er zischelte ihr auf Türkisch etwas zu – sie konterte „Sprich Deutsch. Ich will, das Du deutsch mit mir sprichst. Wenn Du mich meinem Vater abkaufen willst, musst Du schon noch 50 000 zusammenklauen. Darunter gibt es mich nicht.“ Er versuchte sie mit Worten leiser zu stellen, sie will gesehen, gehört, taxiert und geschätzt werden. Hätte mich nicht gewundert, wenn sie die anwesenden Männer aufforderte zu bekunden, was sie denn so wert sei. Es hätte ein Stück sein können, wenn es ein Stück gewesen wäre. Also ich erlebe alles mögliche hier – außer islamischen Fundamentalismus. Könnte es aber sein, das be-stimmte Inszenierungen eine Reaktion auf einen sanft undbeständig zunehmenden Fund-amentalismus innerhalb einer Religion darstellen? Diese zunehmende Verweigerung der Religiösität tritt deutlicher an die städtische Öffentlichkeit als die Religion selbst, auf die sie vielleicht reagiert. Und die sich außer an den Schulen oft zu verstecken versucht.
Darüber rede ich mit dem Lehrer und wir verabschieden uns am Kottbusser Tor – ich bin in der Nähe der islamischen Grundschule, die nicht die letzte private dieser Orientierung in Berlin bleiben wird. Das dort aus dem Schuldienst ausgesonderte DDR-Lehrer mit Stasi-Verstrickung gern genommen werden, könnte nur ein Gerücht sein, aber auch Gerüchte sagen etwas aus über ein Bedürfnis danach und instabile Tatsachen. Lehrer sind auch dort wie an allen Grundschulen fast nur Lehrerinnen. Ein Handwerkerfreund reparierte eine Heizung und ließ sich extra Zeit. Der Unterricht schien ihm wie überall zu sein – nur in den Koran-Stunden (Religionsunterricht) waren Disziplin und Aufmerksamkeit sehr schlecht. Die Schüler quasselten miteinander. Intensiv zu glauben heißt längst nicht über die Fähigkeit zu verfügen, diesen Glauben auch zu vermitteln.
Die Stadt verführt immer wieder zu Toleranz und Fundamentalisten haben hoffentlich Mühe, es zu bleiben. Alles Misstrauen baut sich versehentlich ab und eher ungeplant. Ein Problem löst sich manchmal dadurch, in dem es bei näherer Betrachtung in zwei ganz andere Probleme zerfällt. Und da gerade Sonntag ist, läuten die Glocken einer der vielen evangelischen oder der wenigen katholischen Kirchen, die gleichmäßig über die Stadt verteilt sind. Beide haben gemeinsam, das sie zu den sonntäglichen Gottesdiensten kaum genutzt werden. Es sei denn für den Heiligabend oder eine Hochzeit oder ein Gospelkonzert und irgendeine spektakuläre Veranstaltung. Nein, jetzt wollen wir einmal nicht an die Zeiten überfüllter Ostberliner Kirchen zu Zeiten der Fast-Revolution 1989 denken. Ich stehe vor dem Neubau einer Moschee, die höher geriet als in der ursprünglichen Planung. Wer hier seinen zu festen Glauben hat, begreift vielleicht die ganze Welt auf seine Weise, vor der Stadt und seinen Nachbarn zieht er sich eher zurück. Und wer keinen festen Glauben sein eigen nennen kann, sucht sich halt einen flexiblen und toleranten und neugierbereiten zusammen. Und lernt plötzlich jemand kennen, der einen kleinen Tempel im Wohnzimmer hat – und Buddha verehrt. Real ist die Polizei- Streife auf der anderen Straßenseite. Mitten in Kreuzberg: Hausbesetzung oder Nazijagd oder wurde ein zu teures Auto abgefackelt? Nein, hier ist nicht die Sekte der autonomen Aktivisten mit ihrer Theologie der Luxusbekämpfung zu Gange, nicht mal das Graffiti-Einsatzkommando der Polizei versucht das Dauergespräch über die Stadt per Spraydose einzuschränken – es geht nur um die diskret bewachte jüdische Synagoge, fast gegenüber dem Urban-Krankenhaus mit seiner psychiatrischen Abteilung und den Psychosen der dort Verweilenden. Im Vergleich zum süddeutschen Raum eher mit einer unterdurchschnittlichen Zahl von Gotteserscheinungen. ((Jetzt müsste ich die wunderschön hergerichtete und gern besuchte große Synagoge in der Oranienstraße herbeiassoziieren samt der jüdischen Schule in der Nähe, die alle besuchen dürfen, die aber doch Gefahr läuft von sehr vermögenden russischen Zuwanderern zu sehr dominiert zu sein. Oder ich könnte über die Eigenarten der Steinerschen Walldorf-Pädagogik in Kreuzberg nachsinnen. Freimaurer und vegetarische Fundamentalisten verdienten auch eine Erwähnung.)) Ist Berlin für einen Gott zu groß? Ein Babel, das nicht in die Höhe wachsen will. Der Turm ist längst gefallen und hat sich als Stadt verbreitet. Irgendwie sind hier alle infiziert vom Fundamentalismus der allgegenwärtigen und ansteckenden Toleranz. Anders kann man sich in dieser Stadt gar nicht bewegen. Das wäre doch eine schöne Vision, wenn Visionen nicht langweilten.

Biografie: Lutz Rathenow, geb. 52 in Jena, seit 1977 in (Ost)Berlin. Abseits von Lyrik, Kindertexten, Glossen, Analysen und dramatischen Versuchen vor allem Autor glänzender kurzer Prosa: Sisyphos, Berlin Verlag 1995 (4 Auflagen), Ostberlin (Prosa-Collage mit Fotos von Harald Hauswald), Jaron, 2005 (5. Auflage 2010), Der Liebe wegen. Geschichten in einem Vere-nigungsbuch, 2009, edition buntehunde, Regensburg (Illustrationen Frank Ruprecht). Für 2011 plant der Verlag Ralf Liebe die Neuauflage von Rathenows Prosaerstling „Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet“(1980).
Neue Bücher 2010 „Gelächter, sortiert. Neue Folge. Gedichte“, Verlag Ralf Liebe, 0„Ein Eisbär aus Apolda. Geschichten für Kinder“ Zweite veränderte Auflage (mit Illustrationen von Egbert Herfurth), LeiV Verlag, Leipzig.

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Über Rathenow Lutz 17 Artikel
Lutz Rathenow, Schriftsteller, 1952 geboren, Studium der Germanistik/Geschichte. Kurz vor dem Examen 1977 wurde er aus politischen Gründen von der Universität ausgeschlossen. Er ist Lyriker, Essaiist, Kinderbuchautor, Satiriker, Kolumnist und Gelegenheitsdramatiker. Rathenow ist Landesbeauftragter der Staatssicherheit in Sachsen.

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