Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868), der bayerische Humboldt?

Triest Canal Grande

Das Ziel war Brasilien, Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine portugiesische Kolonie: Als am 10. April 1817 in Triest die Schiffe Augusta und Austria mit der österreichischen Brasilien-Expedition in See stachen und nach über drei Monaten am 15. Juli in Rio de Janeiro ankamen, waren auch zwei Plätze für die bayerischen Naturforscher Carl Friedrich Philipp Martius und Johann Baptist Spix (1781-1826) reserviert. Mit immensen Sammlungen und Erkenntnissen kehrten die Gelehrten am 10. Dezember 1820 nach München zurück und wurden für ihre Verdienste geadelt. Die gesammelten 6500 Pflanzen, viele Arten Säugetiere, Vögel, Fische und Insekten, Masken, Federschmuck und Waffen sowie die Ergebnisse ihrer Forschungsreise spielen noch heute eine bedeutende Rolle in der Botanik, Zoologie und Ethnographie und bilden eine wichtige Grundlage der zoologischen und botanischen Sammlungen sowie des Museums Fünf Kontinente in München.

Für den damals 23-jährigen in Medizin promovierten Martius hatte sich die Gelegenheit zur Teilnahme anlässlich der Hochzeit von Erzherzogin Leopoldine von Österreich mit Kronprinz Dom Pedro in Rio de Janeiro (dem späteren Kaiser von Brasilien) ergeben. König Max I. Joseph beauftragte die Bayerische Akademie der Wissenschaften mit der Vorbereitung der Expedition von Martius und dem Zoologen Spix. Die bayerischen Tropenforscher trennten sich von den österreichischen und italienischen Kollegen, die den Süden bereisten, und erkundeten gemeinsam zunächst die Gegend um Rio de Janeiro, dann vorwiegend das Amazonasgebiet. Unter schwierigsten Bedingungen legten sie über 10.000 km zurück, kämpften mit Krankheiten, erlitten beinahe Schiffbruch und galten monatelang als vermisst. Martius gelangte bis an die Arara-Cora-Wasserfälle im heutigen Kolumbien und konnte nahezu seine gesamten Sammlungen und Notizen unversehrt nach München bringen. Besondere Aufmerksamkeit widmete er den Palmen. Viele Samen und lebende Pflanzen wurden später im Alten Botanischen Garten in München kultiviert. Während Spix wenige Jahre später verstarb, konnte Martius die Ausbeute der Brasilien-Expedition wissenschaftlich bearbeiten. Er gehört aus historischer Perspektive wie Alexander von Humboldt zu den größten Botanikern Deutschlands und Forschern seiner Zeit.

Anlass für das Botanische Institut am 10. April 2019 mit Führungen, Vorträgen und einem Dokumentarfilm an die über 200 Jahre zurückliegende Expedition sowie den 150. Todestag des Brasilienforschers und Münchner Botanikers zu erinnern: Als Auftakt der sehr gut besuchten Festveranstaltung führten Dipl.-Biol. Rita Verma im Botanischen Garten und Dr. Hajo Esser im Herbar der Botanischen Staatssammlung München. Sie gehört mit fast drei Millionen Herbarien weltweit zu den 20 größten Pflanzen-Sammlungen. Tausende mit getrockneten und gepressten Pflanzen – Herbar genannt – gefüllte Schrankfächer bergen die gesamten Herbarsammlungen der Reise. Martius sammelte auch seither nie wieder gefundene Arten und sogar Gattungen, die möglicherweise ausgestorben sind.

Nach der Begrüßung sowie einführenden Worten der Direktorin des Botanischen Gartens München-Nymphenburg und der Botanischen Staatssammlung München, Prof. Dr. Susanne S. Renner (Lehrstuhl für Systematische Botanik und Mykologie, LMU München) sowie des brasilianischen Generalkonsuls José Mauro Da Fonseca Costa Couto gab Dr. Markus Wesche, ehem. Mitarbeiter der Bay. Akademie der Wissenschaften, in seinem Vortrag „ALLE BÜCHER IM GEPÄCK?“ Einblicke über Martius‘ wissenschaftliche Vorbereitungen der seit 1815 geplanten Südamerika-Expedition. Mit ihrem Jubiläumsfilm „DAS SIEBENGESTIRN“ (2017, 25 Min.) über die großen Leistungen der beiden Gelehrten begeisterte Angelika Weber, M. A., Omnis Terra Media GmbH, das Publikum anhand von originalen Dokumenten, Reiseberichten und Exponaten. Weber drehte u.a. in Rio de Janeiro und Umgebung und stellt ihre Aufnahmen den Zeichnungen des österreichischen Landschaftsmalers Thomas Ender gegenüber, der als Expeditionsmitglied Martius und Spix bei ihren Erkundungsfahrten begleitete. Auch das inzwischen zerstörte Nationalmuseum in Rio ist im Film, der in München Premiere hatte und Teil eines größeren Medienprojektes ist, noch im Originalzustand zu sehen (Trailer www.omnisterra-media.de). Fast alle Gäste folgten nach einem lebhaften Austausch beim Empfang im Foyer den abschließenden Ausführungen von Prof. Dr. Jürke Grau, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Botanischen Gartens München e.V. und – wie Prof. Renner – Nachfolger von Martius als Direktor des Botanischen Gartens und der Botanischen Staatssammlung („VOM AMAZONAS ZURÜCK AN DIE ISAR – MARTIUS IN MÜNCHEN“). Zwischen 1823 und 1831 veröffentlichten Martius und Spix ihren mehrbändigen Reisebericht über die Expedition. Martius lebte und publizierte noch lange in München, lehrte seit 1826 als Universitätsprofessor sowie seit 1832 als Direktor des Botanischen Gartens und der Botanischen Staatssammlung. Seine Flora Brasiliensis, in der er seine Erkenntnisse in 28 Bänden zusammenfasste, ist das größte jemals erfolgreich abgeschlossene Florenprojekt, das 22.767 Arten wissenschaftlich erfasst, und bildet bis heute die Grundlage der Kenntnis über die Flora Südamerikas.

So bleibt aufgrund der so positiven Reaktionen der Besucher zu wünschen, dass diesem Veranstaltungsimpuls unterstützende Initiativen für ein umfassenderes Projekt folgen mögen, das die Verdienste dieses leider viel zu wenig beachteten epochalen Weltentdeckers einem breiteren Interessentenkreis erschließt.

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