Ein Konflikt an einer US-Universität
An der „Texas A&M University“ ist es zu einem Konflikt über Inhalte der philosophischen Lehre gekommen. Betroffen ist der Philosophieprofessor Martin Peterson, der in einem zum Kerncurriculum gehörenden Kurs Texte des antiken Philosophen Platon behandelt hat. Nach eigenen Angaben geriet Peterson unter Druck, bestimmte Inhalte aus seinem Lehrplan zu entfernen.
Der konkrete Anlass
Wie der regionale Nachrichtensender „KBTX“ sowie die „Texas Tribune“ berichteten, betrifft der Vorgang den Kurs „Contemporary Moral Issues“. Darin verwendete Peterson unter anderem Auszüge aus Platons Dialog „Symposion“. Der Text behandelt Fragen von Liebe, Begehren und zwischenmenschlichen Beziehungen. Nach Darstellung Petersons seien insbesondere Passagen beanstandet worden, die sich mit Liebe und biologischen Geschlechtern befassen.
Eine öffentliche Stellungnahme der Universitätsleitung zu den konkret markierten Textstellen liegt bislang nicht vor.
Interne Anweisung und mögliche Konsequenzen
Nach übereinstimmenden Medienberichten erhielt Peterson aus dem Fachbereich die Aufforderung, entsprechende Module aus dem Kurs zu entfernen. Ihm sei mitgeteilt worden, dass andernfalls eine andere Lehrzuweisung („reassignment“) erfolgen könne. Von einer Entlassung ist in den verlässlichen Berichten nicht die Rede. Es handelt sich demnach um eine interne arbeitsorganisatorische Maßnahme.
Der institutionelle Hintergrund
Der Fall steht im Zusammenhang mit neuen Vorgaben des Board of Regents des Texas-A&M-University-Systems. Diese Richtlinien untersagen Lehrveranstaltungen, Inhalte zu „vertreten“, die unter die Kategorien Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität fallen. Zugleich sehen sie Prüfmechanismen vor, um die Einhaltung dieser Vorgaben sicherzustellen. Wie diese Regeln im Einzelfall ausgelegt werden, liegt im Verantwortungsbereich der jeweiligen Fachbereiche.
Die Universität betonte gegenüber Medien, dass es sich nicht um ein generelles Verbot handle, Texte Platons zu lehren. Andere Kurssektionen mit „Platon“-Lektüre seien genehmigt worden, sofern sie nicht Teil der beanstandeten Module seien.
Platon im akademischen Kontext
Das „Symposion“ gehört seit Jahrhunderten zum Kanon philosophischer Grundtexte. Es handelt sich um einen Dialog, in dem unterschiedliche Sprecher ihre jeweiligen Auffassungen von Liebe vortragen. Der Text formuliert keine einheitliche Lehre, sondern lebt von der Spannung zwischen verschiedenen Positionen. Gerade diese dialogische Struktur gilt in der Philosophie als didaktisch zentral und ist ein Grund für die anhaltende Relevanz des Werkes in der akademischen Lehre.
Dass einzelne Passagen dieses Textes in einem Einführungs- oder Kerncurriculum-Kurs zum Gegenstand administrativer Beanstandung werden, hat daher über den konkreten Fall hinaus Aufmerksamkeit erregt.
Reaktionen von außen
Die US-amerikanische Bürgerrechtsorganisation „Foundation for Individual Rights and Expression“ („FIRE“) kritisierte das Vorgehen öffentlich. Die Organisation erklärte, Studierende würden nicht geschützt, indem klassische philosophische Texte aus dem Curriculum entfernt würden. Diese Einschätzung stellt eine Bewertung der Organisation dar und nicht die offizielle Position der Universität.
Die Position des Professors
Martin Peterson selbst äußerte sich ebenfalls öffentlich. Er betonte, nicht im Namen der Universität zu sprechen, erklärte jedoch, dass er den eingeschlagenen Weg für falsch halte. In einem eigenen Beitrag schrieb er: „We do not Make Universities Great Again by censoring the classics.“ Zensur sei, so Peterson, kein Mittel zur Förderung akademischer Qualität. Medienberichten zufolge kündigte er an, den Kurs für das laufende Semester anzupassen und die beanstandeten Inhalte vorerst zu ersetzen.
Offene Fragen
Bislang hat die „Texas A&M University“ keine ausführliche Stellungnahme zu den internen Entscheidungsprozessen veröffentlicht. Offen bleibt daher, wie verbindlich die Auslegung der Regents-Vorgaben in vergleichbaren Fällen ist und welche Rolle den Fachbereichen bei der Umsetzung zukommt.
Der Fall wirft damit grundsätzliche Fragen auf: nach der Reichweite administrativer Steuerung, nach der Autonomie der Lehre – und nach dem Umgang mit klassischen Texten in politisch sensiblen Themenfeldern.
Platon als Prüfstein der Gegenwart
Platon, Schüler des Sokrates und Gründer der Akademie in Athen, prägte mit der dialogischen Form des Philosophierens das europäische Denken nachhaltig. Seine Schriften, darunter „Symposion“, „Politeia“ und „Phaidon“, dienen bis heute der Einübung kritischen Denkens und der Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Positionen. Dass ausgerechnet ein solcher Text zum Gegenstand administrativer Konflikte wird, macht deutlich, wie stark Fragen der Hochschulsteuerung und der akademischen Freiheit inzwischen ineinandergreifen.
