Johannes XXIII. verkörperte eine leise Revolution: nicht durch Macht, Programme oder Systeme, sondern durch Vertrauen, Menschlichkeit und geistige Weite. Inmitten des Kalten Krieges und einer Kirche, die vielerorts in defensiven Formen verharrte, setzte er auf Nähe statt Abgrenzung, auf Dialog statt Verdacht. Seine Güte war keine Sentimentalität, sondern eine reflektierte Haltung von theologischer Tiefe und pastoraler Klugheit. Ein Essay von Stefan Groß-Lobkowicz.
Wenn man heute von Johannes XXIII. spricht, spricht man nicht von einem Reformer im herkömmlichen Sinn. Nicht vom intellektuellen Kraftzentrum eines Johannes Paul II., nicht vom systematischen theologischen Profil eines Benedikt XVI. Johannes XXIII. war kein Systematiker und kein Visionär im technokratischen oder programmatischen Sinn – aber er war ein Mann, der durch seine Haltung eine kirchengeschichtliche Wende einleitete. Eine stille, humane, zutiefst katholische Revolution des Herzens.
In einer Zeit atomarer Bedrohung, ideologischer Blockbildung und innerkirchlicher Verunsicherung wagte Angelo Giuseppe Roncalli etwas Ungewöhnliches: Er setzte auf Güte. Nicht als taktisches Mittel, sondern als Grundform christlicher Autorität. Seine Freundlichkeit war nicht naiv, sondern getragen von einem tiefen Vertrauen in das Wirken Gottes in der Geschichte und in die moralische Ansprechbarkeit des Menschen.
Die Theologie der Nähe
Was Johannes XXIII. von vielen seiner Vorgänger unterscheidet, ist nicht allein die Entscheidung, das Zweite Vatikanische Konzil einzuberufen – so folgenreich dieser Schritt auch war –, sondern seine grundsätzliche Haltung zur Welt. Sein Denken steht in Nähe zu personalistischen Strömungen der katholischen Sozialphilosophie, wie sie etwa Jacques Maritain geprägt hatte, ohne sich je ausdrücklich an eine Schule zu binden. Entscheidend war für ihn nicht das System, sondern die Begegnung.
Der Mensch erscheint bei Johannes XXIII. nicht als abstrakter Träger moralischer Pflichten, sondern als konkretes Gegenüber. Jeder Mensch – auch der Andersdenkende, auch der Nichtchrist – besitzt für ihn eine unverlierbare Würde. Diese Überzeugung speist sich weniger aus theoretischer Spekulation als aus jahrzehntelanger pastoraler und diplomatischer Erfahrung: als Seelsorger, als Nuntius, als Beobachter politischer und kultureller Umbrüche.
„Pacem in Terris“ – Frieden als Ordnung der Freiheit
Sein bedeutendstes Rundschreiben, „Pacem in Terris“, markiert einen Höhepunkt katholischer Sozialverkündigung im 20. Jahrhundert. Erstmals richtet sich ein päpstliches Lehrschreiben ausdrücklich nicht nur an die „Söhne der Kirche“, sondern an alle Menschen guten Willens. Dieses Öffnungssignal ist kein rhetorischer Kunstgriff, sondern Ausdruck einer anthropologischen Überzeugung: dass Wahrheit, Gewissen und moralische Verantwortung nicht an konfessionelle Grenzen gebunden sind.
Johannes XXIII. entfaltet seine Friedensvision entlang von vier Grundpfeilern: Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Diese Begriffe sind naturrechtlich fundiert, aber bewusst in einer Sprache gehalten, die klassische Traditionen mit moderner politischer Wirklichkeit verbindet. „Pacem in Terris“ ist kein utopischer Entwurf, sondern ein Ethos des Möglichen: realistisch, maßvoll, und doch von großer geistiger Weite.
Der Mensch bleibt für Johannes XXIII. zur Ordnung fähig, zur Gemeinschaft berufen, zur Verantwortung gerufen – nicht aus eigener Vollkommenheit, sondern als Ebenbild Gottes. Diese anthropologische Zuversicht wirkt in einer Zeit verbreiteten Misstrauens beinahe subversiv.
Ein Papst der Öffnung
Johannes XXIII. war überzeugt, dass Gott nicht aus der Geschichte verschwunden ist. Geschichte ist für ihn nicht bloß das Resultat blinder Kräfte, sondern ein Raum, in dem sich Freiheit, Verantwortung und göttliche Führung verschränken. Diese Zuversicht macht ihn zu einem Papst der Öffnung zur Moderne – nicht, weil er sich ihr anpasste, sondern weil er ihr ohne Angst begegnete.
Sein Stil bleibt persönlich, pastoral, dialogisch. Er hinterlässt keine großen systematischen Traktate, keine geschlossenen Lehrgebäude. Was bleibt, ist ein geistiges Klima: ein Ton der Achtung, des Ernstnehmens des Anderen, der friedlichen Koexistenz von Wahrheit und Freiheit. Gerade diese Haltung spricht in einer Gegenwart, die von Polarisierung und moralischer Überhitzung geprägt ist, mit neuer Direktheit.
Das Erbe des „Papa buono“
Es ist verführerisch, Johannes XXIII. auf seinen Beinamen „der gute Papst“ zu reduzieren. Doch diese Güte war nichts Weiches, nichts Unentschiedenes. Sie war das Ergebnis theologischer Reflexion, geistlicher Übung und lebenslanger Erfahrung. Johannes glaubte an die heilende Kraft des Gesprächs, an die Würde jedes Menschen – und an einen Gott, der die Welt nicht verdammt, sondern verwandelt.
In einer Zeit wachsender Kirchenferne wirkt dieses Denken überraschend aktuell. Johannes XXIII. erinnert daran, dass Autorität nicht aus Härte entsteht, sondern aus Vertrauen. Dass Güte kein Gegensatz zur Wahrheit ist, sondern ihre menschlichste Gestalt. Und dass Reform nicht immer laut beginnt – manchmal genügt eine Haltung, die den Ton verändert.
