Erweiterter Intimizid (Dreifachmord) aus Rache und Eifersucht

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Rache-Morde mit deutlichem Anstieg

Der renommierte österreichische Gerichtsgutachter Reinhard Haller wies in den letzten Jahren wiederholt darauf hin, dass Rache-Morde am Liebespartner deutlich zunehmen (Haller 2021, 2022). In seiner jahrzehntelangen Gutachterpraxis hat er etwa 500 Tötungsdelikte für die Gerichtsverfahren begutachtet, darunter etwa 40 Frauenmorde. Rache-Morde sind für ihn eine Sonderform des Femizids oder Intimizids. Partnertötungen (Intimzide) werden oft im häuslichen Milieu verübt, in der Küche oder im Schlafzimmer. Nicht selten ist Alkohol oder eine Vorgeschichte mit Partnerschaftsgewalt im Spiel. In Streitsituationen oder Auseinandersetzungen oder bei Trennungen kommt es nicht selten zu einer Gewalteskalation, die tödlich enden kann. Das Gericht hat oft die schwierige Aufgabe, festzustellen, ob Mordmerkmale vorliegen und ob der Angeklagte wegen Mordes oder wegen Totschlags verurteilt wird. Rache-Morde haben nach Haller einige Besonderheiten: das Haupt-Tatmotiv ist Rache, eine Trennung ist meistens schon längere Zeit vollzogen, die Tat findet meistens nicht in der Wohnung des Opfers statt und es gibt meistens mehr als einen Toten. Der Mord sieht oft aus wie eine öffentliche Hinrichtung. Die Täter sind fast immer männlich. Nach dem Rache-Mord bringen sich die Täter in vielen Fällen selbst um. Die Morde und Suizide erfolgen fast immer mit Schusswaffen und sind minutiös über längere Zeit geplant. Der Täter verfolgt oft längere Zeit das Opfer durch forciertes Stalking und lauert ihm auf. Es sind deshalb meistens keine Affektdelikte sondern kaltblütige und heimtückische Morde. Manchmal werden zusätzlich wichtige Bezugspersonen der (Ex)-Partnerin getötet, z.B. der neue Partner oder Familienangehörige. Im Mai 2021 kam es in Kiel und Umgebung zu einem spektakulären Dreifachmord, in dessen Zentrum ein Intimzid stand. Getötet wurden zusätzlich der neue Partner seiner getrennt lebenden Ehefrau und ein Bekannter. Der Täter war ein Zahnarzt, der sich der Polizei stellte und im Jahr 2022 wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde.

Dreifachmord in Dänischhagen und Kiel durch einen Zahnarzt

Am 19. Mai 2021 erschoss der 48jährige Zahnarzt Hartmut F., seine Ehefrau Hanna, deren neuen Partner und einen Bekannten. Die Bluttat wurde bei den beiden ersten Morden mit einer Maschinenpistole vom israelischen Typ Uzi durchgeführt. Der Täter schoss kaltblütig ein ganzes Magazin aus nächster Nähe mit 25 Schüssen leer. Die beiden Opfer waren sofort tot und lagen blutüberströmt am Boden. Doch dem Täter war dies noch nicht genug. Er lud nach, legte ein neues Magazin ein und feuerte nochmals 25 Schüsse ab. Die Schüsse gegen die Ehefrau erfolgten in den Rücken und waren überwiegend Durchschüsse, die ihren Körper durchdrungen haben und dann den zuerst noch stehenden neuen Partner trafen. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung wies die Leiche der Ehefrau insgesamt 48 Schusswunden auf. Ihr Körper war regelrecht durchsiebt. Dann warf der Täter seine Uzi weg und fuhr mit einer Pistole mit aufgesetztem Schalldämpfer nach Kiel. Dort liquidierte er den Elektroingenieur Carsten B. in seiner Werkstatt mit fünf Kopfschüssen aus kürzester Distanz. Er schoss ihm also kaltblütig – das Opfer anblickend fünfmal ins Gesicht. Er wollte offensichtlich das Gesicht des Opfers zerstören. Carsten B.  war mit dem Ehepaar bekannt oder befreundet. Der Zahnarzt gab ihm die Schuld an der Trennung des Paares, weil Carsten der Ehefrau verraten hat, dass er sie mehrmals in sexuellen Affären betrogen hat. Und er hat Hanna ein Abhörgerät besorgt, mit dem diese ihn beim außerehelichen Sex in flagranti ertappte. Dafür wollte er ihn bestrafen und sich an ihm rächen.

Chronik der Beziehungstragödie

Hartmut und Hanna F. studierten beide Zahnmedizin und lernten sich während des Studiums kennnen. Sie heirateten bald und bekamen vier gemeinsame Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Die Kinder waren zum Tatzeitpunkt zwischen 8 und 15 Jahre alt. Die Familie lebte auf einem idyllisch gelegenen Hof in Westensee. Dabei lebten sie das klassische Beziehungsmodell – er verdiente das Geld und sie kümmerte sich um das Haus, die Kinder und die Familie. Nach der Geburt des vierten Kindes im Jahr 2013 gab es erste Risse in der Familienidylle. Hanna ahnte etwas von seinen außerehelichen sexuellen Aktivitäten. Es gab zunehmend häufig Streit. Im November 2020 kam es zu einer Gewalteskalation. Hartmut hat Hanna – wie schon einige Male zuvor – körperlich attackiert und geschlagen. Mit einem harten Faustschlag ins Gesicht schlug er sie zu Boden. Dann hat er seine auf dem Boden liegende Frau mit den Schuhen auf den Kopf getreten. Anschließend hat er versucht, sie zu erwürgen. Diesmal war eine Grenze massiv überschritten. Hanna ließ vom Notarzt alle Verletzungen dokumentieren und zeigte ihn bei der Polizei wegen Körperverletzung an. Sie beantragte ein Kontakt- und Annäherungsverbot nach dem Gewaltschutzgesetz, das auch vom Gericht verhängt wurde. Sie bestand auf einer Trennung. Harmut zog sich in Räume des Hauses seiner Zahnarztpraxis zurück. In diesem Haus war im Keller hinter massiven Stahltüren verschlossen ein riesiges Waffenlager. Hartmut F. war Jäger und hatte einen Waffenschein. Einen Teil der Waffen besaß er legal. Er galt in dem kleinen Ort Westensee als ausgeprägter Waffennarr. Nach der gerichtlichen Gewaltschutz-Verfügung wurde er von den Behörden aufgefordert, seine Waffen abzugeben. Er hat nur einen Teil der Waffen wirklich abgegeben und viele einfach behalten.

Nach der Trennung hat Hartmut seine Ehefrau massiv unter Druck gesetzt, wieder mit ihm zusammenzuleben. Er akzeptierte die Trennung nicht. Wiederholt sprach er auch Morddrohungen aus. Als er erfuhr, dass Hanna wohl einen neuen Partner gefunden habe, begann er ein forciertes Stalking. Er beobachtete und verfolgte sie heim, überwachte sie und fand heraus, wer der neue Partner ist und wo er wohnt.

Die Quellen zum Tathergang und der Vorgeschichte waren folgende:  laufende dpa-Nachrichten zu diesem Fall, Gehm 2021, Rasche und Buchen 2021, Jüttner 2022, Abendblatt-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ vom Rechtsmediziner Klaus Püschel und Bettina Mittelacher vom 12. August 2022.

Kalte und heimtückische Planung der Morde

Hartmut F. hat seine Rache-Morde minutiös geplant. Durch Internet-Recherchen bereitete er sich mental für seinen Rache-Akt vor. Seine Suchtitel waren z.B. „Ehefrau erschossen“, „Femizid – vom Liebesschwur zum Mord“, „Jeder kann zum Mörder werden“ oder „Schuldgefühle nach Mord des Partners“. Er phantasierte sich immer mehr in seinen Mordplan hinein – seine Gedankenwelt war intensiv davon ergriffen. Sein inneres Drehbuch für den geplanten Mord vervollständigte sich von Tag zu Tag. Es gab für ihn kein Zurück mehr, nur noch die konsequente Umsetzung des Planes. Er stellte sich aus seiner geheimen Waffenkammer die grausamsten Schusswaffen zusammen – eine Maschinenpistole vom Typ Uzi mit zwei vollen Magazinen sowie eine Pistole mit Schalldämpfer. Er brachte am Auto seiner Ehefrau einen Peilsender an, um sie gezielt verfolgen zu können. Dann besorgte er sich einen Mietwagen, damit ihn seine Frau nicht am Auto erkennt. Als seine Ehefrau zu ihrem neuen Partner nach Dänischhagen fuhr verfolgte er sie. Beide Opfer ahnten nichts. Bereits bei der Begrüßung wurden sie durch die ersten 25 Schüsse niedergemäht. Nach weiteren 25 Schüssen warf er die Uzi weg und fuhr nach Kiel, um dort seinen dritten Mord zu verüben. Nun war sein Rache-Feldzug nach Plan vollendet und er stellte sich in Hamburg der Polizei.

Die Gerichtsverhandlung

Im Februar 2022 begann am Landgericht Kiel der Prozess gegen den Zahnarzt Hartmut F. Viele Zeugen wurden gehört. Als Forensischer Psychiater begutachtete Dr. Thomas Bachmann den Angeklagten. Er zeichnete ein treffsicheres Persönlichkeitsbild des Angeklagten: Er habe narzisstische und histrionische Persönlichkeitszüge. Erfolge, Anerkennung und seine Wirkung nach außen seien ihm sehr wichtig gewesen. Durch das Verlassen werden von der Ehefrau und die Trennung sei seine „Selbstdefinition total erschüttert“ worden. Seine Mordtaten seien eine Bankrottreaktion gewesen. In den Monaten zwischen der Trennung und den Mordtaten habe er „eine klassische Stalking-Typologie“ entwickelt. Den Angeklagten schätzte er als voll schuldfähig ein.

Im April 2022 wurde das Urteil verkündet. Der Zahnarzt Hartmut F. wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen dreifachen heimtückischen Mordes  verurteilt. Die besondere Schwere des Verbrechens wurde festgestellt. Folglich ist eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen.

Der Dreifachmord von Kiel in aktuellen True Crime-Formaten

Es liegen bereits mehrere True-Crime-Dokumentationen vor, die den Dreifachmord von Kiel aus dem Jahr 2021 ausführlich schildern. Sehr aussagekräftig ist der 55 Minuten dauernde Abendblatt-Podcast „Dem Tod auf der Spur“, der regelmäßig über die spektakulärsten Kriminalfälle aus Norddeutschland berichtet. Der renommierte Hamburger Rechtsmediziner Professor Klaus Püschel und die Journalistin Bettina Mittelacher besprechen diese bekannte True-Crime-Serie, die zum Teil auch in Buchform erschienen ist. Am 12. August 2022 wurde unter dem Titel „Der Mörder kam mit der Uzi“ der Dreifachmord von Kiel sehr ausführlich dargestellt. Sie gehen dabei auf die vermutlichen Motive der Tat und und die dramatische Entwicklung der Paarbeziehung ein, die für drei beteiligte Personen tödlich endete. Der angeklagte Zahnarzt hat während der gesamten Gerichtsverhandlung bei Nachfragen zu seinen Tatmotiven geschwiegen. Im Podcast wird deutlich, dass wohl Rache und Eifersucht die entscheidenden Tatmotive waren.

Narzisstisch gestörte Mörder und Gewalttäter

Der Forensische Psychiater Thomas Bachmann hat während der Gerichtsverhandlung betont, dass der angeklagte Zahnarzt Hartmut F. erhebliche narzisstische Persönlichkeitsmerkmale hat. Es gibt eine lange Tradition von forensisch-psychiatrischer Forschung zu narzisstisch motivierten Morden oder Gewaltdelikten (Csef 2016). Insbesondere der weltberühmte Narzissmus-Forscher Otto Kernberg hat die kriminelle und mörderische Potenz des malignen oder pathologischen Narzissmus hervorgehoben (Kernberg 2012). Im Kontext von „toxischer Männlichkeit“ ist das Narzissmus-Phänomen aktuell in Social Media sehr präsent. Und hier geht es meistens um Partnerschaftsgewalt (Bierhoff & Herner 2009; Hirigoyen 2020). Im neu erschienenen umfangreichen Handbuch über Narzissmus aus dem Jahr 2021 findet sich ein aussagekräftiges Kapitel „Narzissmus und forensische Psychiatrie“ (Döring, Hartmann, Kernberg 2021). Es stammt von Professor Michael Stone aus New York, der jahrzehntelang über narzisstisch gestörte Gewalttäter geforscht hat. Die Beispiele aus seiner Gutachter-Praxis beziehen sich überwiegend auf Intimizide und Femizide durch männliche Täter. Rache, Vergeltung, Bestrafung und Eifersucht sind die häufigsten Motive (Csef 1990, 2022). Die Rache-Morde geschehen meistens im öffentlichen Raum und werden inszeniert wie eine Hinrichtung. Der Kieler Zahnarzt Hartmut F. hat dies in einer erschütternden Einmaligkeit vorgeführt. Viele Rache-Mörder suizidieren sich nach ihren Morden. Hartmut F. hat dies nicht getan. Er fuhr gelassen und in aller Ruhe zum Hamburger Polizeipräsidium und legte an der Schleuse eiskalt und bestimmt die Mordpistole mit Schalldämpfer in den Behälter. So als wolle er sagen: Die tödliche Mission ist vollendet.

Literatur

Bierhoff, Hans-Werner, Herner, Michael Jürgen, Narzissmus – die Wiederkehr. Hans Huber, Bern 2009

Csef, Herbert, Eifersucht – Klinische Erscheinungsbilder, Psychopathologie, Beziehungsdynamik, therapeutische Möglichkeiten. Der informierte Arzt, 710 (1990) S. 969 – 976

Csef, Herbert, Pathologischer Narzissmus und Destruktivität. Gewaltexzesse in der Gegenwart. Nervenheilkunde 35 (2016) S.858 – 863

Csef, Herbert, Eifersucht – eine gefährliche Leidenschaft. The European vom 16. November 2022

Döring, Stephan, Hans-Peter Hartmann, Otto F. Kernberg (Hrsg.) Narzissmus. Grundlagen – Störungsbilder – Therapie. Schattauer, Stuttgart, 2. Auflage 2021

Gehm, Eckhard, Mutmaßlicher Todesschütze: Tötete der Zahnarzt aus Wut und Eifersucht? Schweriner Volkszeitung vom 21. Mai 2021

Haller, Reinhard, Rache. Gefangen zwischen Macht und Ohnmacht. Ecowin Verlag, Salzburg 2021

Haller, Reinhard, Neue Form der Frauenmorde. ORF vom 9. Juli 2022

Hirigoyen, Marie-France, Die toxische Macht der Narzissten. C.H. Beck, München 2020

Jüttner, Julia, „Verwitwet?“ – „Ja, leider.“ Prozess gegen Zahnarzt nach Dreifachmord. Spiegel vom 23. Februar 2022

Kernberg, Otto F., Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus. Kohlhammer, Stuttgart 2012

Püschel, Klaus, Mittelacher, Bettina, „Der Mörder kam mit der Uzi“. Abendblatt-Podcast der Reihe „Dem Tod auf der Spur“.  12. August 2022

Rasche, Sven, Buchen, Philipp, Mordverdächtiger drohte: „Wenn du mich verlässt, bring ich dich um!“ t-online vom 10. August 2021

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Email: herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.