Houellebecqs Unterwerfung: Der Eintritt des Menschen in die selbstgewählte Unmündigkeit

Der israelische Ministerpräsident lädt französische Bürger jüdischen Glaubens nachdrücklich zur Emigration nach Israel ein und Houellebecq ist sein Prophet. Für alle findet sich im Roman „Unterwerfung“ nach den Wahlen zur französischen Nationalversammlung im Jahr 2022 ein Weg. Nicht für die französischen Juden. Jedes neue Aufflammen von Gewalt im Niemandsland der Großstädte – hier wurde eine Frau genötigt, ihren Schleier zu lüften, dort eine Moschee geschändet – spült weitere Stimmzettel in die Urnen des von Marine Le Pen geführten Front National. Um einen Sieg der Rechtsextremen zu verhindern, gehen die Sozialisten nach der Wahl eine Koalition mit der islamischen Brüderschaft ein, die fortan den Ministerpräsidenten stellt.

In Interviews benennt Houellebecq das Kardinalproblem, für das „Unterwerfung“ eine Lösung anbieten soll: Ohne Religion ist eine Gesellschaft nicht funktionsfähig. Detailprobleme werden im Laufe dieses gehobenen sozialphilosophischen Unterhaltungsromans durch eine freiwillige Unterwerfung der einzelnen Personen und Institutionen unter den Islam gelöst. Der Wert dieses Buches besteht darin, ein solches Szenario für alle lesbar und wirklichkeitsnah durchzuspielen.

Warum gerade der Islam und nicht etwa der christliche oder jüdische Monotheismus? Dies, so erfährt der Leser aus manchen interessanten Dialogen, liegt nicht etwa daran, dass der Islam „besser“ wäre als das Christentum oder Judentum, sondern sei darauf zurückzuführen, dass sich das Christentum in der von Houellebecq vorgetragenen Diagnose erschöpft hat und nicht mehr in der Lage sei, den Durst nach Sinn und Orientierung zu stillen. Die einst von der christlichen Religion konstituierte Zivilisation gilt als ausgebrannt. Zeit, dass der jüngere und frischere Bruder übernimmt. Als seinen geschichtsphilosophischen Gewährsmann bemüht Houellebecq an einer Stelle des Romans den britischen Universalhistoriker Arnold Toynbee (1889–1975). In Houellebecqs Darstellung werden Kulturen nicht von außen „umgebracht“, vielmehr begehen sie Selbstmord. Doch hatte Toynbee anderes im Sinn als Houellebecq: Einen Prozess geistiger Erleuchtung, eine zunehmende Spiritualisierung der gesamten Menschheit, mit dem Christentum als Wegweiser an der Spitze aller Hochreligionen. Bei Toynbee und Houellebecq erscheint das Religiöse als das Nährgeflecht, über das eine Gesellschaft sich erhält. Das Versiegen des Religiösen hingegen führe in einen problematischen humanistischen Atheismus. Diesen – nicht etwa das Judentum oder Christentum – stellt Houellebecq in „Unterwerfung“ als den Feind des Islam vor. Im Übrigen erledige sich das Problem des humanistischen Atheismus in der islamisch werdenden französischen Republik von selbst, da die Anhänger monotheistischer Religionen mehr Nachkommen hervorbringen als nichtreligiöse Menschen (vgl. Religion und Demografie: http://tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5648/). Insbesondere gelte dies für die moslemische Bevölkerung.

Betrachten wir kurz die Verteilung der Ressorts nach den Wahlen 2022: Die moslemische Brüderschaft konzediert den Linken mehr als die Hälfte aller Ministerien, darunter das Finanz- und das Innenministerium. Weder auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik noch in der Fiskalpolitik gibt es irgendwelche Differenzen. Ebenso wenig im Bereich der inneren Sicherheit: Im Gegensatz zu ihren sozialistischen Partnern verfügen die regierenden Moslems – konstatiert Houellebecq süffisant – über die nötigen Mittel, diese zu gewährleisten. Ein wenig Uneinigkeit besteht im Bereich Außenpolitik, da die Moslempartei eine entschiedenere Verurteilung Israels fordert, welche ihr die Linken ohne Weiteres zugestehen.

Unverzichtbar für die Moslempartei ist die Oberhoheit über die Bereiche Demografie und Bildung: Wirtschaft und Geopolitik seien demgegenüber nichts als Augenwischerei. Worauf es ankommt, ist die Hegemonie über die Kinder. Wer die Kinder kontrolliere, habe die Zukunft in der Hand. Jedes Kind soll daher ab der Einschulung von einer islamischen Bildung „profitieren“ können. Über alles andere lässt die Moslempartei folglich mit sich reden.

Französische Juden

Die Vorhaben der islamischen Brüderschaft hat in Houellebecqs Roman nichts mit dem islamischen Fundamentalismus zu tun. Zwar sehen sich die französischen Christen nach einer islamischen Machtübernahme formell auf den Status von Dhimmis (Schutzbefohlenen) reduziert, gewissermaßen Staatsbürger zweiter Klasse. Aber die Prinzipien des Islam seien großzügig und die Praxis der Dhimma überaus elastisch: In Saudi Arabien werde das islamische Völkerrecht ganz anders ausgelegt als in Marokko oder Indonesien. Die französischen Christen jedenfalls dürfen darauf rechnen ihr bisheriges Leben weitgehend ungestört fortführen zu können. Es komme nur noch darauf an, einen einzigen Schritt weiter zu gehen und zum Islam zu konvertieren.

Man fragt sich: Wo bleiben hier die Juden? Müssen auch sie nur noch einen kleinen Schritt aus ihrer Buchreligion tun, um im Islam anzukommen? Wir lesen „Für die Juden ist es natürlich etwas komplizierter. Theoretisch ist es prinzipiell das Gleiche, das Judentum ist eine Buchreligion.“ In der Praxis sehe es jedoch anders aus. In moslemischen Ländern gestalteten sich die Beziehungen mit den Juden häufig schwieriger als mit den Christen. Überhaupt seien die Beziehungen durch den Palästina-Konflikt vergiftet. Am Ende bleibe den französischen Juden wohl nur die Emigration nach Israel. Also genau das, wozu der israelische Ministerpräsident die französischen Juden in diesen Tagen gezielt einlädt. Houellebecq lässt die Schwierigkeiten jüdischen Lebens an der Universität beginnen, an der irgendwann eine jüdische Studentenvertretung fehlt, und der Literaturprofessor Francois, Hauptfigur des Romans, sieht sich plötzlich allein gelassen, weil seine studentische Geliebte mit ihren Eltern nach Israel auswandert.

Die Hauptperson Francois
Beim Ich-Erzähler und Universitätsprofessor haben wir es mit einem Misanthropen zu tun. In seinem misanthropischen Bekenntnis interessiert ihn die Menschheit nicht, sie widert ihn sogar an, dies gilt auch für seine Landsleute und Kollegen. Dabei weiß er sehr wohl, dass es sich bei diesen Menschen um Seinesgleichen handelt – aber genau diese Ähnlichkeit ist es, die ihn ihre Nähe fliehen lässt. In einem mikroskopischen Bereich der Gelehrsamkeit indes hat sich der Professor einen gewissen Respekt unter Kollegen verschafft. Er ist Experte für den französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans (1848–1907), der in späteren Lebensjahren zum Katholizismus konvertieren sollte und auf dessen Biografie Houellebecq immer wieder Bezug nimmt. Als Huysmans-Forscher kann Francois niemand so leicht das Wasser reichen. Zugleich aber wähnt er sich am Ende aller Tage, was die Vitalsphäre seines Daseins angeht. Seinen Körper beschreibt der 44-Jährige als Sitz diverser schmerzhafter Leiden und fragt sich, wie es mit 50 oder 60 Jahren um ihn bestellt sein möge. Sein Leben resümiert er, werde dann nur mehr ein Nebeneinander kompostierender Organe sein, eine unaufhörliche Qual, trostlos und ohne Freude. Auch für den Protagonisten des Romans bietet der Islam zumindest Teillösungen.

Houellebecq deutet eine Zeitenwende an, indem er antlitzlose entrepublikanisierte Studentinnen in Burka selbstbewusster und langsamer als sonst die Korridore der Fakultät in Dreierreihe defilieren lässt. Für Francois verheißt dies mittelfristig nichts Gutes. Die frisch islamisierte Universität entlässt ihn, den Nicht-Moslem, der ohnedies schon lange nichts mehr publiziert hatte, belässt ihm aber sein ordentliches Gehalt als Pension. Nun ist Houellebecq jedoch nicht ausgezogen, den Islam als Problem zu schildern, sondern als Lösung. Der Gipfel menschlichen Glücks, scheint er vermitteln zu wollen, liege womöglich in einer restlosen Unterwerfung unter etwas Höheres, im Idealfall unter das Höchste, konkret: den Gott des Islam und seine Gesetze. Während im Christentum Satan Herr dieser Welt sei, gilt die Schöpfung der islamischen Schwesterreligion als ein perfektes Meisterwerk – der Koran sei im Grunde nichts anderes als ein immenses mystisches Loblied auf den Schöpfer und die Unterwerfung unter seine Vorschriften.

Auch für den Literaturprofessor bieten die Gesetze des Islam nach der Abreise seiner jüdischen studentischen Freundin gen Israel eine Problemlösung, für die an der Universität bis zum Jahr 2022 das Machtgefälle zwischen Professoren und Studentinnen à la „Campus“ von Dietrich Schwanitz sorgte: die Polygamie im Austausch gegen einen Übertritt zum Islam. Als Kapazität auf dem Gebiet der Huysmans-Forschung, erfährt er von einem Gönner, habe er auf circa drei Frauen Anspruch.

Nach anfänglichen Krawallen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen vollzieht sich Frankreichs Unterwerfung unter den Islam in der Darstellung Houellebecqs übrigens freiwillig und friedlich. Anlässlich einer Reise nach Brüssel im Zuge von Huysmans-Recherchen – eine Stadt, deren Schmutz und Tristesse ihn frappieren – gewinnt Francois allerdings den Eindruck, dass sie mehr als jede andere europäische Hauptstadt am Rande eines Bürgerkriegs steht.

Humor und Satire

Menschen tun zumeist das, was die anderen machen. Ist ein bestimmter Schwellenwert erst einmal überschritten, könnte es vielen ganz unvermittelt unproblematisch scheinen, sich rasch mit neuen Essenssitten, Kleidungssitten und Bildungssitten arrangieren zu müssen und ein neues Regime anzunehmen, auch wenn dieses sich in allen Poren des gesellschaftlichen Seins breitmacht. Plötzlich ist es für viele Menschen ganz selbstverständlich oder bequemer, halal (von der islamischen Partei zum neuen „Bio“ deklariert) und verschleiert zu leben statt aufgeklärt. In der Tat muss man die soziologischen Satiren und den Humor würdigen, den Houellebecq an den Tag legt und seinem Buch eingeschrieben hat. So findet sich eine Ausführung über eine Autofahrt an einem Sonntagmorgen. Es seien deshalb nur wenige Leute unterwegs, weil der Sonntagmorgen der Augenblick ist, in dem die Gesellschaft durchatmet und herunterfährt, wo ihre Mitglieder sich der kurzen Illusion hingeben, ein individuelles Leben zu führen. Wie es vielleicht auch jene Person tut, die im Roman dadurch charakterisiert wird, dass sie die Gastronomie nicht auf die leichte Schulter nimmt. Humor auch in einer beiläufigen Kritik der immer kleiner werdenden Gepäckablagen in den Schnellzügen der französischen SNCF, was die Reisenden nötigt, die Gänge mit ihren Koffern zu blockieren, sodass der Protagonist zum Zugrestaurant 20 Minuten benötigt, um dort zu erfahren, dass die meisten Speisen nicht mehr erhältlich sind und er sich mit einem Quinoa-Basilikum-Salat sowie einem italienischen Mineralwasser zufriedengeben muss. Anspielungen auch auf das verwaltete Leben, das eine fast permanente Präsenz zu Hause erfordere, um bei den Anfragen der Behörden auf dem Laufenden zu bleiben. Insgesamt ist der Westen einfach zu kompliziert.

Humor und Satire im Einzelfall täuschen indes nicht darüber hinweg, dass wir es hier offenbar mit einem Autor zu tun haben, der nicht nur von der sinnstiftenden Kraft, sondern auch von der staatstragenden Funktion des Religiösen überzeugt ist und der vielleicht bereit wäre, die laizistische Verfassung Frankreichs zu unterminieren, um gewissen Problemen zu steuern.

Die von Houellebecq unaufdringlich vorgestellte bis nahegelegte selbstgewählte Unterwerfung unter einen bestandserhaltenden Islam ist unter aller Würde, da sie Menschen und insbesondere Frauen auf sich vermehrende Lebewesen mit aufgebrochenem Sinnbedarf reduziert. An einer Stelle des Romans kommuniziert Houellebecq offenbar mit dem humanistischen Atheisten Sartre, dessen Existenzialismus jeden Einzelnen zur Freiheit verurteilt sieht und zur Rechtfertigung seines Daseins auffordert: „Inwiefern bedarf ein Leben der Rechtfertigung? Die Gesamtheit der Tiere und die überwältigende Mehrheit der Menschen leben, ohne jemals auch nur das geringste Bedürfnis nach einer Rechtfertigung zu verspüren.“ Und anlässlich einer gepflegten Unterhaltung wird dem Protagonisten erläutert, was der Islam mit Nietzsche gemein hat: Er akzeptiert die Welt wie sie ist. Mit ihm verglichen erscheinen Buddhismus und Christentum völlig verweichlicht. Spricht hier ein islamisch gefärbter Sozialdarwinismus zu uns?

Eine ganz andere Lösung skizzierte ausgerechnet der Autor im Roman: Karl-Joris Huysmans (1848–1907), und zwar in seinem Buch „Gegen den Strich“. Es ist an uns, davon absehen, Menschen zum oftmals entwürdigenden Kampf um Sinn und Dasein zu verurteilen, wozu wir den größten Beitrag leisten, indem wir keine hervorbringen:

„Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. […] das Interesse, das er an dem Kampf nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbitterung der Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben, dass es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die Welt gesetzt hätten.
‚Welcher Wahnsinn,‘ dachte der Herzog, ‚Kinder zu zeugen!‘“


Michel Houellebecq
Soumission
Flammarion 2015

Deutsch:
Unterwerfung
DuMont Buchverlag 2015

Über Karim Akerma 76 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000), „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006) sowie "Antinatalismus - Ein Handbuch" (2017).

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