Simon Ings: Triumph und Tragödie: Stalin und die Wissenschaftler

Geballtes Wissen, Foto: Stefan Groß

Simon Ings: Triumph und Tragödie: Stalin und die Wissenschaftler, Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, ISBN: 978-3-455-50283-1, 34 EURO (D)

 

Dieses Buch behandelt die Wissenschaftspolitik Stalins in der Sowjetunion und das Verhältnis des Despoten zu den namhaften Wissenschaftlern des Landes. Ings wertete für dieses Buch zahlreiche Quellen aus der Stalinzeit aus und zeichnet ein vielfältiges Bild: Die Proklamation des Fortschritts und der Bildung im Kalten Krieg machte sich beim hohen Budget des Wissenschaftssektors bemerkbar: Wissenschaft und Fortschritt wurde in der UdSSR groß geschrieben, um den Rückstand zur westlichen Welt aufzuholen. Aus diesem Grund wurde ab 1939 der Stalinpreis für besondere wissenschaftliche Leistungen vergeben. Nach Stalins Tod 1953 verfügte die Sowjetunion über den größten wissenschaftlichen Apparat der Geschichte.

Die Glorifizierung der Wissenschaft war verbunden mit der Politik eines unberechenbaren Diktators, der jederzeit über das persönliche Schicksal der Wissenschaftler bestimmen konnte: „Die Revolution erlebten sie als Jugendliche oder junge Erwachsene, und sie ließen sich von Stalin nicht in die Knie zwingen. (…) Ich erzähle von einer Handvoll verarmter, unter- oder prekär beschäftigter Hochschulabsolventen, Professoren, Initiatoren und Sammler, die der Sowjetunion trotz einer unfähigen Regierung zum Status einer Supermacht verhalfen. Und ich erzähle von Scharlatanen.“ (S. 10)

Ings möchte hier die Rolle der sowjetischen Wissenschaft und ihre Leistungen in die Öffentlichkeit bringen und würdigen: „Diese Pioniere arbeiteten daran, die menschliche Lebenserwartung zu erhöhen, erforschten Sprache, Hirnfunktionen und die kindliche Entwicklung, gründeten die erste Managementberatung, erkundeten die Auswirkungen lebender Materie auf Felsen und Mineralien und entwickelten daraus ein Evolutionsmodell der Biosphäre; (…)“ (S. 17)

Das Buch ist in historischen Perioden unterteilt, wo das Verhältnis der Wissenschaftler zu Stalin, ihre Lebensläufe und Forschungen und ihr oft schlimmes Schicksal beschrieben werden. Es beginnt mit einer Geschichte der Wissenschaft ab 1856, schildert weiterhin die bolschewistischen Revolution, die Herrschaft Lenins und sein Verhältnis zur Wissenschaft, bevor dann renommierte Forscher wie Alexander Romanowitsch Lurija, Nikolai Iwanowitsch Wawilow oder Nikolai Wladimirowitsch Timofejew-Ressowski und ihre Leistungen unter Stalin vorgestellt werden.

Der Psychologe Alexander Romanowitsch Lurija gilt als einer der Begründer der modernen Neuropsychologie. Zusammen mit Lew Wygotski und Alexej Leontjew war Lurija in den 1920er Jahren einer der Protagonisten der heute als kulturhistorische Schule bekannten Arbeitszusammenhänge in der sowjetischen Psychologie.

Auf dem 3. Allrussischen Kongress der Pflanzenzüchter im Juni 1920 in Saratow formulierte Nikolai Iwanowitsch Wawilow das „Gesetz der homologen Reihen“. Es ermöglichte aufgrund bekannter Zusammenhänge das Vorhandensein noch unbekannter Pflanzenformen vorauszusagen. Sein 1922 im Journal of Genetics veröffentlichter Beitrag The law of homologous series in variation gilt als ein Markstein in der Wissenschaftsgeschichte der Biologie. Wawilow wurde wegen erfundener Behauptungen ins Gefängnis in Saratow gesteckt und starb dort.

Nikolai Wladimirowitsch Timofejew-Ressowski war ein sowjetischer Genetiker, der von 1925 bis 1945 in Berlin lebte und forschte. 1935 veröffentlichte er zusammen mit dem Genetiker Max Delbrück und dem Physiker Karl Günther Zimmer ein Werk über Genmutationen, in dem sie als erste vorschlugen, Gene als komplexe Atomverbände aufzufassen, was die moderne Genetik begründete.

Das Buch zeigt eine Ambivalenz: Stalin rühmte sich für seine Wissenschaftler und den ökonomischen Fortschritt, er ließ aber auch gleichzeitig Wissenschaftler entlassen, verhaften, in Arbeitslager deportieren oder gar ermorden. Die hier vorgestellten Wissenschaftler und ihre Leistungen sind beeindruckend. Ings‘ Hommage an diese vergessenen Pioniere der Forschung geben einen guten Einblick in ihre Leistungen und schildern gleichzeitig das manchmal tödliche Innenleben des sowjetischen Machtapparates unter Stalin.

Michael Lausberg
Über Michael Lausberg 327 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.