Traktat über Ernst Jüngers Werk „In Stahlgewittern“

Stahlkonstruktion: Foto, Stefan Groß

Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in der Literatur der Weimarer Republik

Der Kriegsroman fungierte nun am Ende der Weimarer Republik kurzfristig als ein entscheidendes Medium für die Darlegung weltanschaulicher, ideologischer und politischer Orientierungen.[1] Als Ausgangspunkt und entscheidender Durchbruch ist dabei die Veröffentlichung von Erich Maria Remarques Werk „Im Westen nichts Neues“ (1929) anzusehen.[2] Von Anfang an löste es, durch die propagierte Resignation und Sinnentleerung als Folge des Kriegerlebnisses der „verlorenen Generation“, eine enorm starke Diskussion in allen gesellschaftlichen Schichten und Kreisen der Weimarer Republik aus.[3] Eine Vielzahl von neuen Kriegsromanen entstand als Reaktion, wie die Werke von Verfechtern der „Konservativen Revolution“ bzw. des „Soldatischen Nationalismus“[4], die in dem Roman eine Provokation sahen, da sie das Kriegserlebnis zur sinnvollen Stiftung, und damit als Basis und Grundvoraussetzung, eines neuen (national-sozialistischen) Staates verwendeten: den Tod von Millionen, das Ausharren der Überlebenden, die aus ihrer Sicht darauf fußenden Werte wie Kameradschaft, Brüderlichkeit und Gemeinschaft.[5]

Bei den sozialistischen bzw. marxistischen „Linken“ wurde Remarques Werk ebenfalls negativ bewertet, wenn auch nicht in der Schärfe und Polemik wie bei den „Rechten“. Er erntete Kritik von linker Seite, weil sein Konzept der Resignation, Sinnentleerung und des davon abgeleiten Pazifismus der linken Ideologie nach ins Leere lief. Die wahren Ursachen des Krieges, der Besitz des Bürgertums an den Produktionsmitteln in der kapitalistischen Produktionsweise wurden hierbei nicht berührt und kritisiert.[6] Als einer der ersten, aber vor allem als der marxistisch-proletarisch Kriegsroman schlechthin, ist in diesem Zusammenhang Adam Scharrers „Vaterlandslose Gesellen“(1930) zu sehen.[7]

Dort wird aus der Perspektive des Protagonisten Hans Betzholdt, als Repräsentant der „Fraktion Liebknecht“/“Gruppe Internationale“ bzw. der „Spartakusgruppe“, der Krieg bei Scharrers stark autobiographischem Roman als „nichts weiter als die Fortsetzung der kapitalistischen Politik mit anderen Mitteln“[8] gesehen. Von Anfang an gehört er zu denen, „die gegen den Krieg demonstrieren“.[9] Der Krieg wird als endgültiger Schlussakt des sich anbahnenden Untergangs des Bürgertums gedeutet. Der Militarismus wird verhöhnt, wie in den Schilderungen der Ausbildung, in der die „Menschen zu solchen Idioten“ gemacht werden, damit ihnen „später das Verbrechen ihres Tuns nicht zum Bewusstsein kommt“ [10] Das heroische Kampferlebnisse wie bei Jünger existiert nicht, auch herrscht die grundlegend akzeptierte Pflichterfüllung der Akteure Remarques nicht vor: „Keiner will vorgehen, keiner will der erste sein, keiner als Deckung für den anderen dienen“.[11] Ebenso wird die in beiden Romanen propagierte Frontkameradschaft – auch zwischen den Klassen – aus der proletarischen Sicht nicht geteilt, sie ist „die größte Lüge, die je erfunden wurde“.[12] Ein Soldat bringt Betzholt Ansichten auf den Punkt: „Der Krieg ist eine ekelhafte Sauerei“.[13] Einen größeren Raum im Roman nehmen jedoch dagegen die intensiven Schilderungen der Entbehrungen der Heimatfront, des „Antlitzes des Krieges in Zivil“, mit Hunger und Schwerstarbeit ein, welche endgültig „die Geister des Umsturzes“ alarmieren.

Im Gegensatz zu Jünger, bei dem keine wirkliche Desillusionierung eintritt, und auch zu Remarque, bei dem sie zu passiver Resignation führt, nimmt Scharrers Protagonist im Verlauf des Romans immer mehr aktiv politisch Stellung. Nach nur anfängliche Opposition erfolgt bei Betzholt sein politisches Erwachen, gleichgesetzt mit dem der radikaleren revolutionären Arbeiterklasse, deren Kräfte allmählich unterirdisch zusammenwachsen, um „die trügerische Oberfläche“[14] (der bestehenden Verhältnisse zu sprengen, bis der Roman mit den Worten endet: „Auf den Schloß weht die rote Fahne“.[15]

 

Ernst Jünger: „In Stahlgewittern“

Ernst Jüngers Herkunft aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie eröffnete ihm die Chance einer sehr guten Schulbildung. Häufige Schulwechsel, Ablehnung des pädagogisch vermittelten Wissens und eine tiefe Abneigung gegen die Schule generell, führen zu mäßigen bis schlechten Zeugnissen. Jünger erscheint eher als Einzelgänger und flüchtet in Tagträumereien, Literatur (Karl May, Defoe, Cervantes) und Naturstudien (erste Käfersammlungen 1908). 1911 wird er gemeinsam mit seinem Bruder F.G. Jünger Mitglied im „Wandervogel“.[16]

Die irrationalistischen Strömungen der Jahrhundertwende prägen die Gedankenwelt großer Teile der bürgerlichen Jugend. Die deutsche Jugendbewegung mit ihren Abenteuerfahrten und ihrem Gemeinschaftserlebnis verspricht, was die bürgerliche Erwachsenenwelt nicht bieten kann. Diese Spannungen innerhalb des Bürgertums, zwischen positivistischen Realitätsglauben und irrationalistischer Sehnsucht, zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft, verdeutlichen sich bei Jünger in besonderem Maße und entladen sich im Weltkrieg. Ein Indiz dafür findet sich bei Jünger gleich auf der ersten Seite von „In Stahlgewittern“, wo es heißt: „Wir (…) waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten Körper, Träger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre. Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben“.[17] Ohne den Ersten Weltkrieg auf die Austragung eines geistigen Generationskonflikts reduzieren zu wollen, bildet dieser doch einen Grundstein für die Kriegsbegeisterung der `Generation von 1914´.[18]

Die Atmosphäre des norddeutschen Bürgerhauses um die Jahrhundertwende´ wird Jünger zunehmend unerträglich. Sein jugendbewegtes Aufbegehren gegen Elternhaus und insbesondere Schule mündet in die offene Flucht. Jüngers Verpflichtung bei der französischen Fremdenlegion im Herbst 1913 wird vom Vater annulliert.

Ernst Jünger meldete sich am 1. Oktober 1914 als Kriegsfreiwilliger. Wie Tausende anderer auch führte er „ein schmales Büchlein“ mit, um die „Dinge“, die er mit „höchster Neugier“ erwartete und „unwiederbringlich“ waren, aufzuschreiben und festzuhalten.[19] Am Ende sollten diese Notizen und Aufzeichnungen, welche den Zeitraum vom Dezember 1914 bis September 1918 umfassten, auf 14 Hefte anwachsen und ihm als Basis von „In Stahlgewittern“ dienen. Die 20 chronologisch aufgebauten Kapitel, die zum größten Teil in einem dokumentatorischen und teilweise stakkatohaften Stil verfasst wurden und nur in kurzen Passagen epische Poetisierungen enthalten, folgen in ihrer inneren Struktur der Kreisbewegung des Kriegsalltags: Einsatz an der vordersten Linie, nach einigen Tagen Zurückversetzung in die Reserve, erneute Vorverlegung und wieder Einsatz im Gefecht oder in vorderster Linie, mit Unterbrechungen wie Ausbildungslehrgängen, Lazarettaufenthalten und kleineren abenteuerlich-komischen Anekdoten.[20]

Die Erzählperspektive ist durch einen „radikalen Subjektivismus“ gekennzeichnet, in der die individuellen Stationen des Kriegserlebnisses an der Westfront als die alleinigen Ausgangs- und Bezugspunkte für das Dargestellte dienen. Politische Deutungen und Reflektionen, wie z. B. über die Ursachen des Kriegsausbruches oder Kriegsziele und ihre Chance der Realisierbarkeit, oder Aussagen über die Heimatfront fehlen fast vollständig, ebenso wie Einschätzungen militärischer Strategien übergeordneter Wertigkeit.[21] Im Zentrum steht allein das isolierte Individuum in Person Jüngers, welches die objektive Wirklichkeit des Krieges als gegeben und unangreifbar annimmt. In einem Prozess der Auseinandersetzung mit den An- und Herausforderungen dieser anormischen Realität versucht es, ihnen gerecht zu werden und wächst an ihnen, um schließlich durch sie zu einer fast übermenschlichen Hybris zu gelangen. Am Ende steht der glanzvolle militärische Aufstieg eines mehrfach verwundeten Kriegsfreiwilligen zum Leutnant, Kompanieführer, bis hin zum Träger des höchsten Kriegsordens, des „Pour le Mérite“, als exemplarische Herausbildung eines Führertums.[22] Versucht man auf biographischer Ebene die individuelle Motivation für die freiwillige Verpflichtung Jüngers zu skizzieren kommt man vor allem auf die Stichworte: „Abenteuer“ und „Heroismus“. Getragen von einer auf Schul- und Elternhauskonflikten fußenden Jugend versuchte Jünger der Enge der als überkommen angesehenen bürgerlichen Gesellschaft und Normenwelt zu entfliehen – mit dem Ziel eines autonomen, abenteuerlichen und heroischen Lebensweges. Nachdem sein erstes Intermezzo bei der Fremdenlegion in einem Desaster endete, welches er nur dank der väterlichen Intervention überstand, ermöglichte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine neue Bewährungsprobe.[23] So schreibt Jünger im ersten Kapitel von „In Stahlgewittern“: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. (…). Der Krieg musste es ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat (…). „Kein schönrer Tod ist auf der Welt …“ Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!“[24]

Diese romantisch-idealistische Vorstellung wird jedoch schon im ersten Kriegstag teilweise desillusioniert, nachdem nach einem plötzlichen Granatenangriff mehrere Menschen getötet werden. Der Krieg hat „seine Krallen gezeigt und die gemütliche Maske abgeworfen“.[25] Diese unpersönliche Anonymität des modernen Krieges und die prinzipielle Zufälligkeit macht dieses „völlig außerhalb der Erfahrung liegendes Ereignis“ zu einer „gespenstischen Erscheinung“. Auch ist der eintönige Alltag des einfachen Soldaten kein „fröhliches Schützenfest auf blumigen, blutbetauten Wiesen“, sondern ein „Maulwurfleben“ in den Gräben voller „endlosen, ermüdenden Nachtwachen“[26] , Schmutz, Kälte, Nässe, Graben- und Schanzenarbeit und die zermürbende „Langeweile, die für den Soldaten entnervender als die Nähe des Todes ist“[27] und die Sinne einschlafen lässt. Diese anfängliche Desillusionierung führt jedoch nicht zu einer Revidierung seines Heroismuskonzepts, der Realisierungswunsch des Traums eines heldenhaften Lebens in der Ausnahmensituation des Krieges bleibt, nur die romantischen Versatzstücke werden partiell ad acta gelegt, und an diese Stelle tritt eine realistischere und objektivere Einschätzung des Krieges.[28] Dies findet auch ihren Ausschlag in einer deskriptiven Genauigkeit, sei es bei den Beschreibungen des Stellungskampfes, der Materialschlachten, der Darstellung der prinzipiellen Zufälligkeit des Überlebens, der Verletzungen und des Todes. Um Letzteres zu illustrieren möchte ich auf eine kleinere Stelle, die leicht zu überlesen ist, hinweisen: „Ein junger Mensch wälzte sich in einem Trichter, die gelbliche Vorfarbe des Todes auf den Zügen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm; mit einer gleichgültigen Bewegung zog er sich den Mantel über den Kopf und wurde still“.[29]

Für Remarque war Jüngers „wohltuende Sachlichkeit“[30] Vorbild für die Kriegsdarstellungen in „Im Westen nichts Neues“ und sogar marxistisch orientierte Schriftsteller wie Johannes R. Becher lobten das Werk als das „unbarmherzigste, das brutalste und nackteste Kriegsbuch“.[31] Dennoch ist das Werk voller Passagen, in welchen Jüngers romantisch-pathetischen Sichtweise weiterhin verstärkt vorherrschen, so z. B. in dem Kapitel „Gegen Inder“, in welchen in einer durch Kämpfen zerstörten Landschaft der Krieg dieser „heroische und schwermütige Lichter aufgesetzt“ hat, „ohne seine Lieblichkeit zu zerstören“.[32]

Obwohl Remarque in seinem Werk, dem Roman Im Westen nichts Neues, teilweise eigene Kriegserlebnisse verarbeitete, ist die in der Ich-Form erzählende fiktive Hauptfigur Paul Bäumer nicht als „Alter Ego“ Remarques zu betrachten.[33] Anders als Bäumer, der im Roman als Kriegsfreiwilliger in das deutsche Heer eintritt, meldete sich Remarque nicht freiwillig zum Kriegsdienst. Ein weiterer Unterschied zum Protagonisten des Romans besteht darin, dass Remarque den Ersten Weltkrieg überlebte. Obwohl es ihm im Gegensatz zu Bäumers Prognose gelang, nach dem Krieg im zivilen Leben wieder Fuß zu fassen und eine erfolgreiche Schriftstellerlaufbahn einzuschlagen, war auch Remarque ein Angehöriger der „verlorenen Generation“.[34]

Des Weiteren verschiebt sich zum Teil seine subjektivistische Orientierung und wird um das übergeordnete Motiv der „Heimat“ erweitert, als ihm in einem Genesungsurlaub beim Anblick einer Landschaft „ein starkes Heimatgefühl“ überkommt und resümiert: „Wie schön war doch das Land, wohl wert, dafür zu bluten und zu sterben“.[35] Auch scheint die als zu eng empfundene Wertewelt des Bürgertums weiterhin eine wichtige Rolle zu spielen. So dient die Frontgemeinschaft bzw. Kameradschaft zur Kompensation des Kriegsalltags. Das „Gefühl behaglicher Geborgenheit“ in Stellung mit Karten spielen, Rauchen, Essen, und Zechgelagen, „diese gemütlichen Stunden“ wiegen in Jüngers „Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf “.[36] Mithin reicht dies auch in chauvinistische Dimensionen, wenn z. B. „nach glücklich bestandener Schlacht“ den Toten „Trankopfer“  zum Gedenken gebracht, und „scherzend die gemeinsamen Erlebnisse“  besprochen werden.[37]

Als schließlich der „ersehnte Befehl“  endlich in den Kampf zu ziehen, um die „Feuertaufe“  bestehen zu können, erfolgt, wird dies folgendermaßen eingeleitet: „Ein Hurra flammte auf. Draufgängerstimmung erwachte“.[38] Nachdem ein erfahrener Soldat ihm bestätigt in ein „wirkliches Gefecht“ beizuwohnen, empfindet er eine kindische „närrische Freude“. Dieser erste Kampfeinsatz ermöglicht jedoch nicht die erhoffte Umsetzung von Heldenhaftigkeit, da er „keinen Gegner zu Gesicht bekommen“ hat. Dem Zweikampf als höchste Form bzw. als „Gipfelpunkt des Kampfes“  sieht er im „Erscheinen der Sturmwellen auf freien Felde“ oder im Stoßtruppenunternehmen.[39] Einerseits wird in dieser Situation des Angriffs der Zweikampf durch eine rationale und pragmatische Haltung der Anerkennung der grundlegendsten Realität des Kampfes, des Töten, jedoch unter dem Blickwinkel eines heroisch-tugendhaften Kampfethos, anerkannt, und gegen die Realitäten des modernen Krieges verteidigt. So schreibt er im Kapitel „Vom täglichen Stellungskampf“: „Ich war im Kriege immer bestrebt, den Gegner ohne Haß zu betrachten und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu schätzen. Ich bemühe mich, ihn im Kampf aufzusuchen, um ihn zu töten und erwarte auch von ihm nichts anderes. Niemals habe ich niedrig von ihm gedacht.“[40]

Andererseits charakterisiert er die Psyche des (Zwei)Kampfes mit unheldenhaften Worten aus dem Jägerjargon: „Man zittert unter zwei gewaltigen Gefühlen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst des Wildes“[41]. Einhergehend damit ist die Suche von ekstatischen Gefühlsirrungen, die nur in der Extremsituation des Kampfes, dieser „mit Leidenschaft erlebte(n) Wirklichkeit“[42] zu finden sind. Am Ende der Auseinandersetzung des Krieges, als persönliches Kampferlebnis, in der „Großen Schlacht“ der Märzoffensive wird auch diese Deutung hinfällig, und der Prozess der „Übermenschwerdung“ hat die Qualität eines todestrieb- und instinktgesteuerten „Bersekergang(s)  erreicht, in welchem der „übermächtige Wunsch zu töten“[43] waltet.

Das Kriegserlebnis nahm in Jüngers Frühwerk den zentralen Stellenwert ein, ob in essayistischer Form in „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (1922), in dem Romanfragment der „Sturm“ (1923) oder in den Kriegsbüchern „Das Wäldchen 125“ (1924) und „Feuer und Blut“ (1925). Einher ging mit diesen vielfältigen Auseinandersetzungen eine andauernde Revidierung der Sinnzuschreibungen bzw. Sinnkonzeptionen, welche ihren Ausdruck auch in einer Bearbeitungsmanie von „In Stahlgewittern“ fand, welches insgesamt in 6 teilweise sehr unterschiedlichen Fassungen veröffentlicht wurde,[44] die jeweils den veränderten autobiographischen Problemsituationen angepasst wurden.[45] Im Vorwort zur ersten Auflage legte Jünger explizit seine ursprüngliche Veröffentlichungsintention dar: „Möge dieses Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben von dem, was ihr geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, die herrlichste Armee, die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf der je gefochten wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der moralischen Verkümmerung und des Renegatentums ist die stolzeste Pflicht eines jeden, der (…), sondern auch mit lebendigen Herzen für Deutschlands Größe kämpfte.“[46]

Konzipiert als ein apologetisches Werk in Frontstellung gegenüber des allgemeinen Zeitgeists der Ernüchterung und Resignation nach der militärischen Niederlage,[47] sollten in erster Linie die Leistungen der deutschen Armee bzw. der Frontsoldaten, und insbesondere die beispielhafte Leistung eines Kriegsleutnants, durch subjektiv und ideologisch einseitige Beschreibungen von Kriegserlebnissen anerkannt und geehrt werden. Jedoch wird dabei der objektive Kriegsverlauf wie bereits erwähnt weitgehend ausgeblendet und der subjektive Kriegsverlauf klafft ihm gegenüber in grotesker Weise auseinander. So werden z. B. eine Kriegsmüdigkeit oder das seit dem Scheitern der Märzoffensive 1918 verstärkt auftretende Desertieren in Jüngers Perspektive nicht angedeutet, in jeder Phase des Krieges finden sich z. B. kriegsbegeisterte Freiwillige für Stoßtrupp oder Erkundungsunternehmen.[48]

An der unter militärischen Gesichtspunkten wenig erfolgversprechenden Frühjahrsoffensive von 1918 bestand nie Zweifel, dass „der große Plan gelingen würde“, ja sie wird als national-mystischer „Endkampf“ [49] überhöht, in der das „Schicksal von Völkern zum Austrag gebracht“  wird und in der es um „die Zukunft der Welt“  geht. Das Buch schließt mit dem Glückwünschtelegramm zur Verleihung des Ordens „Pour le merite“ von 22. 9. 1918, sieben Tage bevor die Oberste Heeresleitung den sofortigen Waffelstillstand ersucht. Zweifel an der Daseinsberechtigung des Krieges kommen dagegen nur einmal auf, als der „Sinn, mit dem man ausgezogen war, sich verzehrt hatte und nicht mehr zureichte“ und der Krieg „seine tiefen Rätsel“ aufwarfen. Jedoch wird diese „seltsame Zeit“, als ein Moment der Schwäche abgetan, welche automatisch durch die „ungeahnte Dauer des gesteigerten Lebens am Abgrund“[50] kurzzeitig auch bei heldenhaftesten Soldaten auftritt. Mit Hinzunahme einer autobiographisch orientierten Interpretation, welche vor allem Jüngers Konzept eines heroischen Lebensplans auf Basis der Integration des Kriegserlebnisses zentriert, ergibt sich infolgedessen die Struktur eines doppelten Rechenschaftsberichts. Dabei geht es ihm in der hier vorliegenden ersten Fassung, ganz im Gegensatz zu den späteren, nicht direkt um eine zukunftsorientierte politisch intendierte Rechtfertigung, ob für das Kaiserreich, Reichswehr oder im Dienste der Konservativen Revolution.[51]

Nur mit Bezugnahme von nachfolgenden Fakten, sei es das biographischen Wissen, dass Jünger z. B. eine Zeitlang als eine Art Stahlhelm Ideologe[52] fungierte und als Vertreter des „Soldatischen Nationalismus“[53] anzusehen war, und unter Verwendung anderer Schriften des Frühwerks und Fassungen von „In Stahlgewittern“ kann man seine früheste Auseinandersetzung mit dem Kriegserlebnis als Ausgangspunkt und Grundlegung seiner späteren ideologischen Konzepte ansehen. Verwendet man dies Wissen nicht und interpretiert das Werk allein aus sich selbst heraus, ist es als Produkt eines 25 Jähriger hochdekorierter Frontsoldaten anzusehen, der in einer Situation der „völligen geistigen Verlassenheit“[54] an konservativ-rechten Mythen und Haltungen partizipiert, den Krieg und die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen unreflektiert als gegeben annimmt, um fast trotzig einerseits die Verwirklichung seines antibürgerlichen, heroischen Lebenskonzeptes und anderseits die Anerkennung der militärischen Leistungen zu rechtfertigen versucht, um den Sinn des verlorenen Krieges zu retten. So zum Beispiel der „Im Felde unbesiegt Mythos“ in Verbindung mit dem Typus des „Neuen Kriegers“, der wie angedeutet, an dieser Stelle noch nicht direkt instrumentalisiert wird. Dieser setzt sich zum einen aus den kühnen und mutigen Frontsoldaten zusammen und zum anderen aus dem Frontoffizier, „den Fürsten des Grabens“.[55]

Diese erscheinen, trotz einer Charakterisierung mit veralteten und überholten Ehrvorstellungen, nach welchen „die sachliche Freude an der Gefahr“ und „der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes“[56] in ihnen lebendig sind, „wie … Bewohner einer fremden und härteren Welt“. Durch das „Feuer“ des Krieges seien „im Laufe von vier Jahren“  „ein immer reineres, ein immer kühneres Kriegertum herausgeschmolzen. Trotz der gewaltigen „Menschen- und Materialmengen“  innerhalb des Krieges „wurde die Arbeit an den entscheidenden Punkten“ nur von diesen „wenigen Kämpfern vollbracht“.[57] „Worte wie Ausweichen“ sind diesen Soldaten unbekannt, in Verbindung mit Kadavergehorsam und Nibelungentreue werden „die Stellungen, die ihnen anvertraut“ wurden, erst preisgegeben, „wenn der letzte Verteidiger gefallen war“.[58] Aufgrund dieses Kriegertypus wird Jünger „von einem Gefühl der Unverletzbarkeit“ erfüllt, zwar wird schon in der Somme Schlacht eine „Ungleichheit der (kriegerischen) Mittel“ konstatiert, doch fatalistisch wird resümiert „Wir konnten zermalt, aber nichts besiegt werden.[59] Erst Ende 1918, in „der Großen Schlacht“, wird fast beiläufig die sich anbahnende Niederlage zugegeben: „Jeder musste, dass wir nicht mehr siegen konnten.“, jedoch wiederum mit der trotzigen Schlussfolgerung, „Aber wir würden standhalten“.[60]

 

[1] H.-H. Müller: Kriegsroman und Republik. Historische Skizze mit einer Interpretation von Adam Scharrers proletarischen Antikriegsroman „Vaterlandslose Gesellen“. In: Der deutsche Roman im 20. Jahrhundert. Bd. II. Analysen und Materialien zur Theorie und Soziologie des Romans. 2. Aufl. Hrsg. von Manfred Brauneck. Bamberg 1986, S. 223.

[2] Wichtige Vorläufer Remarques sind Georg von der Vring: „Soldat Suhren“ (1927); Arnold Zweig: „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (1927) Ernst Glaeser: „Jahrgang 1902“ (1928) und vor allem Ludwig Renn „Krieg“ (1928).

[3] Vgl. Th. F. Schneider: „Die Meute hinter Remarque“. Zur Diskussion um Im Westen nichts Neues 1928-1930. In: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik. Hrsg. v. Sabina Becker. Bd. 1 (1995), S. 143-170.

[4] Vgl. K. Prümm: Die Literatur des Soldatischen Nationalismus der 20er Jahre (1918-1933).Gruppenideologie und Epochenproblematik 1. Kronberg 1974, S. 1-10.

[5] Schneider: Endlich die „Wahrheit“ über den Krieg. S. 46. Beispiel wären Franz Schauwecker: „Aufbruch einer Nation“ (1930); Werner Beumelburg: „Die Gruppe Bosemüller“ (1930); Hans Zöberlein „Der Glaube an Deutschland“ (1931); Edwin Erich Dwinger: „Wir rufen Deutschland“ (1932).

[6] Schneider: Endlich die „Wahrheit“ über den Krieg. S.46.

[7] A. Scharrer, Vaterlandslose Gesellen (1930). Berlin (West) 1973

[8] Ebd. S. 187

[9] Ebd., S. 9

[10] Ebd., S. 49

[11] Ebd., S. 69f

[12] Ebd., S. 67

[13] Ebd., S. 130

[14] Ebd., S. 111

[15] Ebd., S. 271

[16] Arnold, H. L. (Hrsg.): Ernst Jünger, München 1990, S. 76

[17] Braselmann, K.: Der „Landsknecht avec phrase“: Reaktionen von Linksintellektuellen und Republikanern zu Zeiten der Weimarer Republik auf Ernst Jüngers Frühwerk, Berlin 2013, S. 91

[18] Bohrer, K. H. Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk, München/Wien 1978, S. 85

[19] S. Martus: Ernst Jünger. Stuttgart/Weimar 2001, S.16.

[20] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 41

[21] H. Rüter: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Ein Bestseller der Kriegsliteratur im Kontext. Paderborn u.a.1980, S. 90

[22] K. Prümm: Die Literatur des Soldatischen Nationalismus der 20er Jahre (1918-1933). Gruppenideologie und Epochenproblematik 1. Kronberg/Ts. 1974, S. 101-105.

[23] Vgl. Müller: Der Schriftsteller und der Krieg. S. 211-220, sowie Ders.: „Im Grunde erlebt jeder seinen eigenen Krieg“. Zur Bedeutung des Kriegserlebnisses im Frühwerk Ernst Jüngers. In: Ernst Jünger im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Hans-Harald Müller u. Harro Segeberg. München 1995, S. 15-24.

[24] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 7

[25] Ebd., S. 9

[26] Ebd., S. 12f

[27] Ebd., S. 16

[28] Müller: Der Krieg und der Schriftsteller. S. 224.

[29] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 27

[30] W. Kunicki: Erich Maria Remarque und Ernst Jünger. Ein unüberbrückbarer Gegensatz? In: Kriegserlebnis und Legendenbildung. Das Bild des „ modernen“ Krieges in Literatur, Theater, Photographie und Film. Bd. 1. Vor dem Ersten Weltkrieg; der Erste Weltkrieg. Hrsg. v. Thomas F. Schneider. Osnabrück 1999, S. 292.

[31] Müller: Der Krieg und der Schriftsteller. S. 235.

[32] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 161

[33] Herold, D.: Formen und Funktionen der Neuen Sachlichkeit in Erich Maria Remarques Romanen., Marburg 2012, S. 112

[34] Henkel, M.: Walter Flex und Erich Maria Remarque – ein Vergleich. Kriegsbild und Kriegsverarbeitung in Walter Flex’ „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ (1916) und Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ (1929). In: Heinrich Mann-Jahrbuch 19 (2001), S. 177–213, hier S. 178

[35] Ebd., S. 38

[36]Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 71

[37] Ebd., S. 159

[38] Ebd., S. 26

[39] Ebd., S. 38

[40] Ebd., S. 65

[41] Ebd., S. 80

[42] Ebd., S. 214

[43] Ebd., S. 261

[44] H. Mühleisen: Bibliographie der Werke Ernst Jüngers. Stuttgart 1995. Die von Jünger veränderten Fassungen stammen aus den Jahren 1922, 1924, 1934, 1935 und 1961.

[45] Müller: Der Krieg und der Schriftsteller. S. 212

[46] Ebd., S. 220

[47] Prüm: Die Literatur des Soldatischen Nationalismus der 20er Jahre. S. 102

[48] M. Gollbach: Die Wiederkehr des Weltkrieges in der Literatur. Zu den Frontromanen der späten zwanziger Jahre. Kronberg/Ts. 1978, S. 52.

[49] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 260

[50] Ebd., S. 292

[51] Müller: Der Krieg und der Schriftsteller. 221

[52] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 11-13

[53] Prümm: Die Literatur des Soldatischen Nationalismus der 20er Jahre. S. 82-91.

[54] Müller: Der Krieg und der Schriftsteller. S. 221

[55] Volmert: Ernst Jünger „In Stahlgewittern“. S. 244

[56] Ebd., S. 159

[57] Ebd., S. 196

[58] Ebd., S. 102f

[59] Ebd., S. 113

[60] Ebd., S. 311

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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.

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