Was soll man heute noch studieren? Singapur baut die Universität für das KI-Zeitalter um

Marina Bay von Singapur, Marina, Quelle: allanlau2000, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

Vor wenigen Jahren galt ChatGPT an Hochschulen vor allem als Problem. Singapur geht inzwischen den entgegengesetzten Weg. Studenten sollen KI systematisch nutzen lernen – weil Arbeitgeber genau diese Fähigkeit zunehmend verlangen.

Die National University of Singapore macht aus einem einstigen Störfaktor ein reguläres Werkzeug.

Ab dem 31. August 2026 erhalten Studenten und Mitarbeiter der NUS Zugang zu ChatGPT Edu. Zunächst soll die Plattform in ausgewählten Lehrveranstaltungen eingesetzt und später dort ausgeweitet werden, wo die Universität einen pädagogischen Nutzen sieht. South China Morning Post berichtete über die Pläne.

Auch die Nanyang Technological University geht weit. Studenten haben seit diesem Monat Zugriff auf verschiedene Google-KI-Werkzeuge einschließlich Gemini Enterprise. Bis 2030 soll Künstliche Intelligenz nach Angaben der Hochschule in rund 40 Prozent ihrer Lehrveranstaltungen eingebunden sein.

Vom Schummelwerkzeug zur Grundkompetenz

Das ist ein bemerkenswerter Wandel.

Seit der Veröffentlichung generativer KI-Systeme diskutierten Hochschulen darüber, wie Hausarbeiten, Prüfungen und wissenschaftliche Leistungen kontrolliert werden können, wenn Maschinen in Sekunden Texte und Programme erzeugen.

Singapurs Universitäten ziehen daraus zunehmend eine andere Konsequenz: Wer Absolventen für den Arbeitsmarkt ausbildet, kann ein Werkzeug kaum aus dem Unterricht verbannen, das Arbeitgeber von ihnen später beherrscht sehen wollen.

Die SCMP berichtet, Unternehmen legten zunehmend Wert auf sogenannte AI literacy. Fachleute sehen entsprechende Kenntnisse inzwischen sogar als Faktor für höhere Gehälter. Gleichzeitig warnen Pädagogen davor, dass Studenten KI lediglich für schnelle Antworten nutzen und dadurch eigenes Denken ersetzen könnten.

Genau dort verläuft die eigentliche Grenze.

Nicht weniger lernen, sondern anders

Singapur behandelt KI längst als wirtschaftspolitisches Projekt. Die Regierung hat für öffentliche KI-Forschung bis 2030 mehr als eine Milliarde Singapur-Dollar zugesagt. Das Geld soll unter anderem in verantwortungsvollere und effizientere KI, Forschungskapazitäten und die Ausbildung von Fachkräften fließen. Reuters berichtete über die Investition.

Auch auf dem Arbeitsmarkt ist der Umbau sichtbar. Der stellvertretende Premierminister Gan Kim Yong forderte im Mai Banken und Finanzunternehmen ausdrücklich auf, KI nicht lediglich zum Kostensparen und Stellenabbau zu nutzen, sondern Arbeitnehmer für höherwertige Tätigkeiten zu qualifizieren. Reuters berichtete über den Appell.

Der internationale Trend geht in eine ähnliche Richtung. Reuters berichtete Anfang August aus Großbritannien, dass die Zahl der ausgeschriebenen Stellen für Hochschulabsolventen im ersten Halbjahr 2026 auf den niedrigsten Wert seit 2020 gefallen sei. Gleichzeitig erreichte die Nachfrage nach KI-Kompetenzen in Stellenanzeigen einen Rekordwert.

Damit verändert sich eine uralte Frage.

Eltern und Schüler wollten bislang wissen, welches Studium die besten Berufschancen eröffnet: Jura, Medizin, Ingenieurwesen, Informatik, Betriebswirtschaft?

Im KI-Zeitalter könnte eine zweite Frage ebenso wichtig werden: Wie verändert KI jedes dieser Fächer?

Singapur liefert darauf keine abschließende Antwort. Aber seine Universitäten haben eine Entscheidung getroffen. Die Technologie soll nicht vor den Toren des Campus bleiben. Studenten sollen lernen, mit ihr zu arbeiten – und zugleich noch erkennen können, wann die Maschine irrt.