Die komplizite Gesellschaft

Schafe auf der Weide, Foto: Stefan Groß

Mit dem Privatauto fahren wir zum Brötchenholen oder zum Flughafen. Und lassen Dampf ab. Hoch über den Wolken essen wir Fleisch. Mit dem Begriff der kompliziten Lebensweise wende ich mich gegen die Auffassung, unser umweltzerstörerisches Verhalten, unsere Menschen und Tiere schädigenden – neganthropischen und neganimalischen – Entscheidungen entsprängen schlicht und einfach „strukturellen Zwängen“. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang das Wort „Entscheidung“: So fragen uns die Flugbegleiter auf einer Reisehöhe von 10000 Metern: Fleisch oder vegetarisch? Viele Leser dieser Zeilen können bezeugen, dass es nur eine verschwindend kleine Minderheit ist, die diese Frage mit den Worten „Für mich bitte vegetarisch!“ beantwortet.

Auch wenn die Freiheit dort nicht grenzenlos ist, wie ein bekannter Liedermacher singt: Über den Wolken scheint kein „struktureller Zwang“ gegeben zu sein, der zur Fleischwahl drängte. Ganz im Gegenteil: Wer die vegetarische Wahl trifft, könnte sich von den in Hörweite sitzenden anderen Fluggästen abheben und sogar einen Distinktionsgewinn erzielen.

Wie sieht es 10km tiefer aus? Laut einer Studie des Umweltbundesamtes sind in deutschen Großstädten 40–50% aller Pkw-Fahrten nach weniger als 5 km zu Ende. Auf diese Distanz ist das Fahrrad in vielerlei Hinsicht eine ebenbürtige und gesündere Alternative. Warum wird es von den fahrradfähigen Bevölkerungsteilen nicht ausgiebiger genutzt? Fährt jemand mit dem SUV beim 1,2 km entfernten Bäcker vor, um sich dort in die Warteschlange einzureihen, dürfte sich der Inszenierungswert in Grenzen halten.

Mit dem Begriff der kompliziten Lebensweise und dem Gesamtbild einer kompliziten Gesellschaft möchte ich zum Ausdruck bringen: Mittlerweile sind wir über die Folgen unserer neganthropischen und neganimalischen Entscheidungen bestens informiert, und wir nehmen diese Folgen mit zunehmender Aufklärung in wachsendem Maße bewusst in Kauf. Wie anders sollte man eine Gesellschaft, in der dies der Fall ist, bezeichnen, wenn nicht als mittäterliche Gesellschaft?

Weil die Klimaerwärmung nun einmal im Informationszeitalter stattfindet, vergeht kein Tag, ohne dass uns die mittäterliche Praxis einer abgasenden Fortbewegung im Himmel und auf Erden vorgehalten wird. Wer glaubt, es sich leisten zu können – und es den anderen zumuten zu dürfen –, entscheidet sich gleichwohl für den Flug von Hamburg nach München, statt für den Zug oder den Bus.

Interessant ist nun, dass unsere Mittäterschaft überall nach Kräften ausgeblendet wird. Man achte einmal darauf: Allerorten wird der Verbraucher exkulpiert. Wir werden zu unmündigen Objekten der oben angesprochenen systemischen Zwänge degradiert, denen keine Wahlfreiheit oder moralische Entscheidungskompetenz zukommt.

Schlagen wir eine vegetarische Zeitschrift auf oder ein Buch über die Massentierhaltung oder etwa den alljährlich aktualisierten FLEISCHATLAS, so finden wir kaum Hinweise darauf, dass Menschen sich wider besseres ethisches Wissen dazu entscheiden, Fleisch zu konsumieren. Dass Menschen Fleisch essen „müssen“, weil es ihnen nun einmal schmeckt, gilt als quasi unverbrüchliche Grundeinstellung, als Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen. Allenfalls müsse und könne die Tierhaltung verbessert werden. Erschreckenderweise findet sich diese Haltung selbst und ausgerechnet in einem gegen die Massentierhaltung geschriebenen Buch. Der Biologe und Grünen-Politiker Anton Hofreiter erläutert in seiner ansonsten verdienstvollen Schrift „Fleischfabrik Deutschland“, dass zahlreiche Menschen sich zwar eine andere Landwirtschaft wünschen, aber dennoch „Fleisch mögen“. Hofreiter möchte, dass jeder Mensch sich frei entscheiden kann. Und er erklärt, er selbst äße gern – wenn auch nicht übermäßig – Fleisch. Offenbar sieht Anton Hofreiter nicht, dass Menschen gar nicht so wenige Dinge gern tun oder gerne tun würden, die ethisch verwerflich sind. Gern auf eine bestimmte Art handeln zu wollen, eine bestimmte Entscheidung zu treffen, ist nun aber keine Gewähr dafür, dass diese Handlung ethisch zulässig oder gar gut ist. Weil er diesen Zusammenhang ausblendet, scheinen Hofreiter etwa auch die Intentionen der vergleichsweise wenigen vegan lebenden Menschen entgangen zu sein, sodass er formulieren kann: Er wolle eine Politik gestalten, die „die Bedürfnisse der Veganer“ ebenso berücksichtigt wie die Interessen der Landwirte. Nun verzichtet die überwältigende Mehrheit der Veganer nicht deshalb auf alle tierischen Produkte, weil Veganer einen Tick haben, sondern weil sie die Bedürfnisse von Tieren und das bislang weitgehend anwaltlose Interesse der Tiere an einem leidfreien Leben ernst nehmen. Wir haben also einen Interessenkonflikt zwischen niederträchtig behandelten und entsetzlich leidenden Tieren und Landwirten vorliegen – mit u.a. Veganern als den Advokaten tierlicher Bedürfnisse; und es bedarf kaum der Erwähnung zugunsten welcher Interessengruppe dieser Konflikt zu regulieren ist. Für erlittene wirtschaftliche Verluste kann man Landwirte entschädigen – für erlittene Schmerzen können Tiere nicht entschädigt werden.

Welche vegetarische Informationsquelle wir auch aufschlagen: Immer schlägt uns entgegen, der Verbraucher müsse erst noch informiert werden. Um der Wahrheit auszuweichen – und ohne daran zu glauben – bemüht man nach wie vor gern das alte Sokratische Prinzip: Wer die richtige Einsicht in das Gute gewonnen hat, wird gut handeln. Die Wahrheit ist jedoch eine ganz andere: Um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, erschien bereits im Jahr 1893 Henry Salts (1851–1939) gewichtiges Buch „Animals‘ Rights“. Nach mehr als einem Jahrhundert intensiver Aufklärung über das Grauen in der Fleischindustrie wissen alle längst Bescheid. Doch werden die Qualen der Nutztiere mittäterlich in Kauf genommen und mit jedem entsprechenden Einkauf fortgesetzt.

Ich habe es unternommen, Personen auf den Zahn zu fühlen, warum sie bei aller Informiertheit und vor dem Hintergrund regelmäßiger Filmberichterstattung im Fernsehen immer noch Fleisch äßen. Sie bestätigten mir erstens ihre Informiertheit und gaben zweitens unumwunden zu, das fleischgewordene Tierleid weiterhin in den Warenkorb und in Kauf nehmen zu wollen: weil ihnen das Fleisch schmeckt!

Es ist an der Zeit, sich von einem liebgewordenen Irrtum zu verabschieden. Von dem Irrtum, die Tierrechtsbewegung habe erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen oder sei auf den englischen Sprachraum beschränkt geblieben – der Konsument wisse noch nicht so recht Bescheid. Man denke hier auch an den äußerst agilen Tierrechtler Magnus Schwantje (1877–1955), in dessen Vorträgen und Schriften der Abschied von Fleisch, Leid und Leder vehement gefordert wird.

Man wähnt, uns von der Mittäterlichkeit exkulpieren zu können, weil wir nicht Bescheid wussten. Angeblich sind wir ja erst seit Kurzem angehalten, bessere Konsumentscheidungen zu treffen. Um die scheinbare Normalität des Fleischkonsums in das grelle Licht ethischer Befragung zu stellen, wurde vor einigen Jahren der Begriff „Karnismus“ eingeführt. Bislang war das Zeigen mit dem verbalen Zeigefinger einseitig: Fleischesser konnten die „seltsamen“ Pflanzenesser mit dem Begriff „Vegetarier“ kategorial ausgrenzen und sich als „normale“ Mehrheit – als gleichwohl nur eingebildete, schulterklopfende Gemeinschaft – von den Vegetariern distanzieren. Ohne dass die Vegetarier kategorisch zurückschlagen konnten. Mit dem Begriff „Karnismus“ gelingt dies.

Was den Begriff „Karnismus“ angeht könnte man also versuchen, Fleischesser unter anderem mit einem Hinweis darauf zu exkulpieren, dass es den Begriff „Karnismus“ noch nicht allzu lange gibt, dass er seine Wirkung noch nicht voll entfalten konnte. Allerdings erweist sich auch dies als grandioser Irrtum: Vor mehr als 100 Jahren prägte Howard Williams (1837–1931) den Terminus „Kreophagie“ (aus griechisch „kreon“ [Fleisch] und „phagein“ [essen]) und leistete mit diesem Neologismus seinerzeit eben das, was zu leisten der Begriff Karnismus neuerlich angetreten ist: Kreophagen (Fleischesser) konnten als Anhänger einer ethisch verwerflichen Ideologie (Kreophagismus) kritisch angesprochen werden.

Aufs Ganze gesehen wissen wir in Anbetracht der akkumulierten Aufklärung aus Jahrzehnten und Jahrhunderten recht genau Bescheid und handeln beim Fleischkauf, bei der Autofahrt zum Bäcker, beim SUV-Kauf, beim Kauf kurzlebiger Wegwerfprodukte sowie beim Flug über das vorhandene Bus- und Bahnnetz hinweg wider bessere ethische Einsicht.

Wir kennen die Folgen unseres Tuns, und dennoch handeln wir ethisch verwerflich. In seinem bedeutenden Aufklärungs-Buch „Die Sintflut neben uns“ findet der Soziologe Stefan Lessenich folgende Erklärung für unser Verhalten. Wir konsumieren ethisch fragwürdig und menschenschädigend (neganthropisch), weil wir es können und andererseits, „weil gesellschaftliche Strukturen uns dazu nötigen, weil soziale Mechanismen uns dazu treiben, weil die verallgemeinerten Praktiken unserer sozialen Umwelt uns dazu veranlassen.“ An späterer Stelle seines Buches rückt Lessenich mit der Wahrheit heraus, dass es nicht fehlendes Wissen ist, was uns an unseren neganthropischen und neganimalischen Verhaltensweisen festhalten lässt, sondern eine unbestimmte „Mischung aus Bequemlichkeit und Unwohlsein, Sorglosigkeit und Überforderung, Gleichgültigkeit und Angst – ein verallgemeinertes Nicht-wissen-Wollen.“ Nun gilt aber: Will ich etwas nicht wissen, so wusste ich bereits darum. Womit unsere Konsum-Handlungen ethisch gebrandmarkt und wir als Mittäter entlarvt wären, als Akteure einer kompliziten Lebensweise und Agenten der kompliziten Gesellschaft. Nachdem die Wahrheit einmal auf dem Tisch ist, hilft es auch nicht mehr, wenn Lessenich die zugestandene Gleichgültigkeit gegen Ende seines Buches doch wieder zu einer „erzwungenen Komplizenschaft“ umzutaufen versucht.

Die ethische Verwerflichkeit unseres Handelns ist etwas, was tunlichst nicht anzusprechen ist. Der moralische Zeigefinger bleibt tabu. Was dies betrifft, bekommen die Konsum-, Fleisch- und mobilitätskritische Bewegung sowie der Soziologe Lessenich Schützenhilfe von den Autoren Ulrich Brand und Markus Wissen. Sie schreiben (in ihrem hier gleichfalls empfohlenen Buch „Imperiale Lebensweise“), es solle „nicht mit moralischem Zeigefinger auf Menschen gezeigt werden, die ein Auto haben und fahren, mit großer Selbstverständlichkeit und trotz Alternativen im Kurzstreckenbereich das Flugzeug nutzen oder industriell produziertes Fleisch essen.“ Aber warum denn eigentlich nicht? Warum sollen sogenannte Moralisten sich nicht hinstellen dürfen und den Versuch unternehmen, ihre Mitmenschen von neganthropischen und neganimalischen Entscheidungen abzubringen? Und wie anders sollten Moralisten dies tun als durch einen Appell an das Gewissen und das Mitleid? Mit Sicherheit reicht es nicht, den Verzicht auf Fleisch oder Auto schweigend vorzuleben.

Im Jahr 1975 veröffentlichte Herbert Gruhl sein Buch „Ein Planet wird geplündert“ – er versah es mit der Widmung „Unseren Kindern“. Mit seiner Schrift wollte Gruhl einen Beitrag für eine Wende leisten, die verhindert, dass Kinder auf einem heruntergewirtschafteten, zerstörten und vermüllten Planeten leben müssen. Was er wohl nicht ahnte, ist, dass die komplizite Lebensweise nicht einmal vor den eigenen Kindern Halt macht. Hierzu eine kurze Geschichte: Als sich das jährliche Gartenfest nähert, schlägt in einem mir bekannten Wohnungskomplex eine von 30 Parteien vor, in diesem Jahr – seit dem ersten Gartenfest vor sieben Jahren – erstmals auf Fleisch als Grillgut zu verzichten. Als Informationsquelle wird den nachbarlichen Familien mit vielen Kindern der FLEISCHATLAS 2018 an die Hand gegeben. Diesem kann Seite für Seite entnommen werden, dass unser Fleischkonsum die Zukunft der eigenen Kinder gefährdet. Wie viele Eltern sind wohl für die wenigen Stunden des Gartenfestes von ihrer kompliziten Lebensweise abgerückt?

Das sokratische Prinzip, wonach auf die richtige Einsicht in bislang unzureichend verstandene Zusammenhänge Korrekturen unseres Handelns folgen, war vielleicht niemals ungültiger als heute, weil wir heute über mehr Informationen und Alternativen verfügen als früher. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die komplizite Lebensweise auch vor den eigenen Kindern nicht halt macht. Weit davon entfernt, unnötigen Ressourcenverbrauch zu drosseln, sind es oftmals gerade bestinformierte Kreise aus der akademischen Mittelschicht, die in Sachen Umweltzerstörung und Ressourcenverbrauch ganz vorne stehen. Um es drastisch zu sagen: Sich unter Umschiffung offenstehender Alternativen ausgiebig am Raubbau an der Natur beteiligende Eltern schaufeln ihren Kindern das Grab. Freilich gilt, dass ausnahmslos alle Eltern dieser Welt kraft ihrer Elternschaft bereits so gehandelt haben, dass Kinder – die eigenen Kinder – sterben und beerdigt werden müssen. Hierüber klärt die antinatalistische Moraltheorie mit ihrem Befund auf, dass es grundsätzlich besser ist, keine Nachkommen zu haben, weil Leben und Sterben unzumutbar sind.

Im Lichte der kompliziten Lebensweise zeigt sich, dass Hinweise der antinatalistischen Moraltheorie auf die Unzumutbarkeit des Daseins überwiegend verpuffen dürften. Eltern beteiligen sich ja gemeinhin gar nicht an dem Versuch, ihren Kindern eine heile Welt zu hinterlassen – oder die kaputte Welt zu restaurieren –, sondern sie engagieren sich mittäterlich an der Herunterwirtschaftung der Erde. Beispielsweise indem sie ihre Kinder mit dem Auto in die nahe Schule fahren oder zu Fleischessern erziehen und jubilieren, wenn das Kind die Führerscheinprüfung bestanden hat. Etwas zynisch ließe sich also sagen: Da Eltern ihren Kindern ohne Weiteres eine kaputte Welt zumuten und sie zur Weltzerstörung erziehen, warum sollten sie ihnen da nicht auch das Leben zumuten?

 

Über Karim Akerma 53 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).