Am 11. März 1902 fand in der berühmten Mailänder „Scala“ die Uraufführung der Oper „Germania“ statt. Die Befreiungskriege bilden den Rahmen der Handlung, junge Akademiker führen einen Guerillakrieg gegen Napoleons Truppen zur Befreiung der Heimat, viele Studentenlieder erklingen in einem „lyrischen Drama in einem Prolog, zwei Bildern und Epilog“, wie der Komponist selbst schrieb. Luigi Illica hatte das Libretto getextet, Alberto Franchetti ist der Konmponist. Eine echte Starbesetzung gestaltete die Uraufführung: Arturo Toscanini hatte das Dirigat, Enrico Caruso sang die Titelpartie.
Das Publikum feierte die „Germania“ frenetisch, Franchettis wurde nach der Uraufführung nicht weniger als fünfzehnmal auf die Bühne gerufen. Von den Kritikern wurde „Germania“ unisono in höchsten Tönen gelobt. Von Brescia über Bologna bis Buenos Aireson, von Parma bis Philadelphia – über dreißig Bühnen in Italien, Europa und Übersee setzten sie alsbald auf den Spielplan. und sogar die Metropolitan Opera in New York war dabei. Trotz dieses großen Erfolges ging der Zeitgeist kaum 20 Jahre später das Werk hin. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es nur noch vereinzelte Aufführungen, das Werk versank bereits im Lauf der 1920er Jahre in der Vergessenheit. Was war passiert? Wir greifen zur Beantwortung dieser Frage auf einen Text zurück, den Erik Zindel für die Wingolfsblätter schrieb, er steht dort in der Ausgabe 4, 2025; wir zitieren hier breite Teile daraus.
Obwohl die „Germania“ im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts spielt und mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon ein genuin deutsches Thema behandelt, gelangte diese Oper nördlich der Alpen nicht zur Aufführung. Sie wurde stattdessen von der deutschen Kulturkritik zerrissen – fast alle hatten Grundsätzliches auszusetzen: Die einen kritisierten die „Deutschthümelei“ des Werkes, anderen war es „nicht national genug“. Die erste (und bisher einzige) Aufführung der „Germanmia“ in Deutschland fand 2006 an der Deutschen Oper Berlin statt, und zwar unter der musikalischen Leitung von Renato Palumbo und in einer Inszenierung von Kirsten Harms, die damals auch Intendantin des Hauses war.
Der Glanz des Fin de Siècle zerbricht
Baron Alberto Franchetti wurde am 18. September 1860 in eine jüdisch-sephardische Turiner Unternehmerfamilie hineingeboren – sein Vater war Unternehmer, die Mutter entstammte der Bankiersfamilie Rothschild. Der junge Alberto widmete sich bevorzugt der Musik. Musikalisch ist er ein klassischer Vertreter des Verismo und der „Giovane Scuola“, er war musikalisch aber auch von der Pariser Grand Opéra eines Giacomo Meyerbeer besonders durch Richard Wagner beeinflusst. Neben seiner „Germania“ wurde er insbesondere durch seine Opern „Asrael“ (1888) und „Cristoforo Colombo“ (1892) berühmt.
Zeitweise war Franchetti Direktor des Florentiner Konservatoriums und widmete sich auch dem Motorsport: Er war einer der Mitbegründer des italienischen Automobilistenclubs und fuhr Autorennen. Doch sein augenscheinliches Glück verließ ihn. Durch die Rassengesetze Mussolinis wurden seine Werke bald von den Bühnen Italiens verbannt – wodurch wir eine Ahnung davon bekommen, dasss es nördlich der alpen vielleicht auch schlichtweg der Antisemitismus war, der dieses Werk von den Opernbühnen kippen ließ. Auch persönlich ins Abseits geschoben, was ebenfalls auf seinen jüdischen Glauben zurückzuführen sein dürfte, starb Franchetti vereinsamt am 4. August 1942 in Viareggio.
Dramma lirico „Germania“, 1902
Nachdem Franchetti die Rechte an dem Libretto von Luigi Illica für eine Oper namens „Tosca“ besaß, diese aber aus Zeitgründen nicht nutzten konnte, meldete ein Freund, der ebenfalls als Komponist erfolgreiche Giacomo Puccini, Interesse an diesem Stoff an. Franchetti überließ ihm die Rechte an der „Tosca“, und was Puccinis in Noten umsetzte, ist seitdem aus den Opernprogrammen nicht mehr wegzudenken. Luigi Illica, der Librettist der „Germania“, stand im übrigen auch für die berühmtesten Puccini-Opern wie „Madama Butterfly“, „La Bohème“ und „Tosca“ librettistisch Pate.
Franchetti schrieb seine Germania bewusst als Würdigung an Deutschland und seiner persönlichen Verbindungen dorthin. Er sprach sehr gut deutsch und hatte eine deutsche Ehefrau, wobei die Ehe nicht von langer Dauer war; außerdem könnte er zeitweise die deutsche Staatsbürgerschaft gehabt haben. Indessen spielt seine Oper zur Zeit der napoleonischen Befreiungskriege in Deutschland, und die auftretenden Figuren sind vornehmlich Studenten. Die Protagonisten werden getrieben durch den Wunsch, der französischen Besetzung ein Ende zu bereiten, sie kämpften daher auch gegen die Napoleon unterstützenden deutschen Ländern aus dem Rheinbund. Im Zentrum des Werkes steht auch der Wunsch nach einem geeinten, freiheitlichen deutschen Staat.
Tugendbund und Freikorps-Romantik
Im Werk wird der „Tugendbund“ erwähnt, in dem die Protagonisten Mitglied sind. Hier verwischt sich die historische Realität der (vielfältigen und oft nur kurzlebigen) damaligen Geheimbünde gegen die Besatzer mit der dichterischen Fiktion des Librettos. Der eigentliche Tugendbund wurde erst 1808 in Preußen als Verein zur moralischen Erbauung Preußens nach den militärischen Niederlagen gegen Napoleon gegründet. Gründer und Mitglieder waren vor allem Aristokraten, Intellektuelle und Offiziere. Er war freimaurerisch geprägt und bestand bis 1810, als parallel von Friedrich Ludwig Jahn der „Deutsche Bund“ als Geheimbund gegründet wurde. Beide Vereine gründen auf denselben Idealen und Zielen, jedoch war Letzterer deutlich jünger und studentischer geprägt.
Der anfängliche Erfolg der „Germania“ beruhte indessen wohl auf zwei Faktoren. Erstens wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zeit der napoleonischen Kriege breit rezipiert, denn sie war genau 100 Jahre her. Zweitens hatte, vor allem in studentischen Kreisen, eine Verklärungswelle des Lützowschen Freikorps im 19. Jahrhundert eingesetzt. So erklärt es sich, dass auch bei der „Germania“ nicht die historische Genauigkeit, sondern eine dramaturgisch logische und ansprechende Handlung Pate stehen.
Studentische Weisen und ein Kirchenlied
Für Korporierte ist musikalisch insbesondere der Prolog der Germania interessant. Innerhalb des rund 45minütigen Aufzuges sind eine Vielzahl an studentischen Weisen verewigt: Gleich die ersten Takte wie auch weite melodischen Teile des Prologs sind der Melodie des Landesvaters entnommen, einem studentischen Ritual. Folgende Weisen sind außerdem vertont: „Ça ça geschmauset“, „Gaudeamus igitur“, der „Fuchsenritt“, eigentlich bekannt als „Was kommt dort von der Höh‘“, dazu „Brüder zu den festlichen Gelagen“, sowie sehr prominent das Lied „Lützow´s wilde verwegene Jagd“ („Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein“), gedichtet von Theodor Körner, vertont durch Carl Maria von Weber. Sowohl Körner als auch Weber waren im übrigen Mitglieder des Lützowschen Freikorps.
Eine weitere Melodie lässt aufhorchen. Sie wird die dem jungen Bettlerkind Jebbel beigebracht; wir kennen sie heute als das Volkslied „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ – im Evangelischen Gesangbuch ist es als Nummer 511 zu finden. Der heute geläufige Text entstand erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Melodie wurde jedoch schon 1806 für ein Trauerlied für den in der Schlacht bei Saalfeld gefallenen Prinzen Louis Ferdinand geschrieben, schon damals ein Revolutionslied. 1808 wurde auf die Melodie ein Liebeslied mit dem Namen „So viel Stern am Himmel stehen“ gesungen, und dieses verwendete Franchetti als textliche Basis in seinem Drama.
Fazit
Franchettis „Germania“ ist eines der wenigen großen Werke der Musikgeschichte, die studentisches wie revolutionäres und sogar kirchliches Liedgut zum Inhalt haben. Das macht diese Oper besonders, sie ist gewissenrmaßen ein Parallelstück zur bereits 1881 in Paris uraufgeführten Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. So lässt sich festhalten, dass dieses Werk einen bedeutenden kulturellen Wert besitzt. Die „Germania“ von Alberto Franchetti, lediglich 2006 einmal in Deutschland aufgeführt, hat eine breite Rezeption auch hierzulande verdient – endlich.
