Rezension Wolf „Enge Verbindung“
Unter dem Titel „Eine enge Verbindung“ hat Hans Thomas Wolf elf überaus informative und glänzend geschriebene Lebensbilder über insgesamt 13 Literaten vorgelegt. Der Titel beschreibt dabei ein unsichtbares Band, das höchst unterschiedliche Persönlichkeiten über zwei Jahrhundert hinweg eint. Davon später mehr.
Individualisten sind hier versammelt. Markant die Themen, die Gesichter, die Themen. Vier Namen fallen besonders auf – zunächst der weltgewandte und weitgereiste Schriftsteller Arthur Koestler, dann ein wahrer Salonlöwe, Gregor von Rezzori, außerdem der Deutschbalte Werner Bergengruen, der für die „Weißen Rose“ in München Flugblätter mitverfasste – also ein verdeckter Widerstandskämpfer. Zu diesen drei Dichterpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gesellt sich Franz von Kobell, ein eher bayerisches Urgestein; er repräsentiert das 19. Jahrhundert. In umgekehrter Reihenfolge seien diese vier genauer betrachtet:
Franz von Kobell war ein bedeutender Schriftsteller und als solcher geistiger Vater der vor allem in Süddeutschland populären Figur des Brandner Kaspers, eines Schlossers und Jägers aus dem Tegernseer Tal, dem es mit einer Flasche Kirschgeist und dank eines gewieften Kartentricks glückte, bei Gevatter Tod noch ein paar Lebensjahre herauszuschinden. Ein Corpsbruder, so erfahren wir bei Wolf, lieferte ihm die Inspiration, denn er hatte ebenfalls einen Kasper erfunden, den heute im Puppenspiel noch jedes Kind kennt. Dieser Corpsbruder war der „Kasperlgraf“ Franz von Pocci. Und wer auf einer Studentenkneipe das unvergleichlich schwungvolle „Burschen heraus“ hört oder selbst mitsingt, der hat es ebenfalls mit einer Kobell’schen Versdichtung zu tun.
Von Werner Bergengruen ist ein Bild im Vollwichs seiner verbandsfreien und freisinnigen Marburger Verbindung Normannia erhalten. Das ist ein Statement. Und um einen klaren Standpunkt war der Literat aus einer baltischen Familie sein Leben lang nicht verlegen. „Der Großtyrann und das Gericht“ ist eine kaum verhohlene Fundamentalkritik an Adolf Hitler, und es nimmt uns heutzutage fast wunder, dass Bergengruen für dies „Schlüsselwerk des Widerstands gegen die aufkommende Diktatur“ – so Wolf – und seine weiteren, klar widerständigen Bücher nicht mit Haft, Folter und Tod bestraft wurde. Und der als Mitautor an den Flugblättern der „Weißen Rose“ beteiligt war – der Strang wäre ihm sicher gewesen, hätten ihn die Nazis enttarnt. Zurecht die Klage des Autors, dass Bergengruen heute quasi vergessen wurde, denn er ist „eine souveräne Persönlichkeit, nicht abseits der Welt, aber über ihr stehend“.
Als „präzisen Sprachkünstler“ charakterisiert Wolf den im eigentlichen Sinne altösterreichisch geprägten Gregor von Rezzori, geboren 1914 in Czernowitz, in eine verglimmende Habsburger Doppelmonarchie. Wanderer zwischen den Welten zu sein – das war sein Schicksal, aber auch seine Inspiration. Mit gewisser Bewunderung vermeldet Wolf, Rezzori habe einfach „nur“ Geschichten erzählt, das aber „fantasievoll“, „facettenreich“, „unterhaltsam“ und „sprachlich brillant.“ Der Autor erlebte das „neue“, republikanische Österreich, das vorkommunistische Rumänien, später kam Italien hinzu, wo er auf dem Landsitz seiner wohlhabenden dritten Ehefrau auch 1998 sein Leben beschließen sollte.
Ein Zitat des umtriebigen, politisch abenteuerlustigen, in quasi allen Kulturen bewanderten Artur Koestler stellt Thomas Wolf an den Beginn seines Essay über ihn: „Es ist gewiß ein Paradoxon, dass diese erzkonservativen, anachronistischen, rauf- und sauflustigen Burschenschaften psychologisch gesünder waren als jede andere geschlossene Gemeinschaft oder Clique, der ich seither begegnet bin.“ Der im eigentlichen Sinne österreichisch-ungarischen, aber weithin deutschsprachigen jüdischen Kultusgemeinde in Budapest entstammte Koestler, sein Studium prägte die jüdisch-akademische Verbindung Unitas. Ausführlich schildert Wolf die Aktivitäten Koestlers als zionistischer Siedler in Palästina. Sein Roman „Sonnenfinsternis“, 1940 erschienen, sei hier pars pro toto genannt. Diese schonungslose Abrechnung zuvörderst mit dem Stalinismus, aber auch mit jeder anderen Diktatur ist schlichtweg Weltliteratur, wie Wolf völlig korrekt einordnet.
Wolf, der als Wirtschaftsjournalist unter anderem für Capital und Focus Money tätig war, fragt einleitend, was die Besonderheit dieser Literaten, dieser Dichterfürsten ausmache. Um die Lösung dieser Frage zu nennen: Es ist die Mitgliedschaft in einem Corps oder einer ähnlichen Verbindung. Im Exkurs „Die phantastischen Drei“, in dem es um das Literatentrio Paul Busson, Karl Hans Strobl und Hanns Heinz Ewers, gibt er eine mögliche Antwort selbst: „Vielleicht liegt es am Hang zum Schwärmen, dessen sich Corpsstudenten neben dem Trinken gerne berühmen, vielleicht ist es aber auch nur bloßer Zufall.“ Das klingt zunächst unbestimmt, weist aber auf eine Eigenschaft des studentischen Brauchtums unmißverständlich hin: die Möglichkeit, auf zwanglose Art lebenslang eine „enge Verbindung“ zu schaffen und zu erhalten. Wer Studentenverbindungen bislang nicht begegnete oder auch Schlechtes über sie hörte, sollte unter diesen Auspizien vielleicht genauer hinhören, wenn er das nächste Mal über Verbindungen etwas hört.
Die liebevoll so von Wolf auf 120 Seiten porträtierten Literaten gehörten in der literarischen Blüte der zweiten Hälfte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten und beliebtesten Schriftstellern ihrer Zeit. Neben reizvollen biographischen Details stellt er zugleich die wichtigsten Werke vor, was angesichts einer steigenden Unkenntnis der deutschsprachigen Literatur höchst verdienstvoll ist. Die mangelnde Resonanz bei jüngeren Lesern führt indessen dazu, dass die meisten Ausgaben heute antiquarisch wohlfeil zu erwerben sind. Doch wo zugreifen? Hier hilft die Übersicht, die sich in „Eine enge Verbindung“ entfaltet.
Fazit: Wolf empfiehlt sich hier mit seinem vergnüglichen Ausflug in eine vergangene Welt als Autor mit Eleganz und Esprit. Dieses sehr solide gemachte, fest eingebundene, fein gestaltete und am Ende mit einer Galerie der Portraits der behandelten Literaten versehene Buch ist ohne ISBN erschienen, daher sei die Webseite der Edition Corps, im Netz leicht zu finden, allen Interessierten empfohlen.
Hans Thomas Wolf, Eine enge Verbindung. Corpsstudenten als Literaten. Edition Corps, Bad Kösen 2025, Festeinband, 125 Seiten, 22 Euro.

