Die neue PISA-Studie fällt für Deutschland noch schlechter aus als die bereits ernüchternde Erhebung von 2022. Jeder dritte 15-Jährige verfehlt beim Lesen und in Mathematik das grundlegende Kompetenzniveau. Nach 25 Jahren Reformdebatte ist der Befund nicht mehr als vorübergehender Ausrutscher zu erklären.
Deutschland hat ein Bildungsproblem, das sich nicht mehr mit dem Hinweis auf einzelne Krisenjahre abräumen lässt. Die am 8. September 2026 veröffentlichte PISA-Studie 2025 der OECD weist für deutsche 15-Jährige in allen drei klassischen Testfeldern die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebungen aus. In Naturwissenschaften erreicht Deutschland 486 Punkte, beim Lesen 465 und in Mathematik 464 Punkte. Die Kultusministerkonferenz bestätigt, dass alle drei Werte unter dem deutschen Niveau der ersten PISA-Runde vor 25 Jahren liegen. Deutschland bewegt sich damit nur noch um den OECD-Durchschnitt.
Die Zahlen sind deshalb so brisant, weil der Absturz nicht plötzlich kam. Schon PISA 2022 hatte historische Tiefstände gebracht. Damals lagen die Werte bei 492 Punkten in den Naturwissenschaften, 480 beim Lesen und 475 in Mathematik. Die neue Runde setzt den Abwärtstrend fort. Der Leiter der deutschen PISA-Studie, Samuel Greiff, spricht in der ZEIT von einem dramatischen Lernverlust und verweist darauf, dass die Leistungen seit 2015 kontinuierlich sinken. Die Hoffnung, nach der Pandemie wenigstens eine Stabilisierung zu sehen, hat sich nicht erfüllt.
Ein Drittel scheitert schon an den Grundlagen
Besonders schwer wiegt der wachsende Anteil jener Jugendlichen, die das von PISA definierte grundlegende Kompetenzniveau nicht erreichen. Laut Tagesschau betrifft das beim Lesen und in Mathematik inzwischen ungefähr jeden dritten 15-Jährigen, in den Naturwissenschaften etwa jeden vierten. Gemeint sind keine Spezialkenntnisse und keine Abituraufgaben. PISA prüft, ob Jugendliche Informationen aus Texten verstehen, Preise vergleichen, Grafiken deuten oder Wissen auf alltagsnahe Probleme anwenden können.
Damit geht es um Fähigkeiten, die Voraussetzung für Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe sind. Wer einen längeren Text nicht sicher erfasst, scheitert nicht nur im Deutschunterricht. Er hat auch Schwierigkeiten mit einer mathematischen Textaufgabe, einer Bedienungsanleitung, einem Vertrag oder einer sachlichen Information im Netz. Der neue Tiefstand beim Lesen ist deshalb mehr als eine Schulstatistik. Er berührt die Fähigkeit, sich in einer komplexen Gesellschaft selbständig zu orientieren.
Der internationale Vergleich erlaubt dabei keine bequeme Entschuldigung. Zwar sind die Leistungen in vielen OECD-Staaten zurückgegangen, besonders beim Lesen. Deutschland steht also nicht allein. Aber die KMK hält zugleich fest, dass die Kompetenzwerte hierzulande in sämtlichen Bereichen auf den niedrigsten Stand der gesamten deutschen PISA-Geschichte gefallen sind. Dass andere Länder ebenfalls Probleme haben, macht das deutsche Ergebnis nicht besser.
Soziale Herkunft bleibt ein Bildungsfaktor
Noch unangenehmer ist ein zweiter Befund. Der Bildungserfolg hängt in Deutschland weiterhin stark von der sozialen Herkunft ab. Nach Angaben der Kultusministerkonferenz sind die Kompetenzunterschiede zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Jugendlichen inzwischen so groß wie zu keinem früheren Zeitpunkt seit Beginn der PISA-Erhebungen. Schon die OECD-Auswertung von 2022 hatte für Mathematik einen Abstand von 111 Punkten zwischen dem oberen und unteren Viertel der sozialen Herkunftsgruppen ausgewiesen; der OECD-Durchschnitt lag damals bei 93 Punkten.
Auch beim Thema Migration lohnt sich Genauigkeit statt Schlagwortpolitik. In der aktuellen Berichterstattung des WDR und der Tagesschau werden beim Lesen 438 Punkte für Jugendliche mit Migrationsgeschichte und 521 Punkte für Jugendliche ohne Migrationsgeschichte genannt. Solche Abstände sind erheblich. Sie beweisen aber nicht, dass Migration für sich genommen die Ursache ist. PISA-Forscher Greiff verweist in der ZEIT ausdrücklich darauf, dass hohe Zuwanderung international nicht automatisch zu schwachen Ergebnissen führt. Entscheidend sind unter anderem Sprachstand, soziale Lage, frühe Förderung und die Fähigkeit des Schulsystems, Unterschiede aufzufangen.
Genau an diesem Punkt ist die Kritik am deutschen System berechtigt. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hatte bereits 2025 gegenüber der Tagesschau verbindliche Sprachtests, frühe Diagnostik und besser ausgestattete Kitas mit einem klaren Bildungsauftrag verlangt. Wenn Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse eingeschult werden, beginnt die Schule mit einem Rückstand, den sie später nur mit großem Aufwand ausgleichen kann. Wer über PISA redet, kommt deshalb an der Vorschule, an Kitas und an konsequenter Sprachförderung nicht vorbei.
Programme gibt es genug – es fehlt an Konsequenz
An Reformideen mangelt es nicht. Bund und Länder haben das Startchancen-Programm aufgelegt, das rund 4.000 Schulen in schwieriger Lage über zehn Jahre mit insgesamt 20 Milliarden Euro unterstützen soll. In einzelnen Ländern wurden verbindliche Lesezeiten, Sprachstandserhebungen oder zusätzliche Deutsch- und Mathematikstunden beschlossen. Die Tagesschau zitiert Greiff mit dem Hinweis, dass das Problem vor allem darin liege, erfolgreiche Ansätze dauerhaft und flächendeckend in den Schulalltag zu bringen.
Diese Diagnose ist für die Bildungspolitik unangenehmer als die Forderung nach dem nächsten Fördertopf. Im ZEIT-Interview kritisiert Greiff den fehlenden langen Atem und verweist auf Hunderte Projekte und Einzelmaßnahmen im deutschen Bildungswesen. Viele davon seien sinnvoll, ergäben aber noch keine kohärente Gesamtstrategie. Nach einem Vierteljahrhundert PISA kann die Antwort deshalb nicht in immer neuen Modellversuchen bestehen, die nach einigen Jahren wieder verschwinden.
Hinzu kommt eine neue Baustelle. PISA 2025 untersucht erstmals ausführlicher das Lernen in der digitalen Welt. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung schnitten 20 von 38 OECD-Staaten beim modellbasierten Problemlösen signifikant besser ab als Deutschland. Ein Viertel der deutschen 15-Jährigen hat Schwierigkeiten, digitale Werkzeuge selbständig zum Lernen und Problemlösen einzusetzen. Gleichzeitig nutzen Jugendliche in Deutschland KI für schulische Aufgaben vergleichsweise häufig. Digitalisierung ersetzt also keine Basiskompetenz. Wer nicht sicher lesen, prüfen und einordnen kann, wird durch ein digitales Werkzeug nicht automatisch kompetenter.
Die Süddeutsche Zeitung fasst den neuen Befund mit einem einfachen Satz zusammen: In keinem der drei Kernbereiche gibt es für Deutschland eine positive Entwicklung. Das sollte genügen, um die Debatte von den üblichen Reflexen zu befreien. Weder ein pauschaler Verweis auf Corona noch ein pauschaler Verweis auf Migration erklärt, warum sich die Leistungen über Jahre verschlechtern und soziale Unterschiede so hartnäckig bleiben.
PISA 2025 ist deshalb kein weiterer Anlass für den bekannten kurzen Bildungsschock, nach dem einige Programme angekündigt und Zuständigkeiten verteilt werden. Die Zahlen legen einen grundsätzlicheren Schluss nahe: Deutschland weiß seit Jahren ziemlich genau, wo die Schwächen liegen. Früh fördern, Sprache beherrschen, Lesen und Rechnen sichern, belastete Schulen stärker ausstatten, Unterricht systematisch verbessern und wirksame Maßnahmen nicht nach einer Legislaturperiode wieder austauschen. Das Versäumnis liegt weniger im fehlenden Wissen als in der mangelnden Konsequenz.
Nach 25 Jahren PISA ist die eigentliche Zumutung nicht der nächste schlechte Tabellenplatz, sondern die Tatsache, dass viele der bekannten Probleme seit Jahren beschrieben werden und trotzdem fortbestehen. Ein Bildungssystem kann sich auf Dauer nicht damit zufriedengeben, den eigenen Abstieg immer präziser zu vermessen.
