Europa hat eine religiöse Mission

Als hätte er es geahnt. Zum vergangenen Jahreswechsel, in der Botschaft zum Weltfriedenstag, hat Papst Benedikt die gegenseitige Achtung der Religionen, Fundamentalismus und Gewaltfreiheit thematisiert. Und wenige Tage später, vor den beim Vatikan akkreditierten Diplomaten, hat er ganz undiplomatisch darauf bestanden, dass nirgendwo auf der Welt die Religion ein Grund sein darf, Menschen zu verfolgen oder als Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Dem Botschafter Pakistans muss es ganz ordentlich in den Ohren geklingelt haben, als der Papst unverblümt das dortige Blasphemiegesetz anprangerte.
Jetzt, der Friedensappell Benedikts ist erst wenige Wochen alt, steht der Mittelmeerraum in politischen und teils ganz realen Flammen. Während sich christliche Politiker in Deutschland eine ranzig riechende Debatte über den Zölibat gestatten und Italien eine politische Schmierenkomödie erlebt, droht man den Christen in dieser Region endgültig das Licht auszupusten. Nicht nur aus Ägypten ist zu hören, dass islamistische Gruppierungen kräftig Öl in die Flammen des Aufruhrs gießen, der weite Teile der arabischen Welt erfaßt hat. Vor allem der Ausfall Italiens auf dem Parkett der internationalen Diplomatie ist beschämend. Im Stiefelstaat, der allein wegen seiner geografischen Lage in den vergangenen Jahrzehnten den Anspruch erhob, eine Frieden stiftende Ordnungsmacht im Mittelmeerraum zu sein, kümmern sich die Medien nur noch um das Alter von Edel-Prostituierten und deren Telefonate. Und die Politik hechelt ihnen hinterher.
Da ist es dann also wieder einmal der Papst, der Europa nicht nur an seine christlichen Traditionen erinnert, sondern darauf besteht, dass diese Tradition eine Verpflichtung für die Gegenwart darstellt. Wo anders als gerade in Europa hat das Christentum die Weisheit und das Gespür dafür entwickelt, wie das Verhältnis der Staaten zu ihren Bürgern und deren Religion, wie die Beziehung zwischen den Religionen auszusehen hat? Den Atheisten und ihrem dämlichen Hedonismus („Es gibt keinen Gott. Also lehnen Sie sich zurück und genießen Sie das Leben!“) sollte man ein für alle Mal den Mund verbieten! Ihnen hält Papst Benedikt entgegen: „Vor diesem geschätzten Auditorium“, sagte er den Diplomaten am 10. Januar, „möchte ich schließlich nochmals nachdrücklich sagen, dass die Religion kein Problem für die Gesellschaft darstellt, dass sie kein Unruhe- oder Konfliktfaktor ist.“ Denn: „Die religiöse Dimension ist ein unleugbares und unbezwingliches Merkmal des menschlichen Seins und Handelns, sie ist der Maßstab für die Verwirklichung seiner Bestimmung und für den Aufbau der Gemeinschaft, der er angehört.“
Deshalb sei die Religionsfreiheit der „grundlegende Weg für den Aufbau des Friedens“: „Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.“ Dieses Recht des Menschen, „das in Wirklichkeit das erste der Rechte ist, weil es – geschichtlich gesehen – als erstes bestätigt wurde, und das andererseits die grundlegende Dimension des Menschen angeht, nämlich sein Verhältnis zu seinem
Schöpfer“, werde heute in der Welt noch allzu oft in Frage gestellt oder verletzt. Vor allem an die Politiker Europas appellierte deshalb der Papst, sich „dieser schweren Verwundung“ bewusst zu werden, die der Würde und der Freiheit des ,homo religiosus’ zugefügt wird“.
Wer heute Außenpolitik betreibe, müsse eigentlich Theologie studiert haben, soll Joschka Fischer nach dem 11. September 2011 gesagt haben. Richtig daran ist: Die Religion ist eine dermaßen unauslöschbar in die Natur eingesenkte Dimension des Menschen, dass eine Außenpolitik, die nur den Zugriff auf Rohstoffe wie das Öl und die Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Interessen vor Augen, keinen dauerhaften Frieden herstellen kann. Es waren religiöse Menschen, die in Europa die Zeit der Konfessionskriege überwunden haben.
Es waren religiöse Menschen, die die europäische Einheit aufzubauen begannen. Es werden religiöse Menschen sein müssen, die auch die anderen Konfliktherde der Erde befrieden werden – wenn es gelingt, den Sinn für die Würde und Freiheit des „homo religiosus“ in der Welt zu verbreiten, wie ihn die katholische Kirche entwickelt hat. Schaut man auf Nordafrika, den Nahen und Mittleren Osten, so hat man den Eindruck, damit ganz am Anfang zu stehen.
Ein Grund mehr, dass die europäische Politik den Weg des Atheismus verlässt und den puren religiöser Weisheit folgt, wie Benedikt XVI. sie verkörpert.
Guido Horst ist Chefredakteur des Vatikan-Magazin (www.vatikan-magazin.de)

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Über Horst Guido 35 Artikel
Guido Horst wurde 1955 in Köln geboren. Nach dem Studiun der Geschichte und Politologie arbeitete er für die katholische Presse als Journalist. Im Jahr 1998 übernahm Horst die Leitung der katholischen Zeitung Die Tagespost mit Sitz in Würzburg; 2006 gab er den Posten des Chefredakteurs ab und ging wieder nach Rom. Er wurde abermals Rom-Korrespondent der Tagespost und Chefredakteur der zusammen mit Paul Badde konzipierten Zeitschrift "Vatican-magazin".

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