Sie haben es wieder getan. Eine Doppelausgabe, über 600 Seiten. Der Lepanto-Almanach 2025/26 übertrifft das gewöhnliche Maß broschierter Bücher deutlich. Doch das ist nur eine Äußerlichkeit. Schon das umfangreiche Inhaltsverzeichnis lässt hoffen, dass sich intensive, wundervolle, lehrreiche Texte aneinanderreihen. Wir beginnen zu blättern.
Sanft und leicht wird der Leser hineingeführt in diesen wahrhaft gewichtigen Band. Ein Gespräch über das Wahre, Gute und Schöne – über 50 Seiten lang, immerhin – zwischen zwei fiktiven Personen berührt sehr viele Bereiche des Lebens, und vom Urknall bis zu Moralfragen ist alles dabei. En passant sind immer wieder bedenkenswerte Sätze zu entdecken. Beispiel: „Nur wer keinen Ausweg mehr hat, sieht der Wahrheit ins Auge.“ Dieser Aufsatz ist der erste von drei Texten, die unter der Rubrik „Grundlagen“ firmieren.
Die Anthropologie Josef Piepers ist Thema im zweiten Aufsatz dieses als Hinführung konzipierten Abschnitts. Der Autor, Daniel Zöllner, setzt bei Immanuel Kant und Thomas von Aquin an, um Pieper zu erklären und zu kommentieren. Ins Auge fällt die Zwischenüberschrift, in der der Mensch als „Wesen im Übergang“ bezeichnet wird. Zöllner begründet, warum der Mensch, wie er schreibt, „einen Raum der Freiheit inmitten des totalen Anspruchs von Kapital, Technik und Medien“ behalten sollte. Höchst aktuell!
Dann folgt eine dritte „Grundlage“: Gedankliche Höhen muß erklimmen, wer dem Autor Christoph Fackelmann folgen, wer er- und begreifen möchte. Der Titel ist bereits auf einem Widerspruch aufgebaut: „Die Sprache spricht als das Geläut der Stille“. Als Ausgangspunkt für diesen Satz Martin Heideggers identifiziert Fackelmann Georg Trakls „Winterabend“ – ein, nebenbei, dem Rezensenten höchst wichtiges und präsentes Gedicht. Er durchmißt dann einen ganzen Kosmos des Nachdenkens über die Sprache an sich und deren Wirkung, die er in durchaus religiöser Dimension auf die Natur des Menschen bezieht. Fackelmann schreibt mit einer Tiefe, die wohl nur durch mehrmaliges Lesen und Durchdenken seiner Aufsätze zu ermessen ist – auch hier ist es so. Der Lepanto-Almanach braucht also einen Platz im Regal jener Bücher, die man recht bald ein zweites und drittes Mal zur Hand nehmen wird. Solche Grundlagen sind gedankliches Hochland!
Vielfache kirchliche Bezüge
Dem evangelischen Theologen Paul Gerhardt, Dichter vieler bekannter Kirchenlieder und Zeitzeuge des Dreißigjährigen Krieges, ist der erste „Themen“-Beitrag des Lepanto-Almanachs 2025/26 gewidmet. Michael Stahl zieht hier eine Linie bis hin zu Dietrich Bonhoeffer, sein Ausgangspunkt ist dabei das Leid in der Welt und dessen Wirkung auf das Individuum, auch in der Überwindung hin zum Transzendentalen. Eine große Zahl von Textzitaten Paul Gerhardts belegt die Ausführungen, und Stahl resümiert geradezu allgültig: „In dieser Welt zu sein, jedoch nicht von ihr, das ist der Standort von Christen in jeder Zeit.“ Wie er diese Erkenntnis untermauert? Seien Sie gespannt!
Richard Reschika führt seine Leser sodann in den „Bann der byzantinischen Idee“ – so umschreibt er den Kulturkonservatismus Konstantin N. Leontjews, der Grundlage und Anschauungsobjekt seines Aufsatzes ist. Nach einem langen Einstieg, in dem er das durchaus ereignisreiche, ja, wilde Leben Leontjews abhandelt, rückt er diesen weltgewandten Russen, der als Arzt im Krimkrieg arbeitete und später lange als Diplomat vor allem im griechischen Raum wirkte, vor den Hintergrund seiner geradezu prophetischen Überlegungen. Das heutige Dilemma Europas jedenfalls, wo es zwischen einem – nötigen – Staatenbund und den sehr unterschiedlichen Geschichtsverläufen der einzelnen Staaten kaum einen Weg der Vermittlung zu geben scheint, sieht er ziemlich exakt voraus. An Sätzen wie diesem bleibt das Auge des Lesers unwillkürlich hängen: „Angesichts dieses fatalen demokratischen Progresses zum Durchschnittlichen, Mittelmäßigen und Gesichtslosen sei es geradewegs Rußlands heilige Pflicht – so Leontjew –, sich darüber Gedanken zu machen, ob es sich künftig Europas Kosmopolitismus demütig unterwerfen oder an seiner ursprünglichen Eigenständigkeit festhalten wolle.“ Wer dächte hier nicht an den Krieg in der und um die Ukraine, den das offizielle Rußland, nicht selten in propagandistischer Absicht, häufig in den Kontext einer solchen epochalen Entscheidungsfrage rückt? – Der hochbedeutende Reinhold Schneider, das sei vorweggenommen, kommt später, im Abschnitt „Werkstatt“, zu Wort – ebenfalls zu Leontjew. Auch er stellte zu seinen Lebzeiten unmissverständlich fest, dass Rußland von Anfang an durch Byzanz geprägt wurde – und keineswegs vom Westen Europas.
Eine erfüllende, alle Aspekte ausbalanciert berücksichtigende Rezension über den aktuellen Lepanto-Almanch zu schreiben ist schlechterdings kaum zu machen. Schon die etwas genauere Betrachtung der hier versammelten Tete, die alle von hoher Dichte sind, führt unweigerlich in eine partielle Nacherzählung. So sei auch aus Beate Broßmanns Aufsatz über Frank Kafka nur dieser eine bemerkenswerte Satz zitiert: „Der deutsche Schriftsteller in Prag hat seine jüdische Identität mit seiner individuell-psychischen amalgamiert.“ Es geht der Autorin dabei um die Suche dieses Schriftstellers, der in seiner überragenden Bedeutung immer um die letzte Gewißheit, das Unzerstörbare, rang – und auf dieser Suche letztlich scheiterte. Die Autorin wirft dabei die Frage auf, inwieweit Kafka auf eine durch ein konkretes Glaubensbekenntnis bestimmte Haltung zur Tanszendenz überhaupt festgelegt werden kann.
Gleich drei Aufsätze über die völlig zu Unrecht zunehmend in Vergessenheit geratende Schriftstellerin Gertrud von le Fort folgen; sie schließen den themengebenden Abschnitt dieses Jahrbuches ab. Felix Hornstein schreibt über die Aktualität der Novelle „Die Letzte am Schafott“, Ruth Wahlser über die Erzählung „Die Opferflamme“ und Gerhard Ringshausen über die Bedeutung le Forts für den Widerstand im Dritten Reich, die er als eine „doppelte“ beschreibt. Dass diese Beiträge nur dem Thema nach genannt sind, sei den Lesern dieser Rezension ein Ansporn, jenes wahrlich spannende „Jahrbuch für deutsche Literatur und christliche Geistesgeschichte“ – so der Untertitel des Lepanto-Almanachs – wirklich zur Hand zu nehmen. Das im gleichnamigen Verlag erscheinende Periodikum hat es nach wenigen Ausgaben bereits geschafft, aus dem gleichförmigen Strom der Pseudo-Aktualität einer auf die eigene Gegenwart fixierten Sachliteratur deutlich herauszustechen und sichtbar zu bleiben.
Eine geistige Welt voller Anregungen
„Skizzen“, „Werkstatt“ und „Umschau“ sind die drei Großkapitel, die nun folgen und das Jahrbuch, das doch mit seinen Titelthemen bereits übervoll scheint, auch aus Sicht des Verlegers komplettieren. Mit besonderer Neugier blätterten wir zu einer nur drei Seiten langen Dichtung von Jan Juhani Steinmann: „Das Abendmahl Jesu. Unerhört.“ Nach dreimaliger Lektüre formt sich aus bislang ungekannten Worten in nicht für möglich gehaltener Kühnheit der Gedanke: Steinmann – unerhört!
In der „Umschau“ fällt ein theologischer Diskurs zur Theodizee-Frage auf. Christoph Fackelmann bricht eine Lanze für die Kunstmärchen der deutschen Romantik, beginnend bei Wilhelm Hauff – auch diese kurze, zweiteilige Abhandlung ist höchst wertvoll. Felix Hornstein ergänzt mit Gedanken über einen neuen Band der „Kleinen Bibliothek des Abendlandes“. Dirk Walter reflektiert, in diesem Zusammenhang höchst ertragreich, über die gleichfalls bei Lepanto unter dem Titel „Eisblumen“ erschienene Lyriksammlung Werner Bergengruens, die dissidente und offen widerständische Gedichte aus der Zeit des Dritten Reichs präsentiert. Auch große christliche Autoren wie Reinhold Schneider und Rudolf Alexander Schröder werden gewürdigt. Ruth Wahlster beschließt diesen großen, einen ganzen geistigen Kosmos eröffnenden Band mit einem Bericht von der Tagung der Gertrud-von-le-Fort-Gesellschaft 2024.
Einem handlichen Jahrbuch entsprechend ist das Seitenformat gewählt, zugleich ist die Schriftgröße im Bereich des gut Lesbaren – Träger von Lesebrillen können sich freuen. Angesichts der großen Vielfalt, die berechtigterweise Berücksichtigung fand, stößt der Band indessen im Umfang an seine Grenzen. Der im Vorwort geäußerte Gedanke, in näherer Zukunft wieder jedes Jahr einen Band zu veröffentlichen, der dann etwas schlanker ausfallen dürfte als die letzten beiden Doppeljahrgänge, scheint verfolgenswert. Aber all dies schmälert den literarischen Glanz, den die Überfülle an wichtigen und zentralen Texten ausstrahlt, keineswegs. Durch genau diese Überfülle ist dieser Band zugleich äußerst preiswert, das sei hinzugefügt.
Ja, der Lepanto-Almanach 2025/26 übertrifft das gewöhnlich Maß von broschierten Büchern bei weitem. Die Hoffnung auf intensive, wundervolle, lehrreiche Texte wird mehr als erfüllt. Eine spezielle Leseempfehlung können wir nicht geben – alles lohnt, bis hin zu den „Skizzen“, die allesamt höchst lehrreich sind. Das Urteil des Rezensenten ist in diesem Fall mehr als eindeutig. Nehmen Sie hier das Wort „Almanach“ wörtlich als „Kalender“, denn so ist es etymologisch korrekt, denn die Texte darin sind dazu geeignet, reflektierende Leser durch das ganze Jahr zu geleiten. Legen Sie sich diesen Almanach also recht weit oben in den Stapel, blättern Sie dieses und auch das kommende Jahr darin. Lesen und staunen Sie! Um diesen Band, liebe kulturbeflissene, um das Christentum wissende Leser dieser Rezension, kommen sie schlechterdings nicht herum.
Christoph Fackelmann / Till Kinzel (Hrsg.): Lepanto-Almanach. Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte, Band 6 /7, 2025/26, Rückersdorf üb. Nürnberg 2025, 629 Seiten, ISBN 978-3-942605-40-3, 22 Euro.
