„So bunt und so schmerzhaft wie das Leben“: Harry Kupfers Deutung der „Lady Macbeth von Mzensk“ im Münchner Nationaltheater

Harry Kupfer, Foto: Prof. Dr. Hans Gärtner

„Unter jedem Dach ein Ach“, so sprachspielt der Volksmund. Ein „Ach“ leitet die Selbst-Vorstellung der schönen Katerina Lwowna Ismailowa in der Neuinszenierung von Dmitri Schostakowitschs zweiter Oper im Münchner Nationaltheater ein: „Ach, ich kann nicht schlafen …“. So klagt, im tomatenroten langen Satinkleid die hochdramatische Sopranistin Anja Kampe. Ihr Schlafzimmer hat Hans Schavernoch auf vier Säulen mitten in eine weite, hohe, wüste, schmutzige Werfthalle gestellt. Auf das Doppelbett, von Katerinas Gatten Sinowi (Sergey Skorokhodov) längst nicht mehr für sexuelle Freuden genutzt, wünscht sich die Unausgefüllte, Gedemütigte, Überflüssige einen potenten und leidenschaftlichen Mann. Um endlich schlafen, auch beischlafen zu können.

 

Dieser heiß Ersehnte zeigt sich in dem jungen Arbeiter Sergej (Misha Didyk). Ihm – oder ihrem Ego? – zuliebe bringt Katerina ihren knochenharten, tyrannischen Schwiegervater mit Rattengift im Pilzgericht, kurz darauf – gottlob noch vor der Pause – auch den ihr verhassten Ehemann mit Sergejs Hilfe ums Leben. Die im Keller verscharrte Leiche stinkt – wie die ganze fatale Tragödie (nach Nikolai S. Leskows Erzählung), die sich, oft unter Beteiligung wuselnder Volksmassen bis zum bitteren Ende mit dem Tod von Sergejs One-Night-Flamme und dem Selbstmord Katerinas – zum Himmel. Der hellt sich 3 spannungsgeladene Stunden lang nicht auf. Stets droht das Unwetter aus regenschwerem Gewölk, das über diese armseligen Menschen aus gerade noch russisch-vorrevolutionärer Zeit hereinbrechen soll.

 

Ein harter Brocken, diese Oper „Lady Macbeth von Mzensk“. In ihrem Zentrum eine Schwester der blutrünstigen Mörderin Shakespeares/Verdis. Die Lady aus dem kleinkarierten russischen Bezirksort Mzensk ist keine Adelige, sondern ein durch Heirat reich gewordenes Armeleute-Mädel. Die nicht zu überbietende Anja Kampe entwirft mit gleichermaßen kraftvoll wie lyrisch berückend intensiven Mitteln, stimmlichen wie darstellerischen, das Porträt einer starken, sich durchsetzenden Frau, für die es, als Opfer einer gnadenlosen Männerdomäne, keine andere Hoffnung als den Suizid gibt.

 

Schostakowitsch, der sich mit diesem 1932/34 entstandenen Werk die Sympathie Josef Stalins verscherzte, hat an der Bayerischen Staatsoper den Landsmann Kirill Petrenko hinter sich – einen musikalischen Genius, der die zwischen Wucht und Zartheit schillernden Farben der so brillanten wie vertrackten Partitur wie wohl kein zweiter seiner Zunft akustisch aufmischt. In Harry Kupfer (81) hatte Petrenko einen sowohl klugen als auch die Zwiespältigkeit von Text und Musik aufdeckenden Regisseur, der dem GMD von seinem ausgeklügelten Konzept auch das Satirische unterschob. Kupfer hielt sich strikt an des Komponisten Charakterisierung seiner Oper (man spielt in München die Erstfassung trotz all ihrer Vulgarismen) als „tragische Satire“. Man hörte (dank eines umfangreichen Bläser-Einsatzes bis in die Seitenlogen hinein) und bestaunte an so vielen Stellen die von Kupfer angesprochene „abwechslungsreiche Vielfalt“, die aber auch in sich – „und zwar ganz bewusst“ – widersprüchlich sei. Gerade das mache die Geschichte, die man aufgrund ihrer eiskalten Schonungslosigkeit nicht so ohne weiteres wegsteckt, an der man vielmehr lange zu beißen hat, „so bunt und so schmerzhaft wie das Leben“.

 

Den „sibirischen“ Neo-Verismus des gewiss nicht widerspruchslos hinzunehmenden Dmitri Schostakowitsch unterstützten in der aufwendigen Münchner Neuproduktion alle 22 beteiligten Solisten samt Staatsopern-Chor unter Sören Eckhoff. Positiv auffällig unter den Chargen: Anna Lapkovskaja als Sonjetka, Kevin Conners als „Der Schäbige“, Heike Grötzinger als Axinja, Goran Juric als Pope, vor allem aber Alexander Tsymbalyuk als Polizeichef, nicht wiederzuerkennen als Alter Zwangsarbeiter. Bass-Star Anatoli Kotscherga überzeugte darstellerisch voll, gesanglich wurde er seiner eigentlich dankbaren Partie nicht ganz gerecht.

 

Dem Premierenpublikum war die Münchner Opern-Neuproduktion willkommen. Sänger, Petrenkos Staatsorchester und das Leitungsteam, dem Yan Tax als Kostümbildner angehört, nahmen viel Zustimmung entgegen. Weitere Aufführungen – alle bereits ausverkauft – sind am 1., 4. (auch im Live-Stream auf www.staatsoper.de/tv), 8. und 11. Dezember. Das Foto des Autors zeigt hinter dessen von Harry Kupfer handsigniertem Premierenticket den Regisseur in einer Aufnahme für das Staatsopern-Magazin „Maxjoseph“ (S. 25).

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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