Die Causa Sarrazin

Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010

Thilo Sarrazin ist kein Unbekannter im politischen Diskurs. Seine zynische Äußerung, Hartz-IV-Empfänger könnten sich für weniger als vier Euro pro Tag ernähren, führte zu heftiger Kritik auch innerhalb der Berliner SPD.[1] In einem Interview in der Kulturzeitschrift „Lettre International“, das am 30.9.2009 veröffentlicht wurde, machte Sarrazin rassistische Äußerungen über die Wirtschafts- und Migrationspolitik der Stadt Berlin.[2]
In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Lands aufs Spiel setzen.“ geht es um „Gefährdungen und Fäulnisprozesse im Inneren der Gesellschaft“[3] und deren Überwindung. Sarrazin geht von angeblich existierenden „genetisch bedingten Unterschieden in Intelligenz und Temperament“[4] beim Menschen aus und folgert daraus:[5] „Dass in Deutschland überdurchschnittlich viele Kinder in sogenannten bildungsfernen Schichten mit häufig unterdurchschnittlicher Intelligenz aufwachsen, lässt uns schon aus rein demographischen Gründen durchschnittlich dümmer werden.“ Da „Intelligenz (…) zu 50 bis 80 Prozent erblich“[6] sei, sei für einen großen Teil der Kinder aus bildungsfernen Schichten der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits quasi vorprogrammiert, da sie gemäß „den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern erben“.[7]
Sarrazin geht davon aus, dass sich in den letzten Jahrzehnten eine Tendenz entwickelt hat, alles auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu schieben und so den Einzelnen moralisch von der Verantwortung für sich und sein Leben zu entlasten.[8] Mit Pauschalisierungen hetzt er gegen eine nicht näher definierte „Unterschicht“, die in einer „Wohlfahrtsdiktatur“[9] auf die Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse wie „Alkohol, Zigaretten, Medienkonsum und Fastfood“ konzentriert sei.[10] Die angeblich üppigen Sozialleistungen wären dafür verantwortlich, dass „Leistungsferne und mangelhaften Willen zur Selbsthilfe teilweise belohnt und damit zur Verfestigung einer transferabhängigen Unterschicht beiträgt.“[11] Sarrazin spricht abwertend von einer „Armut im Geiste“ vieler Vertreter dieser „Unterschicht“. Dies sei eine „Kombination aus Bildungsferne, Sozialisationsdefiziten sowie Mangel an Gestaltungsehrgeiz und Lebensenergie.“[12] Er spricht sich gegen eine Fortbildung und Umschulung von Transferempfängern aus, da laut Sarrazin „alle Untersuchungen nämlich darauf hinweisen“, dass solche Maßnahmen bei dieser Zielgruppe keine belegbaren nennenswerten Beschäftigungseffekte auslösen würden.[13] Dies ist eine bewusst gesteuerte Falschmeldung, genügend wissenschaftliche Untersuchungen beweisen das Gegenteil.[14]
Seine „Änderungsvorschläge“ laufen auf eine heftige Kürzung der staatlichen Leistungen hinaus, „um mehr Anreize zur Arbeitsaufnahme zu schaffen“. Weiterhin soll eine Art Arbeitspflicht eingeführt werden:[15] „Erwerbsfähige Menschen unter der gesetzlichen Altersgrenze erhalten Leistungen der Grundsicherung nur noch gegen eine verpflichtende Gegenleistung.“
Mit rassistischen Stereotypen heizt Sarrazin die Debatte um die Migrationspolitik weiter an:[16] „Die deutsche Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte hat nicht die Leistungsträger fremder Völker angelockt, sondern vornehmlich Landbewohner aus eher archaischen Gesellschaften, die in ihren Heimatländern am unteren Ende der Rangskala wie auch der Bildungsskala angesiedelt sind.“
Angeblich homogene Zuwanderungsgruppen werden ohne jeden Hinweis auf eine verwertbare Quelle mit dem Stigma des Sündenbocks belegt:[17] „Belastbare empirisch-statistische Analysen, ob die Gastarbeiter und deren Familien überhaupt einen Beitrag zum Wohlstand erbracht haben oder erbringen werden, gibt es nicht. (…) Für Türken und Marokkaner wird man sie sicher verneinen können.“ Sarrazin plädiert dafür, die weitere Zuwanderung nach Deutschland mit Ausnahme „hoch qualifizierter Experten“ generell zu beenden.
Vor allem muslimische Migranten werden undifferenziert als Sündenböcke für eine seiner Ansicht nach verfehlte Migrationspolitik ausgemacht:[18] „Eine Zuwanderungs- und Integrationsproblematik (…) gibt es heute in Deutschland ausschließlich mit Migranten aus der Türkei, Nah- und Mittelost, die zu mehr als 95% muslimischen Glaubens sind.“ Diese „mangelnde Integration“ sei den „Attitüden“ der muslimischen Einwanderer geschuldet:[19] „Sie haben als Einzige zu großen Teilen Sprachprobleme, sie bilden zugleich einen wesentlichen Teil der Unterschicht und Transferbevölkerung in Deutschland, und ihre Kinder haben die größten Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem.“ Sarrazin sieht in den muslimischen Migranten zum großen Teil „Sozialschmarotzer“:[20] Ohne die Grundsicherung hätten außerdem zumindest Türken und Araber in Deutschland ein anderes generatives Verhalten gezeigt. Insbesondere unter den Arabern in Deutschland ist die Neigung weit verbreitet, Kinder zu zeugen, um mehr Sozialtransfers zu bekommen, und die in der Familie oft eingesperrten Frauen haben im Grunde ja kaum etwas anderes zu tun.“
In antiislamischer und rassistischer Diktion verkündet Sarrazin, muslimische Einwanderer würden eine gesellschaftliche Gefahr darstellen:[21] „Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen. (…) Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie vertreten, einen Rückschritt. Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar.“
Ohne einen einzigen Beleg bringt Sarrazin allen Ernstes Migranten aus dem Nahen Osten mit „Erbkrankheiten“ in Verbindung:[22] „So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen – bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten – eine erhebliche Rolle und sorgen für einen überdurchschnittlichen hohen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten.“
Im Stile der NPD-Postille „Deutsche Stimme“ oder der „Jungen Freiheit“ entwirft Sarrazin das Angstszenario eines angeblichen „Aussterbens der Deutschen“:[23] „Bleibt die Geburtenrate der Migranten dagegen dauerhaft höher als die der autochthonen Bevölkerung, so werden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen.“ Er schürt bewusst das Phänomen der „Überfremdung“:[24] „Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt. (…) Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen. (…) Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“
Diese Argumentation ist nichts anderes als die altbekannte Parole „Ausländer raus“, nur in einer anspruchsvolleren Wortwahl gekleidet. Sarrazins Denken wird von einem Dualismus zwischen „Deutschen“ und „Migranten“ geprägt, wobei die letzteren als Gefahr für die Homogenität der „deutschen Nation“ gesehen werden. Gegen diese „Fehlentwicklungen“ spricht sich Sarrazin für „einen gesunden Selbstbehauptungswillen als Nation“ aus, ohne den „unsere gesellschaftlichen Probleme“ nicht gelöst werden könnten.[25] Untergangsszenarien, wie in extrem rechten Kreisen üblich, gehören auch zur Argumentationsweise Sarrazins:[26] „Deutschland ist, wirtschaftlich gesehen, in der Spätphase eines goldenen Zeitalters, das um 1950 begann und langsam zu Ende geht.“
Das Buch von Sarrazin besteht in großen Teilen aus nicht wissenschaftlich belegten Thesen, Halbwahrheiten, Zuspitzungen, Pauschalisierungen und rassistischen Stereotypen, eine sachliche und seriöse Auseinandersetzung mit verschiedenen politischen Themenfeldern sieht anders aus. In den Bereichen der Migrations- und Integrationspolitik wird undifferenziert gegen Einwanderer gehetzt, was die sachliche Diskussion und den sozialen Frieden in der BRD beeinträchtigt. Sarrazin huldigt anthropologisch einem radikalen Utilitarismus, die Sortierung von Menschen in „nützlich“ und „unnütz“ für die bundesrepublikanische Gesellschaft ist ein Fingerzeig für sein zweckrationales menschenverachtendes Weltbild.
Mit seinen abwertenden und undifferenzierten Bemerkungen über den Islam befördert er die antiislamische Strömung in der BRD, die schon in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung vorhanden ist.
Viele seiner Thesen werden schon seit Jahren und Jahrzehnten in rechten Publikationsorganen wie der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ und in der „Jungen Freiheit“ kolportiert. Sarrazins „Verdienst“ besteht darin, diese Thesen in einer breiten Öffentlichkeit salonfähig gemacht zu haben.

[1] Der Tagesspiegel vom 30.7.2008
[2] Lettre International, Berlinheft vom 30.9.2009
[3] Sarrazin, T.: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010, S, 7
[4] Ebd., S. 24
[5] Ebd., S. 100
[6] Ebd., S. 91f
[7] Ebd., S. 174
[8] Ebd., S. 10
[9] Ebd., S. 138
[10] Ebd., S. 148
[11] Ebd., S: 134
[12] Ebd., S. 132
[13] Ebd., S. 185
[14] Vgl. dazu Nispel, A./Szablewski-Cavus, P.: Über Hürden, über Brücken. Berufliche Weiterbildung mit Migrantinnen und Migranten, Frankfurt/Main 1997; Grünhage-Monetti, M. (Hrsg.) Interkulturellen Kompetenz in der Zuwanderungsgesellschaft, Bielefeld 2006
[15] Sarrazin, T.: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010, S. 177
[16] Ebd., S. 58
[17] Ebd., S. 260
[18] Ebd., S. 265
[19] Ebd., S. 235
[20] Ebd., S. 150
[21] Ebd., S. 266f
[22] Ebd., S. 370
[23] Ebd., S. 259
[24] Ebd., S: 308f
[25] Ebd., S. 18
[26] Ebd., S. 11

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Michael Lausberg
Über Michael Lausberg 385 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.

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