Salzburger Festspiele: Neue Buhlschaft, alter Todesruf – Salzburgs „Jedermann“ bleibt ausverkauft

Salzburg, Austria, Mönchberg, Quelle: werdepate, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

Roxane Duran steht erstmals als Buhlschaft an der Seite von Philipp Hochmair. Der Salzburger Dauerbrenner zeigt, weshalb Hofmannsthals Spiel vom Sterben noch immer die Massen anzieht.

Es gibt Theaterstücke, die nach einigen Spielzeiten verschwinden, und es gibt den Salzburger „Jedermann“. Seit mehr als einem Jahrhundert kehrt Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ auf den Domplatz zurück. 2026 steht Philipp Hochmair erneut in der Titelrolle, an seiner Seite erstmals die französisch-österreichische Schauspielerin Roxane Duran als Buhlschaft. Alle 15 Vorstellungen sind ausverkauft. Die Salzburger Festspiele informieren über Besetzung und Termine, eine dpa-Meldung fasst den erfolgreichen Auftakt zusammen.

Die Inszenierung von Robert Carsen geht in ihre dritte Saison. Sie verzichtet nicht auf die große Geste, aber sie behandelt das Stück weniger als frommes Lehrspiel denn als kaltes Erwachen eines Mannes, der sich an Besitz, Wirkung und Begehren gewöhnt hat. Hochmairs Jedermann ist kein behäbiger Bürger, der zufällig vom Tod überrascht wird. Er ist ein moderner Mensch unter Hochspannung, ein Mann, der sich selbst zum Mittelpunkt seiner Welt gemacht hat und erst im letzten Augenblick begreift, dass ihm diese Welt nicht gehört.

Die Buhlschaft als Projektionsfläche

Kaum eine Rolle des deutschsprachigen Theaters wird so öffentlich diskutiert wie die Buhlschaft. Ihre Besetzung ist in Salzburg fast eine eigene Nachrichtengattung. Das hat mit der begrenzten Textmenge wenig zu tun. Die Figur bündelt Erwartungen an Schönheit, Begehren, Weiblichkeit und gesellschaftliche Sichtbarkeit. Roxane Duran übernimmt damit nicht nur eine Rolle, sondern eine Tradition, in der jede Darstellerin mit ihren Vorgängerinnen verglichen wird. Die Festspiele stellten Duran zusammen mit Daniela Ziegler und Sylvie Rohrer als eine von drei prägenden Frauenfiguren der Saison vor.

Carsens Inszenierung verschiebt die Gewichte. Die Buhlschaft ist nicht bloß Schmuck des reichen Mannes. Ihre Nähe bleibt von Distanz durchzogen, ihre Hingabe wirkt nie besitzbar. Gerade dadurch wird sichtbar, wie wenig Jedermann die Menschen um sich herum verstanden hat. Er hielt Beziehungen für einen Teil seines Vermögens. Als der Tod ruft, kann er weder Geld noch Freundschaft noch Liebe einfach mitnehmen. Der alte moralische Mechanismus des Stücks wird in dieser Lesart zu einer Diagnose moderner Selbstüberschätzung.

Warum dieser Stoff nicht altert

Hofmannsthal schrieb das Stück 1911, griff aber auf spätmittelalterliche Vorbilder zurück. Seine Grundfrage ist älter als jedes Theater: Was bleibt von einem Menschen, wenn Besitz, Rang und gesellschaftliche Rollen ihre Macht verlieren? Salzburg hat daraus ein Ritual gemacht. Der Dom, die Glocken, der Ruf des Todes und die offene Architektur des Platzes verleihen dem Text eine Wirkung, die ein geschlossener Bühnenraum kaum erzeugen könnte. Das Publikum weiß, was geschehen wird, und kommt dennoch jedes Jahr wieder.

Der Erfolg hat auch eine gesellschaftliche Seite. Der „Jedermann“ ist ein Treffpunkt von Kultur, Prominenz, Tourismus und Selbstinszenierung. Abendkleider, Premierenfotos und gesellschaftliche Beobachtung gehören zum Ereignis. Gerade darin liegt eine produktive Ironie: Während auf der Bühne der Reiche lernen muss, dass Status nichts gegen den Tod vermag, präsentiert sich vor der Bühne eine Welt, die Status mit großer Sorgfalt sichtbar macht. Das Stück kommentiert sein eigenes Publikum, ohne dass es den moralischen Zeigefinger heben müsste.

Mehr als ein Salzburger Pflichttermin

2026 umfassen die Festspiele 208 Veranstaltungen. Opern, Konzerte, Schauspiel und Uraufführungen bilden ein Programm, das weit über den Domplatz hinausgeht. Dennoch bleibt der „Jedermann“ das Bild, an dem sich Salzburg festhält. Das ist nicht nur Marketing. Hofmannsthals Text besitzt eine Verständlichkeit, die selten geworden ist. Er spricht von Schuld, Umkehr und Gnade, ohne diese Begriffe in psychologische Beliebigkeit aufzulösen.

Roxane Duran bringt eine neue Farbe in das vertraute Gefüge, Philipp Hochmair hält den reichen Mann in nervöser Bewegung. Der Ausgang bleibt derselbe. Gerade diese Wiederholung macht den Reiz aus. Theater verspricht gewöhnlich das Neue. Der Salzburger „Jedermann“ zeigt, dass auch eine immer wiederkehrende Geschichte neu treffen kann, sofern sie an eine Wahrheit rührt, die sich nicht erledigt: Der Mensch kann viel besitzen, aber nicht die Zeit.