Bayerische Staatsoper München: Guiseppe Verdis letzte Oper „Otello“ – flammenschlagend zu Eis gefroren: Star-Besetzung: Jonas Kaufmann, Anja Harteros, Gerald Finley. Am Pult: Kirill Petrenko

Otellos Indiz für die Untreue seiner Frau Desdemona

Guiseppe Verdis letzte Oper „Otello“: erste Neuproduktion der Spielzeit 2018/19 an der Bayerischen Staatsoper, besucht 5 Tage nach der umstrittenen Premiere. Star-Besetzung: Jonas Kaufmann, Anja Harteros, Gerald Finley. Am Pult: Kirill Petrenko. Staatsopern- samt Kinderchor, Staatsorchester. Regie: Amélie Niermeyer. Bühne: Christian Schmidt. Kostüme: Annelies Vanlaere.

Düster, grau, schmutziges Weiß, fahles Grün, 4 musikalisch tosende, flammenschlagende Akte lang. Zimmer mit himmelhohen Türen, eng, weit, stets gut durchlüftet. Kahl möbliert. Farblos. Zweimal, Video macht`s möglich, wie wild sich drehend, Spiegel von Desdemonas Zerrissenheit, Opfer ihres verblendet-dummen und, nach errungenen Kriegsehren, stumpf gewordenen Gatten Otello. Ehekrisenalarm. Sie ahnt, bei jeder Verhandlung der Männer im Hintergrund anwesend, ihren frühen Tod durch die Erstickungskraft des sich betrogen fühlenden Gatten. Ganz hochgewachsene Lady, aus noblem Hause, liebelechzend, doch mehr und mehr zu Eis gefrierend: Anja Harteros. Betörende Inbrunst ihres Abschieds von dieser Welt, aus der sie sich noch einmal den Brautschleier erbittet. Ave Maria, gratia plena … Der Herr war mit ihr, der Magd des Herrn. Mit Desdemona ist niemand. Das Grauen packt dich, wenn du die Göttliche zerstört am Boden weißt. Ausgelöschtes blühendes Leben. Die Blumen, die ihr Gatte der aufs Sterbelager, Strauß für Strauß, verteilte, galten ihrem Grab.

Der Zerstörer: Otello. Oder doch Jago? Die kämpferische weibliche Figur, für die sich Amélie Niermeyer stark machte, eine im Intrigenspiel Erlegene, darin Otello gleich, der sich, das Desaster kapierend, erdolcht. Jonas Kaufmann, bar seiner Lockenpracht, nicht zum Mohr geschwärzt, macht das glaubwürdig. Mit jedem (auch unschönen) Ton. Bis zum letzten Seufzer. Mitleid: nö! Sympathie gebührt dem kraftaufwendig Singenden für den Mut zum dumpfen Antihelden. Zur Memme. Die sich blenden lässt. Das Liebespfand-Taschentuch (s. Foto), in die Hände des Cassio (Evan LeRoy Johnson) geschmuggelt, verlangt Otello als Beweis der Untreue seiner herabgewürdigten Angetrauten. Wie lächerlich. „Mit diesen Fäden werde ich“, so Jago, „den Beweis für die Liebessünde weben“. „Wehe, wenn du es verlierst!“, droht Otello der einst Beschenkten. „Eine mächtige Zauberin wob seinen geheimnisvollen Faden …“ So Arrigo Boito, der Librettist. Schön formuliert. Poetisch. Die Zeichnerin Ulrike Theusner im schwarz eingehüllten weißen Programmbuch greift das Mystische auf.

Davon war viel zu spüren in dieser kalten, steinharten Deutung der kaum aushaltbaren Otello-Story, an der man sich die Zähne ausbeißt. Schon Niermeyers Metaphern wegen. Zwei offene Kamine, einer für Otello, einer für Desdemona. In beiden, für beide: das darin ersterbende Feuer. Eine Metapher-Gestalt für sich: ihr Jago. Kein Brüller, kein Finsterling. Ein jungenhafter Hasardeur. Kalter Vernichter. Karrieregeil. Rachsüchtig, unverschämt. Sich in den Eifer des Schlächters verrennend, neidvoll, abgefeimt. Wie Gerald Finley diese Partie formt und mit seinem begnadeten Bariton färbt: grandios.

Was für Kirill Petrenko, den gezügelten Wilden mit dem mild-verschmitzten Lächeln im stets freundlichen Gesicht, nicht weniger gilt. Meisterhaft seine Chor-Oratorien (Sturm-Eröffnung, Gesandtschafts-Szene, drittes Finale), ausgekostet und ausgeleuchtet bis in den letzten Winkel: Subtilität, Brutalität, Fragilität, Aggressivität dieser fulminanten Partitur – das Furiose wie das Filigrane. Musikalisch ein Ereignis. Verdi in seiner unbegreiflichen Weisheit der Vertonung seelischer Abgründe. Nie zuvor gelang es, die von Norbert Christen vor fast 20 Jahren im damals neuen Programmheft des Münchner Nationaltheaters beschworene „neue Fülle an klangfarblichen Kombinationen, das Ausnutzen ungewöhnlicher Register, die Vorschrift seltener Spielweisen“ des „Otello“ hörbar und bis zum Erschaudern erlebbar gemacht zu haben.

Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.