Ein stilles Leben aus Glauben, Würde und Güte – Rudolf Groß (22. November 1930 – 5. Januar 2026)

Rudolf Groß (1930–2026): katholischer Theologe, Quelle: Privat

Manche Leben hinterlassen keine lauten Spuren, sondern leise Gewissheiten. Sie wirken nicht durch große Worte oder öffentliche Gesten, sondern durch Nähe, Haltung und Treue im Alltag. Der folgende Text erinnert an einen Menschen, dessen Kraft in der Milde lag, dessen Glaube von Hoffnung getragen war und dessen Dasein bis zuletzt von der Bereitschaft geprägt blieb, sich dem Leben und den anderen zu schenken. Von seinem Sohn.

Es gibt Menschen, die keine lauten Selbstinszenierer sind, keine glänzenden Rhetoren, die die Wahrheit für sich beanspruchen, die das Leben nur im Triumpf ertragen und sich feiern können. Und es gibt Menschen, die umso mehr mit dem Herzen fühlen, Gelassenheit, Güte und Wärme ausstrahlen. Menschen, die Herzen erwärmen und den anderen als Gegenüber wahrnehmen und anerkennen. Zu diesen Menschen zählte Rudolf Groß. Und wenn Gott dem Menschen einst das Staunen geschenkt hat, so hat er Rudi den göttlichen Humor in die Wiege gelegt – einen milden, sanften Humor, der selbst in Momenten von Leid und Tragik in einem leisen Lächeln gegenwärtig blieb. In den letzten Jahren geschah dies im Wissen um die Nähe des Todes, der ihn mit rauen Händen umgriff, und doch war dieses Lächeln kein Verdrängen, sondern Ausdruck einer tiefen Annahme des Lebens.

Selbst bei größten Schmerzen haderte er nicht mit Gott. Er trug sein Leiden geduldig, verbunden mit dem Wunsch weiterzuleben – nicht für sich selbst, sondern für seine Familie. Leiden verstand er als Weg, als das Leben bis zum Ende zu gehen, in Würde, im Blick auf Jesus Christus und auf Papst Johannes Paul II.; dies war sein tief gegründetes christliches Credo. Er war getragen von einer stillen Frömmigkeit und von einer inneren Kraft der Lebensbejahung, selbst als die körperlichen Kräfte stetig abnahmen. In diesem Übergang, in dem Atem und Energie immer knapper wurden, besaß er noch die Größe, anderen Mut zu schenken und ihnen zu zeigen, dass Glück nicht dort zerbricht, wo der Körper leidet.

Schicksalsschläge kannte er viele: die Härten der Nachkriegszeit, Jahre der Entbehrung, Verluste, die das Leben schwer und ermüdend werden ließen. Eine Jugend in Unbeschwertheit hatte er nicht gekannt – inmitten von Bombennächten, Tod und Sterben in seiner Geburtsstadt Gleiwitz, aus der er mit 15 Jahren nach der russischen Besetzung fliehen musste. Und doch bewahrte er über jene Zeit hinaus eine Gewissheit, die er ausstrahlte: dass Gott Hoffnung schenkt und dass es Lebendigkeit und Schönheit gibt, die das Leben tragen. Diesen offenen Blick auf die Welt und die Schöpfung gab er nie auf – nicht nach dem Tod seiner Eltern, nicht nach dem Verlust seines Bruders, nicht im eigenen langsamen Verlöschen. Bis zuletzt blieb er dem Werden zugewandt.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens waren ein Kampf in aussichtsloser Lage, ein Schwimmen auf offener See ohne Rettungsring, und doch getragen von der Hoffnung, anderen sein Herz zu öffnen und ihnen ein Lächeln zu schenken. Sein Leben war von Einfachheit geprägt; er brauchte wenig, suchte keinen Besitz und lebte in stiller Bescheidenheit. Diese materielle Genügsamkeit verband sich mit der Würde des Dienstes am anderen, mit Großmut und Milde, fern von Rache oder übler Nachrede.

Ohne seine Frau Renate wäre vieles nicht möglich gewesen. In der Zeit zunehmender Schwäche war sie Halt, Nähe und Schutz. Der Gedanke des Sich-Trennens stand nie im Raum. Ihr gemeinsamer Weg bis zum letzten Atemzug war ein Band der Liebe, eine Seilschaft im Leben, in der Gewissheit, dass das Seil den Gipfel nicht mehr erreicht, sondern in seiner Brüchigkeit verbleibt und letztlich reißt. Diese Brüchigkeit galt es zu tragen – und die Kunst bestand darin, sie in Freude, in Lebensfreude zu verwandeln, den Augenblick als höchsten Moment des Lebens zu feiern, täglich neu, bevor er im Schmerz wieder verschwand und die Schatten der Nacht sich auf Brust und Lunge legten. Und dennoch war jeder Tag ein Neubeginn, ein neues Zittern, ein kleines Geschenk in der Stille der zunehmenden Nächte.

Rudolf Groß (1930–2026): katholischer Theologe, Quelle: Privat

Seine Bedürftigkeit und seine Zerbrechlichkeit hat er getragen, die Zeit des Verblühens in eine gnadenvolle Zeit verwandelt, fast übermenschlich seine Kräfte gebündelt und Zeit in Ewigkeit verwandelt – denn alle Zeit will Ewigkeit. Von guten Mächten war er über Jahre begleitet, die ihn bis in sein hohes Lebensalter trugen. Leben wollte er immer, selbst in den letzten Stunden, selbst im Leiden. Dieses Leiden war erschütternd anzusehen, traurig, und dennoch schenkte er mit seinem Dasein Kraft; er versprühte nicht die Angst des Verzweifelten, sondern jeder Atemzug, jedes Lächeln, jeder Blick und jedes Dankeschön gaben Kraft.

„Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.“ Rainer Maria Rilke hat damit jenen Moment beschrieben, in dem das Leben jäh vom Tod berührt wird. Gegen dieses große Sterben hat sich Rudi lange gewehrt, mit der stillen Entschlossenheit eines Menschen, der sich nicht entmutigen lässt. Zugleich wusste er um die Ungewissheit, von der Sokrates spricht: dass niemand weiß, ob der Tod für den Menschen nicht das größte Glück ist. Diese Offenheit war für ihn kein Schrecken, sondern ein leiser Trost.

Kraft schöpfte er aus seinem Marienglauben, aus der Verehrung jenes göttlich Weiblichen, das für ihn Geburt, Schutz und Zuwendung bedeutete. Dieser Glaube öffnete ihm eine existenzielle Sicht auf die Welt und auf jene Fragen des menschlichen Daseins, auf die es keine endgültigen Antworten gibt, wohl aber Vertrauen.

Nun ist das Lächeln erloschen. Rudolf Groß ist hinübergegangen in jene Welt, an die er immer geglaubt hat, die sein Rettungsanker war, seine Wurzel, die er bei all seinen Schmerzen nie aufgegeben hat. Der katholische Sender K-TV holte ihn in den letzten Jahren immer wieder in seine ehemalige priesterliche Wirklichkeit zurück und wurde ihm zum Gnadengeschenk und Hoffnungszeichen eines Menschen, der im Gebrechen sein Kreuz trägt. Trotz seiner Angst vor dem Tod wusste er, dass dieses Kreuz nicht sein Ende ist, sondern ein neuer Anfang, in einer Welt, in deren Glanz und Herrlichkeit er nun verweilt. Es waren Gott und der Mensch, denen er sein ganzes Leben lang ergeben gedient hat – nicht als intellektueller, hochgelehrter Theologe, sondern als stiller Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, praxisnah, begleitend, pastoral, für den es die größte Freude war, andere glücklich zu machen. Sich selbst zu verschenken – das war das Herzensanliegen von Rudolf Groß, das ohne die Hilfe seiner Frau nicht so lange hätte leuchten können, im Sonnenglanz von Heiterkeit, Frohsinn, Offenheit und Toleranz.

Am 5. Januar 2026, im Alter von 95 Jahren, haben sich seine wachen Augen geschlossen. Doch Erinnerung bleibt. Und so bewahrheitet sich, was Theodor Fontane geschrieben hat: „Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken.“ Dieses Lächeln bleibt – als Spur eines stillen, großen Lebens. Und vielleicht gilt am Ende auch jenes Wort von Johann Wolfgang Goethe: „Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren.“

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2284 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".