Religion im Selbstverständigungs-prozess Europas

Welche Rolle spielt die Religion für Europa und dessen Selbstverständigungsdebatten? Ist die christliche Religion grundlegend für die europäische Identität, oder sind die Religionen nicht vielmehr ein Faktor, der zu allerhand Konflikten führt und folglich im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess zu Recht verschwindet? Den genannten Fragen wurde seit den 1980er Jahren verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. In den Geisteswissenschaften ersetzte der Kulturbegriff den Gesellschaftsbegriff als Leitbegriff. Darin spiegelt sich nicht zuletzt die Beobachtung, dass Religionskulturen auch unter den Bedingungen der Moderne ihre Prägekraft nicht verloren haben. Deutlich wird das besonders in den Kontroversen um die Erweiterung der Europäischen Union. Die Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten nach 1989/90 wurde von Anfang an durch Selbstverständigungsdebatten über Europa als kulturelle, wirtschaftliche und politische Einheit begleitet. Die neuen Beitrittsstaaten sind nicht nur durch unterschiedliche religiöse Traditionen geprägt, sondern auch der Modernisierungsprozess entfaltete in diesen Ländern aufgrund von anderen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Faktoren verschiedene Entwicklungsdynamiken. Und schließlich führten seit dem Zweiten Weltkrieg Schübe von ökonomischer Migration dazu, dass die europäischen Gesellschaften Einwanderungsgesellschaften wurden. In deren Folge pluralisierten sich auch die europäischen Religionskulturen. Derzeit ist der Islam in seinen unterschiedlichen Formen die zahlenmäßig größte nichtchristliche Religionsfamilie in Europa. Diese Entwicklungen machten zunehmend deutlich, dass Europa keine fixierte Größe darstellt, sondern ein hochstufiges kulturelles Konstrukt, in dem sich geopolitische, ökonomische, rechtliche und religiöse Dimensionen überlagern.
Religiöse Prägungen fungieren nicht nur als Identitätsmarker, sondern steuern als cognitive maps die Weltsicht von Menschen. Exklusion und Inklusion laufen, auch wenn sich in der Gegenwart überkommene Innen-Außen-Grenzen der in Europa dominierenden christlichen Großkonfessionen aufgelöst haben, über Religionszugehörigkeiten. In dem europäischen religionspolitischen Diskurs wird gegenwärtig heftig und bisweilen emotional hoch aufgeladen über die Integration des Islam in die europäischen Gesellschaften sowie über den EU-Beitritt der Türkei gestritten. Auf alle diese Fragen gibt es keine einfachen und vor allem auch keine eindeutigen Antworten. Ein von der Forschungsplattform Religion and Transformation in Contemporary European Society der Universität Wien organisierter internationaler Kongress zum Thema Rethinking Europe with(out) Religion, vom 20. bis 23. Februar 2013 in Wien (www.rethinkingeurope.at), widmet sich dem dargelegten Problemhorizont und lotet im interdisziplinären Diskurs die Bedeutung der Religion für die europäischen Selbstverständigungsdebatten aus.

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Über Danz Christian 21 Artikel
Prof. Dr. Christian Danz, geboren 1962 in Thüringen, hat seit 2002 eine Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien inne. Seit 2006 ist er Vorsitzender der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft.

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