Vom Katholizismus als Staatsreligion im Römischen Reich bis zum Großen Schisma – Teil 1

Reihe - Wie sich im westlichen Europa der Russen-/Russlandhass etablierte

Zerrissene Welt: Rom und Konstantinopel, Quelle: ChatGPT

Im ersten Teil der Reihe stehen die religiösen und machtpolitischen Gegensätze zwischen Rom und Konstantinopel im Mittelpunkt. Der Beitrag führt vom Christentum als Staatsreligion über das Große Schisma von 1054 und den Vierten Kreuzzug bis zu den gescheiterten Unionsversuchen und dem Fall Konstantinopels.

I.

Vom Katholizismus als Staatsreligion im Römischen Reich bis zum Großen Schisma

1. Ostrom und Westrom: unüberbrückbare Gegensätze

Im Jahre 380 nach Christus erhob Theodosius I., der letzte Kaiser des gesamten Römischen Reiches, mit dem Edikt von Thessaloniki das Christentum zur Staatsreligion. Bereits in der frühchristlichen Zeit entstanden fünf große Patriarchate (Rom, Konstantinopel, Antiochia, Jerusalem und Alexandria). Sie werden auch als Pentarchie bezeichnet. Im Jahre 395 n. Chr. fand die Reichsteilung statt. Während das Weströmische Reich durch die vielen Einfälle germanischer Stämme zusammenbrach, lebte das Oströmische Reich in Form des Byzantinischen Reiches mehr als 1000 Jahre weiter.

Auf dem zersplitterten Gebiet des Weströmischen Reiches entwickelte sich ein zentralistisch und hierarchisch ausgebildeter Katholizismus mit Latein als gottesdienlicher Sprache. Angesichts der über Jahrhunderte währenden unruhigen Zeiten war das wohl ein erfolgreiches Überlebenskonzept … Der Papst erhob Anspruch auf die Oberhoheit über die Patriarchate im Byzantinischen Reich. Möglicherweise berief er sich dabei auf die „Konstantinische Schenkung“, die aber 1430 n. Chr. als eine Fälschung nachgewiesen wurde. Im Gegensatz dazu wurde im Byzantinischen Reich in der Orthodoxie Griechisch als gottesdienliche Sprache verwendet, wobei alle Patriarchate als gleichberechtigt angesehen wurden. Allerdings galt Konstantinopel als der „Erste unter Gleichen“. Die orthodoxe Kirche ist im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche auf den Kaiser (in Konstantinopel) ausgerichtet. Hier zeichnete sich bereits ein großer Konflikt zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche ab: Als Papst Leo III. am 25. Dezember 800 n. Chr. Karl dem Großen die Kaiserwürde übertrug, kam es zu großen Verwerfungen zwischen Rom und Konstantinopel. Dieser Vorgang wurde von Kaiserin Irene und den Patriarchen in Konstantinopel als Usurpation des Papstes und als ein persönlicher Affront angesehen.

Auch wenn beide Glaubensrichtungen theoretisch der Meinung waren, dass die Kirche dafür da sei, für das Seelenheil seiner Gläubiger zu sorgen, und der Kaiser einerseits der Beschützer der Kirche sein solle, andererseits für Recht und Ordnung zu sorgen habe, so war die römisch-katholische Kirche weitaus weltlicher ausgerichtet. Das hatte zweifellos damit zu tun, dass es auf dem Gebiet des ehemaligen Weströmischen Reiches für lange Zeiten sehr instabile Staaten gab. Im späteren Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gab es beispielsweise mehrere Erzbistümer, wo die kirchliche und weltliche Macht in einer Hand lagen. Am bekanntesten ist wohl das sehr einflussreiche und wohlhabende Erzbistum Salzburg, das 1803 n. Chr. per Reichsdeputationshauptschluss säkularisiert und aufgelöst wurde. Der Kirchenstaat existierte von 756 bis 1870 n. Chr. Während also die Vertreter der römisch-katholischen Kirche ihre Kraft auch für weltliche Dinge verausgabten, konzentrierten sich die orthodoxen Kirchenvertreter wesentlich stärker auf die Bibel und deren Auslegung. Die Folge war, dass Roms Kleriker die Orthodoxen als jene ansahen, die kleinlich waren und jedes Haar in der Suppe fanden. Umgekehrt galten für die kirchlichen Vertreter Konstantinopels die Vertreter Roms als verweltlicht und als Barbaren.

Zwischen beiden Glaubensrichtungen entwickelten sich immer mehr Unterschiede: Im Gegensatz zum römisch-katholischen Glauben gibt es bei den Orthodoxen kein Fegefeuer, und der Heilige Geist geht lediglich aus dem Vater und nicht auch aus dem Sohn (Filioque) hervor. Ihre Vertreter stritten sich, wie das Brot, das für die Eucharistie bestimmt ist, beschaffen sein soll. Auch bei der Bewertung von Ikonen gingen die Meinungen weit auseinander. So verehr(t)en die orthodoxen Gläubigen die heilige Theodora (Kaiserin Theodora II.), die Ikonenretterin. Während die römisch-katholische Kirche den Gregorianischen Kalender verwendet(e), nutzt(e) die Orthodoxe Kirche den Julianischen Kalender. Die angesammelten Divergenzen wurden immer größer.

Die Auseinandersetzung kulminierte im Großen Schisma am 16. Juli 1054 n. Chr. in Konstantinopel: Papst Leo IX. schickte eine Delegation unter Führung von Kardinal Humbert von Silva Candida zum byzantinischen Kaiser und zum Patriarchen von Konstantinopel. Mit dem Kaiser sollte ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen die Normannen abgestimmt werden. Diese überfielen seit mehr als 20 Jahren Sizilien, das zum Byzantinischen Reich gehörte, und das untere Festland Italiens. Gegenüber dem Patriarchen sollte unter anderem der päpstliche Primat durchgesetzt werden. Kaiser Konstantin IX. Monomachos zeigte sich offen für ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen die Normannen. Entgegen der Problemgewichtung des Papstes legte Kardinal Humbert den Schwerpunkt auf den Machtanspruch Roms. Die Ablehnung des Patriarchen von Konstantinopel, Michael I. Kerularios, war von Anfang an voraussehbar. Als Reaktion darauf exkommunizierte Kardinal Humbert den Patriarchen von Konstantinopel. Einige Tage später exkommunizierte dieser Patriarch Kardinal Humbert und seine Begleiter Kardinal Friedrich von Lothringen und Erzbischof Peter von Amalfi. Tragischerweise haben diese begleitenden Personen das zu forsche Vorgehen des Kardinals Humbert nicht verhindert. Zudem war Papst Leo IX. bereits knapp drei Monate tot. Er starb am 19. April 1054 n. Chr. Die Gesandtschaft hatte zu diesem Zeitpunkt keine Vollmacht mehr.

Der Eklat war das Ergebnis der Engstirnigkeit zweier Protagonisten, die ihr eigenes Ego über die Einheit der christlichen Kirche, über das Wohl des Reiches und ihrer Gläubigen stellten. Er führte zur Spaltung der Kirche. Zudem nutzten muslimische Herrscher diese Zerstrittenheit aus, um Stück für Stück Gebiete aus dem Byzantinischen Reich herauszubrechen.

2. Tiefpunkte und Hoffnungsschimmer in den Beziehungen zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche nach dem großen Schisma

Die Frontlinie zwischen denen, die trotz der Verschiedenheit der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche das Gemeinsame suchten, und denen, die das hintertrieben, ist nicht klar auszumachen. Mal sorgten die Kirchenoberhäupter für Dissonanz, ein anderes Mal sabotierte der niedere Klerus und/oder das zutiefst gläubige Volk die Annäherungsversuche der Kirchenobrigkeit. Es gibt zwei Ereignisse, die nach dem Großen Schisma das Verhältnis zwischen den beiden Kirchen zutiefst erschüttert haben und zeigen, wie diffus die Linie zwischen „gut“ und „böse“ verlief:

a. Der Lateinerpogrom und der Vierte Kreuzzug

Im zwölften Jahrhundert lebten in Konstantinopel viele Geschäftsleute aus den Stadtstaaten Amalfi, Genua, Pisa und Venedig. Diese „Lateiner“ hatten ihr eigenes Stadtviertel und machten ein Siebentel der Stadtbevölkerung aus. Im Gegenzug zu militärischer Hilfe in Notzeiten billigte ihnen der Kaiser Privilegien zu. Die Ausübung des römisch-katholischen Glaubens, ihre Bevorzugung, ihr arrogantes Verhalten gegenüber der orthodox geprägten Bevölkerung und die zuweilen gewaltsamen Auseinandersetzungen untereinander sorgten für Hass und Verachtung bei den Einwohnern Konstantinopels. Bereits 1171 gab es Ausschreitungen und Verwüstungen im Stadtteil, wo Kaufleute aus Genua lebten. Die Verursacher konnten zwar nicht ermittelt werden. Dennoch wurden im gesamten Byzantinischen Reich alle venezianischen Kaufleute verhaftet und ihr Eigentum konfisziert. Nachdem Kaiser Manuel I. 1180 gestorben war, entlud sich der Unmut der Bevölkerung zwei Jahre später in ein Massaker an die „Lateiner“, im sogenannten Lateinerpogrom.

In unguter Erinnerung blieb für den Papst auch, wie 1189 Kaiser Isaak II. Angelos den Dritten Kreuzzug in Absprache mit Sultan Saladin nach allen Regeln der Kunst behinderte. 1198 rief Papst Innozenz III. zum Vierten Kreuzzug auf. Da Byzanz als unsichere Zwischenstation ausfiel, sollte dieser direkt auf dem Seeweg ins Heilige Land führen. Der Stadtstaat Venedig stellte die für Transport und Beköstigung der Kreuzfahrer anfallenden Kosten mit einer Vorfinanzierung sicher. Der Kreuzfahrer-Tross bestand vorwiegend aus Franzosen und Venezianern. Offizielles Ziel war Jerusalem. Unter den Kreuzfahrern wurde aber Ägypten als Angriffsziel vereinbart. Dieses Land sollte dann als Startpunkt für künftige Kreuzzüge dienen. 1202 legte die Flotte ab. Als Erstes wurde die dalmatinische Stadt Zara geplündert, um gegenüber Venedig die Kosten der Unternehmung begleichen zu können.

Bevor der Vierte Kreuzzug begann, suchte Prinz Alexios IV., der Sohn des gestürzten Kaisers Isaak II., den Papst auf und bat um Hilfe, den Sturz mit militärischen Mitteln rückgängig zu machen. Dieser lehnte das aber strikt ab. Was ihn zur Ablehnung bewegte, ist unklar. Bonifatius von Montferrat, der das Kreuzfahrerheer anführen sollte, konnte sich für eine militärische Hilfe erwärmen, musste aber versprechen, das zu unterlassen. Zudem verbot der Papst den Kreuzfahrern ausdrücklich, gegen Christen kriegerische Handlungen durchzuführen. Damit waren auch die Belagerung und Einnahme der Stadt Zara gemeint, denn diese gehörte zu diesem Zeitpunkt zum ungarischen Königreich. Als der Papst davon erfuhr und die Venezianer als die Anstifter identifizierte, exkommunizierte er diese. Allerdings wurde der päpstliche Brief von der Heeresleitung des Kreuzzuges abgefangen und vernichtet.

Nachdem die dalmatinische Stadt Zara erfolgreich überfallen worden war, beschloss die Heeresführung der Kreuzfahrer, Konstantinopel anzugreifen. Bonifatius von Montferrat versprach, den Kreuzrittern eine hohe Geldsumme auszuzahlen, wenn der gestürzte Kaiser Isaak II. wieder erfolgreich den Thron bestiegen hätte. Da der sich an die Macht geputscht habende Kaiser nicht freiwillig abdanken wollte, kam es im Juli 1203 zur ersten Belagerung und zur Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzritter. Der wieder eingesetzte Kaiser Isaak II. und sein Mitkaiser Alexios IV. waren allerdings schwach und ungeschickt in ihrer Regierungsführung. Zudem wurden sie in der Bevölkerung zunehmend unbeliebt, da ihnen eine zu große Nähe zu den „Lateinern“ nachgesagt wurde. Es gab einerseits Übergriffe auf die „lateinischen“ Kaufleute durch die Bevölkerung. Andererseits zogen die Kreuzritter immer wieder gewaltsam durch die Straßen Konstantinopels. Das Herrscherduo konnte den Kreuzrittern nicht die in Aussicht gestellte Geldsumme auszahlen. Angesichts dieser unhaltbaren Zustände wählte im Januar 1204 die Senats- und Priesterversammlung einen neuen Kaiser. Es kam dann in kürzester Zeit zu einem weiteren Umsturz, in dessen Folge die Vorgänger den Tod fanden. Kaiser Alexios V. befahl den Kreuzfahrern, das Byzantinische Reich, das schon zu diesem Zeitpunkt ein Rumpfstaat war, zu verlassen. Er verweigerte ihnen jegliche Zahlungen. Ohne Geld für Proviant, Waffen und Transport konnten die Kreuzfahrer weder ihre Reise nach Ägypten noch in die Heimat durchführen. Bei den Kreuzrittern reifte immer mehr der Wille heran, die wortbrüchigen „Griechen“ zu bestrafen und einen lateinfreundlichen Herrscher zu installieren. Papst Innozenz III. ahnte das heraufkommende Unheil und verbot den Kreuzfahrern einen Angriff auf Konstantinopel. Auch dieser Brief wurde abgefangen.

Am 9. April 1204 begann der Angriff auf Konstantinopel. Am 13. April floh Kaiser Alexios V. aus der Stadt, womit ein geordneter Widerstand zusammenbrach. Drei Tage lang dauerte das Plündern, Morden und Vergewaltigen. Wertvolle Kunstschätze Konstantinopels wurden dabei zerstört oder geraubt. Noch heute schmücken viele davon den Dogenpalast in Venedig. Es ist anzunehmen, dass bei den Venezianern bei ihrem Raubzug auch ein Gefühl, für die Ereignisse von 1171 und 1182 in Konstantinopel Rache nehmen zu wollen, mitschwang.

Die Erstürmung und Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzritter ist ein weiterer Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Welt und hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der orthodoxen Bevölkerung eingegraben. Die Venezianer hatten den Kreuzzug für eigene Machtinteressen gekapert. Das wurde dadurch unfreiwillig gefördert, dass der Papst auch denen die Sünden erließ, die den Kreuzzug finanziell unterstützten, aber selbst nicht in das Heilige Land zogen.

Das Byzantinische Reich wurde geteilt, das Lateinische Kaiserreich mit Konstantinopel als Machtzentrum gegründet und ein lateinerfreundlicher Kaiser (Kaiser Johannes IV. Laskaris) eingesetzt. Das Lateinische Reich hielt sich aber nicht lange. Der Vierte Kreuzzug trug entscheidend zur Schwächung von Byzanz bei. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Konstantinopel den Osmanen wie eine reife Frucht in den Schoß fiele. 1453 war es so weit …

b. Zweites Konzil von Lyon und das Konzil von Ferrara/Florenz

Es gab vonseiten des Papsttums durchaus Versuche, die Einheit der Kirche wiederherzustellen:

Papst Gregor X. berief zu diesem Zweck 1274 das Zweite Konzil von Lyon ein. Aus dem Byzantinischen Reich kamen Vertreter des Kaisers, aber wenige orthodoxe Kirchenmänner. Kaiser Michael VIII. Palaiologos nahm eher aus weltlichen Gründen teil. Er hatte die Lateinische Regentschaft in Konstantinopel gestürzt und erhoffte dennoch Gnade und Beistand vom Papst. Außerdem erhob Karl von Anjou territoriale Ansprüche auf große Teile des westlichen Byzantinischen Reiches. Am 6. Juli 1274 proklamierten die Vertreter des Konzils die Wiederherstellung der Einheit der Kirche. Wie fragil diese Einheit war, ließ sich schon erahnen, als die Verkündung der Einheit am 16. Januar 1275 nicht in der Hagia Sophia, sondern in der kaiserlichen Blachernenkirche erfolgte. Denn der größte Teil der orthodoxen Bevölkerung und der Kirchenvertreter war nach wie vor dagegen. Die Umsetzung der Union fand im Byzantinischen Reich so gut wie nicht statt. Fraglich ist die Rolle des Nachfolgers von Papst Gregor VIII.: Papst Martin IV. warf 1281 Kaiser Michael VIII. Palaiologos vor, ein Schismatiker zu sein, exkommunizierte ihn und kündigte die Kirchenunion auf. Zum einen riss ihm der Geduldsfaden wegen der mangelnden Umsetzung der Union. Zum anderen störten die territorialen Restaurierungsbestrebungen des Byzantinischen Reiches die Interessen Karls von Anjou, der mit dem Papst eng verbunden war. Auch die Absetzung, Blendung und Verbannung des lateinerfreundlichen Kaisers Johannes IV. Laskaris war nicht vergessen …

Von 1431 bis 1447 fand das Konzil von Basel – Ferrara – Florenz – Rom statt. Es wurde von Papst Martin V. und seinem Nachfolger, Papst Eugen IV., ins Leben gerufen. Im Gegensatz zum Konzil von Lyon war hier die Überwindung des Morgenländischen Schismas das alleinige Thema. Aus dem Byzantinischen Reich kamen dieses Mal nicht nur der Kaiser, sondern auch Vertreter des orthodoxen Klerus. Die Patriarchate Antiochia, Jerusalem und Alexandria befanden sich zu dieser Zeit schon im osmanischen Herrschaftsgebiet. Die dortigen Herrscher verweigerten den Patriarchen, zum Konzil zu reisen. Daher ernannte der byzantinische Kaiser für diese Patriarchate kirchliche Vertreter. Sowohl Kaiser Johannes VIII. Palaiologos als auch der Ökumenische Patriarch Joseph II. zeigten sich bereit, große theologische Zugeständnisse zu machen, denn die Bedrohung durch die Osmanen wurde immer handfester. Das Byzantinische Reich war mittlerweile zu einem Stadtstaat zusammengeschrumpft. Der byzantinische Kaiser nahm seinen Bruder Demetrios Palaiologos zum Konzil mit, damit dieser nicht in seiner Abwesenheit in Konstantinopel einen Staatsstreich durchführen konnte.

Am 5. Juli 1439 wurden vom Papst, vom Kaiser Johannes VIII. Palaiologos, von 116 weiteren Vertretern der römisch-katholischen Kirche und von 32 Angehörigen der byzantinischen Kirchengemeinde das Unionsdekret „Laetentur coeli“ unterzeichnet und damit die Kircheneinheit besiegelt und ein weiterer Kreuzzug zur Entlastung Konstantinopels beschlossen. Allerdings gab es neben dem Bruder des Kaisers einige der anwesenden Vertreter der orthodoxen Kirche, die ihre Unterschrift verweigerten. Auf römisch-katholischer Seite waren es besonders die Bischöfe von Polen-Litauen, die sich bei der Ablehnung der Kirchenunion hervortaten … Das positive Ergebnis des Konzils war nur deshalb möglich, weil trotz unterschiedlicher Rituale und Glaubensformeln bei einem gemeinsamen Glauben die Rechtgläubigkeit des jeweils anderen nicht angezweifelt wurde.

Als Kaiser Johannes VIII. und die Vertreter der orthodoxen Kirche nach Konstantinopel zurückkehrten, stießen sie auf energische Ablehnung der Florentiner Kirchenunion durch die Bevölkerung und durch den Klerus. Auch Kaiser Konstantin XI., Bruder und Nachfolger des 1448 verstorbenen Kaisers Johannes VIII., hielt an der Kirchenunion fest, stand aber relativ machtlos der Ablehnung der Unionsgegner gegenüber. Der Metropolit Isidor von Kiew und ganz Russland verkündete 1441 in Moskau im Kreml in der Kleidung eines Kardinals die Kirchenunion. Daraufhin wurde er von der Bischofskonferenz abgesetzt. Großfürst Wassili II. ließ ihn verhaften. Nachdem Konstantinopel einen neuen Metropoliten hatte ernennen wollen, erklärte sich 1448 die Metropolie in Moskau für autonom und wählte einen eigenen Kandidaten. Isidor konnte fliehen und kehrte nach Rom zurück. Papst Nikolaus V. schickte ihn als Legaten für die Griechen und Slawen nach Konstantinopel. Am 12. Dezember 1452 leitete er in der Hagia Sophia die liturgische Proklamation der Florentiner Kirchenunion. Damit sollten das christliche Europa und der Papst zu der versprochenen militärischen Entlastung Konstantinopels gegen die Osmanen bewegt werden.

Diese Hilfe kam nicht: Der Adel in England und in Frankreich war durch den Hundertjährigen Krieg (1337‒1453), der polnische und ungarische Adel durch die Niederlage in der Schlacht bei Warna (1444) und der ungarische und serbische durch die Niederlage in der zweiten Schlacht auf dem Amselfeld (1448) sowohl personell als auch finanziell geschwächt. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war ein föderaler Staat, der aus über 300, oftmals einander verfeindeten, weltlichen und kirchlichen Fürstentümern sowie Reichsstädten bestand. Einerseits blieben nicht wenige deutsche Adlige auf den Schlachtfeldern des Hundertjährigen Krieges liegen. (Hier wurde das Ende des Rittertums besiegelt.) Andererseits war Friedrich III. ein schwacher Kaiser, der eher auf die Festigung der Habsburger Hausmacht bedacht war und über kein zentrales stehendes Heer verfügte. Der spanische Adel war stark in die Reconquista, der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel von den Mauren, eingebunden. Zudem gab es keinen einheitlichen spanischen Staat. Die Stadtmächte Genua und Venedig zeigten ein ambivalentes Verhalten: Ein kleiner Teil unterstützte offen Konstantinopel, während der größere und der offizielle Teil sich zurückhielten und ihnen langfristige Handelsverträge mit dem Osmanischen Reich wichtiger waren als die Existenz eines christlichen Bollwerks im östlichen Europa namens Konstantinopel. Aus heutiger Sicht würde man sagen, dass die elende Krämerseele obsiegt hatte. Obwohl Sultan Mehmed II. bereits ein Jahr zuvor die Eroberung Konstantinopels angekündigt hatte, ergingen sich Genua und Venedig in endlosen Verhandlungen mit dem Papst darüber, wer was bezahlen müsse.

Am 29. Mai 1453, nach 54-tägiger Belagerung, fiel Konstantinopel. Der Vierte Kreuzzug hatte sich bereits tief in das kollektive Gedächtnis der orthodoxen Welt eingegraben. Die ausbleibende bzw. geringe Hilfe führte in der orthodoxen Bevölkerung und in der Kirche zu einer weiteren Vertiefung von Misstrauen und Ressentiments gegenüber den „Lateinern“. In Gebieten, wo der römisch-katholische Glauben dominierte, sah man den Fall Konstantinopels hingegen nicht selten als eine Bestrafung dafür, die Kirchenunion abgelehnt oder ihr nur zugestimmt zu haben, um militärische Hilfe zu bekommen. – Beide Seiten haben nicht erkannt, dass der Fall Konstantinopels die Initialzündung für die Ausbreitung des Osmanischen Reiches auf große Teile Europas war und die Unterdrückung vieler europäischer Völker ermöglichte.

Der blinde Hass der Lateiner auf die Orthodoxen und der Orthodoxen auf die Lateiner, ohne die Folgen ihres Handelns zu bedenken, macht den aufgeklärten Betrachter aus heutiger Sicht fassungslos. Dennoch ist Hochnäsigkeit nicht angebracht. Auch heute sieht man in der EU, aber besonders in Deutschland, die gleichen Erscheinungen, sei es in der Migrations-, sei es in der Energie-, in der Wirtschafts- oder in der Sicherheitspolitik. Die Religion spielt in der heutigen westlichen Welt eine immer geringere Rolle. An deren Stelle tritt die Ideologie, die zur Religion erhoben wird, mit dem Ergebnis, dass unbequeme Kritiker vor eine moderne Inquisition gezerrt, für vogelfrei erklärt werden und eine Politik betrieben wird, die den Interessen des eigenen Volkes zuwiderläuft …

c. Wann erlosch die Kirchenunion endgültig?

Hierfür gibt es kein einzelnes bestimmtes Datum. Die Vereinbarungen der Konzile von Basel, Ferrara, Florenz und Rom wurden in der orthodoxen Welt nie dauerhaft umgesetzt. Für das Erlöschen der Kirchenunion von offizieller Seite aus stehen drei Zeitpunkte:

  • 1443: Auf einer Synode in Jerusalem lehnten die bereits unter muslimischer Herrschaft stehenden Patriarchate Antiochia, Jerusalem und Alexandria die Kirchenunion ab und sprachen über Kaiser Johannes VIII. Palaiologos und die unierten Griechen das Anathema aus.
  • 1453: Nach dem Fall Konstantinopels setzte der Sultan einen unionsfeindlichen Patriarchen ein.
  • 1472: Auf der Synode in Konstantinopel wurde die Kirchenunion für beendet erklärt.

Hier folgt Teil 2