Margot Käßmann – Eine Frau mit Rückgrat

Rückgrat zeigte die Ratspräsidentin der EKD mit ihrem Rücktritt allemal, auch gegen die Gegnerschaft in den eigenen Reihen, denn beargwöhnt wurde die dynamische Theologin immer vom Kreis der evangelischen Orthodoxen.
So ist der Schritt nur die konsequenzlogische Reaktion auf einen „Ausrutscher“, den man durchaus verzeihen sollte. Würde man diesen zum Kriterium machen, müssten ganze Gruppen von Politikern und Managern zurücktreten. Im Fall der Landesbischöfin von Hannover ist dies bedauerlich, zeigt aber auch, daß es Käßmann letztendlich um Glaubwürdigkeit geht, die sie ohne diesen Rücktritt sicherlich verloren hätte. Hier zeigt sich das Gewissen einer Theologin, die nicht nur von der Öffentlichkeit Glaubwürdigkeit verlangte, sondern diese auch zur eigenen Wertmaxime erklärte.
Käßmann besticht mit ihrer Authentizität, wenn sie an sich selbst die moralischen Standards anlegt und nicht die formalen, die sie keineswegs zu diesem Schritt nötigten. Denn noch vor zwei Tagen stellte sich die EKD hinter die charismatische Käßmann, die als oberste Repräsentantin der Evangelischen Kirche nicht nur engagiert ihr Amt bewußt innehatte, sondern die auch versöhnen konnte, die manche Kluft zwischen den unterschiedlichen Konfessionen hätte schließen können, die die christliche Religion wieder in die Bewußtheit der Menschen führte, nicht zuletzt mit ihrer offenen gelebten Authentizität, die sie nun selbst zu Fall brachte. Wer authentisch ist, hat in dieser Gesellschaft keinen Platz, was Käßmann spätestens dann zu spüren bekommen hätte, wenn sie wieder unpoluläre Entscheidungen getroffen hätte, denn dann wären die hochfeinen Moralisten irgendwann wieder zur Stelle und würden gnadenlos zurückschlagen, und zwar mit eben jenen moralischen Fingerzeig, der den Ausrutscher immer wieder zum Thema und zum andauernden Anstoß der Kritik machen würde, spätestens dann würde man sie zum Rückzug zwingen. In diesem Fall aber wäre der Fall Käßmann tatsächlich ein tragischer, dem sie nun bewußt und durchdacht vorgebeugt hat.
In ihrer viermonatigen Amtszeit hatte sie für Aufsehen gesorgt, nicht zuletzt mit ihrer Kritik am deutschen Afghanistaneinsatz und der schalen Rede von „kriegsähnlichen Zuständen“. Käßmann räumte radikal mit Phrasen vom humanitären Aufbau auf. Der Afghanistaneinsatz ist und bleibt, wie jeder, der des Gesunden Menschenverstandes fähig ist, ein Krieg – trotz gegenteiliger Versprechen eines zu Guttenberg.
Wäre der Entschluß des Rücktritts nicht ihre ureigenste Entscheidung gewesen, könnte manch einer eine Intrige vermuten, die die von Regierungskreisen offen kritisierte Käßmann gern in einem einflußärmeren Amt gesehen hätten.
Käßmann war eine Frau des Volkes, eine Seelsorgerin, wie man sie sich wünschte, eine entschlossene Kämpferin für eben das Authentische. Mit ihrem Rücktritt verliert die evangelische Kirche nicht nur eine charismatische Persönlichkeit, sondern auch eine engagierte Kämpferin für die Religion und die Ökumene.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2081 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".

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