Im Interview: Häkeln für die Meere: Petra Maitz baut das größte GARNriff der Welt

Copyright: Kandima Maldives

Wer an die Malediven denkt, denkt an türkisfarbenes Wasser, weißen Sand und Korallenriffe, die man am liebsten nie wieder verlassen würde. Dass genau diese Riffe zu den bedrohtesten Ökosystemen der Erde gehören, ist bekannt. Was man dagegen tun kann, weniger. Die Wiener Künstlerin Petra Maitz hat dafür eine ziemlich unerwartete Antwort: Häkelnadel und Garn – ein reines Naturmaterial, dessen biologische Abbaubarkeit einen interessanten Ansatz für nachhaltige Kunst eröffnet.

Am 24. September 2026 fiel auf Kandima Maldives der Startschuss für „The Living Crochet Reef @Kandima”. Das Ziel: bis 2028 das größte gehäkelte Korallenriff der Welt entstehen zu lassen. Gebaut wird es nicht von der Künstlerin allein, sondern von Tausenden Menschen rund um den Globus. Jede und jeder häkelt seine eigene Koralle, seinen eigenen Meeresbewohner, und schickt sie auf die Reise nach Dhaalu Atoll. Dort wächst aus den vielen kleinen Stücken ein großes Ganzes, ähnlich wie im echten Riff, das auch nicht von einem einzelnen Lebewesen geschaffen wird.

Für Maitz ist das weit mehr als ein künstlerisches Projekt. Die studierte Medizinerin, Künstlerin und promovierte Wissensvermittlerin verfolgt diesen Ansatz seit mehr als zwanzig Jahren. 2001 gründete sie in Wien die Lady Musgrave Reef Foundation. Das daraus entstandene Werk umfasst rund 1.400 Einzelstücke und war bereits in Bilbao, Sydney, Peking und Lima zu sehen. Heute ist es im Ludwig Museum in Budapest beheimatet. Nun folgt das nächste Kapitel – mitten im Indischen Ozean.

Dr. Petra Maitz , Copyright: Kandima Maldives

Kandima, das mit seiner KULA Art Initiative und der Ausstellung „Art for Biodiversity“ gemeinsam mit dem UNDP (United Nations Development Programme) bereits seit Längerem Kunst und Naturschutz miteinander verbindet, bietet dafür die passende Bühne. Mitmachen kann jeder – ob Anfängerin oder Häkelprofi, Schulklasse oder Häkelrunde. Anleitungen sind auf Anfrage erhältlich. Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum nehmen die Organisatoren in München entgegen.

Wir haben Petra Maitz zum Interview eingeladen, um mit ihr über ihr Projekt zu sprechen: über die Idee hinter dem Riff, über Kunst als Gemeinschaftswerk und darüber, was ein paar Knäuel Garne für den Schutz der Meere bewirken können.

Markus Hofmann: Sie haben Medizin studiert, dann Kunst, und schließlich in Wissenstransfer promoviert. Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet das Häkeln als künstlerische Methode für sich entdeckt haben?

Dr. Petra Maitz: Ich komme aus einer frauenreichen Familie, teilweise jüdisch aus Wien und wir haben viel Zeit in meiner Kindheit in großen Familienrunden, die alle handarbeiteten verbracht, ich war damals noch nicht sicher, ob das alle Familien so machen: Die Frauen sitzen und reden und entscheiden, was anliegt in der Großfamilie und beim Beginn des Kunststudiums wurde mir klar, ich brauche eine signifikante Methode, um aufzufallen. Pinsel und Leinwand war es nicht, eher das präpotente Sitzen, Verweilen und stur häkeln und sticken. Ich empfand das in den 90 gern als richtig subversiv, denn die Jungs waren alle auf performative Auftritte mit spektakulären Turbulenzen aus oder waren schlechte Maler, absichtlich, ich wollte nur zuschauen und „Meins“ machen!

MH: Das erste Riff, das Lady Musgrave Reef, entstand 2001, lange bevor Mitmachkunst und Citizen Science zum Trend wurden. Was war damals der Auslöser?

PM: Eben deswegen war ich ein Einzeltäter, weil es mir egal war, wie ich zu meinem Ziel (ein großes gehäkeltes Riff) komme, allein konnte ich nie so viele Objekte erarbeiten, es war klar, ich brauche Beteiligungen und war schon in Studienzeiten ein Mediator für die Ideen auch der anderen, aber dann waren es meine Ideen, die andere mitmachen wollten. Unterhaltung und Arbeit war für mich immer ein tool zur Ernsthaftigkeit, also lets do together. Es war eher eine logistische Not, die mich so handeln lies.

MH: Ein Korallenriff entsteht durch das Zusammenspiel unzähliger kleiner Lebewesen. Wie übersetzen Sie dieses Prinzip in ein Kunstwerk, dessen eigentliche Autorin die Gemeinschaft ist?

PM: Das war dann ein willkommener Effekt, anfangs hatte ich das nicht geplant, wollte nur meine inneren Bilder realisieren, ein gehäkeltes Riff aus Garn war die perfekte Antwort auf unästhetische Kunst der Männer damals und ich wollte unbedingt meinen surrealistischen Kunstgriff umgesetzt sehen. Ich liebte die Kunst der Patienten in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, eine Dame dort häkelte nur und drückte all ihre Gefühle mit solch Material aus…unglaublich tolle kleine pieces, die mich so berührten.

MH: Was reizt Sie an den Malediven als Standort? Verändert es das Projekt, wenn ein Kunstriff mitten in einem echten, bedrohten Riffgebiet entsteht?

PM: Da geht es nur darum, dass die Menschen sich darüber im Klaren sind, dass sie direkt an den Wunden der Natur sind, daneben dinnieren im nobelsten Restaurant und auf tote Korallen schauen, sie merken das erst gar nicht, dann aber mit dem Mitmachhäkelriff macht es klick und sie fragen nach, warum hier? Außerdem hat sich das der marketing director ausgesucht ohne mich, ich fand den Vorstoß sehr interessant, weil plötzlich alles zusammenkommt, der Korallensand, der unsere Fußsohlen peelen lässt am Strand. Die Kunst, was zu tun im Paradies mit den traurigen bleached corals vor der Nase und dem globalen Reisetreib des Menschen, und folglich auch, dass jeder mitmachen kann, der sich ein wenig bemüht die Technik des Fadenknüpfens, nichts anderes ist Häkeln, zu erlernen. Es ist Meditation mit laufenden Faden, wie Arachne im griechischen Mythos.

Copyright: Kandima Maldives

MH: Sie arbeiten nicht mit Warnbildern, sondern mit emotionaler Nähe. Warum erreicht Gemeinschaftskunst Menschen Ihrer Erfahrung nach oft mehr als ein Appell?

PM: Weil alle über sich reden wollen und ich höre mir wahnsinnig gern alle Geschichten an, eigentlich wollte ich ja Psychiaterin werden.

MH: Das Projekt ist seit dem 24. September offiziell gestartet, das Ziel ist das größte gehäkelte Riff der Welt bis 2028. Wie viele Beiträge sind schon eingetroffen, und wie viele brauchen Sie insgesamt?

PM: Das ist ein langsamer Prozess, nach meiner Erfahrung kommen immer mehr dazu, wenn schon eine kleine Gruppe besteht, die sind wir in Wien. Freundinnen und die Lady Musgrave Reef Foundation, eine selbsternannte Stiftung zum Schutz der Riffe weltweit, benannt nach einer Insel im Great Barrier Reef, die ich 2001 gründete.

MH: Müssen die Korallen bestimmten Vorgaben folgen, oder darf jeder frei gestalten? Und was war das Überraschendste, das Ihnen bisher geschickt wurde?

PM: Alle dürfen machen was sie wollen, beobachtet habe ich, dass sich Gruppen bilden und bestimmte Formen dann als Kolonie abarbeiten, Hirnkorallen, Schwämme und kleine Seesternegruppe. Die war dann von meinen französischen Damen in Versailles (Freundinnen), die waren so erfindungsreich in ihren fast mathematischen Formationen, sie haben mir ihre Produkte in einer unscheinbaren Schachtel nach AT gesendet, ich autorisiere alles, was ankommt oder nehme Geschenke an. Interessant ist, dass viele Menschen Korallenriffe als absolute Naturschönheiten empfinden und deswegen sich so reinlehnen, denn wenn sie dann sehen, was die anderen gemacht haben, geht es wieder weiter.

School lecture island Kudahuvadoo, Copyright: Kandima Maldives

MH: Sie nennen Joseph Beuys und Alexander von Humboldt als Inspiration. Was haben die beiden mit Wolle und Korallen zu tun?

PM: Ja, das sage nicht ich, sondern diejenigen die meine Arbeit kommentieren, aber ja ich liebe die schamanistische Arbeit des Joseph Beuys und dass A.v. Humboldt ein irrsinnig erfolgreicher Naturforscher war ist unbestritten und ich liebe seine Zeichnungen, die er in Südamerika machte und dass er sein gesamtes Erbe in seine Naturforschung steckte, war doch schon eindrucksvoll. Ich sehe meine Forschung als interdisziplinäre Forschung wie eine Sozialarbeiterin, aber ich bleibe immer Künstlerin, ich schiebe alles in einen ästhetischen Prozess, der sich ausbreitet über alle Meeresthemen mit so vielen Mitarbeitern.

MH: Ihr Riff wird als „Gesamtkunstwerk” beschrieben, das ständig weiterwächst. Wann ist ein solches Werk für Sie eigentlich fertig, oder ist es das nie?

PM: Naja, wenn es dann ausgestellt wird, was ich schon gerne sehe, dann ist es ein abgeschlossenes Werk, mit wahnsinnig vielen verschiedenen Modalitäten, wie man es präsentieren kann, da beginnt der eigentliche, professionelle Ausstellungstechniker zu träumen, es ist alles möglich. Das Werk ist sehr flexibel. In Bilbao hat man mithilfe der Mitarbeiter ganze neue Konstruktionen entwickelt, auf denen die Objekte aufgereiht wurden. Da beginnt es spannend zu werden und da hört sich die Laienhaftigkeit schlagartig auf. Alle wollen, dass es sich abhebt und wahnsinnig gut aussieht.

MH: Für Sie ist Häkeln nicht einfach Handwerk, sondern eine künstlerische Methode. Was kann diese Methode, was ein Gemälde oder eine Skulptur nicht kann?

PM: Sie gibt soviel Raum, weil nix ist vorbestimmt, nur der Faden zwischen den Fingern, das Weitere kommt mit dem Vorstellungsvermögen und mit den skills, die einer hat, wie man eine Koralle z.b. nachhäkeln könnte. Da ist schon eine verrückte Sache, das zu wollen. Denken Sie ans Hyperbolische, was nur mit der Häkelnadel erzeugt werden kann….

MH: In Ihrer Arbeit geht es weniger um das fertige Objekt als um den gemeinsamen Entstehungsprozess. Ab wann ist das für Sie Kunst, und wer ist am Ende die Urheberin eines solchen Werks?

PM: Gute Frage, aber wissen Sie, ich bin das Kind eines Juristen, also ich habe früh gelernt aufzupassen, dass man nicht innerhalb eines Rechtssystems die Idee oder die Philosophie oder Bedeutung einer Sache zu klein und ungenau übersieht, also es muss so sein, dass alles mitgedacht werden kann. In der Konzept-und später Kontextkunst werden Handlungen und Objekte vom Urhebergedanken getragen, das ist der Künstler. Im Rechtssystem entsteht eine Leerstelle, die muss ich füllen, ich bin der Autor von allem! Ich autorisiere alle Objekte und gebe der Arbeit den Namen, first worldwide living crochet reef @Kandima.

Copyright: Michael Schuster

Leider habe ich ja auch schon einen Urheberrechtstreit hinter mir. Aber es gewinnt immer die bessere Idee!

MH: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Maitz. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrem außergewöhnlichen Kunstprojekt und viel Freude bei der Umsetzung Ihrer Ideen für den Schutz der Korallenriffe.

Autor und Interview: Markus Hofmann