Die Klimaprophetin Greta Thunberg

Grüne Wiese, Foto: Stefan Groß

Die Welt hat ein neues Orakel. Delphi ist out, die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg in. Seit dem Klimagipfel in Katowice und ihrem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos ist die Schülerin so etwas wie die selbstinkarnierte Vernunft des Wahren, Guten und Schönen. Wer gegen den Jungsporn und ihr Wertebild wettert, erntet einen gewaltigen Shitstorm.

Und dabei spricht Greta nur das aus, was Millionen von Intellektuellen schon seit Jahren kritisieren. Gegen die einst vom Philosophen Hans Jonas als Maxime der Weltvernunft geforderte „Heuristik der Furcht“ und seinem eindringlichen Appell vor einem möglichen Klimakollaps wirkt Gretas Warnruf wie eine Inszenierung aus fremder Hand, die dabei aufgrund ihrer viralen Verbreitung per se schon unter Ideologieverdacht steht. Das Ganze scheint wie eine perfide Indoktrination aus Kindermund, apodiktisch, anklagend und besserwisserisch. Und es fällt einem tatsächlich sehr schwer, diesem lebendigen “Weltgewissen”, das wie Hegels Weltgeist nicht zu Pferde, um so präsenter jedoch durch die Medien geistert, auch nur einen Funken von Authentizität abzugewinnen. Selbst wenn Kindermund bekanntlich Wahrheit kundtut, und Charles Dickens gar Kindern attestiert, Ungerechtigkeiten autark aufzuspüren, geradezu sensibel fein zu ventilieren – und selbst wenn Mahatma Gandhi einst den Weltfrieden gleich in Kinderhand legte, so ist die Orchestrierung von Greta Thunberg durch das „soziale“ Gewissen der Medien nichts anderes als eine von links gesteuerte Medienmache, die einem Kind nichts anderes als ein fertiges Parteiprogramm aus linker Hand in den Mund legt.

Wer, wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak per Twitter, am intellektuellen Gehalt von Greta Thunbergs Aussagen zweifelt, die – wie seherisch – den deutschen Kohleausstieg 2038 absurd findet und das Ganze, wo es eben auch hingehört, in die Ideologiekiste wirft, gerät sogleich ins Visier linken und grünen Gutmenschentums. Grünen-Politikerin Renate Künast spricht von Gefühlskälte und attestiert dem CDU-Politiker Unchristlichkeit; die Linke-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler kommentiert: „Wie klein muss eigentlich Ihr Selbstbewusstsein sein, dass Sie sich als CDU-Generalsekretär an einer 16-Jährigen aus Schweden abarbeiten müssen?“ Und auch der Aachener Grünen-Politiker Alexander Tietz-Latza reiht sich mit Vehemenz ein, wenn er schreibt: „Eine 16-Jährige mit Vision & Weitblick gebasht von einem Generalsekretär mit Realitätsverweigerung.“

Zimiaks Kritik bezog sich auf ein Interview der schwedischen Schülerin mit der Deutschen Presse-Agentur, wo Thunberg kritisierte, dass Deutschland erst 2038 ganz aus der Kohle aussteigen will. “Das ist absolut absurd. Und die Leute denken, das wäre etwas Gutes”, sagte sie in Stockholm.

Man kann sich in Deutschland angesichts solcher Diskussionen mit wachem Verstand nur noch fragen, wo der gesunde Menschenverstand geblieben ist. Natürlich ist es schön und bewundernswert, wenn Kinder Zukunftsvisionen haben, den Zeitgeist und die verlogene Selbstinszenierungsmaschinerie des politischen Diskurses kritisieren, doch ein derartiger Hype um eine Schülerin geht eindeutig zu weit. Wenn Linke und Grüne ein derartiges Vertrauen in den kindlichen Geist haben, dann sollten sie auch im Bundestag ihre Plätze doch für Schüler_innen und Schüler freimachen, vielleicht bewegt sich dann wirklich etwas in der Gesellschaft, wenn Visionen statt Ehrgeiz, Willen zur Macht und Postenabsicherung regieren.

Pikant am Fall Greta Thunberg, die am Asperger-Syndrom leidet, einer Variante des Autismus, das einerseits mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen einhergeht, andererseits auf eine schwach ausgeprägte soziale Interaktion sowie auf ein stereotypes Verhalten mit eingeschränkten Interessen verweist, ist aber nun die Tatsache -wie ARD Stockholm per Twitter mitteilte -, dass der schwedische Unternehmer Ingmar Rentzhog mit Greta für die Neuemission seines Unternehmens „We don‘t have time“ geworben“ habe und rund 1 Mio. € eingesammelte. So ganz vom Gutmenschentum durchdrungen scheint die Causa Greta Thunberg also auch nicht zu sein. Das Allzumenschliche stellt auch ihr ein Bein, denn ihr reiner Idealismus steht und fällt letztendlich mit einer pekuniären Verrechnungslogik, die ihre hehren Werte banalisiert. Nun ist zu vermuten, dass Thumberg selbst in „Panik“ gerät, in eine Panik, die sie in Davos der Weltgemeinschaft wünschte, als sie betonte: „Ich will, dass ihr in Panik geratet!”

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn eine neue Generation Mut zur Kritik hat, sich eine kritische Generation peu à peu herauskristallisiert und für ihre Zukunftsinteressen vehement eintritt; ein Wunsch an die junge Generation, den sich auch LINKE-Politiker Gregor Gysi von einer kraftvollen, politischen Jugend wünscht und erwartet, dass sie sich einfach nicht zu viel gefallen lässt: Dennoch wirken mit der Marionette Greta Thunberg derartige politische Ambitionen aus Kinderhand zu künstlich, zu gestellt und verlieren daher das Wichtigste – ihre Authentizität. Und die bedarf es in der Klimadebatte um so mehr.

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Stefan Groß-Lobkowicz
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Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur