Platon und Christus – die antiken Wurzeln des Neuen Testaments

Platon und Christus – die antiken Wurzeln des Neuen Testaments, mit Pixabay-Collage

Kein Geringerer als der griechische Philosoph Platon hat die Begriffe „Seelsorge“ und „Theologie“ in das abendländische Denken eingeführt – das ist heute nahezu unbekannt. Und die Gleichnisse, mit denen er Sokrates zitierte, sollen die Zuhörer zu besserem, gerechterem Denken führen. Von Aufbau und von der Systematik her sind die Gleichnisse Jesu von den Arbeitern im Weinberg, vom barmherzigen Samariter oder vom verlorenen Sohn nichts anderes als die Lehrbeispiele bei Platon. Wer sich diese Analogien bewußt macht, wird das Neue Testament kaum mehr zur Hand nehmen, ohne immer wieder Anklänge an die klassische griechische Philosophie wahrzunehmen. Ganz besonders gilt dies für zwei namhafte Autoren des Neuen Testaments – den Evangelisten Johannes und den Apostel Paulus.

Friedemann Richert, Pfarrer im Ruhestand, hat die Gemeinsamkeit in der Logik, die exakt diese drei Autoren auszeichnet, schon vor über einem Jahrzehnt erkannt und darüber eine vielbeachtete Studie veröffentlicht. Nun hat er sich diese Thematik abermals vorgenommen, und waren die bisherigen Ereignisse schon beachtenswert, so legt er nunmehr ein gereiftes, bestens durchdachtes und in seiner Logik rundum bestechendes Buch vor. Ja, sein Titel könnte sogar, leicht abgewandelt, heißen wie folgt: „Ein Versuch über klassisch-griechische Wurzeln des Neuen Testamens“ – als selbstverständlich bekannt sei vorausgesetzt, dass die Urschriften der Evangelien und der Apostelgeschichte in griechischer Sprache verfasst wurden. Was allerdings sehr zum Nachdenken anregt, ist die erstaunlich weitreichende Übereinstimmung ethischer und moralischer Werte in griechischer Philosophie und christlicher Lehre.

Streng logisch ordnet Richert sein inhaltsschweres Buch. Das fällt altsprachlich gebildeten Menschen sofort auf, denn aus der Lektüre griechischer Originaltexte – also der Grammatik, in der diese Texte strukturiert sind – ist die Logik nirgends wegzudenken. Und so untersucht Richert die Zentralbegriffe „Wahrheit“, „Gott“ und „Leben“ jeweils bezogen auf einen der drei genannten Autoren – neun Kapitel ergeben sich von selbst aus dieser Logik. Die Zahlensymbolik ist nicht zu übersehen – auch der Kapitelsaal in Zisterzienserklöstern ist in dreimal drei Jochen gestaltet, wobei dieses Beispiel aus der mittelalterlichen Baukunst für eine Vielzahl an Bezügen stehen mag, in denen die abendländische Kultur insgesamt verwoben ist. Und nachdem auch kein bedeutender Text ohne vielfache Bezüge auf seine materielle Umwelt auskommt, wie eine gute Hermeneutik wohl weiß, bleibt als Ergebnis dieses: Platon und Christus sind geistig deutlich stärker miteinander verbunden, als der oberflächliche Bibelleser vielleicht vermeint.

Richert bringt in seinem Buch in jedem einzelnen Kapitel Beleg auf Beleg: Johannes, der Evangelist, und ebenso der Apostel Paulus haben sich durch den geistigen Reichtums der Philosophie Platons leiten lassen, wobei natürlich der Geist, der mit dem Pfingstereignis in die Welt trat, hinzuzurechnen ist. Die theologischen Termini von der „einen Wahrheit“, von „Gott als Vater“, vom „Leben als Angleichung an Gott“ und vom Menschen als „ewig lebendem Kind Gottes“ finden sich aber bereits bei Platon, wie Richert darlegt, und Johannes sowie Paulus bedienen sich ihrer gleichermaßen und in bestem Sinne.

Die Textbezüge sind vielfach und Friedemann Richert deckt sie auf, indem er ordnet. Er geht diesen geistigen Verbindungslinien in drei Abschnitten nach, bei Platon beginnend, Johannes bedenkend und erklärend, zu Paulus führend. Formal geschieht dies, indem er die dreimal drei Kapiteln „Wahrheit“, „Gott“ und „Leben“ jeweils zusammenfasst, für Johannes und Paulus aber zusätzlich jeweils einen Abschnitt „Parallelen zu Platon“ anfügt. So kann er zeigen, dass Johannes und Paulus ihre Theologie zwar aus der vollen Offenbarung heraus betreiben, aber für deren Grundlagen aber durchaus auf Platon zurückgreifen. Zugespitzt ließe sich sagen: Man muß Platon kennen, will man Johannes und Paulus verstehen. In diesen gedanklichen Horizont will Richert den Leser einweisen. Entstanden ist ein Buch, das seinen Wert über Generationen hinweg behalten wird, weil die christliche Hermeneutik um eine echte Perspektive erweitert wird. Dem Lepanto-Verlag ist es einmal mehr gelungen, sich in der Wahl seiner Veröffentlichungen das Prädikat „von höchster geistiger und geistlicher Relevanz“ zu verdienen. Das schmälert die Leistung des Autors nicht, sondern hebt sie hervor. Wer sich dieses Buch ins Regal stellt, der wird es nicht bereuen.

Friedemann Richert: Platon und Christus – Ein Versuch über antike Wurzeln des Neuen Testaments, Reihe „Bedenken und Besinnen“ des Lepanto Verlags, Rückersdorf über Nürnberg 2026, 270 Seiten, Klappenbroschur | ISBN 978-3-942605-39-7, 22 Euro.

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Über Sebastian Sigler 127 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.