Die Ökologie des Menschen wird oft übersehen

Interview mit Professor Dr. Münch

Prof. Dr. Werner Münch

Im Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten und langjährigen Europa-Politiker, Prof. Dr. Werner Münch, haben wir über die Ökologie des Menschen gesprochen. Aber auch darüber, welche Freude der Glaube entzünden kann.

Alle reden immer über Umweltschutz, aber es gibt ja auch eine Ökologie des Menschen, von der Joseph Ratzinger immer sprach.

Wenn wir heute über Umweltschutz reden, dann ist immer nur von Wasser, Land, und Bäumen die Rede. Aber Papst Benedikt XVI. sprach in vielen seiner Reden, so auch im Deutschen Bundestag im September 2011, davon, dass auch der Mensch eine Natur hat. Der Mensch kann nicht aus sich machen was er will, sondern muss sich darüber bewusst sein, dass er nach seinem Gewissen Entscheidungen fällt. Deshalb ist die Natur des Menschen dem gesetzlichen Bereich eigentlich voraus gestellt. Die Priorität des Schöpfers, seine Anerkennung muss vorausgesetzt sein. Wenn dem nicht so ist, besteht die Gefahr, dass das Menschenbild oder die (Um)Welt manipulativ verändert werden. Gerne zitiere ich mit Blick auf das christliche Menschenbild einen SPD-Reichstagsabgeordneten, der in ein Konzentrationslager gekommen war. Als er von den Amerikanern befreit wurde, sagte er: Ich war Atheist als ich in das Konzentrationslager kam. Aber nachdem, was ich dort gesehen habe, bin ich als gläubiger Christ aus dem Lager gekommen. Eine Gesellschaft ohne Gott ist nicht denkbar, weil sie im Chaos versinken wird. Das ist der Punkt, den Joseph Ratzinger mit anderen Worten gemeint hat.

Welche Gefahren für das Menschenbild sehen Sie bei der derzeitigen Politik?

Auch hier gilt eine theologische Grunddisposition. Wenn ich die Schöpfung anerkenne, wenn ich akzeptiere, dass ich ein Geschenk Gottes bin, hat das Konsequenzen für meine Auffassung. Wenn es um Fragen von Leihmutterschaft, Abtreibung oder aktive Sterbehilfe geht, also die großen Themen, die das christlichen Menschenbild aus den Fugen zu reißen drohen, kann ich politische Vorstöße, die sich dagegen richten, nicht gutheißen. Diese Art und Weise wie hier ein Bild vom Neuen Menschen aufgerichtet wird, widersprechen meinem katholisch-christlichen Glauben an die Schöpfung.

Was unterscheidet das christliche Gesellschaftsbild von dem, was derzeit die Ampel-Regierung in Berlin realisieren will?

Ich wiederhole nochmal, dass die Anerkennung des Schöpfergedankens bedeutet, dass ich das Leben, wie es mir gegeben wurde, akzeptiere und nicht verändern kann. Konkret bedeutet das: Wenn das ungeborene Leben ein menschliches Wesen ist, darf ich es nicht zum Spielball von Eigeninteressen machen. Es bleibt von Anfang an schutzbedürftig und kann nicht einem blinden Utilitarismus von Beliebigkeiten geopfert werden. Der derzeitige Relativismus im Hinblick auf den Lebensschutz ist mit meinem christlichen Denken unvereinbar.

Wenn wir einen Blick in die Zukunft wagen: Was trägt den christlichen Menschen in die Zukunft?

Zur Freude des Glaubens, der auch in die Zukunft trägt, gehört, dass wir die Botschaft von Jesus Christus in der Welt weiterverbreiten. Mein Glaube ist stets von diesen Inhalten getragen, die ich meinem Leben voranstelle, und die sich in meinem ethischen Handeln zeigen. Und wenn ich die Botschaft von Jesus Christus verkünde, dann bin ich kein trauriger Mensch, sondern freue mich. Traurig dagegen bin ich über all das, was falsch daraus gemacht wird oder was überhaupt nicht akzeptiert wird. Und hier sehe ich einen negativen Transformationsprozess in unserer Gesellschaft. Christliche Wertebilder werden kaum noch vermittelt, eine große Säkularisierung feiert ihren Siegeszug. Das hat viel mit Glaubensunkenntnis zu tun und mit dem Bewusstsein, dass man sich immer mehr von unserer abendländischen Tradition, für die das Christentum maßgebend war, distanziert. Glaubenswahrheiten scheinen völlig aus der Mode gekommen zu sein. Sie werden als obsolete Botschaften aus der Vergangenheit gesehen. Dies begreife ich nicht nur als Traditionsverlust, sondern sehe darin auch eine Gefahr für den Menschen, die letztendlich zu bösen Häusern führt, weil sich der Mensch nur noch als Maß aller Dinge begreift und damit die Welt in seinem Sinne instrumentalisiert. Diese anthropologische Hybris ist aber nie in der Geschichte gut gegangen, sondern hat zu Terror und viel Leid geführt. Aber auch ein Blick auf die Glaubensvermittlung in unseren Familien stimmt mich traurig. Wo passiert denn eine kindliche Erziehung mit Blick auf das Religiöse überhaupt noch? Im Elternhaus findet kein Gebet mehr statt, beim Mittagessen gibt es keine Gebete mehr und beim Abendtisch in der Regel auch nicht. Dies setzt sich in den Schulen fort. Wenn katholische Bischöfe daher zustimmen, dass es einen Sozialkundeunterricht gibt, aber keinen speziellen katholischen Unterricht mehr, ist das meiner Meinung nach ein großes Versagen. Ich beispielsweise bin in meiner Jugendzeit in der Diaspora großgeworden. Salzgitter war die von Adolf Hitler und Joseph Göring geplante Stadt ohne Gott. Doch alles, was in dieser Stadt an katholischen Aktivitäten zustande kommen konnte, war ein mutiges Auftreten von einer Gruppe von katholischen Jugendlichen. Diese wurden von einem faszinierenden Lehrer begleitet, der selbst den Mächtigen und dem Zeitgeist widersagte. In dem Gymnasium in dem ich gewesen bin, war katholischer Religionsunterricht untersagt. Dann ist ein katholischer Pfarrer zum Direktor gegangen und hat gesagt: Kann ich vielleicht christliche Ethik anbieten? Der Direktor antwortete, dass er das gerne machen könne. Dieser Pfarrer war ein so kluger und theologisch bewanderter Mensch. Ohne das es die Schüler merkten, hat er aus dem Ethik- einen katholischen Religionsunterricht gemacht. Es gibt, so zeigt das persönliche Beispiel, immer Möglichkeiten, die uns Hoffnung geben, Freude am und mit dem Glauben zu finden. Wir glauben oft, dass wir keinen positiven Blick in die Zukunft wagen können. Aber das stimmt nicht, denn es gibt immer wieder Menschen, die als leuchtende Beispiele vorangehen und die Kerze des Glaubens neu entzünden. Das verstehe ich als frohe Botschaft.

Interview und Bild: Stefan Groß

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2089 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".