Münchens neuer Staatsopern- „Faust“ – total in Frauen-Hand 

„Faust“-Dirigentin Nathalie Stutzmann, Titelheld-Rolleninhaber Jonathan Tetelman und die Darstellerin des Siebel Emily Sierra nehmen den Schlussapplaus entgegen. Foto: Hans Gärtner

Zum zweiten Mal darf Wiens Volksopern-Leiterin Lotte de Beer in der Bayerischen Staatsoper ans Regiepult. Auf ihren preiswürdigen „Il Trittico“-Puccini vor neun Jahren hat man ihr hier den französischen Goethe-Stoff vom senilen Grübler, der sich noch einmal verlieben will und auf der ganzen Linie scheitert, anvertraut: Charles Gounods Sichtweise auf „Faust“, getextet von Jules Barbier und Michel Carré, 1859 in Paris uraufgeführt.

Lotte de Beer begab sich auf das Feld der französischen „Grand Opéra“ mit Gott und Teufel, lodernder Liebe, Sehnsucht nach ewiger Jugend, Schuld und Kindsmord. Sie vermutet, dass Johann Wolfgang von Goethe von einer Kindsmörderin gehört habe, die sich ihrer eigenen Schuld bewusst war. Dem Teufel, der als Méphistophélés am listigen Werk ist, spricht sie die „Metapher der Kirche für das, was uns zum Bösen verleitet“ zu. Bei de Beer tritt er als Conférancier auf, als „Manipulator, er sich im Moment der Entscheidung zurückzieht und die Menschen sich selbst überlässt“.

Diesen Satan-Sprinkinkerl ganz in Schwarz spielt und singt phänomenal der amerikanische Bassbariton Kyle Ketelsen, der das Münchner Nationaltheater -Publikum bereits als Escamillo, Kaspar, Don Basilio und Leparello erfreute. Bei Lotte de Beer darf er so hundsgemein und verquer sein wie noch in keiner seiner Rollen am Haus. Er dominiert solistisch diese Inszenierung, da gibt es keinen Zweifel. Auch wenn sein Opfer, „Le docteur Faust“, titelgebend an erster Stelle des durchaus profilierten Solisten-Ensembles bleibt und wohl auch der Grund für ein total ausverkauftes Haus an allen fünf Februar-Vorstellungsabenden ist: der 38-jährige Leuchtstern am Operntenor-Himmel Jonathan Tetelman.

Der in Chile geborene Tetelman glänzte mit tollem Outfit, beherrschtem Liebhaber-Gestus und einer erwartet hochkarätigen Stimm-Gebung. Die gekonnt eingesetzte Mischung aus Biegsamkeit und Spinto ist perfekt. Er selbst gestand sich im Vorfeld der Premiere die für diese Partie nötige „Wärme und Agilität für die lyrischen Teile als auch die wachsende Kraft für die dramatischeren Momente“ zu. Der Prüfstein, die schwärmerische Begrüßung seiner Erkorenen „Salut! Demeure chaste et pure“, gesungen am linken Eck der armseligen Holzhütte mit darin schlafender Marthe Schwerdtlein (Dshamiljya Kaiser) gelang bemerkenswert mit einem ins Piano zurückgenommenen hohen C. Da hatte es die ohnehin verratene, ausgestoßene Marguerite der jungen Ukrainerin Olga Kulchynska nicht leicht, mitzuhalten. Ihre „Juwelenarie“ im perlenbestickten weißen Unschulds-Kleid aus der schwarzen Lock-Schatulle des gerissenen Teufels-Verführers kam allerdings überzeugend an.

Mit der eher undankbaren Rolle des Gretchen-Bruders Valentin, der in den Krieg ziehen muss und Sorge um das Wohl seiner Schwester trägt, um am Ende noch verflucht zu werden und sterben muss  – bei Freund Siebel (prachtvoll: der Mezzo von Emily Sierra) wusste er sie bestens aufgehoben – wurde der Franzose Florian Sempey dank seines warm strömenden Baritons sehr gut fertig.

War es Zufall oder Fügung, dass es für diese Neuinszenierung eine zweite Pult-Frau, die Ex-Altistin Nathalie Stutzmann gibt? Vor drei Jahren war sie als überraschende „Tannhäuser“-Dirigentin in Bayreuth in aller Munde und wurde 2024 als „beste Dirigentin“ mit dem „Opéra!Award“ prämiert. Stutzmanns Pult-Einstieg in München war ein Ereignis. Sie wurde der teils mystischen, teils katholisch-schwärmerischen Partitur des religiös eingestellten Charles Gounod mit Präzisionsfanatismus und klanglicher Tiefenschürf-Arbeit mehr als gerecht.

Staatsopernorchester und Staatsopernchor (Einstudierung: Christoph Heil) waren mit den Kriegs-Szenen und der den fünften opulenten „Walpurgisnacht“- Akt im (Dreh-)Bühnenbild Christof Hetzers mit seiner Vorliebe für abgedunkelte Metall-Platten in Großeinsatz. Der Applaus am dritten Vorstellungsabend fiel dankbar bis herzlich aus. Bemerkenswert allerdings: Es gab nicht wenige, die nach freilich dreieinhalb anstrengenden Stunden das Haus in der Pause verließen.

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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.