Wie Desinformation funktioniert: Am Beispiel der Wiener Stadtzeitung Falter

Armin Thurnher, Florian Klenk, Siegmar Schlager: Die Gesellschafter des Falter (Foto: Falter)
Armin Thurnher, Florian Klenk, Siegmar Schlager: Die Gesellschafter des Falter (Foto: Falter)

Eine Debatte über die Qualität journalistischer Arbeit ist noch kein Angriff auf die Pressefreiheit. Kritische Auseinandersetzung muss möglich bleiben. Bemerkungen über das journalistische Gesamtkunstwerk von Florian Klenk.

Im Herbst 2004 trafen sich fünf Personen im Institut für Wissenstransfer der Universität für angewandte Kunst in Wien, das von Professor Reder geleitet wurde.  Auch Peter Kreisky war anwesend, der inzwischen leider schon verstorben ist. Christian Reder begann das Gespräch gleich mit einer Anekdote. Er war einst Mitbegründer des Falter, jetzt gehe er, so er die Betreiber auf der Straße sieht, grußlos an ihnen vorbei. Deshalb möchte er solche Projekte auch nicht mehr fördern, erklärte Reder.

In den vergangenen Wochen gab es enorme Aufregung, weil Florian Klenk, der Chefredakteur des Falter, als ein Journalist mit „politischer Gesinnung“ bezeichnet wurde. Der Mediensprecher der Volkspartei Niederösterreich ging für diese Feststellung mit einer Presseaussendung über APA-OTS in die Öffentlichkeit und erreichte endlich ebenfalls die Erkenntnis: „Falter kann nicht mehr mit Qualitätsjournalismus in Verbindung gebracht werden“.
(Volkspartei Niederösterreich, Presseaussendung, APA-OTS, 4. 7. 2023)

Die Wiener Stadtzeitung Falter muss auch kein Qualitätsmedium sein. Die überwiegende Mehrheit der Käufer erwirbt das Wochenblatt für den Veranstaltungskalender, der das Kulturprogramm der Stadt vermitteln soll. Die Texte werden eher als die Beilage dazu verstanden, denn umgekehrt, der redaktionelle Teil wird gerne ungelesen entsorgt, rasch im Container für das Altpapier.

Dennoch reagierte Fritz Hausjell empört, der Präsident von Reporter ohne Grenzen Österreich. Er erklärte seine Solidarität mit Florian Klenk. Offenbar stufte er diese Aussage über den Falter als schweren Incident ein, denn in seiner Presseaussendung betonte Hausjell:
jeder Vorfall wird dokumentiert und fließt in den jährlichen Pressefreiheitsindex von RSF ein“.
(„Drohkulisse gegen kritischen Journalismus nicht hinnehmbar!“, Reporter ohne Grenzen Österreich, Presseaussendung, 5. 7. 2023)

Organisation von Erfahrung ist Kriterium für Qualität

Doch ist Kritik an journalistischer Arbeit noch kein Angriff auf die Pressefreiheit, vielmehr notwendiger Bestandteil der gesellschaftlichen Debatte zur Organisation von Erfahrung und der Entwicklung optimierter Leitbilder. Die Abwehr einer solchen Kritik kann erfolgen, indem die besseren Argumente publizistisch vorgetragen werden.  Das sollte in der Stadt, in der Karl Kraus einst „Die Fackel“ schrieb, eigentlich unbestritten sein.

Die besseren Argumente fehlten offensichtlich bei der Verteidigung des Falter, denn Hausjell reagierte in seiner Stellungnahme auf Twitter nur wie ein leitender Beamter einer staatlichen Zensurbehörde:
„Ich empfehle daher, diese OTS mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückzuziehen. Fachlich unbegründetes Bashing des Journalisten @florianklenk  ist nämlich ein Angriff auf die #Pressefreiheit“.
(Fritz Hausjell, @Hausjell, Twitter, 4. 7. 2023)

Gatekeeper Klenk setzt die Themen

Es mag sein, dass Michael Omasta, der langjährige Filmredakteur des Falter, stets bemüht war, das Niveau der Filmkritik in Österreich zu erhöhen, die in einem schlechten Zustand sich befand, als er damit begann. Der Falter gab ihm damals diese Chance.  Omasta unterstützte die Tätigkeit junger Regisseure, für Österreich, mit seinen Beiträgen. Er verbesserte damit die Filmkultur des Landes. Eine solche Grundlage ist von wesentlicher Bedeutung für den internationalen Erfolg der Filme. So könnte die Arbeit von Michael Omasta auch entscheidend gewesen sein, dass Stefan Ruzowitzky letztlich bis zum Oscar gelangte.

Die politischen Kommentare des Falter allerdings wirkten lange Zeit so unreif, wie man es von einer Schülerzeitung erwarten darf. In einem Stil geschrieben, wie die später aufkommenden Botschaften auf Twitter.

Es bleibt verdächtig, weshalb Florian Klenk plötzlich als der führende Journalist in Österreich gelten solle, der die Themen für die anderen Medien entscheidend vorgeben will, für die Tageszeitung DerStandard, für das Nachrichtenmagazin profil, auch für Berichte über Österreich in deutschen Medien.

Die Maschek-Kultur

Das Phänomen Klenk wurde auch gemacht, in Wien, von einer Gruppierung, die vergleichbare Gesinnung demonstrativ zur Schau stellt und gerne als „Szene“ selbst sich bezeichnet. Klenk ist ein Teil der Maschek-Kultur, die seit rund zwanzig Jahren die Stadt terrorisiert. Die Maschek wollen seriöser Politik „den Ton abdrehen“.  So mancher Journalist dieser „Szene“ betont, dass er nicht nur über Texte grübelt, sondern auch als Disc-Jockey tätig ist, womit ein Optimum an Sozialprestige verbunden wird, in diesen Kreisen. Die DJ nennen sich dann Drehli oder Soul.

Offensichtich erreichten die Medien in Österreich einen katastrophalen Zustand, nur so kann diese artifizielle Vormacht von Klenk und seiner Gruppe interpretiert werden. Denn es erfolgt kein Widerspruch mehr. Die Thesen und Aktionen von Klenk werden ohne Gegenwehr hingenommen.

Klenk inszeniert Skandale

Stets sehr aufgeregt wird darüber berichtet. Mit ausführlichen Erklärungen, wie bis in die frühen Morgenstunden noch telefoniert wurde, mit den Kontaktpersonen, respektive den Verbindungsoffizieren. Letztlich muss dann erklärt werden, auch in kurzen Videofilmen mit Darsteller Klenk, warum der sogenannte Skandal von Bedeutung sein solle:

„Viele Leserinnen und Leser stellen mir in sozialen Medien die Frage, wieso wir die Vorwürfe gegen Pilz jetzt veröffentlichen, wie seriös die Zeugen sind und was wir wann wussten“, begann Klenk seine „Erklärung zum Fall Pilz“ am 4. November 2017.

Klenk bringt seine Skandale. Wie in einem journalistischen Gesamtkunstwerk. Im Vergleich mehrerer Fälle lässt sich ein System erkennen. Herausragende Beispiele dafür in den vergangenen Jahren: Pilz, Ibiza, Dichand.

Fall Peter Pilz

Die Szene wurde im Falter geschildert, im Stil eines Dreigroschenromans, als wäre aus solcher Trivialliteratur abgeschrieben worden, in einer Sprache überflutet mit Klischees:

„Seine Hände waren überall! Zuerst umklammerte er meinen Arm, mit der anderen Hand war er meinem Hals und dann an meinem Busen und Rücken. Auch sein Gesicht war viel zu nahe an mir. Das ging alles ziemlich schnell. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht atmen, geschweige denn wehren“.
(Florian Klenk: Peter Pilz tritt zurück, Falter, 4. 11. 2017)

Die Betroffene war, so wurde von Klenk berichtet, eine Mitarbeiterin der bürgerlichen Volkspartei. Klenk arbeitete darüber eifrig bis in die tiefe Nacht: „Um ein Uhr Nachts erreichte mich dann eine Nachricht der betroffenen Frau, die den Vorfall so schilderte, wie ich ihn in meinem Artikel festhielt“.
(Florian Klenk: Erklärung zum Fall Pilz, Falter, 4. 11. 2017, 21.25)

Allerdings soll der Vorfall bereits 2013 in Alpbach geschehen sein. Also vier Jahre bevor die „Liste Pilz“ am 15. Oktober 2017 den Einzug in das österreichische Parlament schaffte.

Peter Pilz galt als ein Archetyp der österreichischen GRÜNEN, der bereits 1986, beim ersten Einzug der Umweltbewegung ins Parlament, als Mandatar beachtet wurde.  Pilz gewann in der Öffentlichkeit an Reputation, als ein Mann, der Polizeiübergriffe nicht dulden wollte, die in Österreich oft grausam waren.

Pilz musste den Untergang der GRÜNEN befürchten und entschloss deshalb, mit einer eigenen Partei, der „Liste Pilz“, bei der Nationalratswahl 2017 zu kandidieren.  Pilz kam mit 4,4 % noch knapp in das Parlament, mit 8 Mandaten, während die GRÜNEN 8,6 % ihrer Stimmen verloren und mit 3,8 % scheiterten. Ein spektakulärer Erfolg für Pilz, der die Parteienlandschaft in Österreich verändern konnte.

Kurz danach, Anfang November 2017, startete Klenk im Falter den Angriff auf Pilz. Er konfrontierte Pilz mit dieser Geschichte, die angeblich  in Alpbach sich ereignete.  Klenk informierte Peter Pilz am 4. November über den Vorfall, um 7.45 mit SMS. Demnach rief Pilz um 7.52 zurück und erklärte, dass er an eine solche Begebenheit keine Erinnerung hätte. Er wollte mit seinem Tagebuch und Emails die Anschuldigungen entkräften.

Doch „nach einigen hektischen Telefonaten autorisierte Pilz„, so schrieb Klenk, eine Erklärung über seinen Rücktritt.  Klenk dazu: „Die betroffene Frau werden wir selbstverständlich nicht nennen und auch nicht an andere Medien für Interviews vermitteln. (…) Wir ersuchen von entsprechenden Anfragen Abstand zu halten. Es gilt der Redaktionsschutz“.
(Florian Klenk: Erklärung zum Fall Pilz, Falter, 4. 11. 2017, 21.25)

Die „Liste Pilz“ wurde damit ausgelöscht. Peter Pilz als unabhängiger Politiker rasch eliminiert. Eventuell hätte er Fehlentwicklungen im Land mit seiner eigenen Partei nachhaltiger verfolgt. Österreichische Polit-Seilschaften mussten dies jedenfalls fürchten.

Noch eine Erinnerung: Herbert Fux war 1983 Spitzenkandidat der Vereinten Grünen. Die Zeitschrift Basta veröffentlichte vor der Nationalratswahl einen Beitrag mit wirren Aussagen, die die Reputation von Herbert Fux ruinieren sollten.  Die Grünen verpassten deshalb in jenem Jahr den sicher angenommenen Einzug ins Parlament. Die Veröffentlichung von Basta wurde nach den Wahlen als Fälschung aufgedeckt.

Dazu in der Diktion, die Florian Klenk gerne bei solchen Fällen in seiner erklärenden Propaganda verwendet:

„Wir wissen nicht, weshalb Basta diesen Beitrag brachte. Aber eines wissen wir. Es waren dieselben Seilschaften, die Fux fürchten mussten. Und jetzt Pilz fürchteten“.

Die Ibiza-Soap

Armin Thurnher, der Herausgeber des Falter, wollte bereits 2010 eine Geschichte erzählen:
„Strache ist nicht nur Komiker, er ist vor allem schwanzfixiert. Wären seine Avancen offen schwul, man könnte sie hinnehmen“.
(Armin Thurnher: Nudlaugen schauen Dich an: Der Kommentar des Chefredakteurs, Falter, 29. 9. 2010)

Es wird wohl Konsens möglich sein, dass eine solche Machart einer Drucksache nicht als Qualitätsjournalismus bewertet werden darf.

Dann war es eine Inszenierung wie in einer populären Reality-Soap. Das Melodrama ereignete sich am 24. Juli 2017. Hauptdarsteller sollte Heinz-Christian Strache werden. Veröffentlicht wurde der Bericht allerdings, wie auch in der Affäre Pilz, erst Jahre später, nämlich im Mai 2019. Strache wurde zuvor als Vizekanzler ernannt, wie Pilz noch der Einzug in das Parlament gelang. Die Ibiza-Affäre gilt seither als der größte Politskandal der österreichischen Geschichte, seit der Machtübernahme durch das Dollfuß-Schuschnigg-Regime.

Klenk berichtete darüber im Stil eines Boulevardblattes:

„Die Lockvögel werden Strache nicht nur sieben Stunden lang mit Sushi, Beluga-Wodka und Champagner verwöhnen, sondern bei einem Gespräch im Wohnzimmer neben dem Kauf der Kronen Zeitung ein unmoralisches Angebot nach dem anderen unterbreiten. So lange, bis er schwach wird“.
(Florian Klenk: „Alle staatlichen Aufträge kriegt sie dann!“, Falter, 17. 5. 2019)

Klenk beschrieb die Gastgeber als Agents Provocateurs, „Lockvögel“, wenn auch ihre Auftraggeber ungenannt blieben. Aber wurde Strache tatsächlich „schwach“? Im veröffentlichten Protokoll kann man nur erkennen, dass er seinem Begleiter Gudenus erklärte:

Strache: „Du schau, bei uns gibt es nur ganz legale korrekte Geschichten. Jetzt verabschieden wir uns!“.
(Florian Klenk: Ebd., Falter, 17. 5. 2019)

Angriff auf Dichand

Die ÖVP sei „die Hure der Reichen“.  Florian Klenk befand dazu: „Die Reiche war hier offenbar Eva Dichand und die Hure offenbar die „Liste Kurz“.
(Florian Klenk und Barbara Toth: „Bussi Thomas“ – Der Fall Eva Dichand, Falter, 30. 3. 2023)

Der Angriff auf Eva Dichand, die Herausgeberin der Gratiszeitung Heute, startete Ende März. Was Klenk sonst noch von Eva Dichand hält, das erklärte er auf seinem  Twitter-Account, den er offensichtlich schätzt:

„Was ist das für ein Land, indem eine Herausgeberin die sich jeden Tag mit Luxusklamotten und teurer Kunst abbildet, beim Generalsekretär des BMF um Millionen bettelt“.
(Florian Klenk: @florianklenk, Twitter, 31. 3. 2023)

Designerkleidung und Kunstsammlung würde man es in einer objektiven Berichterstattung nennen. Klenk bevorzugte die pejorative Bildung von billigen Dysphemismen, um seine Schmährede zu führen.  Es sollte in Österreich noch Personen geben, die einem solchen Ton in den Medien entgegentreten.

Aber erscheint es für die Familie Dichand tatsächlich notwendig, „um Millionen zu betteln„, wie es Florian Klenk vermutet. Sie können mit ihren Medien jedenfalls beachtliche Profite erzielen. Es ist ausreichend Vermögen und Besitz vorhanden, um alle elitären Bedürfnisse abzudecken. Auch mit dem Kunsthandel wären erstaunliche Gewinne möglich.

Schon eher dürfte das beschriebene Verhalten dem Stil der Gruppe um Kurz und Schmid entsprechen, wie aus der Gesamtschau ihrer Kommunikation deutlich wird. Kann  der Vorwurf gegen Eva Dichand überhaupt anerkannt werden?

Inserate entsprachen den österreichischen Usancen

Der Vorwurf war:  „Strafrechtlich relevante Inseratenschaltungen“ des Bundesministeriums für Finanzen in der Kronen Zeitung und in der Gratiszeitung Heute.
(Florian Klenk und Barbara Toth: „Bussi Thomas“ – Der Fall Eva Dichand, Falter, 30. 3. 2023)

Tatsächlich werden Inserate nicht nur vom Bundesministerium für Finanzen geordert, sondern auch von der Stadt Wien geschaltet. Bis jetzt. Die Zahlen der Medientransparenzdatenbank für das erste Quartal 2023 lauteten:

Das Bundesministerium für Finanzen gab für die Kronen Zeitung Euro 93.626,00, für www.krone.at  23.722,00, Kronehit Radio 44.141,00, Heute 42.433,00. Doch erhielt auch Der Standard 41.034,00, www.derstandard.at 38.463,00, Vorarlberger Nachrichten 64.744,00, www.vol.at  9.903,00.

Wesentlich höhere Beträge zahlt weiterhin die Stadt Wien. Heute erhielt 278.411,15, www.heute.at  70.606,76, der Standard 257.491,36, www.derstandard.at 122.490,01, Kronen Zeitung 257.351,19, www.krone.at 95.506,94, Kurier 200.830,02, www..kurier.at 82.473,69, Die Presse 142.097,87, diepresse.com 62.712,67.
(Medientransparenzdatenbank für das 1. Quartal 2023)

Obwohl die Kronen Zeitung eine wesentlich höhere Auflage vorweisen kann, wurde der Standard noch besser von der Stadt Wien dotiert. Eine solche Vergabe von Inseraten durch öffentliche Institutionen dürfte in Österreich den Usancen entsprechen. Sollte dies nicht erwünscht sein, so sind deutliche gesetzliche Bestimmungen erforderlich, die dies verbieten oder genau regulieren, unter welchen Umständen ein Inserat geschaltet werden darf.

Die  hohen Beträge, die die Stadt Wien für Inserate zahlte, waren bekannt. Doch war Stephan Löwenstein, der Korrespondent der FAZ, der einzige Publizist, der Qualitätsjournalismus bieten wollte und auf diese Fakten verwies:

„Die „rote“ Stadt Wien gab für Inserate et cetera mehr aus als alle anderen Bundesländer zusammen und auch mehr als die Bundesministerien“.
(Stephan Löwenstein: Wir können auch anders: Inseratenaffäre in Österreich:  FAZ, 6. 4. 2023).

Stimmung für Staatsanwaltschaft vorbereitet

Armin Thurnher polterte zwanzig Jahre lang, zwischen August 1994 und August 2014, am Ende jedes seiner Leitartikel im Falter:
„Im Übrigen bin ich der Meinung, die Mediaprint muss zerschlagen werden“.

Die Kronen Zeitung ist fraglos das wesentliche Leitmedium der Mediaprint.  Erkannte die Chefredaktion des Falter jetzt eine späte Möglichkeit, die Kronen Zeitung zu zerschlagen?

Am 26. Februar feierte Eva Dichand ihren 50. Geburtstag. Ihre Tageszeitung Heute widmete ihr ein festliches Magazin. Als Titel wurde gewählt: „Karriere, Leben, Glück“. Politiker aller Parteien gratulierten, herzlich mit Grußbotschaften.

In einem Interview, das im Geburtstagsmagazin erschien, formulierte Eva Dichand  offene Kritik. Etwa bemerkte  sie zum staatlichen Fernsehen:
„Man hat auch nicht das Gefühl, dass beim ORF irgendwo gespart wird, ganz im Gegenteil. Und die so hochgehaltene politische Unabhängigkeit ist, wie die Vorgänge in Niederösterreich gezeigt haben, auch nicht so, wie sie sein sollte“.

Eva Dichand erkannte „Stimmungsmache“. Bei den Berichten über die Untersuchungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStO) gegen Sebastian Kurz:
„Ich denke, die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft wird alles daran setzen, dass Kurz angeklagt wird, sonst würden sie sich ja lächerlich machen. (…) Aber diese extreme Stimmungsmache ist ganz schlecht für unser Land“.

Es dauerte nur rund einen Monat. Nach diesem Interview.  Dann wurden auch Hausdurchsuchungen in den Räumen von Eva Dichand durchgeführt.  Von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Die Hausdurchsuchung fand jedenfalls die Zustimmung von Fliorian Klenk:
„Der Verdacht lautete kurzgefasst: Regierungskriminalität. (…)  der (…) Eva Dichand und  – einmal mehr – Ex-Kanzler Kurz in große Not und vielleicht sogar ins Gefängnis befördern könnte“.
(Florian Klenk und Barbara Toth, ebd., 30. 3. 2023)

„Der Managerin droht jahrelange Haft“, sprach Klenk sein Urteil in einem weiteren Text, der ein paar Tage später erschien: „Sebastian Kurz und das Ehepaar Dichand (…) was für ein Kriminalfall“.( …) Verbrechen, die die Beteiligten bis zu zehn Jahre ins Gefängnis bringen könnten“.
(Florian Klenk und Barbara Toth, „Sie macht jetzt Terror“, Falter, 4. 4. 2023)

Da wird tatsächlich Stimmung gemacht, von Florian Klenk. Man kannte dies bereits vom Fall Julius Meinl, über den im Nachrichtenmagazin profil ein übler und primitiver Spottartikel geschrieben wurde, bevor die Staatsanwaltschaft die Verfolgung begann und das „Meinl European Land“ zerschlagen wurde, ein vorbildliches unternehmerisches Projekt, das für die Infrastruktur mehrerer mitteleuropäischer Länder von Bedeutung war.

Was ist ein Kriminalfall

„Was für ein Kriminalfall“, schrieb Klenk über die Mauscheleien, wie sie in Wien solche Gespräche nennen, gerade auch in seinem Umfeld, euphorisch, beispielsweise in der Vorbereitungsphase des Wiener Community-TV, das dann 2005 als Okto auf Sendung ging. Da wird begeistert „gemauschelt“. Doch bei schweren strafrechtlichen Tatbeständen, die sogar Todesfälle verursachen können, da schweigt Florian Klenk und der Falter.

Am 12. August 2014 bot ich dem Falter einen Beitrag über die Verfolgung der Publizistin Alexandra Bader an. Die Antwort erfolgte durch die Leiterin des Medienressorts:

From              Ingrid Brodnig <brodnig@falter…>
To                   Johannes Schuetz <johannes.schuetz@media…>
Subject          Re: Beitrag: Der Fall der Publizistin Alexandra Bader
Date               Aug 12, 2014 05:44 PST


Lieber Herr Schütz,

Danke für Ihr Angebot! Ich fürchte, das passt leider nicht in unseren Medienteil. Wenn Sie künftige Themenvorschläge haben, bin ich aber gerne erreichbar.

Besten Gruß,
—————-

Ingrid Brodnig
Leitung Medienressort
Falter – Wochenzeitung


Für andere Themen wäre man gerne weiterhin erreichbar, in der Redaktion des Falter. Vielleicht für die Verfolgung der Publizistin Eva Dichand?

Es erschien mir doch notwendig Florian Klenk, den ich persönlich nicht kenne, noch telefonisch zu kontaktieren, in einem solchen Fall. Er antwortete kurz: „Wir werden sehen, wenn es für unsere Leser interessant ist“.

Es erfolgte keine weitere Reaktion von Florian Klenk. Er verzichtete auf „hektische Telefonate„, bei dieser Investigation. Beiträge über die Verfolgung der Publizistin Alexandra Bader durch die österreichische Justiz wurden dann in Deutschland veröffentlicht:

Medienlöwin Alexandra Bader
Tabula Rasa, 5. 12. 2017
www.tabularasamagazin.de/32444-2

Desinformation als Skandal

Der promovierte Jurist Klenk, der nach seinem Studium plötzlich Interesse am Journalismus entdeckte, später auch als Miteigentümer zehn Prozent des Falter übertragen erhielt, lehnte Beiträge über Vermögensübernahmen durch Sachwalter in Österreich ab. Offenbar mit der Begründung, dass diese für seine Leser nicht von Interesse wären.

Gatekeeper Klenk bevorzugt affirmative Skandale, im Sinne des Begriffs der affirmativen Kultur, die Herbert Marcuse beschrieb. Mit der Darstellung einer geringfügigen oder sogar normalen Begebenheit als Skandal, die ausgiebige Erregung auslösen soll, werden gesellschaftliche Verhältnisse und kriminelle Vorgänge übermalt,  die tatsächlich als gefährlich gelten müssen und von den Medien als Thema gesetzt werden sollten.

Durch dieses Verhalten wird letztlich das gesellschaftliche System destabilisiert. Die Europäische Union erkannte bereits die Gefahr solcher Feindpropaganda:

„Desinformation stellt eine große Herausforderung für die europäischen Demokratien und Gesellschaften dar„, erklärte die Europäische Kommission im „Aktionsplan gegen Desinformation“.

Die Wiener Stadtzeitung Falter, deren Wirkung bis in die Medien der Bundesrepublik Deutschland reicht, muss als Teil einer solchen Desinformationskampagne beurteilt werden.

Links:

Auf der Suche nach der vergessenen Pressefreiheit:
Mit einer Korrespondenz mit dem Präsidenten von ROG Austria
Tabula Rasa, 8. 7. 2023
Es gibt seit Jahren zivilrechtliche Angriffe auf die Pressefreiheit in Österreich. Verfolgte Journalisten wurden von Reporter ohne Grenzen Austria bisher ignoriert. ROG-Präsident Hausjell wurde diesbezüglich befragt.
www.tabularasamagazin.de/johannes-schuetz-auf-der-suche-nach-der-vergessenen-pressefreiheit-mit-einer-korrespondenz-mit-dem-praesidenten-von-rog-austria

In der Schweiz führen zwei mächtige Verleger einen Kampf um die Ukraine
Tabula Rasa Magazin, 29. 5. 2022
Roger Köppel startete einen Angriffskrieg für Russland in der Weltwoche. Verteidigt wird die Ukraine von Peter Wanner, dem Verleger von CH Media.
www.tabularasamagazin.de/in-der-schweiz-fuehren-zwei-maechtige-verleger-einen-kampf-um-die-ukraine

 

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Über Johannes Schütz 104 Artikel
Johannes Schütz ist Medienwissenschafter und Publizist. Veröffentlichungen u. a. Tabula Rasa Magazin, The European, Huffington Post, FAZ, Der Standard (Album), Die Presse (Spectrum), Medienfachzeitschrift Extradienst. Projektleiter bei der Konzeption des Community TV Wien, das seit 2005 auf Sendung ist. Projektleiter für ein Twin-City-TV Wien-Bratislava in Kooperation mit dem Institut für Journalistik der Universität Bratislava. War Lehrbeauftragter an der Universitat Wien (Forschungsgebiete: Bibliographie, Recherchetechniken, Medienkompetenz, Community-TV). Schreibt jetzt insbesondere über die Verletzung von Grundrechten. Homepage: www.journalist.tel